«Lieber Herr Regens! Der Eifer für ihren grossen Heiligen ist der frommen Gemeinschaft in Westbury ganz natürlich und geziemend; und gerne würde ich tun, was in meinen Kräften steht, das Ziel zu fördern, worüber sie Ihnen schreiben. Soweit mein eigenes Gefühl in Betracht kommt, würde mich zudem nichts mehr freuen, als wenn der Heilige Vater den heiligen Franz von Sales zum Kirchenlehrer erklärte. Doch scheint mir, der Heilige Stuhl hat allein die Mittel, zu beurteilen, wer durch seine Schriften diese hohe Ehre verdient. Bei der Heiligsprechung ist es allerdings verständlich, wenn auch an die Stimme des Volkes appelliert wird, denn Heiligkeit kann nicht nur von guten Katholiken, auch von schlechten, ja auch von Nichtkatholiken erfasst werden. Doch nur der Gelehrte kann Gelehrte beurteilen und nur der allgemeine Lehrer der Kirche, der Heilige Vater selbst, kann über Kirchenlehrer entscheiden.
Ihr Brief macht es notwendig, für mich selbst und aus mir selbst zu sprechen. Ich verstehe nach Zahl und Art nicht, warum die jetzigen Kirchenlehrer ausgewählt wurden. Es ist leicht einzusehen, warum der heilige Gregor von Nazianz oder der heilige Augustinus, der heilige Leo oder der heilige Thomas Kirchenlehrer sind; aber warum sollte der heilige Petrus Chrysologus, der heilige Isidor oder der heilige Petrus Damiani auf der Liste stehen und der heilige Antonius und der heilige Laurentius Justiniani nicht? Aus eigener Findigkeit kann ich nicht entdecken, warum der heilige Alfons vor kurzem zum Rang eines heiligen Athanasius und heiligen Hieronymus erhoben worden ist. Ich begreife nicht recht, warum nie eine Frau zum Kirchenlehrer ernannt worden ist; denn wenn auch der heilige Paulus sagt, sie ‹sollen in der Kirche schweigen›, so spricht er von kirchlicher und formeller Lehrtätigkeit, nicht von den übernatürlichen Gaben und grossen Werken wie bei einer heiligen Katharina von Siena. Der Schluss, den ich daraus ziehe, ist klar. Wenn ich, mir selbst überlassen, solche Missgriffe machen würde in der Bestimmung, wer Kirchenlehrer ist und wer nicht, angesichts der bestehenden Liste, wie kann ich behaupten, ich könnte richtig beurteilen, ob der grosse und herrliche heilige Franz von Sales die Eigenschaften eines Kirchenlehrers hat oder nicht? Nein – diese Dinge sind Glaubenssache. Was der Heilige Vater dafürhält, halte ich auch dafür; in einer so tiefen und heiligen Angelegenheit folge ich ihm, ich gehe ihm nicht voran. Die ehrwürdige Mutter wird mit mir darin sicher sympathisieren, auch wenn sie nicht mit mir einig sein sollte.»
John Henry Newman
(Brief an Regens Dr. Northcote
vom 20. September 1874)
