Die Bibel - das Buch für uns

 

Genau übersetzt heisst «Bibel» einfach «das Buch». Die Bibel, die Heilige Schrift, ist das Buch. Schon die Namensgebung, die sich anscheinend in allen Sprachen und Kulturen eingebürgert hat, zeigt an, welche Bedeutung der Bibel zukommt. Alle haben sie als das Buch – eben die Bibel – übernommen. Deshalb war und ist es das Bemühen aller Generationen, diesem Buch jene muttersprachliche Übersetzung zukommen zu lassen, die seiner Bedeutung und seiner Zielsetzung entspricht. Jede Generation soll es sich als das Buch zu eigen machen können.

«Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die an Christus Glaubenden weit offenstehen. Darum hat die Kirche schon in ihren Anfängen die älteste Übersetzung des Alten Testamentes, die griechische, die nach den Siebzig (Septuaginta) benannt wird, als die ihre übernommen. [...] Da aber das Wort Gottes allen Zeiten zur Verfügung stehen muss, bemüht sich die Kirche in mütterlicher Sorge, dass brauchbare und genaue Übersetzungen in die verschiedenen Sprachen erarbeitet werden, mit Vorrang aus dem Urtext der Heiligen Bücher» (Dei Verbum 22).

Welches ist die Zielsetzung dieses Buches? Dazu gibt uns der Evangelist Johannes einen Tipp. Am Schluss seines Werkes schreibt er: «Noch viele andere Zeichen hat Jesus vor den Augen seiner Jünger getan, die in diesem Buch nicht aufgeschrieben sind. Diese aber sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen» (Joh 20,30–31).
Johannes schreibt dies mit Bezug auf Jesus und sein Evangelium. Wir dürfen dieses Wort auf die ganze Heilige Schrift anwenden: Es gäbe noch vieles über Gott und seinen Heilsplan mit uns Menschen zu sagen. Aber das, was in diesem Buch aufgeschrieben ist, ist aufgeschrieben, damit ihr glaubt. Damit ihr glaubt, dass Gott ist und wirkt. Damit ihr an Gottes Gegenwart und Heilswirken an uns Menschen glaubt. Damit ihr durch den Glauben Leben habt.

Aus diesem Grund müssen wir alles unternehmen, auf dass die Bibel den Weg zu allen Menschen und alle Menschen den Weg zur Bibel finden. Auf dass sie glauben. Damit sie durch den Glauben das Leben haben. Dies beginnt, wie bereits erwähnt, bei den muttersprachlichen Übersetzungen und setzt sich insbesondere bei der Exegese, bei der Auslegung und Deutung der Bibel fort. Sie darf bei aller Wissenschaftlichkeit und Forschungstätigkeit die eigentliche Zielsetzung nicht aus den Augen verlieren: «Da Gott in der Heiligen Schrift durch Menschen nach Menschenart gesprochen hat, muss der Schrift- erklärer, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte» (Dei Verbum 12).

Ich wünsche mir, dass die Bibel durch die Verkündigung und Lehrtätigkeit der Kirche für die Menschen das Buch werde und das Buch bleibe.

+ Vitus Huonder, Bischof von Chur

Editorial

Wort Gottes?

Die Bibel – das Buch für uns. Das scheint auf den ersten Blick ein seltsamer Titel zu sein. Die Bibel ist ja bekanntlich nicht einfach ein Buch, sondern beinhaltet eine ganze Bibliothek von unterschiedlichen Büchern.

Ich kann mich noch sehr gut an die allererste Vorlesung meines Theologiestudiums erinnern. Es handelte sich um die Vorlesung «Einführung ins Alte Testament». Der Dozent eröffnete die Vorlesung mit den Worten: «Die Bibel ist nicht Wort Gottes – sie kann aber für uns zum Wort Gottes werden.» Wir Neulinge sahen uns ziemlich perplex an. Die Bibel soll nicht Wort Gottes sein?

Mit der Zeit haben wir diesen Satz immer besser verstanden und ich kann ihn inzwischen nur bestätigen. Die Bibel kann für mich, für jeden Gläubigen, zum Wort Gottes werden, wenn wir uns auf sie einlassen. Dabei können uns Bibelkommentare, aber auch Bibelgruppen oder Lebenserfahrungen helfen. Wichtig scheint mir, dass wir uns auf die ganze Bibel einlassen. Wer sich einige Lieblingsbücher aussucht und die anderen Bücher ignoriert, wird der Bibel nicht gerecht, denn die Bibel gibt es nur als Gesamtpaket. Erst in der Fülle aller Bücher scheint die Heilsgeschichte gänzlich auf. Die Bibliothek von unterschiedlichen Büchern – die Bibel – ist so gesehen ein Buch, das Buch für uns.

Rosmarie Schärer