Christen in der Minderheit

Die Kirche Unserer Lieben Frau der Unbefleckten Empfängnis in Panaji, der Hauptstadt Goas (Indien). Sie ist eine der ältesten Kirchen Goas und stammt aus dem Jahr 1540. (Bild: dreamstime.com)

 

Als ich 2016 das erste Mal nach Indien flog, um das Land mit einem Motorrad zu entdecken, machte ich mir keine grossen Gedanken über die Religionszugehörigkeiten der Einwohner. Wir waren eine Gruppe von 13 Motorradfahrern, die eine organisierte Reise mit Start in Goa gebucht hatte. Goa sei, so erklärte uns unser Reiseführer vor Ort, das perfekte Land für Indien-Anfänger, weil hier der kulturelle Unterschied zu Europa im Gegensatz zum restlichen Indien noch nicht ganz so krass sei. Und in der Tat: Als wir in Goa ankamen, wähnten wir uns im südlichen Europa, abgesehen davon, dass die Menschen dunkelhäutiger waren und das scheinbare Verkehrschaos doch einer geheimnisvollen Organisation folgte. Wir, aus dem christlichen Kulturkreis stammend, fühlten uns auch sofort mit Goa vertraut, als wir allerorts Kirchen, Kapellen und in Goa Stadt, das auch Bischofssitz ist, die grosse Kathedrale sahen. Insgesamt machen die katholischen Christen Goas etwa 36 Prozent der Bevölkerung aus, während sich im restlichen Indien ein ganz anderes Bild zeigt: Da sind es noch rund 2,3 Prozent, bei 1,3 Mrd. Einwohnern ein verschwindend kleiner Anteil. Dennoch bilden die Christen die drittgrösste Religionsgemeinschaft (nach dem Hinduismus und dem Islam) auf dem Subkontinent. Der kleinste und auch wohlhabendste Staat am arabischen Meer war 450 Jahre lang eine portugiesische Kolonie, weshalb Goa diese religiös-kulturelle Prägung aufweist.

Welch ein Kontrast, als wir Goas Bundesgrenzen passierten und ins «richtige» Indien einfuhren. Schönheit und Scheusslichkeit, Armut und Reichtum, bezaubernde Landschaften, grossartige Paläste und Menschenmassen nie gesehenen Ausmasses beeindruckten uns. Und doch: Friedvoll kamen uns die Hindus vor, freudvoll und dem Fremden gegenüber aufgeschlossen. Wir wurden in Tempel eingeladen, sprachen unvoreingenommen mit den Tempeldienern und staunten über die Vielfalt der hinduistischen Gottheiten.

Erst viel später, längst aus Indien zurück und durch die Presse auf die dortige Christenverfolgung aufmerksam geworden, stiess ich auf den indischen Jesuiten Francis D’Sa (*1936), der in einem Interview über Hinduismus und Christentum sagte: «Es ist keine Konkurrenz, sondern Komplementarität: Mit zwei Augen können wir in die Tiefe sehen. Jedes Auge hat sein eigenes Bild. Das eine hebt das andere nicht auf. Und weil wir beide Bilder synchronisieren können, bekommt das Bild Tiefenschärfe. Ich glaube, solange wir monokulturell denken, haben wir keine Chance weiterzukommen.»

Brigitte Burri

Editorial

Werkzeuge der Geschwisterlichkeit

«Den Frieden wollen, den Frieden fördern, Werkzeuge des Friedens sein: dafür sind wir hier» – so eröffnete Papst Franziskus seine Rede an der interreligiösen Konferenz in Abu Dhabi von Anfang Februar. Er versteht sich als ein «nach Frieden dürstender Glaubender» und teilt diese Sehnsucht mit vielen Menschen in krisengeschüttelten Gebieten der Erde. Teilen wir diese mit ihm und ihnen? Als Antwort auf die immensen Leiden und Probleme der Gegenwart unterzeichnete er zusammen mit dem obersten sunnitischen Grossimam Ahmad Al-Tayyeb das «Dokument über die Geschwisterlichkeit unter den Menschen für den Weltfrieden und das Zusammenleben». Nach diesem haben die Religionen die besondere Aufgabe, Werkzeug des Friedens und der Geschwisterlichkeit unter den Menschen zu sein. Dabei genügt Toleranz nicht, sondern die Menschen haben den Weg von der Toleranz zur Wertschätzung und Anerkennung des anderen bis zur Freundschaft zu gehen. Religionen sollen sich zudem dafür einsetzen, dass ein jeder die Freiheit des Glaubens geniessen darf. Diese Aufgabe ist gerade für Religionen in Staaten, in denen religiösen Minderheiten nur Kultusfreiheit zugesprochen wird und eine freie Wahl der Religion nicht möglich ist, eine grosse Herausforderung. Kommen die Religionen diesen verschiedenen Aufgaben nach, wird das Dokument kein Papiertiger werden, sondern weitreichende Konsequenzen haben.
 

Maria Hässig