Theologie des Leibes

«Der Kuss – Liebespaar», Gustav Klimt, 1908/09, Österreichische Galerie Belvedere. (Bild: Wikipedia)

 

In unserem Alltag und in der Gesellschaft insgesamt, in der wir leben, begegnet uns eine Vielfalt von menschlichen Beziehungen. Dem auf Treue und Beständigkeit ausgelegten Bund der Liebe zwischen Mann und Frau, welcher die sexuelle Dimension einschliesst und potenziell fruchtbar ist im Hinblick auf Kinder, eignet ein besonderer Stellenwert – dies vor allem auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes und der göttlichen Berufung zur Liebe.

Nun schlagen manche vor – und dies auch in innerkirchlichen Reformdebatten –, es solle eine neue Form der Sexualmoral entwickelt werden. Es gelte Abschied zu nehmen von einem naturrechtlichen, ungeschichtlichen Verständnis mit allzu starren und einengenden Normen. Man müsse weg von einer Verbotsmoral und solle neuen Formen der Beziehungswirklichkeit mit Wertschätzung begegnen.

Die von Papst Johannes Paul II. massgeblich geformte «Theologie des Leibes» kann eine Antwort auf gegenwärtige Herausforderungen sein. Sie ist nicht moralisierend, sondern zielt ab auf die Schönheit der menschlichen Liebe, die ein Abglanz und eine Teilnahme an der Liebe Gottes ist. Freilich braucht jede Sexualethik auch ihre verbindlichen Normen, die im Einzelfall als restriktiv wahrgenommen werden. Dennoch sollte die Gesamtvision von Liebe, Sexualität, Ehe und Familie eine anziehende Faszination ausüben. Wenn dann konkrete Menschen in ihrem Herzen davon angesprochen werden, wie gross Gott über den Menschen denkt und welche Würde uns auszeichnet, wenn wir recht bedenken, was das Geschenk der Liebe bedeutet, ohne die wir nicht leben können, dann mag gleichsam von selbst die Sehnsucht aufbrechen und stärker werden, diesem Ideal näherzukommen und es im eigenen Leben zu verwirklichen.

Die «Theologie des Leibes» erweist sich als hilfreich dabei, die eigene Schwachheit und Gebrechlichkeit in der Begegnung mit den verklärten Wundmalen des auferstandenen Herrn anzunehmen und so Hoffnung zu schöpfen auf echte Erneuerung des Herzens, die mit der Hilfe Gottes immer auch ein Stück weit gelingen wird. Das Heilmittel gegen jene «Herzenshärte», welche Jesus an der Wurzel des Scheiterns menschlicher Beziehungen ausmacht (vgl. Mt 19,8), liegt in der verwandelnden Kraft der göttlichen Liebe, die uns durch den Heiligen Geist geschenkt wird und das menschliche Herz von innen her umformt und erneuert.

Anhand wichtiger Texte von Karol Wojtyła wie «Liebe und Verantwortung», der dann als Papst Johannes Paul II. eine Reihe von Katechesen zur «Theologie des Leibes» vorgelegt (1979–1984) und in vielen Ansprachen und Dokumenten über das Geheimnis der Liebe meditiert hat, können wir Inspirationen finden für unsere eigenen Überlegungen zu den wesentlichen Fragen des Menschseins.

Josef Spindelböck*

 

* Dr. theol. habil. Josef Spindelböck (Jg. 1964) ist Moderator der «Gemeinschaft vom heiligen Josef» und Professor für Moraltheologie sowie Dozent für Ethik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule der Diözese St. Pölten. Er ist weiter ausserordentlicher Professor für Moraltheologie und Sozialethik an der Katholischen Hochschule ITI in Trumau.

 

Editorial

Wieder menschlicher werden

Das Virus SARS-CoV-2 prägt seit über einem Jahr unseren Alltag. Es offenbart die Verletzlichkeit und Schwäche des menschlichen Körpers und seine Endlichkeit. Diese Erfahrung steht diametral einigen Strömungen in unserer Gesellschaft entgegen. Wir trimmen durch Sport unseren Körper fit, erhalten ihn durch Ernährung gesund. Krankheit vermittelt uns schonungslos, zu wenig getan zu haben. Schönheitsoperationen boomen, die unseren Körper ästhetisch perfektionieren. Im Internet erschaffen Menschen virtuell ihren Traumkörper. Und Transhumanisten träumen davon, das Leben um Ellen zu verlängern. Wir bekunden Mühe, unseren Körper so anzunehmen, wie er ist: hinfällig, verletzlich, vergänglich – und gleichzeitig einmalig und schön. Machen wir uns durch die Optimierung unseres Körpers unmenschlich uns gegenüber? Ist dies eine Auswirkung des gesellschaftlichen Trends zur Selbstoptimierung und Selbsterlösung? Kehrt sich die Selbstoptimierung hier gnadenlos ins Gegenteil? Wie können Kirche und Theologie hier ein Gegengewicht setzen?

Ich versuche zumindest, einen Alternativentwurf zu leben. Ich übe mich in Haltungen. Ich beginne mit dem Staunen, zum Beispiel darüber, dass mein Herz täglich rund 7000 Liter Blut durch meinen Körper pumpt ohne mein Zutun. Ich werde dankbar für diesen wundervollen Körper, den Gott mir geschenkt hat.

Maria Hässig