Markus Vinzents Thesen zur Entstehung des Neuen Testaments

Doppelseite einer durchgearbeiteten Bibel von San Juan de Ribera aus der Bibelsammlung von Thomas Markus Meier. (Bild: zvg)

 

Heilige Schriften werden gern als in Stein gemeisselt gelesen. Verloren geht dabei der Aspekt des Zusammen-lesens, der Lese/Ernte, was mit Arbeit und Geschichte verbunden ist. Scheinbar klar und unhinterfragbar verspricht eine in Stein gehauene Schrift Denkmalcharakter, Unveränderlichkeit, Geschichtslosigkeit. Mose aber zerbrach die steinernen Tafeln der zehn Gebote noch vor ihrer Verkündigung. Eine Zweitfassung geriet, quasi als rekonstruierte Sicherungskopie, in die Datenbank Bundeslade. Erst Jos 8,32 handelt dann von der Heiligen Schrift als Abschrift – nicht in Stein gemeisselt, sondern an Steine geheftet. Mit sichtbarem Abschreibecharakter und mit dem klaren Zweck, vorgelesen zu werden: allen, auch Kindern, Frauen, Fremden.

Nicht in Stein gemeisselt, sondern auswendig gelernt und so weitertradiert oder auf Palmblätter, Baumrinde oder Kamelknochen notiert, seien in der Frühzeit des Islams einzelne Verse oder Suren überliefert worden und mussten dann wortwörtlich zusammengelesen werden. Ich erinnere mich gut an eine Wanderung zwischen hohen Schneewalmen im Libanon im Jahr 2015 mit der Gemeinschaft Christen und Muslime der Schweiz. Ich tauschte mich mit dem syrischen Reiseleiter über Koranfragen aus. Da ursprünglich nur die Konsonanten überliefert wurden, ergibt sich eine enorme Bandbreite von Lesearten und Deutungsmöglichkeiten. Wir diskutierten über die syro-aramäische Lesart, die seltene oder schwierigere Wörter als Fremd- oder Lehnwörter interpretiert und einfach ins Arabische transkribiert. Das könnte manche Interpretation auf den Kopf stellen, Umstrittenes neu und anders lesen lassen, selbst legendäre Gestalten aus der Frühzeit des Glaubens definitiv ins Reich der Legende verbannen. Das alles leuchtete meinem muslimischen Gesprächspartner ein, und er meinte zu mir, das verunsichere seinen Glauben keineswegs. Es mag erst erschüttern, aber dann würde sein Glaube erweitert und vertieft.

Ähnlich geht es mir mit den Erkenntnissen aus Markus Vinzents Buch «Von Paulus zu Saulus». Nur schon der Titel! Müsste es nicht umgekehrt lauten? Der Untertitel «Zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jahrhundert» tönt nach einer patristischen Spezialstudie für Liebhaber/innen. Von wegen! Es ist Textkritik, die erschüttern kann, aufrütteln muss. Das meiste einst im Studium zum Neuen Testament Gelernte ist überholt. Neu zusammenlesen, zusammensetzen!

Schon 2015 hätte ich darauf stossen können: Ich las Matthias Klinghardts Rekonstruktion des ältesten Evangeliums, was die Erfindung des Genres Evangelium und die Genese unserer vier Evangelien betrifft (vgl. SKZ 07/2021). Im Gespräch mit Letzterem und in Fortschreibung seiner Arbeit lässt Vinzent ganz neu auf die Entstehung des Neuen Testaments hinschauen. Bisherige Lehrmeinungen revidieren – im Wissen darum, dass es seine Zeit dauern wird, bis sich die andere (stimmigere!) Blickweise durchgesetzt haben wird. Geisteswissenschaften, die Theologie zumal, seien hier langsamer als andere Wissenschaftszweige. Was sich wie in unser Herz und Hirn, wie in Stein eingegraben hat, bedarf neuen Zusammenlesens, wird aber eine erstaunliche (und evangeliumsgemässere) Lese/Ernte einfahren!

Thomas Markus Meier*

 

* Dr. theol. Thomas Markus Meier (Jg. 1965) arbeitet als Pfarreiseelsorger in St. Anna Frauenfeld und ist Mitglied der Redaktionskommission der SKZ. Auf Facebook betreibt er die Seite Biblioblog. Dort bespricht er Beobachtungen zur Bibel und kommentiert auch die Übersetzungsänderungen der revidierten Einheitsübersetzung – es fehlen nur noch das Buch Baruch und Teile von Jesus Sirach. Informationen: www.facebook.com/Nutzernamenfrei 

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Editorial

Etwas hat gefehlt

Mein Erstklasslehrer hatte einen speziellen Farbstift. Auf der einen Seite war rote und auf der anderen Seite blaue Farbe. Mit der roten Seite markierte er die Fehler im Diktat und bei den Rechnungen, mit der blauen malte er Häkchen. Die rot gezeichneten «f» leuchteten stark hervor, beschämten uns Schulkinder und bedeuteten, nochmals rechnen und Sätze schreiben. Fehler machen war gefühlt schlecht. Diese Erfahrung prägt, manche bis weit ins Erwachsenenalter. Firmen und Institutionen sind heute bestrebt, eine positive Fehlerkultur zu etablieren: Fehler können eine Chance für Entwicklung sein. Deshalb dürfen sie sein. Was braucht es, um eine positive Fehlerkultur zu pflegen? Akzeptieren, dass ich und andere Fehler machen. Es brauche weiter, so lese ich in Ratgebern für Führungskräfte, Sanktionsfreiheit. Die Mitarbeiter/innen machen die Erfahrung, dass, wenn ihnen ein Missgeschick passiert, ihnen keine Nachteile drohen. Hilfreich kann auch die wörtliche Bedeutung von «Fehler» sein. Es leitet sich ab vom Verb «fehlen» und besagt, dass etwas fehlt, mangelt oder nicht zur Verfügung steht. Wenn ich einen Fehler mache, hat etwas gefehlt: an Wissen, Können, Aufmerksamkeit usw. Das entlastet. Unter Umständen kann ich dieses Fehlende ergänzen oder nachliefern. Es bildet die Basis für meine fachliche und persönliche Weiterentwicklung. So kann auch dem roten «f» ein grüner Pfeil für Entwicklung werden.

Maria Hässig