Sehnsucht nach der Ferne

(Bild: Brigitte Burri)

 

Zurzeit lese ich wieder viel in den beeindruckenden Essays der US-Amerikanischen Schriftstellerin Joan Didion. Eine faszinierende Journalistin, die unter anderem durch ihre Artikel über das Lebensgefühl der 60er- und 70er-Jahre in Los Angeles und Kalifornien berühmt geworden ist. Didion umschreibt gekonnt die Stimmungen, die atmosphärischen Wandlungen der damaligen Zeit und vergisst dabei nicht, den alltäglichen Momenten Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn ich ihre Texte lese, dann fühle ich mich in das Kalifornien der 60er-Jahre zurückversetzt, obwohl ich diese Zeit nie erlebt habe. Zeitgleich überkommt mich die Sehnsucht, in die Ferne zu gehen. Mein Fernweh konzentriert sich dabei aber nicht auf einen konkreten Ort, sondern ist als eine Suche nach der von Didion beschriebenen Atmosphäre zu verstehen, wohl wissend, dass es diese Idee der amerikanischen Grossstadt schon lange nicht mehr gibt. Schnell wird klar: Fernweh und das Bedürfnis, in die Ferne zu gehen, haben immer auch mit Sehnsucht zu tun.

Die Sehnsucht nach etwas anderem als dem, was man jetzt gerade hat. Man sehnt sich nach einer anderen Umgebung, nach einem anderen Tagesablauf, nach mehr verfügbarer Zeit oder nach mehr Intensität. Dieser Wunsch nach einer Unterbrechung des gewöhnlichen Lebensflusses wird als eine der Hauptcharakteristiken von touristischer Aktivität gesehen. Gleichzeitig gilt die Unterbrechung des Alltäglichen auch als eine der kürzesten Definitionen von Spiritualität. Die Sehnsucht nach der Ferne kann demnach auch eine spirituelle Komponente beinhalten. Wir sehnen uns nach einer Unterbrechung, nach einer Erfahrung des Anderen, indem wir an einen anderen Ort reisen oder eine spirituelle Auseinandersetzung mit etwas wählen. Im Tourismus ist eine der entscheidendsten Sehnsüchte, die verfolgt wird, die Sehnsucht nach Zeit. Wie jedoch die Zeit tatsächlich wahrgenommen und erfahren wird, hängt wesentlich von der ihr geschenkten Aufmerksamkeit ab. An einem fernen und vor allem neuen Ort wird die Umwelt oft intensiver wahrgenommen. Wir schenken gewöhnlichen Dingen mehr Aufmerksamkeit, neue Sinneseindrücke werden ausgeprägter wahrgenommen und dadurch nachhaltiger in unserer Erinnerung verankert. Konkret bedeutet dies, dass die Erfüllung der Sehnsucht nach Zeit nicht nur mit dem Reisen an sich zu tun hat, sondern auch mit uns selbst und wie aufmerksam wir unsere Umgebung wahrnehmen. Ebenso ist die Erfahrung von Spiritualität eng verbunden mit der Aufmerksamkeit, die wir unseren Erlebnissen schenken. 

Ich denke zurück an die Essays von Didion, deren Worte ich aufmerksam lese und die mich dadurch in ein fernes Lebensgefühl transportieren. Es lässt sich also die Vermutung aufstellen, dass das Empfinden von Fernweh und das Erfüllen dieser Sehnsucht nicht mit dem Reisen an sich zu tun haben, sondern mit der Aufmerksamkeit und Achtsamkeit, die ich meiner Umgebung und meinen Erlebnissen schenke. 

Anna-Lena Jahn*

 

* Anna-Lena Jahn (Jg. 1996) ist Forschungsmitarbeiterin am Forschungsprojekt «Religion-Kultur-Tourismus» an der Theologischen Hochschule in Chur und Doktorandin an der Universität Luzern. 

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Editorial

Heilvolles Fernweh

Meist packt es mich im November oder im Dezember, wenn die Tage kurz, die Nächte lang und die Sehnsucht nach fremden Ländern potenziell dazu wächst. Dann reisst und zieht es mich an allen Haaren, dann dürstet das Herz nach fernen Landen, der Geist lechzt nach neuen Abenteuern und die Seele giert nach frischen Erfahrungen und Begegnungen. Es ist ein heiliges Weh für mich, dieser Drang nach Ausbruch aus dem Alltag und auf Entdeckung zu gehen in Gottes schönem Weltenrund. Dann wird stundenlang recherchiert, es werden im TV ausschliesslich Dokumentationen über verschiedene Kontinente, Länder oder Reiseberichte geschaut. Irgendwann dann kristallisiert sich ein Traumland heraus und manifestiert die Absicht, Natur, Menschen und Kultur dort zu erleben. Ich reise fast immer allein. Ob nur bis ins Bergell oder bis nach Tibet – es hat sich bewährt und eröffnet mir, flexibel zu sein: Ich muss keine Rücksicht auf eine/n Reisepartner/in nehmen und kann ungezwungen und locker jede Menge Menschen kennenlernen. Diese Begegnungen sind dann auch das Salz der Reisen, weil jede ein eigenes Universum eröffnet und im Gespräch gemeinsame Schnittmengen auftauchen, die Grundlage guter Diskussionen sind. Nicht selten folgen auf solche Begegnungen auch lange nach der Reise Brieffreundschaften. So bin ich dank all meinen Reisen schon vielen Menschen auf der Welt begegnet – und nicht zuletzt auch mir selbst.

Brigitte Burri