Islam in der Schweiz

Die 1963 eröffnete Mahmud-Moschee in Zürich, die erste Moschee der Schweiz. (Bild: Wikipedia)

 

Wenn wir uns mit dem Islam in der Schweiz beschäftigen, sprechen wir über knapp 450 000 Menschen islamischen Glaubens. Sie bilden die drittgrösste Religionsgemeinschaft des Landes und weisen eine äusserst heterogene Zusammensetzung auf. Die Mehrheit der Musliminnen und Muslime wanderte als Gastarbeitende aus Südosteuropa und der Türkei in die Schweiz ein, deren Nachkommen wiederum hierzulande aufwuchsen. Daneben gibt es grössere muslimische Gemeinschaften aus Afrika, dem Nahen Osten und Zentralasien sowie eine kleinere Anzahl aus Süd- und Südostasien.

Während sich die erste Generation der Schweizer Musliminnen und Muslime vor allem der Etablierung grundlegender religiöser Strukturen wie dem Aufbau von Moscheen oder der Gründung von Kulturvereinen widmete, steht bei den Nachkommen zunehmend ein Nachdenken über ihre Religion im Vordergrund. Die Verschiebung der Perspektiven beruht auf der Abnahme der Bedeutung der Herkunftsländer als Bezugspunkt religiöser Orientierung. Für die nachfolgenden Generationen besitzt indessen ein im schweizerischen Kontext verorteter Islam Priorität, dessen Ausgangspunkt die hiesige Gesellschaft bildet. Dieses Bedürfnis nach einer theologisch-akademischen Selbstreflexion spiegelt die Bedeutung der Schweiz als Heimat wider. Dabei spielt die Auseinandersetzung mit muslimischen Wissenstraditionen eine wichtige Rolle. Aber nicht nur das: Es muss auch ein konkreter Beitrag für die muslimischen Gemeinschaften als auch für die Gesamtgesellschaft geleistet werden – sei es durch ethische Orientierungen, Konzepte für Seelsorge oder soziale Dienstleistungen. Dieser ermöglicht erstmals eine wissenschaftliche Artikulation des Islams in der Schweiz und eine akademische Beschäftigung mit gesellschaftlichen Fragen wie zum Beispiel dem Religionsunterricht an öffentlichen Schulen aus einer muslimischen Perspektive.

Auf muslimischer Seite kommt dabei auch den Imamen eine wichtige Rolle zwischen der Religionsgemeinschaft und der Öffentlichkeit zu. Als Vorbeter und Prediger in den Moscheen sind sie die erste Anlaufstelle in religiösen Angelegenheiten. Durch ihre Arbeit formen sie das Religionsverständnis der Glaubensgemeinschaft, wobei ihre theologischen Positionen sowohl von den Herkunftskontexten beeinflusst werden als auch in einer engen Beziehung zum schweizerischen Bezugsrahmen stehen. Oft sind sie Kontaktpersonen für Behörden und nehmen als muslimische Vertreter an interreligiösen Dialogen mit den Landeskirchen und weiteren in der Schweiz ansässigen Religionsgemeinschaften teil. In den Moscheen werden ihre gesellschaftlichen sowie theologischen Botschaften wiederum im Rahmen der Freitagspredigten von einem grossen Publikum rezipiert.

Wie sich die islamisch-theologische Denkarbeit einer jungen Generation von Schweizer Musliminnen und Muslimen auf die Imame auswirken wird, ist noch offen. Die diesbezüglichen gesellschaftlichen und innermuslimischen Debatten in den nächsten Jahren versprechen, spannend zu werden.

Arlinda Amiti*

 

* Arlinda Amiti studierte Iberoromanistik, Islamwissenschaft und Nahoststudien an der Universität Basel. Seit 2016 ist sie Koordinatorin des von der Stiftung Mercator Schweiz geförderten Doktoratsprogramms «Islam und Gesellschaft: Islamisch-theologische Studien» am Schweizerischen Zentrum für Islam und Gesellschaft (SZIG) und beschäftigt sich in ihrer Promotion mit albanischen Imamen in der Schweiz. Zudem ist sie seit 2018 Lehrbeauftragte an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW).

Editorial

Dankbar, hier leben zu dürfen

Am 3. Sonntag im September begeht die Schweiz den eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Die Bundesverfassung beginnt mit «Im Namen Gottes des Allmächtigen». Damit markiert der Gesetzgeber, dass der Bezug zu Gott ihm wichtig ist. Und dies in einer Zeit, in der Gott für den Grossteil der Bürgerinnen und Bürger optional geworden ist. Von Gott wird nichts mehr erwartet: kein Heil, keine Erlösung. Denn längst sind die Erwartungen an ein Leben in Fülle ins Diesseits transformiert worden. Der Mensch sucht die Antworten und Lösungen auf seine existenziellen Fragen und Herausforderungen nicht mehr im christlichen Glauben. Sie sind vielmehr Anlass zur Selbstoptimierung, sind Ansporn für deren kreative Bearbeitung. Auch wenn dies einen kraftvollen Einsatz des Einzelnen verlangt, wird es – oft gerade deshalb – als gehaltvoll, sinngebend, erfüllend erfahren. Wo gibt es hier Anknüpfungsmöglichkeiten für die christliche Botschaft? Sind es konträre Erfahrungen zur Selbstoptimierung? Erfahrungen vom Geschenkcharakter des Lebens, aber auch von Schuld und Scheitern?

Als meine Ruderkollegin und ich am 1. August auf dem See waren, erblickten wir am Ufer ein Plakat mit der Aufschrift: «Am heutigen Tag keinen Nationalismus». Die Kollegin meinte spontan, auch wenn sie den ersten August begehe, sei sie keine Nationalistin. Vielmehr sei sie dankbar, dass sie hier leben dürfe. Der Bettag ist eine weitere, staatlich institutionalisierte Gelegenheit, Gott zu danken.

Maria Hässig