Der «Gelungene Dialog» nach Karl R. Popper

Karl Popper (1902–1994) in den 1980ern. (Bild: Wikipedia)

 

«Der Grund für den selektiven Charakter aller unserer Beschreibungen liegt, grob gesprochen, in dem unendlichen Reichtum und in der Mannigfaltigkeit der möglichen Aspekte der Tatsachen unserer Welt. Zur Beschreibung dieser unendlichen Fülle steht uns nur eine endliche Anzahl von Worten zur Verfügung. Wir können also beschreiben, solange wir wollen: unsere Beschreibung wird immer unvollständig sein, sie wird eine blosse Auswahl (und noch dazu eine dürftige Auswahl) der Tatsachen sein, die sich uns zur Beschreibung bieten. Es ist daher nicht nur unmöglich, einen selektiven Gesichtspunkt zu vermeiden, sondern ein solcher Versuch ist auch völlig unerwünscht; denn im Fall eines Gelingens würden wir nicht etwa eine mehr «objektive» Beschreibung erhalten, sondern eine blosse Anhäufung von völlig zusammenhanglosen Sätzen. Aber ein Gesichtspunkt ist natürlich unvermeidbar; und der naive Versuch, ihn zu umgehen, kann nur dazu führen, dass man sich selbst täuscht und unkritisch einen unbewussten Gesichtspunkt anwendet […].
Somit ist es uns in der Geschichte nicht weniger als in den übrigen Wissenschaften unmöglich, einen Gesichtspunkt zu vermeiden; und die Annahme, dass wir ohne einen Gesichtspunkt auskommen können, muss zu Selbsttäuschung und zu Mangel an kritischer Sorgfalt führen. Das bedeutet natürlich nicht, dass es uns gestattet ist, zu falsifizieren, was uns beliebt, oder dass wir in Fragen der Wahrheit sorglos vorgehen können. Jede besondere historische Beschreibung von Tatsachen wird einfach wahr oder falsch sein, wie schwer es auch immer sein mag, über ihre Wahrheit oder Falschheit zu einer Entscheidung zu kommen.»

Karl R. Popper

 

Quelle: Karl R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II, München 1977, 323.

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Editorial

Ein grosses Übungsfeld

Seit der Lektüre eines Artikels habe ich eine neue Beobachtungsaufgabe. Der Autor spricht davon, dass wir oft unsere Rede innerlich vorbereiten, während das Gegenüber noch am Reden ist. Damit bin ich mit der Aufmerksamkeit mehr bei mir und nicht mehr ganz beim Gegenüber. Meine Beobachtungen sind erschreckend. Mein Hirn springt schon nach zwei Sätzen meines Gesprächspartners in den Antwortmodus, und ich bekomme die weiteren nur am Rande mit. Manchmal drängen sich diese vor, und ich lasse die Antwort auf die ersten Sätze sausen und erstelle eine neue. Ich merke, eine Verschnaufpause beim Antworten wäre eine Wohltat und fürs Gespräch förderlich. Vielleicht gelingt es mir, das schnelle Wechseln in den Antwortmodus hinauszuzögern, indem ich mich auf das Hinhören konzentriere, innehalte, Rückfragen stelle. Ich werde sehen, ob mir das gelingt und welche Wirkungen sich einstellen: bei mir, beim Gesprächspartner und aufs Gespräch selbst. Die zwölf Regeln rationaler Streitkultur nach Popper sind ein weiteres Übungsfeld sowie das Lingva-Eterna-Kommunikations­konzept auch. Beim Letzteren finde ich den sogenannten «Rahmen» hilfreich für eine gelingende Kommunikation. Es geht darum, den Gesprächspartner mit ein bis zwei Sätzen ins Bild zu setzen, worum es mir geht, bevor ich mit meinem An­liegen komme. Gespräche zu führen ist ein grosses Übungsfeld – täglich.

Maria Hässig