Konfessionszwiste und Lösungsstrategien

Eidgenössische Tagsatzung in Baden (16. Jh.) von Peter Vischer (1751–1826). (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum)

 

Im 20. Jahrhundert schrumpfte die Religion zur Privat- sache. Der sich diversifizierende Markt der spirituellen Angebote machte aus der Glaubensfrage eine Stilfrage, eine Geschmackssache. Doch seit einiger Zeit ist ein Gegentrend feststellbar: Religiöse Themen werden wieder stärker vergesellschaftet und politisiert. Gegenläufig zum Aderlass der angestammten (Staats-)Kirchen wächst die Sichtbarkeit freikirchlicher und nichtchristlicher Gemeinschaften. Der individuelle Glaube wird vermehrt als kollektive Identität offensiv inszeniert. Der öffentliche Raum wird zum Ort der Symbolkämpfe religiöser Gruppenidentitäten.

Da religiöse Konflikte Wertekonflikte sind, können sie nicht, wie der Streit um materielle Güter, durch möglichst gerechte Verteilung des Kuchens befriedet werden. Das Ringen um die theologische Wahrheit scheint endlos und bleibt in gläubigen Augen wichtiger als alles Irdische. Daher erhalten die Formen des Streitaustrags und die Instanzen der Streitschlichtung in Glaubensfragen grosse Bedeutung.

Die Reformation vor 500 Jahren wurde letztlich zum Streit darum, wer befugt sei, über den richtigen Glauben zu urteilen. Die durch Heilsfragen Bewegten zielten nicht auf die Abschaffung, sondern auf die Erneuerung der römischen Kirche. Diese, selber als Abspaltung von der orthodoxen Kirche entstanden, hatte bislang ähnliche Reformer entweder domestiziert oder ausgegrenzt und verfolgt. Doch vor 500 Jahren gelang keines von beidem. Das lag einerseits an der völlig neuen medialen und damit sozialen Dynamik, welche die Reformation dank der Druckerpresse entwickeln konnte. Andererseits an der Tatsache, dass sich staatliche Gewalten als Schutzpatrone der Reformer in die innerkirchliche Glaubensangelegenheit einmischten – der sächsische Kurfürst für Martin Luther (1483–1546), der Zürcher Rat für Huldrych Zwingli (1484–1531).

In der Eidgenossenschaft löste der Zürcher Alleingang viele konfessionelle und politische Streitigkeiten aus, für die fast ebenso viele Vermittlungsformen angewandt oder erfunden wurden. Als Entscheidungsinstanzen versuchten sich ausser der Kirche Institutionen wie die Tagsatzung, die Landsgemeinden, Ratskollegien und Gemeinden. Neu ausprobiert wurden Disputationen und Parität. Erfolglos blieben diese Versuche insofern, als die sich bildenden konfessionellen Blöcke nicht nur die Eidgenossenschaft bis zum Krieg entzweiten, sondern auch Kantone, Dörfer und Familien spalteten. Erfolgreich waren die Vermittlungsversuche insofern, als die Eidgenossenschaft diese konfessionelle Spaltung überlebte.

Andreas Würgler*

 

* Prof. Dr. Andreas Würgler (Jg. 1961) studierte Geschichte und Germanistik in Bern und Berlin. Er habilitierte sich zum Thema «Die eidgenössische Tagsatzung in europäischer Perspektive». Seit 2014 ist er Professor für mittelalterliche und frühneuzeitliche Geschichte der Schweiz an der Universität Genf und seit 2018 Präsident der Kommission Historisches Lexikon der Schweiz HLS der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften.

Editorial

Gleich ist nicht gleich

Im Rahmen eines internationalen Jugend-treffens in Durham (GB) feierten wir Teilnehmenden eine heilige Messe mit Gospelliedern. Dies ohne Liederhefte, musikalische Begleitung und ohne eine gemeinsame Sprache. Der Priester schaffte es, uns in die Gospellieder einzubeziehen, wir waren Teil der Musik. Die Messe begann mit einem musikalischen Feuer­werk, die Lieder wurden dann vor der Wandlung leiser, um nach der Kommunion wieder in einen Jubel von Freude auszubre­chen. Nach dem Schlusssegen brandete tosender Applaus auf.

Wieder zurück in der Schweiz erlebte ich einen Gottesdienst in Ebikon LU, der von einem ganz tollen Gospelchor mitgestaltet wurde. Als Sanctus sang er einen Ohr­wurm, der mit Applaus und Zugaberufen belohnt wurde. Nur mit Mühe gelang es den Priestern, wieder für Ruhe zu sorgen, damit die Messe mit dem Hochgebet fortgesetzt werden konnte – zum Unwillen der versammelten Gläubigen.

Zwei Gospel-Gottesdienste, zwei Welten. Während im zweiten Fall Liturgie und Musik nebeneinander und schliesslich gegeneinander stattfanden, nahmen im ersten Fall Liturgie und Musik Rücksicht aufeinander, gaben sich gegenseitig Raum und erreichten so ein harmonisches Miteinander.

Ähnliches erlebte die Schweiz während und nach der Reformation. Erbitterte Kriege auf der einen Seite, gegenseitiges Entgegen­kommen auf der anderen Seite. Lernt der Mensch aus der Geschichte?

Rosmarie Schärer