Gender − Theorie oder Ideologie?

 

Die Diskussion um «Gender» erhitzt die Gemüter. Ist der Begriff für die einen eine Kategorie, um zu verstehen, wie Vorstellungen von den Geschlechtern zustande kommen und wie sie wirken, so ist er für andere eine Ideologie, die die essentielle Wahrheit über die Geschlechter zerstört. In der Wissenschaft ist Gender zu einer zentralen Kategorie geworden. Mit ihr wird analysiert, wie die kulturelle Geschlechterdifferenz konstituiert wird, wie sie wirkt, und auf welche Weise und für wen sie von Bedeutung ist. Die Gendertheorien werden von verschiedenen Ansätzen her kritisch diskutiert; der argumentative kritische Diskurs gehört zum wissenschaftlichen Selbstverständnis. In der gesellschaftlichen Praxis wurde dem Postulat der Gleichberechtigung aller Menschen durch konkrete Massnahmen zu einer immer besseren Umsetzung verholfen. Die Vereinten Nationen erarbeiteten Instrumente zur Einführung von Gendermainstreaming-Strategien. Die Schweiz ratifizierte das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW). Die Gleichstellung der Geschlechter ist seit 1981 in der Bundesverfassung verankert und wird in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Institutionen durch die Einrichtung von Stellen für die Gleichstellung, für Chancengleichheit oder für Diversity Management unterstützt.

Zugleich formierte sich eine Gegenbewegung, die den Genderdiskurs und seine Praxis als «Gender-Ideologie» diskreditiert. Sie sieht eine essentielle Zweigeschlechtlichkeit in einer bestimmten Sichtweise von Biologie begründet und zieht daraus Folgerungen für die Familie, die Kindererziehung, die Rollen der Geschlechter und die Einordnung von sexuellen Orientierungen. Der Begriff wird vermehrt nicht nur in rechtspopulistischen Kreisen, sondern auch in einigen freikirchlichen und katholischen Kreisen verwendet und taucht seit dem Jahr 2000 auch immer wieder in vatikanischen Verlautbarungen auf.

Irritierend sind vielfach die Kommunikationsweisen, mit denen in Blogs und in der Presse der Vorwurf der Gender-Ideologie vertreten wird. Ein polemischer und teilweise aggressiver Ton ist anscheinend wieder salonfähig geworden, der auffallen und provozieren will und sich dafür auch der Beleidigungen und Verstösse gegen politische Korrektheiten bedient. Zur Zielscheibe polemischer Angriffe werden nicht nur wissenschaftliche Diskurse um Gendertheorien, sondern auch gesellschaftliche Einrichtungen und rechtliche Entscheidungen, die auf die Anerkennung der Vielfalt der Menschen und die Ermöglichung gleicher Chancen für alle ausgerichtet sind. Damit steht auch eine demokratische Kultur auf dem Spiel, die auf Verstehen, Verständigung und die Integration der Pluralität von Menschen, Meinungen und Theorien ausgerichtet ist.

Stephanie Klein*

 

* Prof. Dr. theol. Stephanie Klein (Jg. 1957) studierte Theologie, Soziologie, Psychologie und Pädagogik in Würzburg, Münster und Frankfurt a.M. Seit 2008 ist sie ordentliche Professorin für Pastoraltheologie an der Universität Luzern.

Editorial

«Wiewerröck an Boord ...... bringt Striit un Moord!», sagt ein Seemannssprichwort. Kaum ein Seemann würde heute noch Frauen (oder Pfaffen) an Bord mit Misstrauen betrachten, da sie angeblich beide gleichermassen Unglück brachten. Zur Blütezeit der Piraterie aber war es auf den meisten Piratenschiffen in der Karibik im späten 17. und frühen 18. Jahrhundert verboten, Frauen mit an Bord zu nehmen, schreibt der deutsche Historiker Robert Bohn in seinem Buch «Die Piraten». Der Grund dafür sei jedoch weniger Aberglauben als vielmehr die Erfahrung gewesen, dass sich daraus zu viele Konflikte ergeben hatten. Trotzdem kam es vor, dass sich Frauen an Bord befanden, die sich als Männer ausgaben, z. B. die Piratinnen Anne Bonny und Mary Read. Die beiden Britinnen sind die zwei einzig namentlich verbürgten Piratinnen aus der goldenen Zeit des Piratentums (ca. 1690−1725). Zunächst noch als Männer verkleidet, wurden sie, dank ihres tatkräftigen Engagements und ungeheuren Mutes, bald als Frauen auf ihren Schiffen anerkannt – eine extreme Seltenheit in diesen Zeiten. Während Bonny am Ende eines natürlichen Todes starb, verendete Read in einem jamaikanischen Gefängnis. Zum Glück sind diese Zeiten, wo man sich als zur See fahrende Frau als Mann verkleiden musste, eindeutig vorbei. Ich käme sonst in den Erklärungsnotstand, wenn ich Ihnen vom Steuer unserer Segelyacht «Ruby» aus einen schönen Sommer wünschen würde ...

Brigitte Burri