Wer sorgt sich um die Seele?

Seelsorgerin und Seelsorger zu werden, ist derzeit nicht sehr hip. Das zeigen die abnehmenden Zahlen an Kandidatinnen und Kandidaten, welche mit diesem Ziel die Berufseinführung beginnen.

Wird dieser Trend möglicherweise durch die in ihrer Bedeutung diffuse Berufsbezeichnung «Seelsorger» verstärkt? Eine Seelsorgerin kümmert sich, folgen wir strikt dem Wort, um Seelen. Was bedeutet der Begriff «Seele»? Taugt er überhaupt noch als wesentlicher Teil einer Berufsbezeichnung? Allein schon die Bibel verfügt über kein einheitliches Verständnis von Seele, geschweige denn die Theologie.

Im alttestamentlichen Denken ist das Konzept der Seele ursprünglich engst an den Leib gebunden. Der Mensch wird als vom Atem Gottes ins Leben gerufenes Ganzes verstanden. Besonders anschaulich wird dies am hebräischen Wort «nephesch», welches das am häufigsten als Seele wiedergegebene Wort im ersten Testament ist. «Nephesch» meint den Atem sowie das äussere Organ der Atmung und der Nahrungsaufnahme (Kehle), also jenes Organ, durch das der Mensch seine vegetativen Lebensbedürfnisse stillt. Oft bedeutet deshalb «nephesch» einfach «Leben» oder «Lebewesen». Seele und Leib bilden eine Einheit. Die Idee von der Unsterblichkeit der Seele wird in diesem Kontext nicht entfaltet.

Mit dem hellenistischen Denken und dessen ausgefeilt-vielfältiger Seelenmetaphysik entwickelte sich in der frühchristlichen Theologie zusehends eine Unterscheidung von Leib und Seele bzw. von Leib, Seele und Geist, wobei weitgehend vermieden wurde, die «Seinsprinzipien» (Leib und Seele) einander dualistisch entgegenzusetzen. Vielmehr bilden sie gemeinsam den einen Menschen als substanzielle Einheit.

Mit der Neuzeit – dafür kann hier prominent René Descartes stehen – führt die Unterscheidung in eine Dichotomie von Körper und Seele. Vermehrt wird dem Körper alles Greif-, Mess- und Zählbare zugeordnet. Die Seele umfasst das Immaterielle, Unfassbare oder wird zu einem Phänomen erklärt, welches sich gänzlich auf physiologische Mechanismen (z. B. Gehirnaktivitäten) zurückführen lässt. Allein dieses skizzenhafte Antippen von umfangreichen Debatten um den Seelenbegriff wirft die Frage auf: Ist es sinnvoll, das Berufsbild von hauptamtlich in der Pastoral Arbeitenden mit dem Wort «Seele» zu verknüpfen? Neben der Vieldeutigkeit des Begriffs ist dieser zudem philosophiegeschichtlich von einem grundsätzlich zu hinterfragenden Dualismus (Leib versus Seele) gefärbt.

Ich plädiere dafür, die Berufsbezeichnung «Seelsorger/in» nicht zu ersetzen. Allerdings möchte ich dafür von einer metaphysischen Verhältnisbestimmung von Seele und Leib oder von einem naturalistischen Monismus absehen. Es lohnt sich, an der Seelsorge als Berufsfeldbezeichnung festzuhalten, denn der Begriff «Seele» verweist trotz seiner Unbestimmtheit oder gerade in seiner Unbestimmtheit darauf, dass der Mensch mehr ist als Zähl-, Mess- und Benennbares. Er besteht nicht aus Teilen, er ist ein Ganzes, ein Ungeteiltes (Individuum), das sich einer umfassenden Objektivierung entzieht. Jesus Christus als Leitstern für alle seelsorgerliche Arbeit macht dies in seinem Tun deutlich. Er wendet sich dem Menschen mit seinem individuellen Schicksal zu. Seine Zuwendung beschränkt sich dabei weder auf Jenseitsversprechungen noch erschöpft sie sich in körperlichen Wunderheilungen.

Seelsorge ist ganz und gar ein Beziehungsgeschehen, im Hier und Jetzt und zugleich mit Verweis auf ein Mehr, welches Endlichkeit, Raum und Zeit überschreitet. Das Beziehungsgeschehen ist analog zur Seele nicht abschliessend definierbar, weil Gott selber in Beziehung zum Menschen tritt.

Seelsorger/innen leisten in vielerlei Hinsicht einen wichtigen Dienst. Sie sind für Menschen in ihrer ganz individuellen Lebenssituation da, öffnen Räume für transzendentale Sinnerfahrungen, begleiten sie und erinnern zugleich die Gesellschaft daran, dass ein Mensch weit mehr ist als ein Substrat verschiedenster abschliessbarer Kategorien. Ich finde, dass nicht nur die Berufsbezeichnung, sondern auch das Stellenprofil sehr spannend ist!

+Felix Gmür


Felix Gmür

Dr. theol. Dr. phil. Felix Gmür (Jg. 1966) studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Freiburg i. Ü., München, Paris und Rom. Die Studien schloss er 1994 mit einem Lizentiat in Theologie, 1997 mit einem Doktorat in Philosophie und 2011 mit einem Doktorat in Theologie ab. Seit 2011 ist er Bischof von Basel und seit 2019 Präsident der Schweizer Bischofskonferenz (SBK).