Heilige Räume im Wandel

Die Maihofkirche der Pfarrei St. Josef ist variabel nutzbar, z.B. als Konzertsaal. (Bild: Priska Ketterer)

 

«Die rote Linie» heisst ein Dokumentarfilm über den Widerstand gegen den rheinischen Braunkohletagebau, der im Mai 2019 in westdeutschen Kinos lief. Darin geht es zwar vor allem um den Erhalt des Hambacher Forstes, gezeigt wird aber auch der spektakuläre Abriss des «Immerather Doms», einer doppeltürmigen neuromanischen Dorfkirche, der im Januar 2018 für ungeahnte mediale Aufmerksamkeit sorgte. Ähnlich wie beim Brand von Notre Dame im April 2019 wurde dabei vielen schlagartig bewusst, dass Kirchengebäude keine reine Zweckbauten sind. De facto werden in Bezug auf Kirchenschliessungen ständig rote Linien überschritten, auch nach Kirchenrecht, nach dem hinsichtlich der Entwidmung und Aufgabe von Kirchengebäuden enge Grenzen gesetzt sind.

Die Problematik der «überflüssigen» Kirchengebäude ist keineswegs neu, nimmt aber dramatisch an Fahrt auf. In Deutschland werden Kirchenvorstände zunehmend mit der Tatsache konfrontiert, dass im Zuge der Zusammenlegung von Pfarreien Kirchengebäude aus der Mittelzuweisung herausgenommen werden. Dies führt mitunter zu panischen Reaktionen, die verständlich, aber kontraproduktiv sind. Wenn Sakralgebäude ausschliesslich nach Kriterien der Immobilienwirtschaft bewertet werden, haben sie einen schweren Stand. Der hohe immaterielle Wert der Kirchen für die Gemeindemitglieder wie auch für die Zivilgesellschaft, ihre Identitäts- und Orientierungsfunktion, sind offenbar selbst für manche Verantwortliche in den Kirchenleitungen kein Kriterium bei der Abwägung des Für und Wider einer Profanierung. Dennoch legen erstaunlich viele Mitbürger – auch kirchlich ungebundene – Wert auf eine zumindest kirchennahe Weiternutzung von Gebäuden, die nicht mehr in der konventionellen Verwendung stehen. Der Sinn für Kirchen als Schwellenorte oder Orte der Selbsttranszendenz ist im Zeitalter der virtuellen Welten keineswegs abhandengekommen, möglicherweise sogar wieder im Wachsen begriffen.

Hier liegt eine noch viel zu wenig erkannte, geschweige denn genutzte Chance. Statt sich aus den Sakralräumen zurückzuziehen und sie anderen zu überlassen oder sie ganz aufzugeben, könnten vielmehr deren brach liegende Potenziale genutzt werden. Dass die schwindenden personellen wie finanziellen Kräfte der christlichen Gemeinden allein dazu meistens nicht ausreichen, steht ausserfrage. Doch gibt es Beispiele von Teilumnutzungen und Nutzungsteilungen zu gross gewordener bzw. nicht mehr regelmässig für den Gottesdienst genutzter Kirchenräume, die sich keineswegs als Notlösung erwiesen haben. Die Öffnung der Gebäude für eine grössere Öffentlichkeit führte z.B. im Osten Deutschlands mitunter zu einer Stärkung der christlichen Minderheit und zu einer neuen Lebensqualität der Ortsgemeinschaft. Die «Hybridisierung» der Kirchenräume ist zweifellos risikobeladen und erfordert ständige kritische Reflexion, bietet aber andererseits ungeahnte Möglichkeiten für eine diakonische Präsenz von Christen in der «Fläche» – sofern man die Standorte nicht vorzeitig aufgegeben hat.

 Albert Gerhards*

 

* Prof. em. Dr. Albert Gerhards (Jg. 1951) studierte Theologie und Philosophie in Innsbruck, Rom und Trier. Von 1989 bis 2017 war er Professor für Liturgiewissenschaft und Direktor des Seminars für Liturgiewissenschaft an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Editorial

Maria − einfach nur Maria
Heute feiert die Kirche das Hochfest «Mariä Aufnahme in den Himmel». In den letzten Wochen war Maria eine prominente Person: von Maria 2.0 zu Maria 1.0 zu Maria 3.0. Die medial geführten Diskussionen zeigten: Maria ist nicht wirklich «fassbar». In der Bibel erscheint sie in immer wieder neuen Facetten: Bei der Verkündigung durch den Engel Gabriel als demütige Magd, beim Zusammentreffen mit Elisabeth voll Freude über Gottes mächtiges Wirken, auf der Suche nach dem zwölfjährigen Jesus als besorgte Mutter und an der Hochzeit zu Kana als selbstbestimmte Frau, die über den Kopf Jesu hinweg Anweisungen erteilt. Wir wissen nicht, was in ihr vorging, als Jesus seine Familie nicht sehen wollte und alle Menschen, die den Willen seines himmlischen Vaters erfüllten, als seine Brüder und Schwestern und als seine Mutter bezeichnete (vgl. Mt 12,46–50). Wir wissen überhaupt wenig von Maria. Doch die Bibel erzählt: Maria hatte den Mut, sich gegen jede Vernunft und gesellschaftliche Konvention auf Gottes Wort einzulassen. Mit diesem Mut begleitete sie Jesus auf seinem Weg – bis zum Kreuz. Jesus belohnte ihren Mut und ihre Treue, indem er sie nach ihrem Tod in ihrer Ganzheit – mit Leib und Seele – zu sich holte.
Maria lässt sich nicht vereinnahmen. Sie ist weder die Version 1.0 noch 2.0 noch 3.0. Sie ist einfach Maria – und kann uns in unserem Einsatz für die Kirche vielfältig inspirieren.

Rosmarie Schärer