Kirche und neue Medien

 

Die neuen Medien haben unsere Welt stark verändert, und das in kürzester Zeit. Sie verbinden Menschen überall und jederzeit durch den Zugriff auf das Internet per Smartphone, Tablet oder Computer. Innerhalb weniger Jahrzehnte verschob sich die Kommunikation an neue Orte, zu neuen Zeiten und mit minimalen Regeln. Wenn wir verstehen, wie Kommunikation unter diesen neuen Voraussetzungen funktionieren kann und wir neue Medien bewusst einsetzen, bergen sie noch nie dagewesene Möglichkeiten, um Menschen zu begegnen, sie zu verbinden und tatsächlich zu berühren.

Aber was hat sich verändert? Informationen erreichen uns immer, auch in den intimsten Momenten: Wenn wir morgens noch im Bett die neusten Nachrichten lesen, beim Besuch der Toilette die E-Mails laden oder in der Badewanne einen Podcast hören. Für die Kirche ist das vielversprechend: Sie kann mit Menschen kommunizieren, wo es sie berührt. Mitten im Alltag, in ihrer Privatsphäre. Ausserdem entscheiden wir heute selbst, wem wir zuhören. Diese Entscheidung treffen wir mit einem  Mausklick oder einer Berührung, innerhalb weniger Sekunden. Ereignisse werden folglich übertrieben reisserisch dargestellt. Wichtige Hintergrundinformationen gehen verloren, weil sie zu lange dauern, zu viel kosten und zu wenig interessieren. Gleichzeitig sind wir dank neuer Medien so gut informiert und kritisch wie noch nie. Wissen ist dank Google ständig verfügbar, aber relativ, weil wir mit zahlreichen, oft widersprüchlichen Suchergebnissen konfrontiert sind.

Gerade im Internet, wo das Porträtieren einer heilen Welt und das Verfälschen von Informationen so einfach wurde, sehnen wir Menschen uns nach Glaubwürdigkeit, nach echtem Leben, nach Wahrheit. Und wir entwickeln eine ausserordentlich gute Nase dafür. Die Kommunikation in neuen Medien fordert von der Kirche bedingungslose Ehrlichkeit. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund und schönt nichts. Sie fordert eine Kirche, die sich selbst kritisch hinterfragt, echt lebt und Wahrheit sucht. Und eine Kirche, die keine Angst vor Ablehnung hat. Das wahre Gesicht verstecken manche Nutzer hinter gefälschten Profilen. Und weil sie hinter dem schützenden Bildschirm jegliche Hemmungen verlieren, lassen sie ihren Frust über Gott und die Welt im Internet besonders radikal raus. Hier ist es einfach zu vergessen, dass hinter Profilen, hinter Prominenten, Politikern und Päpsten echte Menschen stecken.

Also sind neue Medien Fluch und Segen. Sie sind wertvolle Instrumente in unseren Händen, über deren Auswirkungen wir entscheiden: Durch bewussten Konsum und bewussten Einsatz. Es sind die wahrscheinlich kraftvollsten und wirkungsvollsten Instrumente der Kommunikation, die jemals existiert haben. Deshalb sind  sie so gefährlich wie hoffnungsvoll. Sie schüren meine Hoffnungen für die Kirche der Zukunft. Trägt doch gerade die Kirche die gute Botschaft, welche den Hunger nach echtem Leben, nach Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit stillt. Die Botschaft, die Menschen heute und in Zukunft suchen und brauchen.

Sarah-Maria Graber*

 

* Sarah-Maria Graber (Jg. 1987) studierte Medien- und Kommunikationswissenschaften in Freiburg i.Ue. und arbeitet seit 2013 als selbstständige Texterin und Journalistin.

Editorial

Präferenzen vs. Rhetorik

Wie halte ich meine Leser bei Laune? Diese Frage leitet die Medienschaffenden beim Texten ihrer Beiträge – und so auch mich. Zunächst ein kurzer Blick auf die Liste mit den Präferenzanimationen, auf gut Deutsch: was interessiert Herr und Frau Durchschnittsbürger? Kuriositäten, Skandale, Nützliches und natürlich alles mit einem Jö-Effekt, angefangen von herzigen Kindern bis hin zu süssen Welpen, um nur einige zu nennen. Angesichts dieser Aufzählung bin ich wirklich froh, arbeite ich für ein kirchliches Medium. Schon auf den ersten Seiten der Bibel finde ich Kurioses (Schöpfung) neben Mord und Totschlag (Kain und Abel). Und was aktuell in der Kirche passiert – Meinungsäusserungen zur Bischofswahl in Chur, Gerüchte um die Amazonas-Synode, neue Meldungen zur Missbrauchskrise – trägt dazu bei, dass der Stoff für interessante Texte nicht ausgeht. Es stellt sich für mich jedoch die Frage, ob alles, was den Leser anspricht, auch lesenswert ist. Beiträge zu Skandalen oder umstrittenen Themen müssen geschrieben werden, das ist unbestritten. Doch wäre es meiner Meinung nach in gewissen Fällen angebracht, auf die Publikation von persönlichen Meinungen oder Gerüchten zu verzichten, um stattdessen Fakten zu präsentieren. Hier kämen dann nicht die Präferenzanimationen zum Tragen, sondern die gute alte Rhetorik. Solche Texte wären dann vielleicht weniger amüsant, dafür zielführender.

Rosmarie Schärer