Franz von Assisi

Das Aquarell stellt die Meditation des hl. Franziskus nach seiner Begegnung mit dem gekreuzigten Christus auf dem Berg La Verna dar; inspiriert vom Wort des hl. Apostels Paulus: «Ich bin mit Christus gekreuzigt worden, nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.» (Aquarell von Br. Gabriel Gnägy OFM, Franziskanerklösterle Wangen, D)

 

Franz von Assisi faszinierte mich als Jugendliche be­sonders in seiner Freiheit, das Gewohnte und Vertraute hinter sich zu lassen und auf jede Sicherheit zu verzichten. Seine Haltungen, das Leben zu geniessen, Freude aus Begegnungen und Beziehungen zu schöpfen, positiv und mutig auch mit Widerständigem umzugehen, nie oberflächlich, sondern tiefgründig das Gegenwärtige zu durchdringen, inspirieren mich immer neu. Warum fasziniert er heute genauso wie damals? Nicht nur Christinnen und Christen, auch Andersgläubige und ebenso jene, die von sich sagen, sie seien ungläubig?

Franziskus suchte auf seine Fragen und Probleme nach der Antwort aus dem Evangelium, dem Leben von Jesus und dem, was die Jünger darüber erzählten und was auf­geschrieben wurde. Er gründete kein Kloster, er wehrte sich gegen Einschliessungen und jede Form von Macht­ansprüchen. Die Begegnung mit dem Aussätzigen hatte ihn verstehen lassen, dass die Zuwendung zur leidenden Schöpfung Werk Gottes ist. Sie vollendete sich in der inneren Bekehrung, der Hinkehr zu den evangelischen Werten. Die Botschaft des Evangeliums zu verstehen und Christus nachzufolgen, wurde sein Beweggrund für alles und in allem. Sein Entschluss war gereift: Er wollte «nur» das Evangelium leben. In der Betrachtung und in der Meditation erkannte er, wie er es praktisch übersetzen konnte. Das Evangelium wurde mehr und mehr seine Lebensform. Er und seine Brüder zogen in dieser Kraft und mit dieser Inspiration durch die Welt als Wanderprediger. Sie erschlossen es in Wort und Tat für die Menschen aller sozialen Schichten und Stände. Sie berührten die Herzen der Menschen in ihren Predigten, bei Gesprächen unter Leuten, die ihnen Gastfreundschaft anboten, bei der Arbeit, mit der sie sich das Lebensnotwendige verdienten, im Austausch mit Männern der Kirche, die sich für den Aufbruch der Brüder interessierten. 

Eloi Leclerc schreibt in seinem Buch «Weisheit eines Armen» aus einem Gespräch zwischen Franz und dem jungen Bruder Tankred berührend und für jede und jeden verständlich, was Franziskus uns im Hier und Heute als Vermächtnis gibt: 
«Man bringt einem Menschen das Evangelium, indem man zu ihm sagt: Auch dich liebt Gott in unserem Herrn Jesus Christus. Und man darf es ihm nicht nur sagen, man muss es auch wirklich denken. Und es nicht nur denken, sondern man muss mit diesem Menschen so umgehen, dass sich ein neues Selbstbewusstsein in ihm entwickelt. Das heisst, ihm die Frohe Botschaft bringen. Es gelingt dir nicht, wenn du ihm nicht deine Freundschaft anbietest. Eine richtige, eine selbstlose, keine herablassende Freundschaft, eine Freundschaft, die auf Vertrauen und Respekt gründet.»

Sr. Beatrice Kohler* 

 

*Sr. Beatrice Kohler (Jg. 1955) ist seit 1981 Baldegger Schwester. Sie wirkt als Kontemplationslehrerin, geistliche Begleiterin und Spiritualin am Seminar St. Beat des Bistums Basel.

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Editorial

Zu viel erlebt

Nur dieser Name Assisi – und schon tauchen unzählige Erinnerungen und Assoziationen auf. Meinen Ministrant/innen sagte ich jeweils bei unseren Herbstlagern, dass dies heiliger Boden sei, worauf wir uns (zu Fuss natürlich) bewegten, der Boden eben, auf dem der wohl wichtigste Heilige der Christenheit gegangen war. Und ich hatte meine guten Gründe, dies zu sagen. Nach faszinierenden ersten Aufenthalten als Student, als junger Priester und als Präses war ich 1997 wieder dort, jetzt psychisch schwer angeschlagen, im Bildungsurlaub. Ich besuchte eine Italienischschule, und dort war ich auch am Freitag, 26. September. Das erste Erdbeben mitten in der Nacht mit einer Stärke von 5,6 hatte schon Schäden angerichtet, dann kam mittags um 11.30 der zweite Stoss mit einer Stärke von 5,8, der die Kuppel in San Francesco einstürzen liess. Wir flohen im dicken Staub der Wände aus der Schule ins Freie; später fand ich mich mutterseelenallein in den Olivenhainen bei San Damiano. Bis am Abend bebte die Erde immer wieder, Sirenen- und Helikopterlärm war zu hören. Das war für mich die Wende, die radikalen Entschei­dungen, die ich vor mir hergeschoben hatte, waren fällig. Ich bezeichne mich als religiösen, nicht als gläubigen Menschen, doch an diesem Tag hatte mich Gott am Ort der Bekehrung von Francesco berührt.

Heinz Angehrn