Gemeinsam für eine Landwirtschaft, die Zukunft sichert

Das diesjährige Kamagnen-Pllakat von Fastenopfer. (Bild: zvg)

 

Fürwahr ein hohes Ziel, nach Gemeinsamkeit zu fragen, sie gar einzufordern für eine Landwirtschaft, welche unsere Zukunft sichern soll. Um welches «wir» soll es dabei gehen, um welche Landwirtschaft? Wessen Zukunft soll gesichert werden? Etwa die Zukunft des schweizerischen Bauernstandes als Produzent von preislich nicht konkurrenzfähigen Lebensmitteln, oder als Landschaftsgestalter malerischer Tourismusgebiete? Oder soll die globale Landwirtschaft im Fokus stehen, der wir als Individuen angesichts regelmässiger Hungerkrisen und alljährlich scheiternder Klimagipfel scheinbar machtlos gegenüberstehen?

Die heutige Landwirtschaft ist mit immensen Herausforderungen konfrontiert: Es muss genug für die wachsende Weltbevölkerung produziert und eine gerechte Verteilung angestrebt werden. Die landwirtschaftliche Produktion soll umweltfreundlich und sozialverträglich sein und den Produzierenden eine gute Existenzbasis bieten. Diese globalen Herausforderungen werden von nationalen und lokalen Begebenheiten überlagert. Es entstehen komplexe Interaktionen, welche den Blick auf das Gemeinsame verstellen. Wo liegt also das Gemeinsame in der schweizerischen Landwirtschaft? Vielleicht in der behördlichen und gesellschaftlichen Erwartung, dass einheimische Produkte als Gegenleistung für Subventionen umweltfreundlicher produziert sein sollten und dass Konsumentinnen und Konsumenten an den Supermarktregalen ihr Umweltbewusstsein vermehrt mit dem Kauf lokaler Bioqualität bekräftigen sollen.

Viel existenziellere Probleme haben dagegen kleinbäuerliche Familien in Afrika südlich der Sahara. Sie bearbeiten vorwiegend kleine Flächen, die selten für den Lebensunterhalt reichen. Subventionen in Form von Direktzahlungen, wie wir sie kennen, gibt es kaum, ein Leben in Armut ist eher Regel als Ausnahme. Gemeinschaftliche Projekte drehen sich bestenfalls um Nachbarschaftshilfe im prekären Umfeld von mangelndem Zugang zu Ressourcen wie Kapital, Wissen, Technologie und Infrastruktur.

Wo liegt also das Gemeinsame zwischen Schweizer Bauersleuten und ihren Berufsgenossen überall sonst auf der Welt? Vielleicht in der Klimakrise, deren Auswirkungen auf die Landwirtschaft und umgekehrt längst nicht mehr nur lokal bemerkbar sind? Hier die weltweite Waldrodung, die zu geringerer Absorbierung von CO2 aus der Atmosphäre führt und da die Verwendung von importierten Futtermitteln in der Schweizer Viehwirtschaft – oder die Nutzung chemischer Düngemittel, was in allen Weltregionen geschieht. Gemeinsamkeiten, die in der globalen Landwirtschaft längst zu gemeinsamen Belastungen wurden.

Antworten auf diese Fragen zu finden, ist die langwierige, ermüdende, von ständigen Rückschlägen torpedierte, tägliche Knochenarbeit der gesamten Weltgemeinschaft. Banaler kann ein Satz kaum daherkommen und doch ist unbestritten: «Wir alle müssen essen.» Und was wir essen, bestimmt unsere Gesundheit. Daher wird die Landwirtschaft der Zukunft eine gemeinschaftliche sein müssen. Eine Landwirtschaft, welche die Welt nach fairen, umweltfreundlichen und sozialverträglichen Kriterien ernährt.

Chinwe Ifejika Speranza*

 

* Prof. Dr. Chinwe Ifejika Speranza (Jg. 1967) ist Geographin und geschäftsführende Direktorin des Geographischen Institutes der Universität Bern. Sie leitet die Forschungsgruppe Landsysteme und nachhaltige Ressourcennutzung, wo sie unter anderem über Ernährungssicherheit forscht.

Editorial

Relevanzkrise des Evangeliums

An diesem Aschermittwoch habe ich sie wieder empfangen, die Asche, mit den Worten: «Kehr um und glaub an das Evangelium» (vgl. Mk 1,15). Wir leben hier in der Schweiz in einer Zeit, «wo das Evangelium [...] radikal in die Krise der Nicht-Notwendigkeit geraten» (Jan Loffeld) ist. Wie kann ich in einer solchen Zeit an die frohe Botschaft glauben? Aber noch dringlicher scheint mir die Frage, wie die befreiende Botschaft Jesu Menschen zu verkünden ist, für die das Wort Gottes für ihr Leben völlig irrelevant (geworden) ist. Für Menschen, denen Religion, Glauben und insbesondere das Evangelium von einem Leben in Fülle für ein glückliches Leben nicht notwendig ist, weil sie eine andere Sinngebung für ihr Leben fanden? Die gegenwärtige Situation lädt ein, einen Schritt vor die Verkündigung des Evangeliums im engeren Sinn zu gehen. Es gilt, sich aufzumachen und in den Gassen und Winkeln der Gesellschaft den Menschen zu begegnen, mit ihnen ein Stück Weg zu gehen, um zu entdecken, wo und wie Gottes Geist wirkt. Auch werden da und dort Menschen in der Fülle der Möglichkeiten, die das gegenwärtige Leben bietet, Mangel beklagen. Auf das Entdecken folgt die Verkündigung in Wort und Tat. Und wer den Glauben als bedeutsam für sich erfährt, wird nach den Motiven, Überzeugungen und Hoffnungen fragen. Dann werden «die Schritte des Freudenboten» willkommen sein, «der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheisst» (Jes 52,7).

Maria Hässig