Das Sakrament der Versöhnung heute feiern

 

«Wenn möglich bitte wenden.» Wer kennt nicht diese Einladung aus dem Navi im Auto, wenn man den Anweisungen nicht folgt. «Wenn möglich bitte wenden» ist wie eine Stimme aus dem Off, die an den zuvor eingeschlagenen Weg erinnert. Diese Erinnerung erfolgt nicht mit erhobenem Zeigefinger im Sinne von «Hey, du, wende gefälligst! Nein, in einem sanften, unaufgeregten Ton erklingt die Mahnung «Pass auf, behalte dein Ziel im Auge!». Dieser Ruf ist klar und bestimmt: «Du hast den Weg verlassen!» Gleichzeitig aber lässt die Stimme der Fahrerin oder dem Fahrer alle Freiheit: «Es ist deine Entscheidung. Aber ich weise dich darauf hin, dass es andere Planungen gab.»

Ganz ähnlich ist es mit dem Ruf zur Umkehr: «Kehrt um und glaubt an das Evangelium» (Mk 1,15). Das ist das erste Wort, dass der Evangelist dem irdischen Jesus in den Mund legt und es ist seither stetig erklingende sanfte Mahnung: «Verlier die Orientierung nicht. Kehre um, wenn dein Leben sich von der frohmachenden, befreienden Botschaft entfernt!» Glauben ist kein Besitz, der, einmal erworben, unangefochten dem Einzelnen gehört. Die von Gott geschenkte Freiheit stellt den Menschen vor die Wahl, wie er sein Leben gestalten will, und schliesst damit auch die Möglichkeit von Schuld und Sünde ein. So kann die oder der Einzelne (und auch die Gemeinschaft der Glaubenden) vom Weg abweichen und bedarf dann des Rufs: «Kehre um!»

Die Metapher von der Kirche, die – wie Augustinus bereits formulierte – «zwischen den Verfolgungen der Welt und den Tröstungen Gottes auf ihrem Pilgerweg» dahinschreitet (Zitat nach Lumen Gentium 8), gründet im Wort Jesu: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6). So wie die Kirche als Ganze auf dem Weg ist dem wiederkommenden Christus entgegen, so ist auch jede und jeder Einzelne auf ihrem und seinem je eigenen Weg, der auch auf manche Abwege führen kann. Dann immer bedarf es der «Tröstungen Gottes», die Mut und neuen Ansporn zu geben vermögen. Wer umkehren will, der muss zunächst stehen bleiben und sich neu orientieren. Genau an diesen Haltepunkten sind die Feiern von Umkehr und Versöhnung verortet. Umkehren muss jeder zwar selbst, aber er muss das nicht allein tun.

Zugegeben, der Vergleich mit dem Navi und den Feiern von Umkehr und Versöhnung hinkt etwas. Das Navi ist eine Maschine, die nur das tun kann, was jemand ihr zuvor eingegeben hat. Gott schaut auf jede Einzelne und jeden Einzelnen, als wären diese seine einzige Sorge. Doch das ist ja gerade das Spannende an diesem Gott, von dem die Bibel Zeugnis gibt: Dieser Gott ist ein treuer Gott, der sich immer wieder den Menschen zuwendet, ganz gleich, wie gross die Schuld auf Seiten des Menschen (und der Kirche) auch sein mag.

Birgit Jeggle-Merz*

 

* Prof. Dr. theol. Birgit Jeggle-Merz (Jg. 1960) ist Professorin für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Hochschule Chur sowie an der Universität Luzern und stellvertretende Leiterin des Pastoralinstituts an der Theologischen Hochschule Chur.

Editorial

Eine Zeit der Gnade

Das Sprach- und Kommunikationskonzept Lingva Eterna legt den Fokus auf den alltäglichen aktiven Sprachgebrauch. Wie sind meine Sätze aufgebaut? Welche Wörter benutze ich oft, gelegentlich, nie? Ich habe gemerkt, das Wort Busse kommt in meinem aktiven Sprachgebrauch fast nicht vor. Einzig, wenn ich zu viel Sport gemacht habe, muss ich körperlich etwas büssen. Ich nehme mir dann vor, zukünftig darauf zu achten. Aber Vorsätze gehen schnell vergessen. Markus Arnold nennt im Interview über das Sakrament der Beichte die Zeit der Busse eine Zeit der Besserung. Wie kann diese Zeit zu einem geänderten Verhalten beitragen? Wie kann sie zu einer Zeit des Wachstums werden? Um eine Änderung im aktiven Sprachgebrauch zu erzielen, regt «Lingva Eterna» zu täglichen Übungen über vier Wochen an. Die Aufgaben werden schriftlich geführt, der Sprachalltag beobachtet, die Erfahrungen festgehalten. Das erinnert mich an die «besondere und tägliche Prüfung» im Exerzitienbuch des Ignatius von Loyola (Nr. 24–31). Die Freude über die Entwicklung macht die erforderliche Arbeit und Disziplin wett. Und über Situationen, in denen mir das Vorgenommene nicht gelingt, muss ich nicht erstaunt sein. Für den rundischen Theologen Michel Kayoya (1934–1972) geht das Vorwärts gerade im Hinfallen. Die Grösse des Menschen besteht in der Kraft, sich wieder zu erheben und neu zu beginnen. So wird die Zeit der Busse zu einer besonderen Zeit der Gnade und des Wachstums.

Maria Hässig