Leben nach der Regel des hl. Augustinus

Der heilige Augustinus. Handgefertigte, griechisch-orthodoxe Ikone. (Bild: amazon.de)

 

Der heilige Augustinus lebte vor mehr als 16 Jahrhunderten. Sein Geist, sein theologischer und spiritueller Einfluss haben die Jahrhunderte überdauert. Die Wahl des Augustiners Kardinal Robert Francis Prevost zum Nachfolger von Papst Franziskus verleiht dem Gründer einer religiösen Lebensweise wieder grosse Aktualität. Augustinus hatte den unstillbaren Wunsch, sein Leben mit Freunden zu teilen. Sein Vorhaben wurde jedoch durch seine Ernennung zum Bischof von Hippo durchkreuzt. Um dem zu folgen, was er als Berufung empfand, lud er die Priester, die dies wollten, ein, mit ihm im Bischofshaus zu leben. Für sie und zur Regelung ihres Lebensstils verfasste er eine Klosterregel, die Experten zufolge in einer ersten Fassung wahrscheinlich für eine Frauengemeinschaft gedacht war.  

Ich selbst bin Mitglied der Kongregation der Kanoniker vom Grossen St. Bernhard, einer Gemeinschaft, die zum Augustinerorden gehört. Diese Verwandtschaft mit Papst Leo XIV. ist auch eine Gelegenheit, einige wichtige Aspekte unserer Augustinerregel neu zu lesen.
 
Die Regel des heiligen Augustinus zeichnet sich durch ihre Kürze aus. Vielleicht ist dies auch einer der Gründe, warum sie die Zeiten überdauert hat. Um in wenigen Absätzen ein Projekt des gemeinsamen Lebens zu definieren, muss man sich auf das Wesentliche konzentrieren. Das Schlusskapitel der Regel ist in dieser Hinsicht eindeutig: «Der Herr schenke euch die Gnade, alle diese Gebote mit Liebe zu befolgen, als Liebhaber der geistlichen Schönheit, die durch euer Leben den guten Duft Christi verbreiten; nicht unterwürfig, als stünden wir noch unter dem Gesetz, sondern frei, da wir in der Gnade gegründet sind.»

Eine Lebensregel umfasst Normen, Gebote, Gesetze. Wichtig ist nicht in erster Linie, sie gewissenhaft zu befolgen, was den Ordensmann zu einem selbstgerechten Pharisäer machen könnte. Was zählt, ist die Geisteshaltung, in der die Regel gelebt wird. Das Gebot bei Augustinus ist mit Liebe zu befolgen, das ist das erste Merkmal der Regel. Eine zweite typisch augustinische Bemerkung, die sich aus dieser Grundhaltung ergibt, besteht darin, die Regel als Weg der Freiheit zu sehen und entsprechend einzuhalten. Die Freiheit ist ein solches Geschenk, dass man sie unter keinen Umständen verschwenden oder unter einem engen Verständnis der Pflicht zur Einhaltung begraben sollte. Gott hat uns frei geschaffen; er will, dass wir frei sind. So ist es am besten, den Alltag zu leben und aus Liebe zu handeln, um jeder Form von Sklaverei zu entkommen: «Liebe und tue, was du willst.»

Aus diesem letzten Kapitel der Regel geht noch eine Gewissheit hervor, die uns bewusst macht, dass das Wesentliche nicht durch menschliche Anstrengungen erreicht wird, sondern durch die unentgeltliche Gnade Gottes. Augustinus ist als Lehrer der Gnade bekannt. Deshalb sind wir aufgefordert, die Regel mit Liebe zu befolgen, nicht aus Angst wie Sklaven, sondern frei, da wir in der Gnade gegründet sind. 

+Jean-Marie Lovey*

 

* Bischof Jean-Marie Lovey (Jg. 1950) ist seit 2014 Bischof von Sitten. Er nahm an der zweiten Bischofssynode über die «Berufung und Sendung der Familie in Kirche und Welt von heute» (2015) teil. Sein Amtsverzicht wurde von Papst Leo XIV. Ende September 2025 angenommen; er bleibt bis zur Weihe seines Nachfolgers Titularbischof. Er ist Mitglied der Chorherren vom Grossen St. Bernhard.

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Editorial

Einfach sein dürfen

Das Setting ist immer dasselbe: der Vierwaldstättersee, der Pilatus, das Stanserhorn, der Bürgenstock, die Rigi und weitere Berge, Häuser, Bäume, Sträucher und Wiesen am Ufer, Enten, Schwäne und Gänse auf dem See, das Ruderboot und die Ruderkolleginnen und -kollegen. – Und jede Ruderausfahrt ist anders, einmalig, wunderschön. Ich erinnere mich an das frische, helle Grün der Bäume in diesem Frühling, den orangefarbenen Nebel an einem kühlen Wintermorgen, den Regenbogen über Hertenstein, die feinen Regentropfen, die Muster auf der Wasseroberfläche zeichnen… Und oft, wenn unser Boot ruhig über das Wasser gleitet, betet es in mir: «Gepriesen sei der Herr für die Schönheit des Nebels, des Schwans, der Wolken durchbrechenden Sonnenstrahlen…» Und manchmal ist es ein stilles, innerliches Verneigen vor dieser unermesslichen Schönheit und dem Schöpfer. Esther Maria Magnis schreibt in «Gott braucht dich nicht»: «[…] demütig ist man vor den Dingen, die grösser und schöner sind als man selbst, vor denen wird man gerne still, vor denen ist man glücklich, einfach nur sein zu dürfen.» In wenigen Tagen beginnen die Sommerferien. Sie machen für viele ein Heraustreten aus dem Alltag möglich. Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, erholsame, inspirierende Ferientage und kostbare Augenblicke, in denen Sie einfach sein dürfen: dankbar und glücklich.

Maria Hässig