Die Seele – ein Konzept auch für die Zukunft?

Das Konzept der Seele prägt die abendländische Kultur bis heute. Dennoch verschwand es in der Moderne aus den Humanwissenschaften. Was führte dazu und worin liegt das Potenzial des Seelenbegriffs für heutige Fragen? Darüber sprach die SKZ mit Patrick Becker.

Patrick Becker ist Professor für Fundamentaltheologie und Religionswissenschaft an der Universität Erfurt. Er beschäftigt sich mit dem Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften und mit den religiösen Vorstellungen in (post-)modernen Gesellschaften. (Bild: Bianca Achilles)

 

SKZ: Herr Becker, Sie haben zusammen mit Steffen Jöris und Annette Meuthrath das Buch «Die Seele. Genese, Vielfalt und Aktualität eines vergessenen Konzepts» herausgegeben.1 Was war die Motivation?
Patrick Becker: Die Seele ist als Konzept tief in unserer europäischen Kultur verankert. Wir sprechen noch immer von einer «guten Seele» oder dass jemand von etwas «beseelt» ist. Hier schimmert die ursprüngliche Bedeutung von Seele, die den Wesenskern des Menschen erfasste, noch immer durch. Umso mehr erstaunt, wie konsequent der Begriff heute selbst in den Wissenschaftsdisziplinen gemieden wird, die sich explizit mit dem Menschen und seinem Selbstverständnis auseinandersetzen.

Was führte dazu, dass der Begriff der Seele aus den Humanwissenschaften verschwand?
Die Seele bzw. die dahinterstehenden Vorstellungen wurden Opfer der neuzeitlich-aufklärerischen Prozesse, die zu einer «Entzauberung der Welt» – so der Soziologe Max Weber – führten. Zugrunde liegen gut nachvollziehbare Anliegen und methodische Entscheidungen, nämlich insbesondere die hoch erfolgreiche Vorgehensweise der Naturwissenschaften, die Natur funktional zu erfassen und zu beschreiben. Darauf steht der ganze technische Fortschritt, der uns heute zur Verfügung steht und noch viele Errungenschaften ermöglichen wird. Auch die Psychologie hatte sich aus diesem Grund von Seelenvorstellungen verabschiedet: Sie konnte damit nicht nur die Psyche des Menschen besser verstehen und Therapien entwickeln, sondern auch philosophische Konzepte hinter sich lassen, die den Geist des Menschen als völlig anders als den Körper verstanden. So formulierte der Philosoph René Descartes noch im 17. Jahrhundert ein Maximalkonzept, das beide Seiten des Menschen strikt gegenüberstellte. Der Körper wird hier zur Maschine und der Geist zur davon unabhängigen Steuerungsinstanz. In dieser Logik können die Naturwissenschaften nichts über die mentalen Eigenschaften des Menschen aussagen; mitgedacht wird meistens eine Minderwertigkeit des Körpers und damit etwa auch von Sexualität. Dagegen setzte sich unser heutiges Denken durch, das Körper und Geist eng verwoben sieht und so den gesamten Menschen mit seiner Körperlichkeit wertschätzt. Hinzu kommt, dass wir den Menschen in einer langen Entwicklungslinie verorten, der Evolution. Man kann hier sogar den Kern des Wandels vermuten, der zum Abschied vom Seelenbegriff führte. Während traditionelle philosophische Konzepte die Identität des Menschen in einem unveränderlichen Wesenskern sehen, ist uns heute die Entwicklung des Menschen mit Körper und Geist wichtig. Sowohl die Geschichte des Kosmos insgesamt als auch die des einzelnen Individuums sehen wir nicht als statisch an, sondern als einen Prozess. Gerade so wollen wir dem autonomen Subjekt gerecht werden, das Verantwortung trägt und sich zum Guten wie Schlechten verändern kann. Es geht also darum, dass wir heute den Wandel der Welt wie auch des einzelnen Menschen wertschätzend wahrnehmen.

Was ging mit dem Verlust des Seelenbegriffs verloren?
Mit der Betonung des Wandels ging der Verlust an Identität einher. Wir sind ständig in Bewegung und haben als zentrale Aufgabe die Selbstverwirklichung. Das kann man gesellschaftskritisch betrachten und auch spirituell: René Descartes ging es darum, den Menschen als besonders zu qualifizieren, als besser als den geistlosen Rest der Natur. Auf dieser Basis lässt sich die Würde des Menschen perfekt begründen: Der Mensch ist dann das Wesen, das nicht naturwissenschaftlich-funktional aufgelöst werden kann. In dem Moment, als der durchschlagende Erfolg der Naturwissenschaften die Idee ihrer Allerklärungskraft plausibilisierte, verkehrte sich das Anliegen Descartes: Nun scheint es so, also ob der ganze Mensch «naturalisiert», also rein naturwissenschaftlich-empirisch erklärt werden kann. Diese Position war zu Beginn des 21. Jahrhunderts in der Philosophie äusserst populär, gerade weil sie von der Hirnforschung belegt zu werden schien. Das darf man aber getrost zurückweisen, die Hirnforschung ist mitnichten in der Lage, den Menschen umfassend zu erklären. Mehrere Eigenschaften des Menschen lassen sich nicht naturwissenschaftlich auflösen. Dazu gehört beispielsweise seine Willensfreiheit, die sich nicht naturwissenschaftlichen Kausalitätsvorstellungen einfügt. Auch lässt sich Moral nicht naturwissenschaftlich erfassen, da aus der Beschreibung dessen, was ist, kein normativer Anspruch abgeleitet werden kann. Wenn Menschen sich rein funktional verhalten, merken wir das sehr genau, und bezeichnen sie als berechnend. Liebe lässt sich so schon gar nicht einholen. Es lässt sich also fragen, ob sich das funktionale Denken in unserer Gesellschaft über Gebühr breit gemacht hat und auch im einzelnen Menschen zu stark verankert ist.

Weshalb kommt es in den letzten Jahren zu einer Art Renaissance des Seelenbegriffs?
Tatsächlich sehen einige Autorinnen und Autoren eine Art Renaissance des Seelenbegriffs. Bei genauerem Blick zeigt sich, dass sich diese doch in engen Grenzen abspielt. Im Bereich der katholischen Theologie war der Begriff nie ganz verschwunden, weil er zu eng mit den Jenseitsvorstellungen verbunden war. Die evangelische Theologie scheint ihn in der Tat gerade wieder zu entdecken, zumindest gibt es eine steigende Zahl an Publikationen dazu. In der Philosophie sehe ich die Renaissance eher randständig. Interessant ist, wenn einzelne Vertreterinnen und Vertreter anderer Disziplinen wie der Psychologie auf den Wert des Seelenbegriffs aufmerksam machen. Auch diesen Stimmen haben wir im von Ihnen genannten Band Platz gegeben.

Worin sehen Sie die Anschlussfähigkeit des Seelenbegriffs an heutige wissenschaftliche Debatten?
Ein Kernanliegen scheint mir darin zu liegen, die Identität des Menschen zu fassen. Wenn wir heute in Entwicklung denken und den Wandel im Grossen wie Kleinen betonen, stellt sich doch irgendwann die Frage, was den Menschen über die Jahre ausmacht. Auch wenn der Körper seine Zellen austauscht, stellt das ja nicht die Identität des Menschen in Frage. Wir brauchen also ein Konzept, das den Wandel zugleich integriert und übersteigt.

Was kann der Seelenbegriff dazu beitragen?
Die Seele kann genau hier ansetzen: Wenn wir in der philosophischen Debatte lernen, dass der Mensch mehr als die naturwissenschaftlich mess- und beschreibbaren Vorgänge ist, dass er nicht auf eine funktionale Ebene beschränkt werden darf, benötigen wir einen Begriff dafür. Die Seele transportiert dieses Anliegen in der europäischen Geistesgeschichte, wie wir im historischen Teil des Bandes aufzeigen. Wir haben im Band auch breiten Raum dafür gegeben, ob es in anderen Kulturen ähnliche Konzepte gibt. Es war sehr spannend zu sehen, wie unterschiedlich in den verschiedenen kulturellen Räumen vom Menschen gedacht wird. Der heutige europäische Individualismus findet sich andernorts beispielsweise eher selten, auch wird der Mensch als beseeltes Wesen oftmals stärker in die Natur eingebettet. Aber alle vereint dann doch dieses Anliegen, den Menschen nicht auf seine funktionale, empirisch beschreibbare Seite zu verengen.

Inwieweit ist das Erbe dieses Begriffs – ich nenne als Stichwort den Leib-Seele-Dualismus – auch ein Hindernis?
Das entscheidende Problem, das in der Neuzeit zur Ablösung vom Seelenbegriff geführt hat, ist seine Aufladung mit substanz-ontologischen Konzepten. Das ist ein europäisches Erbe, das es in anderen Kulturen so nicht gibt. Damit ist gemeint, dass die Seele als das «ganz Andere» körperlichen Prozessen enthoben ist und damit dem Wandel entzogen. Alles Körperliche, das dem Wandel unterliegt, wurde damit entwertet, und das Überzeitlich-Statische als das eigentlich Wahre angesehen. Damit gehen die bereits benannten Vorstellungen einher, dass erstens der Wandel als minderwertig anzusehen ist und dass zweitens das Geistige sich möglichst vom Körperlich-Triebhaften abzusetzen habe. Das befördert ein krankhaftes Verhältnis zur Körperlichkeit und steht unserer Wertschätzung von Entwicklung diametral entgegen.


Wie ist es angesichts dieses Erbes möglich, den Begriff anders zu füllen und zu gebrauchen?
Es muss eine Quadratur des Kreises gelingen: Wir müssen die Wertschätzung von (persönlicher) Entwicklung mit dem Identitätsgedanken versöhnen. Wir Menschen bleiben uns auch dann – oder vielleicht sogar: gerade darin – treu, dass wir uns wandeln. Ich unterscheide mich von mir im Alter von sechs Jahren, und doch bin ich identisch eine Person. Das ist mit der Vernunftlogik der Aufklärung gar nicht so leicht auszuhalten, da Veränderung und Gleichbleiben zusammengedacht werden. Was wir zu lernen haben, ist sowohl die vor-neuzeitliche Betonung der gleichbleibenden Identität und die moderne Betonung des Wandels zusammenzubringen.

Wo sehen Sie diesbezüglich dringende Aufgaben in der Theologie?
Für die Theologie kommt eine entscheidende Dimension hinzu: Die des Jenseits. Es ist kein Zufall, dass die beschriebenen Prozesse in der Moderne nicht nur den Abschied von der Seele, sondern auch vom Glauben an ein Jenseits evozierten. Für die christliche Theologie und die europäische Kultur war die Seele konzeptionell wichtig, um Identität über den körperlichen Tod der Person zu denken. Hier ist noch eine spannende Debatte zwischen evangelischer und katholischer Theologie zu erwarten, da die evangelische Theologie im letzten Jahrhundert den Bruch zwischen Leben und Jenseits stärker betonte, während die katholische Seite stärker die Kontinuität hervorhob und daher auch am Seelenbegriff festhielt. Es ergibt sich hier die gleiche Problematik wie bei der philosophischen Frage nach dem Menschenbild: Wie können auch im Übergang zum Jenseits sowohl der Wandel als auch die Identität gleichermassen herausgestellt werden? Alte substanz-ontologische Konzepte tragen auch hier nicht, weil die Auferstehung nicht auf einen vom Körper unabhängigen, gleichbleibenden Geist beschränkt werden kann. Interessanterweise hilft hier der Blick in jüdisch-biblische Vorstellungen weiter, die die hellenistische Trennung in Körper und Geist so nicht nachvollziehen. Ich bin überzeugt, dass hier eine hohe Anschlussfähigkeit biblischer Vorstellungen an moderne Konzepte und unsere Selbsterfahrung besteht, wenn es gelingt, Wandel und Identität im Menschen in der Verwobenheit von Körper und Geist zusammenzudenken.

Interview: Maria Hässig

 

1 Buchempfehlung: «Die Seele. Genese, Vielfalt und Aktualität eines vergessenen Konzeptes». Hg. von Patrick Becker, Steffen Jöris und Annette Meuthrath. Freiburg i. Br. 2021. ISBN: 978-3-451-02318-7, CHF 84.90. www.herder.de