Wahrheit und Toleranz

 

«Wahrheit ist relativ.» «Von Wahrheit sprechen nur noch religiöse Fanatiker.» – Solche Stimmen hört man oft, wenn man in der Religion auf die Wahrheitsfrage zu sprechen kommt. Wer in moderner, aufgeklärter Weise religiös sein will, der scheint auf Wahrheit verzichten zu müssen.

Ich will für eine andere Sicht werben. Religion hat die Besonderheit, dass sie den Menschen existenziell berührt. Sie ist kein Hut, den man auf- oder absetzen kann, sondern sie durchdringt den Menschen in seiner ganzen Existenz. Gut erinnere ich mich noch an denjenigen Moment, in dem mir das erste Mal bei einem muslimischen Kollegen deutlich wurde, dass er von seiner Religion genauso überzeugt ist wie ich von der meinen. Mich berührte es, wahrzunehmen, dass auch für ihn sein Gott der «einzige Trost im Leben und im Sterben» ist – wie das der Heidelberger Katechismus für den evangelischen Glauben formuliert.

Was wurde mir daran für die Frage nach der Wahrheit von Religion klar? Weil es um Trost im Leben und im Sterben geht, darf man von der Wahrheit des eigenen Glaubens überzeugt sein. Aber diese Wahrheit erkennt man nicht, indem man die Religionen neutral nebeneinanderlegt und die «beste» auswählt. Vielmehr hängt ein Mensch einer Religion an, weil diese – biografisch nicht selten, indem er in sie hineingewachsen ist – sich ihm als wahr erschlossen hat. Das bedeutet: Dass ich dieser und keiner anderen Religion anhänge, ist subjektiv und kontextuell.

Ein kritischer Denker könnte einwenden, dass ich dann genausogut einer anderen Religion anhängen könnte, wenn ich in einem anderen Kontext aufgewachsen wäre und eine andere Persönlichkeit gehabt hätte. Doch mit einer anderen Persönlichkeit und in einem anderen Kontext aufgewachsen wäre ich nicht die, die ich tatsächlich bin. Der Einwand setzt etwas voraus, was nicht der Fall ist. Das aber heisst: Ob eine Religion wahr ist, kann nur vom jeweils in ihr glaubenden Menschen beantwortet werden.

Aber wie dann mit den verschiedenen Glaubensüberzeugungen umgehen? Es ist doch irritierend, dass sich den einen diese und den anderen jene Religion als wahr erschlossen hat. Der Wunsch, die unterschiedlichen Religionen in einem geschlossenen Gedankensystem zu verbinden, ist verständlich. Das Problem ist aber, dass man sich mit einem solchen auf eine Ebene begibt, bei der man die Wahrheit einer anderen Religion von aussen beurteilen zu können meint und die existenzielle religiöse Perspektive verlässt.  

Doch ist es wirklich nötig, allen Religionen einen Platz in einem geschlossenen Denkgebäude einzuräumen? Wäre es nicht ausreichend – und umso herausfordernder –, den andersglaubenden Menschen einen Platz in meinem Leben einzuräumen? Ja, es ist irritierend, dass andere Menschen anders glauben. Dieser Irritation brauche ich aber nicht durch ein übergeordnetes System der Religionen auszuweichen. Ich darf vielmehr vertrauen, dass meine Glaubensgewissheit diese Irritation aushält.

 Christiane Tietz

 

Prof. Dr. Christiane Tietz (Jg. 1967) studierte Mathematik und Evangelische Theologie in Frankfurt am Main und Tübingen. Sie ist seit 2013 Ordentliche Professorin für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich.

Editorial

Unscheinbares am Wegrand

«Geschenk für den Vorübergehenden, der an ganz anderes dachte oder an nichts, diese Blumen, seien sie noch so bedeutungslos, scheinen ihn irgendwie zu ‹entrücken›, unmerklich; versetzen ihn, kaum wahrnehmbar, in einen anderen Raum», schreibt der in Südfrankreich lebende Westschweizer Schriftsteller Philippe Jaccottet. Zu seinem 95. Geburtstag ist sein Alterswerk nun in deutscher Sprache unter dem Titel «Die wenigen Geräusche» (Hanser Verlag 2020) erschienen. Jaccottet ist Meister des Unauffälligen und Unscheinbaren am Wegrand. So öffnen ihm Blumen wie beispielsweise das Veilchen «gleichsam die Augen» (ebd. 75), für einen kurzen Moment befreit es seinen Blick (ebd. 19), schenkt ihm mehr Leben. Eine Spur dieser Dichte der Wahrnehmung erfahre ich jeweils in den Ferien, wenn ich in den Bergen unterwegs bin. Die Aufmerksamkeit für das Unscheinbare wünsche ich mir auch für den Alltag, wo meistens die Musse hierfür fehlt. Vielmehr bin ich mit dem beschäftigt, was ansteht. Ich befinde mich im Modus des Müssens. Interessanterweise sind Musse und müssen etymologisch miteinander verwandt. Zu dieser Verwandtschaft gehört auch das Wort Mass. Mit Mass müssen und etwas mehr Musse täte mir gut.

Die Sommerferien stehen vor der Türe. Ich wünsche Ihnen einen guten Wechsel vom Modus des Müssens in jenen der Musse und einen wachen Blick für manches Massliebchen an Ihrem Wegrand. Sie heissen auch Tausendschön.

 

Maria Hässig