Postmoderne Beliebigkeit

Die RMS Queen Mary (1936–1967), der Inbegriff des Luxus-Transatlantik-Liners. (Archiv Cunard Line, Hamburg)

 

Die Zeiten haben sich geändert
Und oft haben wir schon an der Uhr gedreht
Seit die Pilgerväter einen Schock erlitten
Als sie bei Plymouth Rock an Land gingen
Welchen Schock würden sie heute erleiden
Statt auf Plymouth Rock zu landen
Würde der Felsen auf ihnen landen!
In den alten Zeiten
War schon ein Blick auf Damenstrümpfe shocking
Doch jetzt:
Alles ist möglich!
Die Welt ist verrückt geworden:
Gut wird schlecht
Weiss wird Schwarz
Tag wird Nacht
Alles ist möglich!
Wenn du schnelle Autos liebst
Oder düstere Spelunken
Oder nackte Körper
Oder gar mich ganz nackt
Niemand wird dagegen sein
Alles ist möglich!*

 

 

* Die Revue «Anything goes» mit der Musik von Cole Porter wurde im November 1934 in New York uraufgeführt. Auf einem Luxus-Dampfer, der den Atlantik überquert, trifft sich alles mögliche Volk, Millionäre, reiche Witwen, Gauner und Ganoven und natürlich das Personal. (in Auszügen übersetzt von Heinz Angehrn)

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Editorial

Was wert ist

«Willkürlich ausgewählt» – so lautet die Bedeutung von «beliebig». Treffen Menschen die Wahl so willkürlich, wie die Bedeutung von beliebig suggeriert? Ursprünglich hatte «beliebig» die Bedeutungen von «angenehm, passend, erwünscht». Die heutige Bedeutung erhält es im Verlaufe des 18. Jahrhunderts in Anlehnung an das Substantiv «Belieben» – Neigung, Wille, Wunsch, Ermessen, Gutdünken. Ich wähle nach meiner Neigung, nach meinem Ermessen, nach dem, was mich gut dünkt. Meines Erachtens lautet die entscheidende Frage: Was ist wert, von mir gewählt zu werden? Im Blick auf das Leben: Dient meine Wahl dem Leben? Bringt sie es zum Wachsen, Blühen, Reifen? Dient meine Wahl dem Wohl der anderen Menschen? Fördert meine Wahl meine Entwicklung als Person? Denn, was ich wähle und entsprechend umsetze, das wird ein Teil meiner Lebensgeschichte, es wird ein Teil von mir. Ich entwickle mich in die Richtung meiner Entscheidungen. Nach Viktor E. Frankl ist der Mensch «das Wesen, das in jedem Augenblick entscheidet, was es im nächsten Augenblick sein wird». Wie will ich morgen und übermorgen sein? Glücklich, unzufrieden, egoistisch, gütig, versöhnt, verbittert, fröhlich, friedvoll …  Ich kann heute die Weichen dafür stellen. Und nebenbei: Glück und Freude stellen sich als Nebeneffekt einer Tat zum Wohl des Lebens, des Nächsten und für mich selbst.

Maria Hässig