Erneuerung der Ehe- und Familienpastoral

(Bild: zvg)

 

Ich laufe durch die Gassen, und es kommt mir einer wie Schubert entgegen. Seine eindeutig neue Brille erinnert mich daran. Da kommt ein Kinderwagen wie aus den Sechzigern und doch nicht. Er ist neu, edel, bei genauem Hinsehen sehr praktisch. Oder kennen Sie die Retrofahrräder, deren konkrete Angebote Singlespeed oder VintageDesign heissen? All das hat einen Retrostil. Doch es ist edel, passend, praktisch und vor allem sind es Dinge, die zum Alltag gehören. Velo, Brille, Kinderwagen!

Eine Erneuerung der Ehe- und Familienpastoral muss nicht Retrostil sein. Stil reicht. Nicht nötig ist die Neuerfindung des Rades. Unsere Ideen müssen für den Alltag taugen, sich am Edlen und am Inhalt mit Tiefgang orientieren. Die Erneuerung der Ehe- und Familienpastoral setzt ein Bedürfnis voraus. Ein Herzensanliegen. Es drängt uns, bringt uns zum Nachdenken und Reden mit anderen. Unverzichtbar sind Verbündete aus der Zielgruppe: Familien und Paare. Mit Ihnen gilt es zu überlegen, was an Erneuerung möglich ist.

Unser Bedürfnis war es, nicht zuletzt nach «Amoris laetitia», Paare in der Ehe oder auf die Ehe hin zu stärken.  Der Rahmen muss stimmen. Was lockt Paare zu einem Eheseminar? Eine Auszeit, ein schöner Ort, eine zweisame Zeit. Doch der Rahmen ist nur das eine. Was sind die Inhalte? Da heisst es aus der Quelle schöpfen. Gott begegnet uns im Sakrament der Ehe und in der Quelle allen kirchlichen Lebens, der Eucharistie. Wie nehme ich meine Frau, meinen Mann an? Wie gelingt es, Fruchtbarkeit, Liebe und Leben gemeinsam zu entfalten? Wie reden wir, wie versöhnen wir uns? Wie erkenne ich dich, wie schaue ich ehrlich auf mich? Wie beten und bitten wir gemeinsam zu Gott? Wofür hat Gott unsere Herzen brennend und sensibel gemacht? Dieses Tandem, Rahmen und Inhalt, hat Potenzial zur Erneuerung. Der Rahmen soll edel und ansprechend sein. Der Inhalt behandelt das Wesentliche, Christus und seine Botschaft. Die Akzente seiner Gegenwart liegen dabei im Feiern der Sakramente und im Gespräch und Austausch als Paar. Der zweite Pfeiler neben dem Herzensanliegen ist das Gebet. Ohne Gebet geht es nicht. Für alle unsere Projekte bitten wir Menschen um ständiges Gebet. Für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer suchen wir jemanden, der betet. Denn nicht wir erneuern Ehe und Familie, sondern Gott. Wir müssen ihn darum bitten.

Bedürfnisse hätten wir noch viele: Wie gestalten junge Paare Freundschaft? Wie bleibt ein Ehepaar als Paar lebendig unterwegs? Wie erleben meine Kinder den Glauben? Wie und wo kann ich mit meinen Kindern in den Gottesdienst gehen, so dass es einfach toll ist? Wo können sich Ehepaare miteinander austauschen?

Die Menschen, die es drängt, Erneuerung mitzutragen, gibt es mit Sicherheit. Wenn sie es wagen, ihrer inneren Stimme zu folgen und Gott um Begleitung zu bitten, geschieht Erneuerung.

Lisa und Rainer Barmet*

 

* Lisa Barmet ist Lehrerin und Sexualpädagogin, Rainer Barmet Theologe und Pfarreiseelsorger in Cham. Sie engagieren sich seit Jahren in unterschiedlichen Projekten für Ehe und Familie. Vor fünf Jahren initiierten sie die "Eheretraite", ein Angebot über fünf Tage hinweg für Verliebte, Verlobte oder Verheiratete (www.ehe-retraite.ch).

Editorial

Antworten

Ein Professor gibt die Unterlagen für das Abschlussexamen ab und verursacht dadurch einige Verwirrung bei den Studierenden. «Aber, Herr Professor, das sind ja die gleichen Fragen wie bei der letzten Prüfung.» «Stimmt», antwortet der Professor, «aber die Antworten haben sich geändert.» Veränderungen sind eine Konstante in unserem Leben, ob wir das gut finden oder nicht. Das Gewohnte bietet Stabilität und dadurch Sicherheit.

Doch wir von Natur aus neugierigen Menschen wollen gleichzeitig Neues entdecken und erleben. Jedes Wissen führt automatisch zu einer Veränderung, manchmal zunächst fast nicht spürbar. Die sogenannte «Hippie-Bewegung» sorgte für kurze Zeit für Furore und verschwand wieder. Doch einige der Ideen wurden in gemilderter Form von der Gesellschaft übernommen. So kommen wir jeden Tag mit neuen Ideen und Dingen in Berührung, die unser Leben unbemerkt verändern. «Das Fernsehen wird sich nicht halten, weil die Leute es bald müde sein werden, jeden Abend eine Sperrholzkiste anzustarren», soll Darryl Zanuck, Mitbegründer der Film-Studios 20th Century Fox, 1946 gesagt haben. Er hat sich geirrt. Welche neuen Ideen sich im Rückblick als gut erweisen, wissen wir heute noch nicht, doch sie werden in jedem Fall Auswirkungen auf uns haben. «Prüft alles und behaltet das Gute!» (1 Thess 5,21) setzt voraus, dass wir Neuem eine Chance geben.

Rosmarie Schärer