Auf dem Weg zu einer interkulturellen Pastoral

 

Als ich 2014 in die Schweizer Bischofskonferenz (SBK) kam, wurde mir die Verantwortung für das Dikasterium «Menschen unterwegs» und damit auch für die Dienststelle «migratio» übertragen. Hier entdeckte ich eine Welt, ich könnte sogar sagen, ein ziemlich komplexes Universum. Komplex war einerseits die Struktur der Dienststelle «migratio» und andererseits die Aufgabenbereiche, die zu «migratio» gehören. Zunächst die Struktur: Wie Papst Franziskus in Evangelii Gaudium (EG) zu Recht in Erinnerung ruft, müssen die Strukturen im Dienst des Lebens stehen; sie sind nicht um ihrer selbst Willen gerechtfertigt: «Es gibt kirchliche Strukturen, die eine Dynamik der Evangelisierung beeinträchtigen können; gleicherweise können die guten Strukturen nützlich sein, wenn ein Leben da ist, das sie beseelt, sie unterstützt und sie beurteilt. Ohne neues Leben und echten, vom Evangelium inspirierten Geist, ohne ‹Treue zur Kirche gegenüber ihrer eigenen Berufung› wird jegliche neue Struktur in kurzer Zeit verderben» (EG 26).

Ausgehend von diesem pastoralen Modell wurden in der SBK grundsätzliche Überlegungen angestellt. Im Bewusstsein der Bedeutung dieses Modells und unter Berücksichtigung des Gewichts der Migrationswirklichkeit in unserer Kirche in der Schweiz beschlossen die Bischöfe, «migratio» von einem einfachen Dienst in eine SBK-Kommission zu überführen, die von einem von ihnen präsidiert wird. Dieser strukturellen Veränderung lag der Wunsch der Bischöfe zugrunde, ein geeigneteres Instrument für die Evangelisierung im Bereich der Migration zu schaffen. Sie verhilft den Bischöfen, näher bei den Missionen und ihrer Situation zu sein. Denn die Missionen sind sensibler für die harte Realität der Flüchtlinge und die Migrationsbewegungen vor den Toren Europas. Diese strategische Ausrichtung war eine Grundentscheidung. Wir mussten ihr noch einen genaueren Inhalt geben, deshalb gründeten wir eine Arbeitsgruppe. Diese Gruppe sprach in aufeinanderfolgenden Schritten mit den verschiedenen kirchlichen Instanzen, was zu mehreren, sehr breiten Konsultationssitzungen führte.

Auf die Frage, warum so viel Energie in diesem Bereich investiert wird, erinnere ich gerne noch einmal daran, wie sehr die Kirche in der Schweiz von der Migration geprägt und auch konstituiert ist. Dies ist vielleicht eines der zentralen Probleme, die wir Schweizerinnen und Schweizer nicht immer erkannt haben. Die erste Evangelisierung kam von anderswo zu uns. Zu einem grossen Teil gilt dies auch für die Neuevangelisierung im 21. Jahrhundert.

Das neue Gesamtkonzept zielt auf eine grössere pastorale Nähe. Hierfür verlegt sie den Schwerpunkt der Verantwortlichkeiten von der nationalen Ebene auf die Regionen, Diözesen und Kantonalkirchen. Diese Nähe wird gleichzeitig jeder und jedem Gläubigen ermöglichen, persönlicher zu erkennen, was die wahre Gestalt unserer Kirche ist, und den Traum von Papst Franziskus zu erfüllen: «Damit die Gewohnheiten, die Stile, die Zeitpläne, der Sprachgebrauch und jede kirchliche Struktur ein Kanal werden, der mehr der Evangelisierung der heutigen Welt als der Selbstbewahrung dient» (EG 27).

Ich danke allen, die an der Ausarbeitung dieses Konzepts mitgewirkt haben, und allen, die sich jetzt für die Umsetzung dieses Konzepts einsetzen werden.

+Jean-Marie Lovey, Bischof von Sitten*

 

*Bischof Jean-Marie Lovey (Jg. 1950) ist seit 2014 Bischof von Sitten. Er ist Mitglied der Chorherren vom Grossen St. Bernhard und war von 2009 bis 2014 deren Propst.

Editorial

Kirche ist Heimat

Die Gründe für Migration sind vielfältig. Sie reichen von einem freiwilligen, zeitlich begrenzten Einsatz in einem selbst gewählten Land bis zur unfreiwilligen Flucht in ein fremdes Land ohne Zukunftsaussichten, von Abenteuerlust bis zu wirtschaftlichen Zwängen. Allen Migrantinnen und Migranten gemeinsam ist der (zeitweilige) Verlust der Heimat. Doch Heimat ist mehr als nur ein Wort. Heimat bedeutet Dazugehörigkeit, Geborgenheit, Angenommensein – selbst dann, wenn man aus seiner Heimat flüchten musste. «Dort ist meine Heimat, wo ich meine Bibliothek habe», meinte Erasmus von Rotterdam. Andere nehmen Familienfotos mit oder halten Abschiedsgeschenke in Ehren. Doch Heimat muss auch erlebt werden können, in Wort und Tat, mit allen Sinnen. Deshalb sind anderssprachige Gemeinden so wichtig. Wenn z. B. Italienerinnen und Italiener in ihrer Muttersprache Gottesdienst feiern und danach bei einem italienischen Essen zusammensitzen und diskutieren, erleben sie ein Stück Heimat. Die katholische Kirche ist, wie ihr Name sagt «katholikos», universal. Die Kirche in der Schweiz ist die gleiche Kirche wie in den Heimatländern der Migrantinnen und Migranten. Wir sind «nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes» (Eph 2,19). So ist Kirche für viele Menschen ein Stück Heimat, in der sie ihre Brüder und Schwestern treffen.

Rosmarie Schärer