Macht in Frage

 

In der derzeitigen Debatte rund um das Thema des Machtmissbrauchs in der Kirche lässt ein Vers aus dem Buch der Sprüche aufhorchen: «Ein weiser Mann wirkt mit Macht, ein verständiger Mensch entfaltet Kraft» (Spr 24,5). Weisheit und Macht gehen hier eine Allianz ein. Ist das nicht zu schön, um wahr zu sein? Müssen Machtgefälle nicht vielmehr bekämpft werden? Kann nicht erst durch die Aufhebung der Macht präventiv gegen Machtmissbrauch vorgegangen werden, wie es viele Autoren gegenwärtig implizit oder explizit fordern?

Der zitierte Bibelvers hat nichts an Aktualität verloren. Macht kann verstanden werden als Kraft und Stärke in der Durchführung dessen, was der oder die Weise als gut erkannt hat. In der modernen Machttheorie von Max Weber ist die Verbindung zwischen Macht und Durchsetzung noch akzentuierter. Weber umschreibt Macht als Fähigkeit oder Chance, den eigenen Willen innerhalb einer sozialen Beziehung auch gegen Widerstände durchzusetzen. Folgen wir Webers Ansatz, gibt es keine machtfreien Räume. Mit anderen Worten: Wo Menschen interagieren, ist Macht immer im Spiel. Selbst in flachen Strukturen müssen Entscheidungen getroffen werden, welche höchst selten auf einem allseits vertretenen Konsens beruhen. Betriebsleitungen müssen festlegen, wie viel Lohn sie ihren Angestellten bezahlen, Eltern von Kleinkindern entscheiden darüber, wann das Kind ins Bett muss, Lehrpersonen bewerten Schulkinder. Machtstrukturen gibt es überall, im beruflichen wie auch im privaten Umfeld. Wenn reale Macht – wie in der Vergangenheit im kirchlichen Milieu – ein Tabuthema ist oder umgekehrt Machtstrukturen per se bekämpft werden, entwickelt sich ein schattiger Nährboden, auf dem der Machtmissbrauch umso wilder wuchern kann. Die Dynamik der Macht wird auf diese Weise nicht ausgeschaltet. Sie entfaltet sich stattdessen subtiler und hintergründiger, intransparenter und unreflektiert.

Effektiver als die Bekämpfung und Abwertung der Macht an sich ist ihre Kultivierung. Bereits Platon hat die Macht in einem ethischen Kontext analysiert, indem er sie an die klare Leitung der menschlichen Vernunft rückkoppelt und damit von der nackten Gewalt (violentia) abgrenzt.

Auch der biblische Machtbegriff schliesst den Gebrauch der Vernunft nicht aus, sondern ein, wobei jede menschliche und auch übermenschliche Macht (Mächte und Gewalten) auf Gott, den Allmächtigen verweisen. Gottes Allmacht ist immer verbunden mit der Liebe des Schöpfers zu den Menschen, die er zum Heil führen will. Der lebendige, allmächtige Gott ermächtigt seine Geschöpfe und fordert sie zu einem bewussten, lebenbringenden Umgang mit Macht auf. Sprüche 24 legt dies unter Berücksichtigung des damaligen Lebenskontextes nahe.

Ein bewusster Umgang mit Macht ist gefordert. Augustinus führt aus, dass wirkliche Macht (potentia) nicht nur Stärke im physischen Sinne, sondern auch geistige Kraft und ein damit verbundenes Denkvermögen sowie den Gerechtigkeitssinn miteinbezieht. Lehnen wir uns an die paulinische Charismenrede an (1 Kor 12), könnte dies heissen: Macht ist die Möglichkeit, sich mit den jeweiligen Begabungen auch gegen Widerstände zum Wohle der Gemeinschaft einzubringen und dabei Verantwortung vor Gott, vor den Mitmenschen und vor sich selbst für das eigene Handeln zu übernehmen. Macht an sich ist weder positiv noch negativ. Erst der Umgang mit ihr entscheidet darüber, ob sie sich als potentia im Sinne der Fähigkeit zur verantwortungsvollen Mitgestaltung oder als violentia, als «Ausnützung einer Überlegenheit» manifestiert. Wer diese Machtgeister zu unterscheiden imstande ist, zeigt Weisheit.

+Felix Gmür, Bischof von Basel*

* Dr. theol., Dr. phil. Felix Gmür (Jg. 1966) ist seit 2011 Bischof von Basel und von 2019 bis 2022 Präsident der Schweizer Bischofskonferenz (SBK).

Editorial

Der gemeinsame Nenner

Es ist der 11. März, an dem ich diese Zeilen schreibe. Gerade hat das Tessin kleinere Grenzübergänge, Skigebiete, Gymnasien, Hochschulen und Klubs geschlossen. Einschränkungen, die bald auch auf die ganze Schweiz ausgedehnt werden könnten, heisst es in den Medien. Ein Objekt, kleiner als ein Staubkorn, hievt die Welt aus ihren Angeln: das Coronavirus.

Wo stehen wir heute? Am 26. März, an dem diese Ausgabe der Schweizerischen Kirchenzeitung SKZ in Grossauflage erscheint?

Wo in zwei Wochen? Wo in zwei Monaten? In einem Jahr? Kein Mensch weiss es, alle versuchten Zukunftsszenarien sind nichts weiter als Spekulation. Die Gefühle fahren Achterbahn, die Emotionen reichen von Sorge bis Angst, werden gespiegelt in den Börsen, in der Weltwirtschaft, angefangen beim kleinen Privathaushalt bis in die obersten Etagen der Staatspräsidentenbüros. Es werden drakonische Massnahmen getroffen, ganze Länder zur Sperrzone erklärt, die Menschen physisch voneinander getrennt.

Was tun in solchen Zeiten? Die so in der jüngsten Zeit noch nicht da gewesen sind?

Zusammenrücken. Gemeinsam gegen den Feind, der uns die Lebensfreude und nicht zuletzt das Leben selber rauben will, angehen. Das Auge des Sturms ist das Jetzt. In das wir hineingezwungen sind. Wo Hoffnung, Liebe und Glaube aufscheinen. Dem grossen gemeinsamen Nenner, der die Menschheit noch immer durch alle Nöte und Zeitalter getragen hat.

Brigitte Burri