Von der Würde der Tiere

 

Die Würde des Tiers ist regelmässig Gegenstand grösster Erwartungen wie schlimmster Befürchtungen. Emphatisch bis euphorisch begrüsst wird sie vor allem von Tierschutz- und Tierrechtskreisen. Sie sehen in dem seit 1992 als «Würde der Kreatur» in der Verfassung und daraufhin als «Würde des Tieres» auch im schweizerischen Tierschutzgesetz verankerten Konzept einen wichtigen Schritt hin zu einem wirkungsvollen rechtlichen Schutz tierischer Interessen oder gar zur Anerkennung von Tierindividuen als Personen. Aber die Anwendung des Würdebegriffs auf nichtmenschliche Kreaturen wird längst nicht einhellig begrüsst: Es mangelt nicht an Skeptikern, die in der Aufnahme der «Würde der Kreatur» in die Verfassung so etwas wie einen demokratischen Betriebsunfall sehen, der uns ein höchst fragwürdiges, im Grunde sinnloses rechtliches Konzept beschert. Der «Würde des Tieres» ergeht es nur wenig besser. Viele sind sich einig, dass statt von Würde besser vom «Eigenwert» eines Tiers gesprochen werden sollte. Es mangelt nicht an skeptischen Stimmen von philosophischer und theologischer Seite. Je höher das Prinzip der Menschenwürde geschätzt wird, desto skeptischer wird die Rede von einer Würde des Tiers gesehen, desto stärker ist die Befürchtung, durch die Anerkennung der Letzteren werde Erstere nivelliert und relativiert.

Aber abgesehen davon, dass eine Praxis und Kultur der Menschenwürde kaum durch die Anerkennung der Würde von Tieren gefährdet wird, ist nicht einzusehen, warum nicht erst die ethische Leistungskraft des Tierwürdebegriffs ausgelotet wird, bevor dieser pauschal verworfen wird. Was gibt der Würdebegriff zu sehen und zu denken, wenn wir ihn nicht nur in Bezug auf Menschen, sondern auch in Bezug auf nichtmenschliche Wesen zur Anwendung bringen? Was würde in unserem Rechtssystem fehlen, wenn Tiere zwar in ihrem Wohlergehen, nicht aber in ihrer Würde verletzt werden könnten?

Es ist eine ganze Menge, nämlich der Respekt vor Tieren als eigenständigen Geschöpfen. Denn Tieren geschieht nicht nur darin Unrecht, dass wir ihnen Leid zufügen oder ihr Wohlergehen beeinträchtigen. Wir können sie darüber hinaus auch in anderer Weise moralisch verletzen, zum Beispiel, indem wir sie verdinglichen oder zum Mittel für unsere menschlichen Zwecke reduzieren. So verstanden, liegt der Wert des Würdebegriffs darin, dass er etwas zu artikulieren erlaubt, was sonst leicht aus dem Blick geriete: dass manches, was wir Tieren antun, nicht (nur) deshalb falsch ist, weil es ihnen Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügt, sondern weil es mit einer respektvollen Einstellung gegenüber ihrem Leib und ihrem Leben nicht vereinbar ist. Die Bedeutung der Menschenwürde wird damit in keiner Weise relativiert. Nicht um die Gleichheit von Mensch und Tier geht es, sondern um deren fundamentale Ähnlichkeit, auch in ethischer Hinsicht.

Christoph Ammann*

 

* Pfarrer Dr. theol. Christoph Ammann (Jg. 1972) arbeitete von 2008 bis 2017 als Oberassistent am Institut für Sozialethik der Universität Zürich. Seit 2017 ist er reformierter Pfarrer in Zürich Witikon. Daneben ist er als Nachfolger von Dr. Anton Rotzetter Präsident des Vereins «Aktion Kirche und Tiere» AKUT.

Editorial

Ein Grundrecht für alle

2017 lebten in der Schweiz eine halbe Million Hunde, 1,6 Millionen Katzen, je eine halbe Million Nager, Reptilien, Geflügel und Vögel sowie über zwei Millionen Fische in Aquarien und Teichen. Dazu kommen die Nutztiere: 1,5 Millionen Rindviecher, 1,4 Millionen Schweine, 350’000 Schafe, 100’000 Equiden, 80’000 Ziegen und 3,3 Millionen Lege- und Zuchthühner. Sie werden geboren, leben und sterben für uns Menschen. Wir Menschen nehmen für uns das Recht in Anspruch, Tiere auf verschiedenste Art und Weise zu nutzen. Genau aus diesem Grund sind wir aber auch verpflichtet, Verantwortung für sie zu übernehmen. Denn auch die Tiere haben ihre Rechte: auf ein tiergerechtes Leben, auf eine anständige Behandlung, auf Schutz und letztlich das Recht auf einen Tod ohne Angst und Qualen. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen. Doch sieht die Realität oft anders aus. Abgesehen von den tierquälerischen Gepflogenheiten, deren scheussliche Bilder wir lieber ausblenden, gibt es das andere Extrem: vermenschlichte, in Kostüme gesteckte Schosshündchen, Katzen oder Meerschweinchen. Wo bleibt da die Tierwürde? Wo sie bei uns doch verfassungsmässig geschützt ist (europaweit einmalig) und wir sie damit konstituiert haben. Eine Würdeverletzung des Tieres geht daher immer mit einer des Menschen einher. Die Würde des Tieres zu achten, ist also nicht nur im Sinne des Tieres, sondern auch im Sinne des Menschen.

 

Brigitte Burri