Schöpferische Treue

In den letzten Monaten sah ich mehrmals einen Regenbogen. Unvermittelt und überraschend. Einmal hielt ich länger inne, sah und staunte. «Gott hält seinen Bund», dachte ich, «und sein Bund ist bunt». Der Regenbogen passt als Bild zum Jahreswechsel wunderbar zu seiner biblischen Bedeutung: Er erscheint in einem Moment des Neuanfangs. Gott zieht ihn nach der Sintflut über Noah, dessen Familie und über die Tiere. Fortan steht er für die Treue Gottes zu seiner Schöpfung: «Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen …» (Gen 9,14 f).

Die zarten Farben des Regenbogens leuchten im Dunkel des Wolkenhimmels auf. Sie verwandeln die Düsternis des Unwetters in eine mystische Stimmung. Der Wandel von Düsternis in Helligkeit, von Grau in Farbe, vom Schrecken in staunende Freude kennzeichnet auch die Geschichte Noahs. Zugleich verweist der Regenbogen auf ein wesentliches Element des christlichen Glaubens: Neuschöpfung ist ein Prozess der Transformation, des Wandels. Was im Argen liegt, Düsteres und Graues, wird nicht einfach verdrängt. Zur Transformation gehört die «Form» vor und nach dem «trans». So erlebe ich die Gestalt und das Leben unserer Kirche in unserer Zeit. Manchmal mehr grau, manchmal bunt, manchmal in Wolken verhüllt, bisweilen stockend, dann wieder schnell. Doch immer weiss ich mich im Zeichen des Bundes unter dem Regenbogen geborgen. Wo trotz all unseres Engagements der Wandel hin zum Guten stockt, stärkt mich das Gebet zum Schöpfer und das Vertrauen auf seine Treue und sein Wirken in der Geschichte.

Gott ist seiner Schöpfung treu. Er ist Ihnen treu! Der Regenbogen ermutigt, dass wir uns auf das Leben in all seinen Facetten und seinem Farbenreichtum einlassen. Scheitern ist dabei nicht nur möglich, sondern gehört dazu. Leben ohne Enttäuschungen gibt es nicht. Entscheidend ist nicht, dass wir an Grenzen stossen. Entscheidend ist, wie wir damit umgehen. Papst Franziskus ruft die Christinnen und Christen auf, den Glauben mit Mut und Begeisterung zu leben. Mut ist notwendig zur konkreten Neugestaltung unserer Seelsorgestrukturen, in neuen Formen des Ordenslebens, zur Versöhnung nach Uneinigkeiten im Arbeitsteam oder im Lebensumfeld. Gleichermassen braucht es Begeisterung im und durch den Glauben; Begeisterung, die nicht von den Sorgen des Alltags erstickt wird, die ansteckt und die Begegnungen mit Gott ermöglicht. Ich wünsche Ihnen besonders für jene Momente, wo die Motivation vielleicht nachlässt, ein buntes neues Jahr und zahlreiche Momente, an denen das Grau des Alltags von der Freude an unserem Tun durchbrochen wird.

Im Namen der Bischöfe der deutschsprachigen Schweiz danke ich Ihnen, liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, von Herzen für Ihren kostbaren Dienst. Sie sind es, die der Frohen Botschaft ein Gesicht verleihen. Sie sind es, die Gottes Kraft im Rahmen unzähliger Anlässe, durch Ihr offenes Ohr und Ihre Freude am gelebten Glauben spürbar machen. Ihr Aufgabenspektrum ist mehr als beachtlich und oft nicht einfach zu bewältigen. Ich danke Ihnen, dass Sie sich den vielen Herausforderungen, die der Wandel vom Grau zum Farbenreichtum mit sich bringt, stellen. Auf dass über Ihnen allen der Regenbogen aufleuchte. Gott segne Sie im neuen Jahr!

+ Felix Gmür, Bischof von Basel
 

Editorial

Ein kreativer Akt

Die Heilige Schrift ist ein normativer Text. Ihre Normativität richtet sich zuerst auf ihren Inhalt, der Massgabe jeglicher Interpretation ist. Der Mensch verlangt nach dem Sinn und Verständnis biblischer Texte und sucht gleichzeitig nach Antworten auf die Fragen des Lebens. Soll der Sinngehalt eines Textes im Heute lebendig sein, soll er Handlungsorientierung geben und Werte vermitteln, erfordert er seine Aneignung,
Tradierung und Fortschreibung. In einer Missionsgesellschaft wie den Afrikamissionaren beispielsweise werden Antworten auf die Fragen der Zeit von der Gründung her gesucht. Der Interpretationsspielraum enthält Konfliktpotenzial. Der französische Philosoph Paul Ricoeur (1913–2005) spricht vom Konflikt der Interpretationen. Dieser in der Natur der Sache liegende Konflikt zeigt sich auch in der Diskussion um die Auslegung der sechsten Vaterunser-Bitte und mit ihr in der Frage nach dem Gottesbild. Der Titel dieser Ausgabe «Schöpferische Treue» benennt die Grundspannung in der Interpretation. Sie meint den Tradierungsprozess, der in Treue gegenüber einem normativen Text versucht, dessen Inhalt, Sinn und Verständnis für die heutige Zeit anschlussfähig zu machen. Das ist ein kreativer Akt, der Entwicklungen und neue normierte Texte generieren kann. Er bedeutet die Fortschreibung des einen normativen Textes, der normierend auf die Tradierung und auch auf die Bildung neuer Texte wirkt.

Maria Hässig