Arbeit am Frieden

Rundfenster in der röm.-kath. Kirche St. Josef Rickenbach-Sulz ZH von Jacques Schedler, 1927-1989. (Bild: Wikipedia)

 

Frieden ist Arbeit. Es ist mehr Arbeit, Frieden zu halten, als Frieden zu zerstören. Man kann das mit Vertrauen vergleichen: Vertrauen ist wie ein zartes Pflänzchen, das langsam wächst und sorgsam gepflegt werden muss. Dieses zarte Pflänzchen kann von einem Augenblick zum anderen zertrampelt werden. Vertrauensbildung ist ein Prozess. Vertrauensbruch kann ein Ereignis sein oder eine Erosion, als Ausdruck und Folge vieler kleiner vertrauensreduzierender Schritte. Die Welt ist in den letzten Jahren unsicherer geworden. Friedvolle Beziehungen zwischen Europa und den USA, zwischen den USA und Russland sind nicht selbstverständlich garantiert.

Dauerhafter Frieden ist Ausdruck einer nachhaltigen Kultur von Friedfertigkeit, die auf Einstellungen und Fähigkeiten baut. Die Grundeinstellung der Friedfertigkeit ist das Bekenntnis zum «Wir». Friede wird dadurch gesichert, dass wir unsere Verwundbarkeit anerkennen und uns eingestehen, dass wir auf andere angewiesen sind. Abschottung führt in den Niedergang. Das hat der britische Ägyptologe Toby Wilkinson (Jg. 1969) in einer Studie über den Niedergang des pharaonischen Ägypten gezeigt. Das Reich ging wegen selbstgewählter Isolation zugrunde. Eine Grundfähigkeit für eine Kultur der Friedfertigkeit ist die Beziehungsfähigkeit: Der bedeutende US-amerikanische Friedensforscher John Paul Lederach (Jg. 1955) beschreibt die «moralische Vorstellungskraft» als entscheidend für die Arbeit am Frieden; diese moralische Vorstellungskraft schliesst die Fähigkeit ein, sich selbst in einem Netz von Beziehungen zu sehen, das auch «die Feinde» einschliesst. Das wiederum heisst, die anderen als Menschen zu sehen und den gemeinsamen Boden geteilter Humanität anzuerkennen.

Die Arbeit am Frieden ist Arbeit an der Wahrheit, an der Gerechtigkeit und an «Huld und Gnade». Lederach greift gerne auf Psalm 85 zurück, wo es heisst: «Es begegnen einander Huld und Treue; / Gerechtigkeit und Friede küssen sich.» Er lädt Menschen ein, eine Konfliktsituation von diesen Perspektiven aus zu sehen – aus der Sicht der Huld (Gnade), der Wahrheit (Treue), der Gerechtigkeit. Arbeit am Frieden ist angewiesen auf Wahrheit, Gerechtigkeit und Gnade. Deswegen werden Brücken zum Frieden auch öfter über Wahrheits-, Gerechtigkeits- und Versöhnungskommissionen gebaut. Das ist kostspielig – verlangt Aufrichtigkeit, Opfer, Einsatz. Kein Friede ohne die Bereitschaft, über den Tellerrand des eigenen Vorteils und der kurzfristigen Perspektive hinaus zu schauen.

Unsere Arbeit am Frieden hat freilich Grenzen. Im Johannesevangelium finden wir die tröstliche Zusage Jesu: «Frieden hinterlasse ich Euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch» (Johannes 14,27). Der Friede, den die Welt geben kann, ist ein Vertrag. Der Friede, den Gott schenken kann, ist ein Bund; ein Bund, gegründet auf der Treue Gottes, der Mensch geworden ist.

Clemens Sedmak*

 

* Prof. Dr. Clemens Sedmak (Jg. 1971) promovierte an der Universität Innsbruck und der Universität Linz in Philosophie, Theologie und Sozialtheorie und studierte u.a. weiter an der ETH Zürich. Er ist Leiter des Zentrums für Ethik und Armutsforschung der Universität Salzburg und seit 2017 Professor für Sozialethik an der University of Notre Dame (USA).

Editorial

Eine neue Seite

Und wieder hat ein neues Jahr begonnen. Und wieder ist eine neue Seite im Lebensbuch aufgeschlagen worden. Zu Beginn unbeschrieben, jungfräulich weiss, wird das Leben sie mit Worten von Glück und Trauer, Hoffnung und Enttäuschung, Begegnungen und «Vergegnungen», Gesundheit und Krankheit, Plänen und Überraschungen, Aufbrüchen und Niedergängen, von neuem Leben und Sterben füllen. «Pastoral am Puls», ein Weg geistlicher Kirchenentwicklung, lädt Pfarreien ein, genau diese Erfahrungen und auch die Zeichen der Zeit auf eine Rolle weissen Papiers aufzuschreiben. Sie laden weiter ein, zwischendurch innezuhalten, die Worte zu lesen und gemeinsam den Fügungen und Führungen Gottes, dem Gott des Lebens, in der Pfarrei nachzuspüren und zu ertasten, wohin ihr Weg mit ihm gehen kann.

Die Schweizerische Kirchenzeitung schlägt unter der Rubrik «Carte Blanche» auch eine neue Seite auf. Die Mitglieder der Deutschschweizer Ordinarienkonferenz (DOK) schreiben auf der dritten Seite jeder Ausgabe. Dafür erhalten sie sinnigerweise eine «Carte Blanche», die sie für tiefschürfende Gedanken, spirituelle Höhenflüge, humorvolle Anekdoten, persönliche Meinungen zu Tagesthemen, spannende Geschichten aus dem Leben – kurz: für all das einsetzen können, was sie bewegt. Da wird sich bestimmt das eine oder andere Mitglied von einer überraschenden, neuen Seite zeigen.

Maria Hässig