Religionsunterricht in der Pfarrei?

Katechese in der Pfarrei St. Marien in Thun. (Bild: Pia Krähenbühl)

 

Angesichts gegenwärtiger Skandale, welche die katholische Kirche erschüttern (Missbrauchsfälle usw.), verbunden mit einem tiefen Bedeutungsverlust der Religion, steht die katholische Kirche heute vor grossen Veränderungen, von denen wir noch nicht sehen, wo sie uns hinführen werden. Adaptiert auf das traditionelle System der Glaubensunterweisung – Religionsunterricht und Katechese – stellt sich die Frage: Hat diese Krise auch Auswirkungen auf die Architektur des Religiösen, speziell auf die unterschiedlichen Orte des religiösen Lernens?

Auch in herausfordernden Zeiten der Krisen und der Veränderungen gibt es beim Thema Glaubensweitergabe Orientierungen, die in dieser Situation wie ein Kompass Richtung geben. So umschreiben die zwölf Leitsätze des «Leitbilds Katechese im Kulturwandel» (2009) Grundhaltungen und Werte und zeigen Perspektiven auf, wie die Pastoral insgesamt und die Katechese im Besonderen neu finalisiert werden können. Ein weiterer Kompass ist der 2017 von den Deutschschweizer Bischöfen herausgegebene Lehrplan für den konfessionellen Religionsunterricht und die Katechese (LeRUKa). Herzstücke daraus sind die Fokussierung auf kompetenzorientiertes Lernen und die Differenzierung zwischen dem Lernort Schule (Religionsunterricht) und dem Lernort Kirche (Katechese). Beide Lernorte unterscheiden sich in ihrer Zielsetzung, in ihrer Ausgestaltung und in ihren kontextuellen Bedingungen. Sie sind institutionell unterschiedlich verortet, sind konzeptionell ungleich sondiert und bieten religiöse Bildung in unterschiedlichen Formaten an.

Was ist heute in der Lernortthematik der Kairos, der richtige Zeitpunkt für eine Veränderung, für eine richtungsweisende Entscheidung, für einen Neuanfang? Bei der Verhältnisbestimmung der beiden Lernorte zielt der LeRUKa nicht in Richtung einer Nivellierung ihrer spezifischen Profile, sondern er tendiert hin zu einer schärferen Profilierung der jeweiligen Spezifika. Trotz aller Komplementarität der beiden Lernorte: Was kann der Lernort Kirche heute besser als der Lernort Schule? Was sind heute Merkmale einer zukunftsfähigen Katechese?

In einer aktuellen Umfrage1 haben kirchliche Mitarbeiter ihre Visionen einer Katechese der Zukunft entworfen. So will eine Katechese der Zukunft «Erfahrungen ermöglichen, woraus die Gemeinschaft der Christen lebt und Kraft schöpft – sie will sich an der Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren – glaubwürdige Menschen wollen vermitteln, was ihnen am Herzen liegt – sie will Menschen begleiten, wodurch Beziehungen aufgebaut werden – sie will zu einem christlichen Bewusstsein führen – sie will Erfahrungsräume anbieten, in denen sie die Erfahrung der Gottesnähe erleben können – sie will den Himmel öffnen für das Mehr, für das Grössere, für das Andere, das Unsichtbare, das Transzendente, das, was eigentlich unser Leben ausmacht».

Für Papst Franziskus besteht die notwendige Erneuerung «in einem beständigen Aufbruch zu den Peripherien des eigenen Territoriums» (Evangelii Gaudium, 30). Was die Formen des Lernens betreffen, kann dies für den Lernort Katechese bedeuten: die Hinwendung zu mehr Formen personalen, affektiven und handlungsorientierten Lernens sowie ein zu einer subjektorientierten, biografienahen, zeugnisgebenden und lebensweltbezogenen Kommunikation des Evangeliums.Joachim Köhn*

Joachim Köhn*

 

1 Altmeyer, Stefan, Katechese 2025, in: Katechetische Blätter 143/3 (2018), 224 f.

* Joachim Köhn (Jg. 1957), Dr. theol., seit 2018 Leiter der Fachstelle Katechese – Medien der röm.-kath. Kirche im Aargau. Er ist Mitglied der Diözesanen Katechetischen Kommission des Bistums Basel und des Netzwerkes Katechese.

 

Editorial

Verlernt

Informativ über das, was und wie heute in den Schulen gelehrt und gelernt wird, waren jeweils die Prüfungen in Ethik und Religionen an der Pädagogischen Hochschule in Zug, die ich über Jahre als Expertin abnahm. Die Kinder lernen gezielt, ihre Meinungen zu äussern und zu hinterfragen, den anderen zuzuhören, rückzufragen, sich über das Thema Wissen anzueignen und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.

Wenn ich die Diskussion im Netz über Synodalität und synodale Prozesse verfolge, habe ich den Eindruck, dass wir Erwach­sene verlernt haben, sachlich zu argumen­tieren; verlernt haben, dass auch im Wort des «Gegners» ein berechtigtes Anliegen steckt, und dieses zu ergründen. Der Ton und die Wortwahl geben mir zu denken.

Der von der Schweizer Bischofskonferenz initiierte Dialogprozess «Gemeinsam auf dem Weg zur Erneuerung der Kirche» lässt hoffen, dass es wirklich zu Gesprächen kommt und das Hören auf die Stimme der anderen keine leere Floskel bleibt, denn sie verfügen «über eine andere Lebenserfah­rung», betrachten «etwas aus einer anderen Perspektive. Es ist möglich, die Wahrheit des anderen zu erkennen, den Wert seiner tiefsten Besorgnisse und den Hintergrund dessen, was er sagt. Darum muss man danach trachten, sich in ihn hineinzuversetzen und zu versuchen, den Grund seines Herzens zu verstehen [...] und [diesen] zum Ausgangspunkt für eine Vertiefung des Dialogs zu machen» (Papst Franziskus, Amoris Laetitia 138).

Maria Hässig