Am Anfang war ein Evangelium

Ausschnitt Collage: Thomas Markus Meier

 

Die Legende erzählt, dass Albert Einstein vom Studium der Physik abgeraten worden sei. Da gäbe es kaum mehr Neues zu entdecken. Der Schlussstein sei bald gesetzt. Aber dann blieb bekanntlich kein Stein mehr auf dem andern!

Szenenwechsel: Im Jahr 2000 erschien unter dem bis heute nicht gelüfteten Pseudonym Christoph Luxenberg das Buch «Die syro-aramäische Lesart des Koran». Was wäre, wenn seltene, ausserhalb des Korans kaum gebrauchte Wörter aramäischer Herkunft wären, nur einfach mit arabischen Buchstaben transkribiert? Das gäbe überraschende, neue Deutungen. Ich hatte seinerzeit Musliminnen und Muslime in meinem Bekanntenkreis darauf angesprochen, stiess jedoch auf wenig Interesse bis Ablehnung. Auf einer längeren Wanderung jedoch zwischen hohen Schneewällen im Libanongebirge (wie ich sie nota bene noch nie in der Schweiz erlebt hatte) sprach ich Jahre später unseren syrischen Reiseleiter darauf an. Er kannte die Theorie und fand sie nicht nur einleuchtend, sondern meinte auch, das schmälere seinen Glauben keineswegs. Es gehe darum, den (End-)Text möglichst genau zu studieren und zu durchdringen.

Und nun sehe ich mich in einer ähnlichen Situation, was die Evangelien betrifft: In Frage steht ihre Entstehung und alles, was ich darüber im Studium gelernt hatte. Stichwort «Zwei-Quellen-Theorie». Die geht nämlich nicht so leicht auf. Es gibt da keine geringe Zahl von Übereinstimmungen von Lukas und Matthäus gegenüber Markus, die es so gar nicht geben dürfte («Minor Agreements»). Matthias Klinghardt hat nun eine ganz andere Theorie entwickelt und belegt sie minuziös. Danach wäre das Evangelium des Marcion nicht von Lukas abgekupfert, sondern stünde am Anfang. Das Marcion-Evangelium inspirierte dann Markus, Matthäus, später auch Johannes, und erst am Ende stünde dann unser vertrautes Lukasevangelium. Wer sich auf diese ungewohnte Idee einlässt und die umfangreiche Studie durcharbeitet, wird überrascht – und vielleicht auch überzeugt. Denn mit akribischer Textkritik entkräftet Klinghardt Satz für Satz mögliche Einwände.

Was ist gewonnen? Allerhand! Was ist verloren? Eine liebgewordene (?) Theorie und manch im Studium Gelerntes. Mir jedenfalls leuchtet der Zugang ein; es brauchte nur einiges an Zeit. Die Auseinandersetzung aber fördert das Eindringen in die Evangelien – und ins Evangelium. Um die frohmachende Botschaft jedoch geht es, und die darf neu und frisch daherkommen. Vielleicht auch neue Wege fordern –  und seien sie durch hohe Schneewälle zu fräsen. Umdenken, Umlernen der Theorie ist allemal leichter, als das Evangelium dann auch zu leben.

Thomas Markus Meier*

 

* Dr. theol. Thomas Markus Meier (Jg. 1965) arbeitet als Pastoralraumleiter der Pfarrei St. Anna Frauenfeld, ist Präsident des Diözesanverbandes Basel, des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks und Mitglied der Redaktionskommission der SKZ. Die Collage auf der Frontseite stammt ebenfalls von Thomas Markus Meier.

Editorial

Am Anfang war das Feuer

Hätten vor 100’000 Jahren Naoh, Amoukar und Gaw vom Stamm der Ulam das Evangelium in die Hand gedrückt bekommen, hätten sie höchst verständnislos dreingeschaut und das Wort Gottes wohl der Wärme und des Schutzes Willen sogleich verbrannt. Hätten sie denn das Feuer schon gehabt. Denn die drei Urmenschen im Steinzeit-Film von Jean-Jacques Annaud «Am Anfang war das Feuer» (1981) sind hungrig, frieren erbärmlich im nebligen Sumpf und sind auf der Flucht vor Wölfen und Bären. Auf der Suche nach dem zündenden Funken, der lohen Flamme, die das (Über-)leben in ihrer dunklen Welt nicht nur sichern, sondern auch um Einiges vereinfachen würde, legen sie einen abenteuerreichen Weg zurück und kommen am Ende entscheidende Zivilisationsschritte voran. Vor 2000 Jahren ist es ein anderer Mann, der einen zündenden Funken legt: Johannes der Täufer. Er verpasst dem Leben von Jesus von Nazareth einen signifikanten Wendepunkt, indem er ihn von seiner Botschaft überzeugt, dass er sich seiner Bewegung, die zur Umkehr aufruft und davon ausgeht, dass der Messias bald erscheinen wird, anschliesst und sich taufen lässt: «Wer umkehrt zu Gott, den taufe ich mit Wasser. Aber nach mir wird einer kommen, der viel mächtiger ist als ich. Ich bin nicht einmal würdig, ihm die Schuhe nachzutragen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.» (Mt 3,10-11)
 

Brigitte Burri