Ecclesia semper reformanda

(Bild: pixabay)

 

Semper – immer sei die Kirche zu reformieren. Tönt anstrengend? Wie man weitherum hört, ist es das auch. Seit dem Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils, und in seinem Sinn und Geist, ist die Kirche längst in einer grossen Reform. Eine Kirche, die keine Kirche des Mittelalters mehr ist, aber noch immer auf dem Weg, ihre Gestalt im Heute zu finden. Gleichzeitig laufen uns die Leute davon. Dass dies den anderen Kirchen auch so geht, ist kein Trost. 

Ecclesia semper reformanda ist ein wichtiges und hart errungenes theologisches Axiom. Ein paar Jahrhunderte nach der Reformation hat sich die katholische Kirche den Grundsatz, dass die Kirche stets der Erneuerung bedarf, ebenfalls (wieder) angeeignet. Er bedarf keines weiteren Beweises. Das erlöste Aufatmen darüber, dass Veränderungen in der Kirche legitim und nötig sind, um dem Kern des Evangeliums treu zu bleiben, ist über die Jahre aber einer Ernüchterung über ausbleibende oder ­divergierende Entwicklungen gewichen. Was, wenn Erneuerung heute nicht mehr als Versprechen, sondern vor allem als Belastung wirkt?

Der Lohn für Tapferkeit, Lauterkeit und Treue mündet in Märchen darin, dass man sich etwas Grosses wünschen darf. Im Evangelium fragt Jesus: «Was wollt ihr, dass ich für euch tun soll?» (Mt 20,32 par). Wer schon Heilungsgeschichten im Bibliodrama miterlebt hat, hat vielleicht auch erfahren, dass ein grosses Angebot auch überfordernd wirken kann. Will man das Neue wirklich? Ist man ihm gewachsen? 

Zurück zur Kirche. Und, da es nur eine Kirche Christi gibt, zur bestehenden Vielfalt an Kirchen. Denn auch darum geht es beim Grundsatz der Erneuerung. Trotz und gerade angesichts von Spaltungen und Konfessionen. Keine Kirche ist allein die Kirche Jesu Christi, und keine ist im Vollsinn «katholisch». Erneuerung der Kirche ist nach dem Willen Christi nicht zu haben ohne Einheit, und damit nicht ohne Ökumene. Auch echte Synodalität gibt es nicht ohne Ökumene. 

Der Heilige Geist schickt zuverlässig gute Ideen und unterstützt Erneuerung auf allen Ebenen der Kirche, wenn sie dem Willen Christi und der Gemeinschaft dienen. Zu den jüngsten Aufbrüchen gehört die Weltsynode (2021–2024) und der Synodale Weg, welche von der Kirche als «ökumenischer Kairos» gewertet wird. Passend dazu wurde die Charta Oecumenica der Kirchen Europas von 2001  überarbeitet und 2025 feierlich neu verabschiedet.

Ecclesia semper reformanda bleibt ein abstraktes Prinzip ohne Wirkung, wenn das Wirken des Geistes nicht gehört, gesehen und umgesetzt werden. Damit uns nicht die Luft wegbleibt, sind wir eingeladen, uns an Ort und Stelle vom Geist Gottes inspirieren zu lassen: nach Kreativität Ausschau zu halten zusammen mit Menschen, die noch begeisterungsfähig sind oder es wieder werden wollen. Begeistert zum Beispiel für Ökumene, mit einem Fundus an Anregungen, wie sie die Charta Oecumenica schenkt. Die Früchte des Geistes werden gross sein. 

Nicola Ottiger*

 

* Prof. Dr. Nicola Ottiger (Jg. 1970) ist Leiterin des Ökumenischen Instituts an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Sie war von 2005 bis 2025 Dozentin für Dogmatik, Liturgiewissenschaft und Fundamentaltheologie am Religionspädagogischen Institut RPI an derselben Universität. 

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Editorial

Geliebtes Tagebuch

Vielleicht bin ich hoffnungslos altmodisch. Verstaubt und dazu bereit, direkt ab Mangel und unzusammengefaltet im Schrank verräumt zu werden. Eine alte Schachtel. Aber eine mit einer langen Tradition. Mein Blick schweift über die Bücherwand, wovon zwei Regale proppenvoll mit Tagebüchern sind. Den Stein losgetreten hatte meine geliebte «Gotta», als sie mir zum zwölften Geburtstag ein edles Moleskine mit nichts als schneeweissen Seiten schenkte. «Dein Tagebuch!» Ich erinnere mich sehr gut an den Schreck, den ich hatte, als ich all die gähnend leeren Seiten aufblätterte und nicht mal einen Mückenschiss erblickte. Aber ich nahm die Herausforderung an. Und seither fülle ich täglich mein Leben auf mindestens einer Seite des x-ten Moleskines ab. Waren es zu Anfang noch holperig-pubertäre Krakeleien, nahmen die täglichen Outputs mit dem Älterwerden Ausmasse bis hin zu Kurzgeschichten, Gedichten, Balladen und gar Theaterstücken an. Zeichnungen, Tickets von irgendwelchen Konzerten, Fotos von vielen Reisen, Haare von geliebten, längst verstorbenen Pferden – alles fand Eingang in mein allabendliches Verweben der Ereignisse. Und wehe, es gibt keine Zeit dafür, dann wird nachgesessen. Kein Tag darf fehlen, kein Tag dem grossen Nichts anheimfallen. Ein Spleen? Nein, es sind die Logbücher eines Lebens. Und: Sie halten mir die Psychoklempner vom Leib. Denn ist nicht gut gelockerte Reflexion der beste Nährboden für weiteres Wachstum?

Brigitte Burri