50 Jahre Bistum Lugano

Die Kathedrale San Lorenzo über Lugano. (Bild: pixabay.com)

 

Am 8. März 1971 veröffentlichte Paul VI. die Bulle Paroecialis et collegialis. Sie beendete «jegliches Band der Vereinigung» zwischen den Bischofssitzen Basel und Lugano und verlieh Monsignore Martinoli offiziell den Titel «Bischof von Lugano». Der 50. Jahrestag lässt mit Dankbarkeit auf die bisherige Treue eines Volkes zu seiner eigenen religiösen Tradition blicken. Während das Erbe unserer Kirchen als Erinnerung an unsere Herkunft unverändert bleibt – vom ältesten, noch vollständig erhaltenen christlichen Sakralbau der Schweiz, dem Baptisterium in Riva San Vitale, bis zur Kathedrale in Lugano –, ist die religiöse Situation eine andere und erfordert einen dynamischen und kreativen Umgang. Als die Pilgernde Gottesmutter 1949 durch das Tessin zog, unterzeichneten 120'000 Tessinerinnen und Tessiner persönlich die Weiheurkunde an die Jungfrau Maria. Damals zählte der Kanton 160'000 Einwohner. Heute erodiert die Zahl der römisch-katholischen Bevölkerung beträchtlich. Gemäss den jüngsten Daten des Bundesamtes für Statistik wächst der Anteil der Bevölkerung, der sich als «konfessionslos» bezeichnet. Er macht aktuell 22,8 Prozent der Tessiner Bevölkerung aus gegenüber 63 Prozent Katholiken.

Ein junger Bekannter fragte mich: «Wozu ist Religion gut?» Eine Frage, die eine weit verbreitete Sichtweise auf die Religion zeigt. Im Evangelium gibt es eine unserer Situation entsprechende Szene, wie Jesus am Kreuz von Passanten verspottet wird: «Wenn du Gottes Sohn bist, hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz» (Mt 27,40). Der zeitgenössische Mensch ist oft versucht, Fragen in demselben Tenor zu stellen: «Warum zeigt sich Gott nicht mit der Evidenz mathematischer Logik? Warum löst Christus nicht unsere Probleme und hat nicht die der Menschheit vor uns gelöst?» Aber Jesus steigt nicht vom Kreuz herab, er «zeigt» sich nicht, weil Gott sich nicht aufdrängt, sondern sich anbietet und in seinem Angebot etwas von sich selbst offenbart: die Allmacht einer Liebe, die die Welt nicht mit Gewalt verändert, sondern allenfalls in der Annahme der Zerbrechlichkeit zu den Herzen spricht.

Bischof Lazzeri rief in seinem Hirtenbrief «Von Herzen neu anfangen» (2020) dazu auf, über die Entwicklung von «kleinen und bescheidenen Werkstätten der Hoffnung nachzudenken, Orte, an denen der Glaube an den toten und auferstandenen Christus nicht nur der allgemeine Bezugspunkt für gewohnheitsmässige religiöse Treffen ist, sondern ein Sauerteig [...] der gegenseitigen und geschwisterlichen Gegenwart, der Aufmerksamkeit für alle Formen der Not, des Elends und der Armut». Dieser Traum des Bischofs von solchen Orten kann auch ein Wunsch für den 50. Jahrestag sein.

Cristina Vonzun*

 

* Dr. theol. Cristina Vonzun ist Direktorin des Vereins Communicatio Ecclesiae. Der Verein ist zuständig für das Katholische Medienzentrum in Lugano.

Editorial

Schneckenrennen

Nummer 3 und 17 liegen im Wettstreit. Langgestreckt eilen sie dahin, ihr Heim auf dem Rücken, mitten auf dem Wanderweg. Ich vollziehe eine Vollbremsung mit meinem Mountainbike und bücke mich zu ihnen hinunter. Es sind wirklich die 3 und die 17, wenn auch die Zahlen, die ich im Frühjahr mit einem Edding auf ihr Haus geschrieben habe, langsam verblassen und Zeugnis eines wanderreichen Sommers abgeben. Vorsichtig hebe ich die beiden Renntiere hoch und trage sie auf die andere Seite des Wanderwegs. Damit sie in Ruhe weiter wetteifern und nicht von rücksichtslosen Wanderern zertrampelt werden. Schneckenretten ist mein Hobby. An regenreichen Tagen, oder wenn sich ein Schauer-Intermezzo verzogen hat, mache ich mich zu Fuss oder per Velo auf in den Wald, um meine Schutzbefohlenen vor grobstolligen Wanderschuhen zu retten. Nicht immer gelingt es mir. Und wenn ich eine einst stolze Weinbergschnecke zermalmt am Boden kleben sehe, dann bricht es mir fast das Herz. Ein kleines Gebet, mögest du in Frieden ruhen. «Vollkommen übertrieben!», mögen Sie, liebe Leserinnen und Leser, nun denken. Meine kleine Freude aber, wenn nach den langen Wintermonaten Nummer 3 und 17 abgedeckelt und mit zitternden Fühlern ins Frühjahr blinzeln, ist die grösste, die man sich vorstellen kann. Und dann geht es in die nächste Rennsaison.

Brigitte Burri