Zusammenspiel von Raum und Liturgie

St. Fronleichnam in Aachen. (Bild: Wikipedia)

 

«Die Liturgie braucht den Kirchenbau nicht. So wie man eine gültige Ehe in einer Blechhütte führen kann, kann man in einem Turnsaal oder im Freien Gottesdienst halten. Wenn man aber ein Haus baut, das für den Gottesdienst da ist, muss man es als Kirche bauen, und das heisst sehr viel», sagt der deutsche Architekt Rudolf Schwarz (1897−1961), einer, der zahlreiche Kirchen baute, einer, der den Kirchenbau auch theologisch durchreflektierte.

Was ist der Mehrwert der Kirche, wenn sie auch ohne den Bau auskommen könnte? Für Schwarz geht das weit über die Funktionalität des Raums hinaus, führt ins Symbolische. Die radikalste seiner Kirchen, St. Fronleichnam in Aachen, ist ein weisser Kubus. Kein Bild, an dem sich der Blick festhalten kann, nur eine weisse Wand als Abschluss des Raums. Frühere Zeiten hatten den Raum mit Goldmosaiken geschlossen. Das passte 1930 nicht mehr, aber Weiss ist Licht, ist Transzendenz. «Der Bau überschreitet sich selbst und wird eine Aussage und reines Zeichen», so Schwarz. Er existiert nur im Vorläufigen der Zeit, wird zum Verweis auf den, der allein diesen Raum von jenseits der umgrenzenden Mauer füllen kann. In diesem Raum geschieht Gottesdienst. Hier ereignet sich Begegnung zwischen Gott und den Menschen. Wer eintritt, verlässt den Raum – hoffentlich – anders, als er hineingekommen ist. Gewandelt, verwandelt in den neuen, von Gott mit unendlicher Würde beschenkten aufrechten Menschen, der er sein soll.

Wie muss ein Raum sein, der das ermöglicht? Licht und hoch oder eher bergend, gar bunt? Feierlich verhalten oder voller Spuren der Menschen, die ihn liturgisch «bewohnen»? Lang, breit, rund oder eckig? Möbliert mit Bänken oder flexibel wie ein Mehrzweckraum? Gott sei Dank muss der Raum dieses Wunder der Wandlung nicht machen, er soll es aber ermöglichen. Die heute oft zu grossen Kirchenräume bieten zuweilen Räume im Raum, den Chorraum oder eine Seitenkapelle z. B., in denen die weniger werdenden Feiernden Gemeinschaft erfahren können. Diese Räume zu entdecken oder zu schaffen, erscheint mir wichtig.

Und wie vollzieht sich eine Liturgie, die sich vom symbolischen Potenzial des Kirchenraums, seiner Transzendenzfähigkeit leiten lässt? Sie rechnet damit, dass wir vor den anwesenden Gott treten, wenn wir Gottesdienst feiern, und inszeniert das: Wir stehen bei der Eröffnung, so wie wir stehen, wenn es an der Tür schellt, wenn jemand kommt und bei uns sein wird. Wir beginnen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, der da ist, auch wenn wir ihn nicht sehen. Wir rechnen mit Wandlung durch die Worte der Schrift, die Feier der Sakramente, Gesang und Gebet. Wir erfahren Wandlung, wenn wir uns bewegen: in der Osternacht geleitet vom Licht, in der Taufe vom Eingang geführt über die Wortverkündigung im Kirchenschiff bis zum Taufbrunnen und Altar. Begegnung braucht Raum. Unsere Kirchenräume ermöglichen gott-menschliche Begegnung. Und das heisst sehr viel.

Gunda Brüske*

 

* Dr. theol. Gunda Brüske (Jg. 1964) studierte in Göttingen, Jerusalem und München Theologie. 1998 promovierte sie mit einer Arbeit über Romano Guardini. Seit 2004 arbeitet sie am Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz. Neben der Co-Leitung zusammen mit P. Peter Spichtig OP sind ihre Schwerpunkte liturgische Aus- und Weiterbildung, die Website www.liturgie.ch und die Wortgottesfeier. Sie ist u.a. Dozentin im Studiengang Theologie (TBI).

Editorial

Unverfügbar

Ein Fest für die Sinne ist die Advents- und Weihnachtszeit. Keine andere Zeit im Jahreskreis spricht auf so vielfältige Weise unsere Sinne an wie diese. Das Spiel von Licht und Dunkelheit im Rorategottesdienst, beim «Stille Nacht» in der Christmette, der Duft von Gebäck, die wohlige Wärme in der Wohnung gegenüber der Kälte draussen, der erste Zimtstern an Weihnachten auf der Zunge, die Stille abends, vor allem wenn es schneit. Keine Zeit wie diese, in der Kindheitserinnerungen wach werden und wir als nun Erwachsene gerne ähnlich erfüllende und tiefe Erfahrungen machen würden wie damals, Erfahrungen, die uns im Innersten berühren und dadurch auch verwandeln.

Aber die gegenwärtige Zeit und Gesellschaft erschwert strukturell und kulturell solche Erfahrungen, die geschenkt und nicht käuflich erwerbbar sind. Wir können nicht auf die Sekunde den Schalter vom Modus des Habens zu jenem des Seins kippen. Oder mit dem deutschen Soziologen Hartmut Rosa gesprochen, vom Modus des Verfügbarmachens in jenen einer resonanten Weltbeziehung. Die ersehnten Erfahrungen, Resonanzerfahrungen nach Rosa, beruhen auf Beziehungen, in denen ich berührt, affiziert – angerufen – werde und die mich zu einer Antwort herausfordern. In ihnen fühle ich mich lebendig, weil sie mich verändern, weiterführen. 

Ich wünsche Ihnen eine beziehungsreiche Adventszeit, in der sich unverfügbar einstellt, was Sie sich ersehnen.

Maria Hässig