Damit kirchliche Erneuerung Früchte trägt

Blühender Apfelbaum auf der Horwer Halbinsel. (Bild: mh)

 

Ein Blick in die kirchliche Praxis im In- und Ausland zeigt deutlich: Für gelingende Kirchenentwicklung gibt es kein Programm, kein Rezept und keine bestimmte Methode. Vielmehr entsteht Kirche in einem Prozess, wie er in den biblischen Schriften zu finden ist. Dieser Weg beginnt zuallererst mit dem Ruf Gottes. Sowohl bei der Entstehung des Volkes Israels, der Jesusbewegung wie auch der jungen Kirche hat Gott einzelne Menschen gerufen, und sie haben sich auf den Weg begeben. In der Kirche heute beginnt Erneuerung meist ebenfalls mit einzelnen Menschen, die ein feu sacré in sich tragen und nach neuen Formen des Kircheseins suchen. 

Um klarer zu sehen, wohin die Reise gehen und was konkret entstehen könnte, ist das Hören auf Gott im Gebet und auf das Wort Gottes von grösster Bedeutung. Kirchenerneuerung beginnt also in der Stille. Die Stille bewahrt uns zudem vor kirchlichem Aktivismus und dem Trugschluss, wir könnten Kirche «machen». Kirche entspringt dem nicht endenden Schöpfungswirken Gottes. Kirche entsteht nicht, weil wir besonders innovativ sind. Im Gebet kann deshalb das Vertrauen weiter wachsen, dass Gott Kirche auch heute immer neu entstehen und wachsen lässt. 

Ebenso wichtig ist das Hören auf die Menschen, die Kirche und das weitere Umfeld: Wonach sehnen sich die Menschen? Was ist in einer Gemeinde bereits gewachsen? Welche Schätze sind im Acker verborgen? Eine sorgfältige Analyse der kirchlichen und sozialen Situation im Umfeld ist deshalb ein wichtiger Schritt für den weiteren Prozess. 

Aus diesem vielschichtigen Hören kristallisiert sich mit der Zeit ein spezifischer Fokus heraus, auf den die neue Initiative ausgerichtet werden soll. Dieser konkrete Fokus sollte verbunden sein mit dem Grundauftrag der Kirche: der Missio Dei. Die Missio Dei meint all das, was Gott in unserer Welt verwirklichen möchte: Friede und Gerechtigkeit, die Liebe zu jedem einzelnen Menschen und zur ganzen Schöpfung. Die Orientierung an der Missio Dei ist zentral, damit kirchliches Wirken Ziel und Ausrichtung hat. 

In den Wachstumsgleichnissen verheisst uns Jesus, dass aus dem Kleinen Grosses entsteht und dies reiche Frucht trägt. In der aktuellen kirchlichen Situation von Wachstum zu sprechen, kann Kopfschütteln hervorrufen. Bei unseren vielen Besuchen und den Begleitungen von Gemeinden in der ganzen Deutschschweiz können wir jedoch sehen, wie Kirche wächst: Es ist eine Wachstumsdynamik in drei Dimensionen: Kirche wächst in der Tiefe des Glaubens, in der Stärke der Community und in der Wirkung in der Gesellschaft. Gott sei Dank!

Sabine Brändlin*

 

* Pfarrerin Sabine Brändlin (Jg. 1973) ist Co-Leiterin des Reuss-Instituts Luzern. Davor war sie in der Kirchgemeinde Binningen-Bottmingen, bei der reformierten Landeskirche Aargau sowie in verschiedenen kirchenleitenden Funktionen tätig. Sie ist Mitglied der Communität Don Camillo.

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Editorial

Den Blick weiten

Letzthin machte ich eine nachdenkliche Beobachtung. Ich war zu Fuss auf dem Weg zum Bahnhof in Luzern. Ein Stück vor mir war ein Fussgängerstreifen, die Ampel war auf Grün, auf meiner Seite standen fünf Personen – und niemand ging über den Zebrastreifen. Ich stutzte und als ich näher kam, sah ich den Grund. Vier Personen waren auf ihr Smartphone fixiert und eine las in einem Buch. Diese Situation ist mir ein Gleichnis. Sind wir – ich eingeschlossen – nicht manchmal auf etwas Bestimmtes fixiert und sehen nicht, was sich rund­herum ereignet? Wie weit sind wir in der Kirche auf Mitgliederverlust, Relevanzverlust, Kleinerwerden usw. fokussiert und sehen dabei nicht, was da und dort an Glauben, Gemeinschaft und Sendung zu keimen, wachsen und blühen beginnt? Auf dem weiteren Weg zum Bahnhof kam mir der Vers 19 aus Jes 43 in den Sinn: «Siehe, nun mache ich etwas Neues. Schon spriesst es, merkt ihr es nicht?» Diesen Bibelvers zitierte Abt Bernhard Eckerstorfer OSB u. a. bei seinem interessanten Referat am inspirierenden und stärkenden «Impulstag Einsiedeln» zu «Wie kann Kirche wieder aufblühen?». Er meinte, die Impulstage seien eine Sehschule. Ich selbst bin gerne in der Natur unterwegs und freue mich, Neues, bisher nicht Gesehenes zu entdecken, und staune, wie nach einer trockenen Sommerphase das Grün an den Wiesenborden dank Regen wieder neu zu spriessen beginnt.

Maria Hässig