Organtransplantation – eine ethische Herausforderung

 

Es gibt kaum einen Bereich der modernen Medizin, der mit derart vielfältigen ethischen Fragen verbunden ist wie die Organtransplantation. Gründe dafür gibt es viele: Es besteht ein spürbarer Mangel an Organen, die eigentlich gebraucht würden, um Leben zu retten oder Leiden von Menschen erträglicher zu machen; die medizinischen Handlungsmöglichkeiten nehmen ständig zu und lassen sich aus Laienperspektive kaum überblicken; die Organspende schliesslich basiert auf einer freiwilligen Entscheidung, die nur aufgrund einer guten Information möglich ist.

Dabei sind verschiedenste Menschen mit unterschiedlichsten Interessen in die Abläufe involviert: Spender und Empfänger sowie deren Angehörige, Ärzte und Pflegende; die mit der Explantation und Implantation von Organen Beschäftigten; europäisch funktionierende Verteilagenturen, die möglichst gerechte und effiziente Verteilkriterien anwenden sollten, und nicht zuletzt der Gesetzgeber, der eine möglichst gut informierte und freiwillige Entscheidung der Bürger zu ermöglichen hat.
Gleichzeitig gibt es Skandale, weil in Deutschland Wartelisten manipuliert wurden. Philosophische Debatten werden geführt, in denen das Hirntodkonzept aus guten Gründen infrage gestellt wird. Es werden politische Vorstösse lanciert, die zum Ziel haben, anstelle der bestehenden Zustimmungsregelung – nur der kommt für eine Organspende in Frage, der zu Lebzeiten zugestimmt hat – eine Widerspruchslösung einzuführen, bei der jede Person als potenzieller Spender gilt, die sich zu Lebzeiten nicht ausdrücklich gegen eine Spende geäussert hat.

Aus ethischer Sicht steht viel auf dem Spiel: eine gute Aufklärung, die Freiwilligkeit der Spende; die Zusicherung einer guten Behandlung von Sterbenden bis zu ihrem Tod; das Verbot fremdnütziger Eingriffe bei Sterbenden, wenn sie keine Zustimmung dazu erteilt haben; die Anwendung einer zuverlässigen Todesdiagnostik; einfühlsame Gespräche mit Angehörigen, die einen Menschen verloren haben; eine gerechte Verteilung der Organe; besondere Vorsicht bei Herz-Kreislauf-Toten, deren Organe nur dann einsetzbar sind, wenn sie möglichst rasch entnommen werden können; ein würdiger Umgang mit Leichen und die Ermöglichung eines Trauerprozesses bei den Hinterbliebenen; ein Verbot der Kommerzialisierung und des internationalen Organhandels; besondere Umsicht schliesslich bei Lebendspenden.

Doch das ist noch nicht alles: Eine weitere Herausforderung entsteht dadurch, dass unterschiedliche Ideale von dem bestehen, wie ein guter Sterbeprozess, eine menschliche Behandlung am Lebensende und ein würdiges Abschiednehmen aussehen sollten. Diese unterschiedlichen Vorstellungen des guten Lebens und Sterbens sind zu achten, auch wenn dies dazu führt, dass die Organknappheit noch grösser wird. Politisch gesehen ist das ein starkes Argument zugunsten der Zustimmungslösung.

Markus Zimmermann*

 

* Prof. Dr. Markus Zimmermann (Jg. 1962) ist seit 2010 Lehr- und Forschungsrat sowie seit 2014 Titularprofessor für Christliche Sozialethik an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i.Ue.

Editorial

Dankbarkeiten

Unter diesem Titel schrieb der Schriftsteller Max Frisch (1911–1991) im Jahr 1969 folgenden Tagebucheintrag: «Keine Instanz verlangt jährlich oder zweijährlich (wie die Steuerbehörde) eine Liste der Dankbarkeiten. Gäbe es eine Instanz, die eine Liste der Dankbarkeiten binnen einer Woche verlangt, so würde ich (...) auf die Liste setzen:

a) die Mutter
b) die Tatsache, dass ich sehr früh einem jüdischen Menschen begegnet bin, einem sehr deutsch-jüdischen
c) der frühe Tod des Vaters
(...)
x) dass Ehrgeiz nachlässt
y) Träume, auch die schweren
z) allerlei Glück mit dem Auto

Die Instanz gibt es nicht, die unsere Dank­barkeiten wissen will, ihren derzeitigen Stand, ihren Verbrauch, ihre Zunahme usw. Vermutlich würde man das Formular (A–Z) alljährlich etwas anders ausfüllen.»

Am kommenden Sonntag begeht die Schweiz den eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Der Staat wird an diesem Sonntag keine Dankbarkeitsdaten erheben, aber mit ihm schafft er einen Zeitraum und bietet einen Anlass, als einzelner Bürger oder als Religionsgemeinschaft innezuhalten und über aktuelle Fragen der Gesellschaft, Religion und Politik nachzudenken. Das Innehalten bringt zum Bewusstsein, dass vieles im Leben geschenkt ist. Vielleicht ist gerade dieser Sonntag jährlicher Anlass, für sich persönlich eine Liste der Dankbarkeiten zu erstellen.

Maria Hässig