Kirchenerneuerung durch Gottesdienst

Detail des Taufbeckens in Wien aus farbigem Glas, das bei den Diözesanversammlungen des Prozesses Apg 2.1 zum Einsatz kam. (Bild: Gunda Brüske)

 

Kirchenerneuerung war nicht ihr erstes Ziel. Gefeiert haben sie den Gottesdienst, weil er ihnen wichtig war. Ich spreche hier von einer afro-amerikanischen Gemeinde in einem armen Vorort einer US-amerikanischen Grossstadt, die mich als Theologiestudent zu einer Eucharistiefeier eingeladen hatte. Fast niemand der Gläubigen hatte eine Arbeit, wie mir der Pfarrer nach der Feier verriet. Vor allem die alleinerziehenden Mütter hatten das Recht, diesen Gottesdienst als Auszeit von Armut und Gewalt zu erfahren. Dafür kümmerten sich die älteren Gottesdienstteilnehmenden um die herumspringenden Kinder. Und gefeiert haben die Menschen! Der Einzug, das Gloria oder die Evangelien-Prozession nahmen sehr viel Zeit in Anspruch – und niemand schaute auf die Uhr. Die Predigt war auf das Leben der Menschen zugeschnitten. Diese haben sie immer wieder bestätigend unterbrochen. Als während der Gabenbereitung eine Frau solistisch eine Improvisation von sich gab, bis sie im Mittelgang der Kirche ohnmächtig umfiel, hat mich das nicht mehr verwundert. Die Menschen brachten sich von der Begrüssung vor dem Gottesdienst bis zum anschliessenden gemeinsamen Essen ganz ein, wie es ihren Talenten entsprach. Dieser Gottesdienst hat mich und wohl auch sie selbst erneuert. Gerade dadurch wurde erlebbar, wie sich die stete Kirchenerneuerung in der Liturgie ereignen kann. Wie schön, wenn Gottesdienste so einladend gefeiert werden.

Diese Feier ist einige Jahre her und steht darum in der Gefahr, von mir in der Erinnerung idealisiert zu werden. Was ich nicht vergessen darf: Zu sehr war der Alltag dieser Menschen (und ist er wohl noch immer) durch Gewalt und Armut geprägt, als dass ich ihre Situation als Ideal hinstellen darf. Daraus erwuchs wohl ihre Sehnsucht, Gott in ihrer Gemeinschaft zu feiern. Und Christus konnte in diesen beiden Stunden heilend in unsere offenen Herzen und Hände einziehen. Der Gottesdienst endete dann auch nicht mit dem Entlassungsruf. Nun wurde geteilt, was auch immer mitgebracht wurde. Nein, diese Menschen hatten nicht zuerst Kirchenerneuerung im Blick. Mir aber haben sie gezeigt, womit jede Kirchenerneuerung beginnen muss: mit der Pflege von Beziehungen. Nicht nur der Pfarrer kannte seine Gemeinde und wusste, wen er wie einsetzen konnte. Die Menschen schenkten sich untereinander Vertrauen – ein rares Gut in einem Alltag, in dem Menschen durch Gewalt bedroht werden. Ihre Feier vermittelte untereinander das Gefühl: Auch Du bist ein von Gott geliebtes Kind. Ihre Gottesbeziehung war spürbar der Grund für die Beziehungen untereinander.

«Die Beziehungslosigkeit ist der Feind der Liturgie», meinte der Benediktinermönch P. Anselm Grün anlässlich des Tages der liturgischen Dienste in Einsiedeln vom letzten Monat. Da sind wir alle gefordert und wohl nie am Ziel. Kirchenerneuerung fusst auf der Erneuerung der Beziehungen. Wo Beziehungen ermöglicht werden, da geschieht Erneuerung der Kirche – und da dienen Gottesdienste dem Leben.

Abt Urban Federer*

 

* Urban Federer (Jg. 1968) studierte Theologie in Einsiedeln und St. Meinrad, Indiana (USA), danach Germanistik und Geschichte in Freiburg i. Ü., wo er auch promovierte. Seit 2013 ist er Abt des Klosters Einsiedeln und Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Er steht der Liturgischen Kommission der Schweiz vor. (Bild: Jean-Marie Duvoisin)

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Editorial

Ausschau halten

Wie oft ich im Leben warte: Ich warte auf den Bus, vor der Kasse, im Restaurant auf das Essen, am Treffpunkt auf meine Bekannte, auf einen Anruf eines Autors, den Prüfungstermin, die ärztliche Diagnose, meine Ferien. Warten scheint ein grosser Teil meines Lebens zu sein. Ins Warten mischen sich verschiedene Gefühle: die Nervosität vor der Prüfung, der Ärger über das Zuspätkommen der Bekannten, die Langeweile bei der Bushaltestelle, die Vorfreude aufs feine Essen. Auch wenn wir im Schnitt rund ein bis zwei Jahre unseres Lebens mit Warten auf jemanden oder auf etwas verbringen, warten wir nicht gerne. Schnell taucht die Frage auf: Lohnt es sich, «einfach» zu warten und dabei nichts zu tun? Das ist vertrödelte Zeit. Das Wort «warten» kommt aus dem Althochdeutschen und meint «spähen, (aus)schauen, wahrnehmen». Es ist eine Derivation des Substantivs «Wart» – Ausschau halten. Diese Ausgangsbedeutung ging im Laufe der Zeit über in «achthaben, sorgen, pflegen» und führte zu der heute üblichen Bedeutung «harren». Mir gefällt die Bedeutung des Ausschauhaltens. Da liegt Neugierde drin. Was darf ich entdecken? Und in der Bedeutung «pflegen» kommen mir die Bootswarte in unserem Ruderclub in den Sinn. Das Warten erhält für mich ganz neue Dimensionen. In dieser Adventszeit – dem Warten auf die Ankunft des Herrn – werde ich das Ausschauhalten pflegen.

Maria Hässig