Professionalität in der Kirche

«Die Erschaffung Adams» (Ausschnitt) von Michelangelo Buonarroti, um 1511, Sixtinische Kapelle Rom/Vatikan. (Bild: Wikipedia)

 

Wenn ich über Kirche nachdenke, kommt mir nicht als Erstes das Stichwort «Professionalität» in den Sinn. Näher sind mir theologische Begriffe wie «Volk Gottes», «Versammlung der Gläubigen» oder «weltumspannende Gemeinschaft von Frauen und Männern, die Zeichen und Werkzeug für das Reich Gottes sind». Umgekehrt denken wohl die wenigsten Menschen beim Wort «Professionalität» an die Kirche, sondern viel eher an die Privatwirtschaft. Die Kirche unterscheidet sich einerseits von einem weltlichen Unternehmen, weil sie einen göttlichen Auftrag hat und weil in ihr viele Menschen arbeiten, die weder angestellt noch bezahlt sind: Frauen und Männer, die sich aufgrund ihrer Taufe und Firmung dazu berufen und gesandt fühlen, ihre vielfältigen Begabungen und Fähigkeiten einzubringen; Menschen aus unterschiedlichen Berufen und Arbeitswelten, die sich auf der lokalen Ebene der Pfarrei und Kirchgemeinde oder auf nationaler und internationaler Ebene engagieren. Andererseits ist die Kirche doch auch selbst ein Unternehmen, ein weltumspannender Konzern. Sie muss sich deshalb der Frage nach ihrer Professionalität stellen. Als Organisation im Dienstleistungssektor mit dem Anspruch der universalen Heilsvermittlung (vgl. LG 48) und der Pflicht, «nach den Zeichen der Zeit zu forschen und sie im Licht des Evangeliums zu deuten» (GS 4), muss sie sich auf allen Ebenen um eine hohe Professionalität bemühen. Unser göttlicher Auftrag verpflichtet uns dazu!

In der Schweiz wird seit vielen Jahren Wert auf eine gute Ausbildung angehender Theologinnen, Religionspädagogen, Katechetinnen, Sozialarbeiter, Kirchenmusikerinnen und der in der Spezialseelsorge tätigen kirchlichen Mitarbeitenden gelegt und auch auf vielfältige Weiterbildungsangebote. Das ist wichtig, weil die Anforderungen an die kirchlichen Mitarbeitenden in den letzten Jahren enorm gestiegen sind und das Aufgabenspektrum der einzelnen Berufsgruppen sich ausgeweitet hat. Neben fachlicher und spiritueller Kompetenz ist heute vor allem hohe Sozialkompetenz gefragt, menschliche Reife und die Fähigkeit zur Teamarbeit. Nicht alle, die sich zu einem Dienst in der Kirche berufen fühlen, bringen die nötigen Fähigkeiten dazu mit. Gleichzeitig wird Frauen, die über die erforderten Qualifikationen und Fähigkeiten verfügen, in der katholischen Kirche aufgrund ihres Geschlechts nach wie vor der Zugang zu einigen kirchlichen Diensten verwehrt, obwohl sie sich dazu berufen fühlen. Beruf und Berufung gehören eng zusammen. Echte Professionalität verbindet Fach- und Sachkompetenz mit Charisma. Zur Professionalität in kirchlichen Berufen gehören Dankbarkeit und Demut: Dankbarkeit für die uns von Gott geschenkten Fähigkeiten und Begabungen und Demut im Bewusstsein, dass wir von Gott einen grossartigen Auftrag empfangen haben. Damit wir ihn erfüllen können, brauchen wir neben all unserem Wissen und Können die Kraft des Heiligen Geistes.

Brigitte Fischer Züger*

 

* Dr. theol. Brigitte Fischer Züger (Jg. 1958) studierte Theologie und Missionswissenschaft in Rom, Chur, und München. Von 2004 bis 2013 war sie verantwortlich für die Einsätze der Bethlehem Mission Immensee in Asien. Seit 2013 ist sie Stabsmitarbeiterin im Generalvikariat der Bistumsregion Urschweiz, seit 1. Juli 2021 Bereichsleiterin Personal und Mitglied im Bischofsrat.

 

Editorial

«Voglio vedere le mie montagne»

Es ist mucksmäuschenstill. Von oben strömt Engadiner Licht in den Kuppelsaal und lässt die Farben der monumentalen Gemälde vor mir leuchten: «Werden – Sein – Vergehen». Giovanni Segantinis Hauptwerk, das Alpentriptychon, hält mich vollkommen gefangen. Ich bin allein mit dem Künstler und seinen grossartigen Bildern, die mich tief anrühren. Nicht nur, weil sie wirklich abbilden, was ist: Die Mutter mit ihrem Kind, während die Hirten ihre Kühe und Kälber über die Alp treiben («Werden»). Die Mühen des Alltags bei der Alpwirtschaft, das Heuen, das Melken, ein ewiger Kampf («Sein»). Schliesslich tiefster Winter. Vor einen Schlitten gespannt wartet das abgekämpfte Pferd, bis der Leichnam, der aus dem Haus getragen wird, aufgeladen ist («Vergehen»). Und in allen drei Gemälden: Berge. Die Lebensphasen begrenzend, ihnen Halt gebend. Reihen von wildgezackten, teils schneebedeckten Gipfeln, schroffe Wildheit und barmherzige Kühle vermittelnd. Heilig. «Voglio vedere le mie montagne» («ich möchte meine Berge sehen») waren die letzten Worte Segantinis auf dem Sterbebett, hoch oben in seiner Hütte auf dem Schafberg. Im Alter von 41 Jahren ging der Künstler dorthin, was er in Vorahnung gemalt hatte. Wie endlich unser Dasein ist! Wir werden, sind und vergehen. Geniessen wir unser Sein und den kommenden Sommer mit jeder Faser unseres Körpers und der Seele!
 

Brigitte Burri