Vom Leuchten der Haut

Die Haut spiegelt die Ambivalenz des Lebens. Über die Haut strahlen wir Glück und Unglück aus. Mit unseren Händen empfangen wir die Gabe der Eucharistie oder des Abendmahls. In Salbungen klingt etwas von der königlichen Würde an, die allen Menschen zukommt.

Hände erzählen von Lebenserfahrung und Arbeit. (Bild: Claudia Baumberger)

 

Manchmal leuchten Menschen. Sie strahlen. Eltern etwa, die ein gesundes Neugeborenes im Arm halten. Ein Kind, das ein Geschenk auspackt, das ihm Freunde beim Besuch im Krankenzimmer mitgebracht haben. Moses steigt vom Berg Sinai hinunter – die beiden Tafeln der Bundesurkunde hält er in der Hand. Es ist erstaunlich, wie Moses in dieser Szene beschrieben wird: Die «Haut seines Gesichtes leuchtete, weil er mit Gott geredet hatte», ja sogar: «seine Haut strahlte Licht aus» (Ex 34). Moses leuchtet, er strahlt – und das Medium dieses Leuchtens ist seine Haut.

Manchmal stimmt alles: Wir sind eins mit unserer Umgebung und mit uns selbst, die Dinge laufen rund, der Lebensplan geht auf, wir sind glücklich. Das, was wir wollen, und das, was wir sind, stimmt überein. Dann leuchten wir. Dann leuchtet unsere Haut, wie das Erste Testament sagt. Und kaum etwas wirkt so attraktiv und lenkt unweigerlich den Blick auf sich wie der Anblick eines strahlenden Menschen.

Unglück grenzt aus

Aber die gleiche Haut, die leuchten kann, macht uns auch deutlich, wie verletzbar wir sind. Die Haut von Frühgeborenen ist so dünn, dass sie noch nicht ausreichend vor Flüssigkeits- und Wärmeverlust schützt. Wenn ein Patient unter einer blasenbildenden Hautkrankheit leidet oder wenn sich unter der Haut einer Anorexie-Patientin Wangenknochen und Schädel abzeichnen, dann wird das empathische Hinsehen schnell einmal schwierig. Vernarbte Haut kann zeitlebens davon zeugen, was ein Mensch an Verwundung und Verletzung erlitten hat. Hiob ist mit einem bösen Geschwür von der Fusssohle bis zum Scheitel geschlagen. Seine Haut ist verkrustet und eitert. Er appelliert an seinen Schöpfer, ihn zu retten. Immerhin habe der ihn doch mit Knochen und Sehnen durchflochten und mit Fleisch und Haut umgeben. Vergeblich. Da «nahm er sich eine Tonscherbe, um sich damit zu kratzen, und sass mitten im Schutthaufen». Elender kann man sich einen Menschen nicht denken, kein eindrucksvolleres Bild von Leid und (Selbst-)Ekel ist vorstellbar: Der malträtierte, geschundene Mensch sitzt im Abfall und schabt sich die Haut.

Die Aussätzigen, die Jesus um Hilfe anrufen, leiden nicht nur an körperlichem Schmerz. Sie leiden vielleicht noch mehr, weil sie wegen ihrer Hautkrankheit marginalisiert, aus der Gemeinschaft ausgestossen werden. Die Haut ist Ausdruck der Ambivalenz des menschlichen Lebens. Wir sind ausgespannt zwischen Schönheit und Attraktivität auf der einen und Abstossung und Verletzbarkeit auf der anderen Seite.

Die eigene Haut retten

Die Haut lässt uns die Welt spüren und ermöglicht uns, physischen Kontakt zu anderen aufzunehmen. Durch die Haut lassen wir uns berühren, empfinden Lust und Trost. Ebenso spüren wir aber auch Schmerz – vermittelt durch die Haut. Wir sind durch dieses Organ äussert empfindlich und verletzbar. Im Roman «La pelle» von Curzio Malaparte steht die Haut für die gesamte menschliche Existenz: «Heutzutage leidet man und lässt man leiden, tötet und stirbt man, vollbringt man wunderbare Dinge und entsetzliche Dinge, nicht etwa, um die eigene Seele, sondern um die eigene Haut zu retten … Es ist nichts als die Haut, was heute zählt.»

Gott empfangen

Wenn ein Patient oder eine Patientin die Hände ineinanderlegt und nach oben öffnet, um die Kommunion oder das Abendmahl zu empfangen – dann nehme ich wahr, was für eine Haut diese Hände umgibt: die schwieligen, groben Hände der Arbeiterin, die gepflegten Hände des Bankangestellten, kräftige, sonnengebräunte Hände des Sportlers. Blasse, zitternde Hände der Greisin. Kinderhände mit zarter Haut. Alle diese Hände mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen und Lebenssituationen sind «würdig», dass Gott «eingehe unter ihr Dach».

Salbungen

Die Könige in Israel wurden nicht gekrönt, sondern mit einem besonderen Öl gesalbt. Dieses Salben der Haut hob den einfachen Menschen aus dem Volk empor und verlieh ihm königliche Würde. Und jener König, der alles irdische Königtum radikal relativiert und in Frage stellt, weil er sein Königtum auf die Wehrlosigkeit der Liebe gründet, heisst schlicht «der Gesalbte». Schon während seines Lebens salben ihm Frauen die Füsse. Und am Ende, zwei Tage nach seinem gewaltsamen Tod, werden sie zu seinem Grab gehen, um den Leichnam zu salben: ein letzter Liebesdienst. Etwas davon klingt an, wenn wir im Spital einen kranken Menschen salben. Etwas von der Schönheit, die der menschlichen Haut ursprünglich und eigentlich zukommt. Etwas von der Fragilität und Verletzbarkeit, die unser Leben zeichnet und bedroht. Etwas von dem Schutz, den die Salbe der durch Kälte oder Hitze gefährdeten Haut spendet. Etwas von der königlichen Würde, die allen Menschen zukommt. Etwas von der Hoffnung auf Heilung, die keine Verwundung zerstören kann.

Hubert Kossler

Hubert Kossler

ist katholischer Theologe und Co-Leiter Seelsorge am Unispital in Bern.

 

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