Christliche Influencerinnen und Influencer

(Bild: Gernd Altmann, pixapay.com)

 

Wer heute auf Social Media nach christlichen Inhalten sucht, begegnet nicht zuerst kirchlichen Verlautbarungen, sondern Personen. Menschen sprechen über Gott und die Bibel, über Zweifel, Gebet, queeres Leben, Aktivismus, Erschöpfung und Hoffnung. Sie tun dies in Reels, Stories, Podcasts und Kommentaren, oft in einer Form, die stärker in den Alltag eingebunden ist als viele klassische kirchliche Formen. Diese Menschen werden als christliche oder religiöse Influencer/innen bezeichnet. Sie sind längst kein Randphänomen mehr. An ihnen zeigt sich verdichtet, wie stark sich religiöse Kommunikation verändert hat, gerade in einer Zeit, in der Online und Offline immer mehr ineinander übergehen.

Das Digitale ist dabei längst kein Zusatz mehr. Es ist in den Alltag eingelassen und prägt, wie Aufmerksamkeit entsteht, wie Gemeinschaft erfahren wird und wer überhaupt wahrgenommen wird. Glaubenskommunikation findet nicht mehr nur in Predigt, Unterricht oder kirchlichen Medien statt, sondern auf dem Smartphone, unterwegs, zwischen anderen Bildern, Themen und Stimmen. Das verändert nicht nur die Form, sondern auch die Bedingungen religiöser Kommunikation. Sie wird situativer, persönlicher, fragmentierter und zugleich für viele zugänglicher. Gerade deshalb wäre es zu einfach, diese Entwicklungen vorschnell als oberflächlich abzutun. Im digitalen Raum entstehen neue Räume für Resonanz, für gemeinsame Deutung und mitunter auch für gelebten Glauben.

Damit verschiebt sich allerdings auch die Frage nach Autorität. Wer im digitalen Raum religiös wirksam wird, überzeugt meist nicht zuerst durch Amt, Titel oder institutionelle Beauftragung, sondern durch Glaubwürdigkeit, Erreichbarkeit und die Fähigkeit, eine tragfähige Beziehung zum Publikum aufzubauen. Autorität entsteht stärker in Beziehungen. Das ist kirchlich und theologisch hoch relevant. Denn Sichtbarkeit ist nicht identisch mit theologischer Tiefe, und Reichweite ist noch kein Kriterium für geistliche Qualität. Zugleich zeigt sich hier aber auch, dass Menschen nach religiöser Sprache, Deutung und Begleitung suchen, gerade ausserhalb klassischer kirchlicher Orte.

Kirche und Theologie sollten christliche Influencer/innen deshalb weder romantisieren noch defensiv abwehren. Interessant sind sie nicht nur, weil sie erfolgreich sind, sondern weil an ihnen sichtbar wird, was sich grundlegend verschiebt: Öffentlichkeiten, Autoritätsformen und Praktiken der Verkündigung. Die eigentliche Herausforderung liegt darum tiefer. Wie kann das Evangelium unter veränderten medialen Bedingungen so kommuniziert werden, dass es anschlussfähig ist, ohne sich den Regeln der Plattformen einfach zu unterwerfen? Christliche Influencer/innen geben darauf keine fertige Antwort. Aber sie machen die Frage unausweichlich. 

Sabrina Müller*

 

* Prof. Dr. theol. Pfr. Sabrina Müller (Jg. 1980) war von 2019 bis 2021 Theologische Geschäftsführerin des Zentrums für Kirchenentwicklung und von 2021 bis 2024 Geschäftsleiterin des universitären Forschungsschwerpunkts «Digital Religion(s)» an der Universität in Zürich. Seit 2024 ist sie Professorin für Praktische Theologie an der Universität Bonn.

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Editorial

Neuland

Für diese Ausgabe habe ich Neuland betreten. Ich war beispielsweise erstmals auf Tiktok unterwegs und habe mir einige Kurzvideos der Franziskanerin Sr. Ida Vorel angeschaut. Sie ging im Juni 2025 nach einer spontanen Idee viral und erreicht heute mit ihren fast täglichen Kurzvideos eine grosse Schar Follower. Diese stellen oft Fragen rund ums Klosterleben, die Sr. Ida in der Rubrik «Kloster-Talk» beantwortet. Ihre Videos kommen leichtfüssig, locker, spontan und persönlich daher. Bei meinen Recherchen entdeckte ich weitere Ordensfrauen und -brüder, die regelmässig Videos auf Social Media publizieren. Damit ich den Instagram-Kanal des Klosters Einsiedeln anschauen konnte, habe ich ein Instagram-Konto eröffnet. Seitdem bekomme ich von Instagram regelmässig Hinweise auf neue Influencer, die ich ungelesen lösche. Interessant und informativ finde ich Podcasts und Videos zu aktuellen theologischen und gesellschaftlichen Fragen mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Nach den ersten Erkundungen dieses Neulandes komme ich zum Schluss: Ich werde es zukünftig nur gelegentlich betreten und auch mehr beruflich als privat. Das ist mir zu zeitaufwendig. Ich bevorzuge Zeit in der Natur und mit Menschen vor Ort. Etwas anderes als konsumieren wäre, selbst Beiträge zu erstellen. Das steht auf einem anderen Blatt und wäre nochmals Neuland.

Maria Hässig