«Sie zogen hinaus»

Der äquatoriale Dschungel (1909) von Henri Rousseau. (Bild: National Gallery of Art, Washington D. C., USA)

 

So lautete der Titel eines Buches, das ich als Jugendliche verschlungen habe. Es porträtierte verschiedene Mission­are, die in alle Welt hinauszogen, um Menschen in den entlegensten Urwald- und Berggebieten Südamerikas, Afrikas und Asiens die Frohbotschaft von Jesus Christus zu verkünden. Ihre Lebensgeschichten erschienen mir spannender als ein Krimi, und ich suchte in einem grossen Weltatlas nach ihren Einsatzorten. Vielleicht erwachten damals mein Fernweh und die Sehnsucht, weit weg von der Heimat etwas Grosses zu leisten.

Am Anfang eines Einsatzes in Übersee steht oft der Wunsch, in der Welt etwas zu bewirken, aber wohl auch eine gesunde Neugier und etwas Abenteuerlust. Und natürlich Freude an der Begegnung mit anderen Völkern, Kulturen und Sprachen. Die ersten Schweizer Missionare, die in alle Welt aufbrachen, spürten in sich zudem die göttliche Berufung, den Heiden das Evangelium zu bringen. Im Auftrag Gottes und ihres Ordensoberen zogen sie in die ihnen zugewiesenen Länder und Regionen, um dort bis zum Lebensende zu wirken. Oft verweilte ich an den Gräbern der China-Missionare oberhalb des Missionshauses in Immensee. Deren Inschriften geben Hinweise auf die damaligen Gefahren in der Mandschurei: Unbekannte Krankheiten, unwegsames Gebiet und harte Winter lies-sen viele Missionare jung sterben. Ihre Berichte sprechen jedoch weniger von der Mühsal des Sprachstudiums und des kargen Lebens, sondern vor allem von der Begegnung mit den Menschen und von der Freude an der Zunahme des Glaubens und der christlichen Gemeinden.

Vieles hat sich in den letzten hundert Jahren geändert, einiges ist gleich geblieben. Immer noch ziehen Frauen und Männer hinaus in entlegene Berggebiete oder in die Dschungel der Grossstädte, um sich für eine kürzere oder längere Zeit in einem missionarischen oder in einem Entwicklungseinsatz zu engagieren. Dazu braucht es eine hohe Sozialkompetenz, Flexibilität und Einfühlungsvermögen sowie vor allem eine positive Grundeinstellung, das Interesse an anderen Menschen und Respekt vor ihrer Lebensweise und Kultur. Im kirchlichen Kontext sprechen wir von «missionarischer Präsenz» in den Krisenherden der Welt, bei bedrohten, ausgegrenzten oder weniger privilegierten Menschen. Es geht darum, ein Zeichen der weltkirchlichen Solidarität zu setzen, sich gemeinsam für Gerechtigkeit, Friede und die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen und durch Fachkompetenz Menschen vor Ort zu befähigen, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. In der personellen Entwicklungszusammenarbeit steht der Wissens- und Erfahrungsaustausch im Vordergrund und das Bemühen, durch den Einsatz im globalen Süden die Lebensbedingungen von benachteiligten Menschen zu verbessern. Ein Engagement in einer wenig privilegierten Weltregion oder in einem schwierigen sozia­len Kontext wirkt sinnstiftend und kann etwas bewegen, es trägt zur persönlichen Weiterentwicklung bei und zu einer völkerverbindenden Solidargemeinschaft. Durch die heutigen Möglichkeiten der sozialen Medien werden dadurch Menschen und Gruppen am Rande in die Mitte geholt und ins rechte Licht gesetzt.  

Brigitte Fischer Züger*

 

* Dr. theol. Brigitte Fischer Züger (Jg. 1958) wirkte von 2004 bis 2013 als BMI-Programmverantwortliche für die Einsätze in Asien und lebte im Auftrag der Bethlehem Mission Immensee (BMI/Comundo) mit ihrer Familie sechs Jahre in Taiwan. Sie ist seit 2021 Bereichsleiterin für das kirchliche Personal in der Bistumsregion Urschweiz und Bischofsrätin.

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Editorial

Und sie bewegt sich doch!
 

Exakt am 15. Februar vor 460 Jahren, wurde in Pisa ein Mann geboren, dessen Erkenntnisse die ganze Welt veränderten: Galileo Galilei. Er erklärte mit dem sogenannten heliozentrischen Weltbild, wie das Planetensystem funktioniert, nämlich dass die Sonne der Mittelpunkt unseres Planetensystems ist und die Himmelskörper um die Sonne kreisen. Zuvor ging man davon aus, dass unser Planet das zentrale Element im Weltraum sei – und das Meer der Anfang vom Ende der Welt. Galilei stützte sich vor allem auf die Erkenntnisse Kopernikus’, nur konnte dieser seine Theorie niemals belegen. Für Aufruhr sorgte das neue Weltbild in katholischen Kreisen, denn es widerspricht der Bibel. Galilei wurde nach Rom zitiert und angeklagt. 1633 wurde ihm der Prozess gemacht und Galilei wurde gezwungen, dem heliozentrischen Weltbild öffentlich abzuschwören. Er selbst hielt aber an seiner Überzeugung fest und soll beim Verlassen des Gerichtssaals gemurmelt haben: «Eppur si muove» (und sie [die Erde] bewegt sich doch)! Er sollte recht behalten. Der Philosoph, Physiker, Mathematiker und Astronom war auf seine Weise auch ein Missionar, einer, der das Geschick der Wissenschaft und Menschheit nachhaltig formte und veränderte. Erst 1992 wurde Galileo Galilei von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert. Und sein Bonmot «Eppur si muove» könnte heute doch das Motto für die Kirche der Zukunft sein.
 

Brigitte Burri