Entwicklungen in der Spitalseelsorge

Die Heilung des Gelähmten von Kapernaum. (Bild: Wikipedia)

 

Welch ereignisreiche und herausfordernde Zeit! Die Spitalseelsorge stand im vergangenen Jahr, im Zusammenhang mit Covid-19, auf dem Prüfstand. Würde sich die Verankerung in den Institutionen und die Integration in den interprofessionellen Behandlungsteams bewähren? Oder würden sich die meist nicht von den Spitälern angestellten Seelsorgenden plötzlich vor verschlossenen Spitaltüren wiederfinden?

Die Spitalseelsorge meisterte diese «Feuerprobe» mit Bravour und bewährte sich in der Pandemie als unverzichtbare Berufsgruppe im Gesundheitswesen: In der Begleitung von Patientinnen und Patienten, ihren An- und Zugehörigen und im Aufbau und in der Mitarbeit in Care-Teams für belastete Mitarbeitende. Mitunter musste sie auch klare Position beziehen – zum Beispiel als in der ersten Corona-Welle die Verabschiedung von Corona-Verstorbenen für Angehörige in Frage gestellt war.

Flexibilität und Innovation waren und bleiben auch in Zukunft gefragt. So dürfen aktuell Spitalgottesdienste teilweise nur als Online-Gottesdienste oder in Kleinstgruppen gefeiert werden. Spitalinterne Podcasts mit spirituellen Inhalten können helfen, die Zeiten ohne besuchende Angehörige zu bewältigen. Die Erfahrung der Integration im systemischen Miteinander des Spitals bleibt ein wesentliches Merkmal einer zukunftsgerichteten Spitalseelsorge. Auf interprofessionelle Zusammenarbeit, Kommunikation und Dokumentation – unter Wahrung der seelsorglichen Schweigepflicht – kann in Zukunft nicht mehr verzichtet werden. Vorbei sind die Zeiten, als die Spitalseelsorge nur als eine externe Berufsgruppe galt. Im neuen Pflichtenheft der katholischen Spitalseelsorge im Kanton Zürich wird als wichtigste Aufgabe die «Präsenz für Patientinnen und Patienten in Krisensituationen, im Sterben, die Begleitung der Angehörigen nach einem Todesfall oder anderen Notfallsituationen» genannt. Der Auftrag der Kirche, den Kranken und Sterbenden beizustehen, ist unaufhebbar. Die Spitalseelsorge ist präsent für vulnerable Menschen vor Ort.

In jüngster Zeit wandelt sich auch das Selbstverständnis der Spitalseelsorgenden. Sie verstehen sich zunehmend als Fachpersonen für die spirituell-religiöse Begleitung (Spiritual Care) auf Augenhöhe mit Pflegefachpersonen und Ärzten. Darüber hinaus arbeiten die ökumenischen Spitalseelsorgeteams eng mit Vertretenden anderer Religionen zusammen.
Eine Herausforderung stellt die gesundheitspolitische Strategie «ambulant vor stationär» dar. Immer häufiger werden komplexe Behandlungen ambulant angeboten und schwerkranke Patientinnen und Patienten – zum Beispiel in Palliative Care – durch spezialisierte Behandlungsteams zuhause gepflegt und behandelt. Hier gilt es, neue Formen einer zukunftsgewandten ambulanten Seelsorge in Zusammenarbeit mit den Pfarreien zu entwickeln.

Die Spitalseelsorge hat sich dank der neuen «Sichtbarkeit» während der Pandemie als verlässlicher, professioneller Gesundheitsberuf etabliert und weiterentwickelt. Für das Gesamterscheinungsbild der Kirche trägt diese anerkannte Dienstleistung auch bei Kirchenfernen und Fachpersonal viel Gutes bei.

Lisa Palm und Sabine Zgraggen*

 

* Lic. theol. Lisa Palm und lic. theol. Sabine Zgraggen arbeiten bei der kath. Spital- und Klinikseelsorge im Kanton Zürich. Sabine Zgraggen ist dort Dienststellenleiterin, Lisa Palm stv. Dienststellenleiterin und Palliative-Care-Beauftragte.

Editorial

Berühre die Wunden!

In der diesjährigen Fastenzeit las ich das neue Buch des tschechischen Priesters und Soziologen Tomáš Halík «Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens» (Herder 2021). Es sind seine Predigten, die er während der Fasten- und Osterzeit 2020 hielt. In der Predigt zum zweiten Sonntag nach Ostern erzählt er von einer Erfahrung, die ihm das «grösste Geheimnis des christlichen Glaubens in einem neuen Licht» sehen liess. Halík war auf einer Studien- und Vortragsreise in Indien und besuchte zusammen mit einem indischen Kollegen ein katholisches Waisenhaus. Angesichts der verlassenen, hungernden und kranken Kinder stieg in ihm die Aufforderung auf: «Berühre die Wunden!» Und er erinnerte sich an die Worte, die Jesus zum zweifelnden Thomas sprach: «Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände an und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite» (Joh 20,27). Halík schreibt dazu: «Weil sich Jesus mit allen Kleinen und Leidenden identifizierte – deshalb sind alle schmerzenden Wunden, das ganze Leid der Welt und der Menschheit die ‹Wunden Christi›.» Die Aufforderung gilt auch mir: Berühre die Wunden! Die Wunden der Nächsten eröffnen einen Weg, Jesus Christus zu begegnen, ihn zu erkennen und ihn zu bekennen. In den Leidenden zeigt sich mir der auferstandene Gekreuzigte. Er berührt mich und lädt mich zum Handeln ein.

Maria Hässig