Evangelisch-reformierte Kirche – quo vadis?

Zürich mit Grossmünster. (Bild: H. D. Volz/pixelio.de)

 

«Siehe, das ist die unfehlbare Kirche, nämlich die, die allein auf die Stimme des Hirten hört, und zwar nicht auf die des erstbesten, sondern nur dessen, der allein das bringt, was Christus brachte.» Die Worte des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli sind bald 500 Jahre alt. Noch immer beantworten sie präzis die mir gestellte Frage. Wohin die Kirche geht, ist im Kern die Frage danach, wem die Kirche folgt. Die reformatorische Antwort damals und heute: allein Christus. Das hat Konsequenzen. «Solus Christus» ist der theologische Stachel im institutionellen Fleisch der Kirche. Die ständige, ja störrische Rückbesinnung auf Christus stört jede religiöse Gemütlichkeit. «Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen», sagt er den Schönrednern (zum Glück sagt er nicht nur das). Und zu den Seinen: «Ihr seid das Salz der Erde.» Der so spricht, nimmt den Widerspruch in Kauf, sogar aus den eigenen Reihen. Seine Kirche ist kein selbstgefälliger Wohlfühlverein. Auch nicht die neue Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz. «Ecclesia semper reformanda», gewiss, aber modischer Restrukturierungseifer wäre ein Missverständnis. Eher geht es um die ständige Neuausrichtung auf das, «was Christus brachte». Das tun wir auch jetzt. In seiner Nachfolge bündeln wir unsere Kräfte über alle (Kantons-)Grenzen hinaus. Für sein Zeugnis stärken wir einander landesweit in allen unseren Aufgaben, Arbeiten und Ämtern. Wirklich «neu» ist also vor allem eines: der Wille zur Einheit. Dieser Wille ist über Jahre und Jahrzehnte gewachsen, und das nicht ohne Widerstände.

Ein Ja zu mehr Einheit ist nicht selbstverständlich: Reformierte Kirche versteht sich primär als Kirchgemeinde vor Ort. Daran darf und wird sich nichts ändern. Dieselbe reformierte DNA steckt auch in der neuen Verfassung. Aber Kirche ist mehr als Gemeinde. Kirche braucht Kirchengemeinschaft, sie ist Teil eines Ganzen. Das ist eine alte Einsicht. Zwingli schreibt: «Es soll nicht mehrere Kirchen, sondern nur eine Kirche geben.» Alte Einsicht, neue Verfassung. Wir tun das unserer Tradition entsprechend gemeindezentriert, föderal und demokratisch: mit einer Kirchenleitung, in welcher Ordinierte und nicht Ordinierte, Männer und Frauen, Pietisten und Liberale gleichberechtigt mitreden; mit einem Schatz an sehr verschiedenen liturgischen Traditionen vom Genfer- bis zum Bodensee; mit einer Leidenschaft für Neues, Befreiendes, Fresh Expressions; mit lieux d’église auf drei Ebenen – lokal, regional und national. Eine grosse Gemeinschaft von Getauften: Das wird die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz.

Wohin sie geht? Wir sollten die Frage offenlassen. Die Kirche folgt ihrem Hirten, Weg und Ziel sind seine Sache. Unsere Sache ist es, für das nächste Wegstück bereit zu sein. Einfacher wird der Weg wohl kaum. Aber wir haben allen Grund, ihn zuversichtlich und fröhlich unter die Füs- se zu nehmen. Mit der neuen Verfassung ist schon ein Schritt getan. Und vielleicht nicht nur ein kleiner.

Gottfried Locher*

 

* Pfr. Dr. Gottfried Locher (1966) ist seit 2011 Präsident des Rats der Evangelisch-reformierten Kirche in der Schweiz und seit 2016 geschäftsführender Präsident des Rats der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

Editorial

Gemeinsame Schritte gehen

Am 1. Januar 1519 trat Huldrych Zwingli das einflussreiche Amt als Leutpriester am Grossmünsterstift in Zürich an. Seither sind 500 Jahre vergangen – Anlass genug, der reformierten Kirche in der Schweiz ein Themenheft zu widmen. Schwindende Mitgliederzahlen und Bedeutungsverlust in der Öffentlichkeit fordern auch die Geschwisterkirche heraus. Die Antworten darauf sind vielfältig und zielen auf die Gestalt der Kirche von morgen.

Der schwedische Philosoph Nick Bostrom folgert ausgehend von der Evolutionsgeschichte und den technologischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte (künstliche Intellligenz, Gene-Editing usw.) in seinem Buch «Die Zukunft der Menschheit» (2018), dass künftig humane und posthumane Spezies auf der Erde leben werden. Dass seine Folgerungen nicht Science-
Fiction sind, machte kürzlich der chinesische Forscher He Jiankui mit der Bekanntgabe der Geburt von Zwillingen deutlich, deren Gene zu therapeutischen Zwecken mit dem Crispr/Cas9-Verfahren verändert wurden – mit bislang noch nicht abschätzbaren Folgen und Risiken für sie und ihre möglichen Nachkommen. Gesellschaft, Politik und Religionen sind herausgefordert, hierauf zu antworten. Wie gehen wir damit um? Sind solche Entwicklungen eine Einladung an die Kirchen, verstärkt die Ökumene in ethischen Fragen zu suchen? Morgen beginnt die Gebetswoche der Einheit – eine Motivation, vermehrt gemeinsame Schritte zu gehen.

Maria Hässig