Die Kirche von morgen

 

Dass es nicht einfach so weitergehen kann wie bisher, ist ein Empfinden unserer Zeit. Das betrifft die Wirtschaft genauso wie die Natur – und eben auch die Kirche. Vielfach bewirkt dieses Gefühl ein Schulterzucken, aber in allen diesen Bereichen gibt es Menschen, die die Herausforderung der neuen Wege annehmen. Wovon aber lassen wir uns leiten in der Kirche? Welche Bilder und Visionen sind formgebend für die vielen Initiativen und Projekte?

Als das Wichtigste erscheint mir, dass wir uns bei dieser Suche immer wieder in die Spur Jesu «einlenken». Wenn ich in der Bibel lese, und zwar nicht nur ich alleine und nicht nur meine Lieblingsstellen, ist das immer wieder anspruchsvoll. «Freigeben» und «beteiligen» sind zwei wichtige Haltungen, die ich in dieser Spur lerne: Jesus ist unglaublich freigiebig. Er erzählt, er heilt, er provoziert und verteilt Essen und vieles mehr ohne nachzufragen und zu prüfen, ob die Menschen das wirklich wertschätzen, ob sein Engagement überhaupt Früchte trägt. Und Jesus beteiligt andere an seinem Tun: zum Beispiel die Frau am Jakobsbrunnen an der Verkündigung in ihrer Stadt. Eine Kirche in der Spur Jesu ist freigiebig und sie beteiligt viele Menschen – nicht nur die willigen Insider.

Ich stelle mir z. B. vor, dass wir unsere Liturgien, unsere Erfahrung im Feiern von Ritualen einbringen, aber nicht nach dem Motto «friss oder stirb», «Kommt halt in unsere Gottesdienste! Hier findet ihr alles: Schuldvergebung, Wandlung, Gottesverehrung usw». Wir allein wissen nicht, in welcher Form all das heute für und mit diesen konkreten Menschen begangen und gefeiert werden kann, aber wir haben wertvolle Schätze und Kompetenzen beizutragen.

Und unsere Gebäude: all die Kirchen, Pfarrsäle und anderen Kirchenräume. Sind das «unsere Räume»? «Wir haben eine Kirche – haben Sie eine Idee?» Mit dieser Frage gingen Verantwortliche der Marienkirche in Stuttgart in die Öffentlichkeit. Im Rahmen eines Prozesses der Profilfindung für eine Kirche meiner Diözese habe ich vorgeschlagen, diese Frage auch so zu stellen. Gleich gab es Einspruch: «Das klingt ja so, als ob wir selbst keine Ideen hätten!» Sind die Menschen vor Ort nur Nutzniesser unserer Angebote oder brauchen wir sie als Beteiligte, um unsere konkrete Berufung zu finden, wie wir freigiebig Kirche vor Ort leben sollen?

Freigeben und beteiligen meint darauf zu verzichten, dass wir allein die Bedingungen festlegen, Definitionsmacht beanspruchen. An vielen Orten entstehen derzeit innovative kirchliche Initiativen und Projekte. Es gibt «Heldenprojekte» und «Beteiligungsprojekte». Die einen leben mehr davon, dass charismatische Personen ein Programm entwickeln und einen Raum bespielen, die anderen vernetzen und beteiligen Leute, die sich für eine Idee interessieren und bereit sind, sich zu investieren.

Heldenprojekte erregen Aufmerksamkeit und ziehen an. Das ist gut so. Noch mehr in der Spur Jesu aber erscheinen mir Beteiligungsprojekte. Immer neu erschliesst sich uns das Evangelium von den anderen her.

Anna Findl-Ludescher*

 

* Dr. Anna Findl-Ludescher (Jg. 1965) ist Assistenzprofessorin für Pastoraltheologie an der kath.-theol. Fakultät in Innsbruck. Sie ist mitverantwortlich für den Lehrgang «Kirche erfinden an neuen Orten».

Editorial

Unmögliche Einheit?

Die Kirche von morgen ist in aller Munde. Alle sind sich einig, dass sich die Kirche ändern muss. Nur an der Frage über das «wie» und «in welche Richtung» scheiden sich die Geister. Zu unterschiedlich sind die Vorstellungen darüber, wie Jesus seine Kirche wirklich gewollt habe, als dass eine gemeinsame Kirche möglich scheint. Mir kam spontan die heilige Thérèse von Lisieux in den Sinn, deren Gedenktag wir am 2. Oktober feiern. Sie hatte ein ähnliches Problem. Sie wollte nämlich alles. Wollte Soldatin, Priesterin, Apostelin, Lehrerin, Missionarin und Märtyrerin werden und war gleichzeitig auf ihre kleine überschaubare Welt des Karmelitinnenklosters beschränkt. Doch sie fand einen Weg, um alles zu werden, ihren kleinen Weg. «Ich begriff, wenn die Kirche einen Leib hat, der aus verschiedenen Gliedern besteht, dann fehlt diesem Leib auch nicht das notwendigste, edelste von allen. Ich begriff, die Kirche hat ein Herz, und dieses Herz brennt vor Liebe. Ich begriff, allein die Liebe lässt die Glieder der Kirche wirken […] Ich begriff, die Liebe schliesst alle Berufungen in sich ein, die Liebe ist alles, sie umfasst alle Zeiten und alle Orte.» Es wäre zu einfach zu behaupten, wir müssten Gott und einander nur lieben, dann käme die Lösung von alleine. Die gegenseitige Liebe ersetzt weder konstruktive Auseinandersetzungen noch kritische Rückfragen. Sie kann diese aber enorm erleichtern.

Rosmarie Schärer