Vinzenz von Paul (1581–1660)

Vinzenz mit Findelkindern. Gravur um 1900, Künstler unbekannt, Boek Wasiana. (Bild: Wikipedia)

 

«Lieben wir Gott, meine Brüder, lieben wir Gott, aber auf Kosten unserer Arme und im Schweiße unseres Angesichts! Denn oft sind Akte der Liebe zu Gott und ähnliche Regungen und innere Übungen eines zartbesaiteten Herzens, so gut und wünschenswert sie an sich sind, doch höchst verdächtig, wenn sie sich nicht in Taten auswirken. Dadurch, dass ihr reiche Frucht tragt, sagt Unser Herr, wird mein Vater verherrlicht (Joh 15,8). Darauf müssen wir ganz besonders achten; denn es gibt mehr als genug solcher Menschen, die meinen, es sei damit getan, sich äußerlich korrekt zu verhalten und im Innern erhabene Gefühle zu Gott zu pflegen. Wenn es aber dann auf Taten ankommt und Gelegenheit zum Handeln da ist, dann versagen sie. Nein, täuschen wir uns nicht: Totum opus nostrum in operatione consistit – unsere ganze Aufgabe besteht im Handeln […] Nichts entspricht dem Evangelium mehr, als einerseits in der Betrachtung, in der Lesung und in der Einsamkeit Licht und Kraft für die Seele zu sammeln, und andererseits zu den Menschen zu gehen und sie an dieser geistlichen Nahrung teilhaben zu lassen. Das heißt handeln, wie Unser Herr getan hat und nach ihm seine Apostel; das heißt, den Dienst der Martha mit dem der Maria verbinden; das heißt, die Taube nachahmen, die die Hälfte der Nahrung zu sich nimmt und den Rest mit ihrem Schnabel in den der Jungen steckt, um sie zu ernähren. So müssen wir handeln. So müssen wir Gott durch unsere Werke bekunden, dass wir ihn lieben.»

Vinzenz von Paul 

 

Quelle: Vinzenz von Paul, Über die Gottesliebe, in: Die andere Seite der Medaille. Der spirituelle Weg des heiligen Vinzenz von Paul – Eine Gesamtdarstellung seiner geistlichen Unterweisungen, hg. von Alexander Jernej CM, Eigenverlag der Lazaristen, Graz 2011, 110 f.
(Titel der italienischen Originalausgabe: Perfezione Evangelica – Tutto il pensiero di San Vincenzo de‘ Paoli esposto con le sue parole. Edizioni Vincenziane, Roma 1983).

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Editorial

Vinzenz von Paul verpflichtet

Ich blicke zurück in die Zeit, in der zum Standardangebot von Pfarreien und Kirchgemeinden noch nicht professionelle Sozialdienste und ihre Mitarbeitenden gehörten. Denn die sozialen Probleme, die materielle Not mancher Pfarreimitglieder, besonders von Senioren, Familien und am Rande Lebender, waren eigentlich im letzten Jahrhundert noch deutlicher ausgeprägt, und staatliche Angebote noch rarer. Und da gab es im breiten Angebot der noch aus dem Ghetto-Katholizismus herausgewachsenen Pfarreien die Vinzenzkonferenzen (Viko), eine (man muss das mehrfach betonen) rein ehrenamtlich tätige Gruppe von Frauen und Männern, die sich um die erwähnten Notlagen kümmerten. Der Pfarrer war meist Beisitzer, aber dem Schweigegebot verpflichtet. Regelmässig aufgenommene Opfer und auch private Zuwendungen und Legate speisten die Kasse. Und die Viko-Mitglieder besuchten Menschen, von denen man wusste, dass sie in Notsituationen lebten oder die sich beim Pfarramt gemeldet hatten, klärten die Situation ab und schlugen dann der ganzen Gruppe Art und Umfang der Unterstützung vor. Mit ihrem Namen fühlten sie sich dem Engagement des heiligen Vinzenz von Paul verpflichtet. Und es muss auch klargestellt werden, dass die Viko-Mitglieder nicht primär aus der Oberschicht stammten, sondern manche die materiellen Sorgen der Unterstützten auch aus eigener (Familien-)Erfahrung kannten.

Heinz Angehrn