Semper – immer sei die Kirche zu reformieren. Tönt anstrengend? Wie man weitherum hört, ist es das auch. Seit dem Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, und in seinem Sinn und Geist, ist die Kirche längst in einer grossen Reform. Eine Kirche, die keine Kirche des Mittelalters mehr ist, aber noch immer auf dem Weg, ihre Gestalt im Heute zu finden. Gleichzeitig laufen uns die Leute davon. Dass dies den anderen Kirchen auch so geht, ist kein Trost.
Ecclesia semper reformanda ist ein wichtiges und hart errungenes theologisches Axiom. Ein paar Jahrhunderte nach der Reformation hat sich die katholische Kirche den Grundsatz, dass die Kirche stets der Erneuerung bedarf, ebenfalls (wieder) angeeignet. Er bedarf keines weiteren Beweises. Das erlöste Aufatmen darüber, dass Veränderungen in der Kirche legitim und nötig sind, um dem Kern des Evangeliums treu zu bleiben, ist über die Jahre aber einer Ernüchterung über ausbleibende oder divergierende Entwicklungen gewichen. Was, wenn Erneuerung heute nicht mehr als Versprechen, sondern vor allem als Belastung wirkt?
Der Lohn für Tapferkeit, Lauterkeit und Treue mündet in Märchen darin, dass man sich etwas Grosses wünschen darf. Im Evangelium fragt Jesus: «Was wollt ihr, dass ich für euch tun soll?» (Mt 20,32 par). Wer schon Heilungsgeschichten im Bibliodrama miterlebt hat, hat vielleicht auch erfahren, dass ein grosses Angebot auch überfordernd wirken kann. Will man das Neue wirklich? Ist man ihm gewachsen?
Zurück zur Kirche. Und, da es nur eine Kirche Christi gibt, zur bestehenden Vielfalt an Kirchen. Denn auch darum geht es beim Grundsatz der Erneuerung. Trotz und gerade angesichts von Spaltungen und Konfessionen. Keine Kirche ist allein die Kirche Jesu Christi, und keine ist im Vollsinn «katholisch». Erneuerung der Kirche ist nach dem Willen Christi nicht zu haben ohne Einheit, und damit nicht ohne Ökumene. Auch echte Synodalität gibt es nicht ohne Ökumene.
Der Heilige Geist schickt zuverlässig gute Ideen und unterstützt Erneuerung auf allen Ebenen der Kirche, wenn sie dem Willen Christi und der Gemeinschaft dienen. Zu den jüngsten Aufbrüchen gehört die Weltsynode (2021–2024) und der Synodale Weg, welche von der Kirche als «ökumenischer Kairos» gewertet wird. Passend dazu wurde die Charta Oecumenica der Kirchen Europas von 2001 überarbeitet und 2025 feierlich neu verabschiedet.
Ecclesia semper reformanda bleibt ein abstraktes Prinzip ohne Wirkung, wenn das Wirken des Geistes nicht gehört, gesehen und umgesetzt werden. Damit uns nicht die Luft wegbleibt, sind wir eingeladen, uns an Ort und Stelle vom Geist Gottes inspirieren zu lassen: nach Kreativität Ausschau zu halten zusammen mit Menschen, die noch begeisterungsfähig sind oder es wieder werden wollen. Begeistert zum Beispiel für Ökumene, mit einem Fundus an Anregungen, wie sie die Charta Oecumenica schenkt. Die Früchte des Geistes werden gross sein.
Nicola Ottiger*
