Präadoleszente Seelenlehre – eine kleine Odyssee

Als Kind stellte ich mir die Seele immer als eine transparente, farblose Struktur vor – ähnlich einem aufgeweichten Stück Gelatine in einem Glas Wasser. Diese diffusen Gebilde verortete ich in meiner Fantasie in einem grossen Ofen und hatte damit ein ziemlich klares Bild vom Fegefeuer. Die Ursprünge des Seelenbegriffs (griech: «psyche») führen uns zu Homers Ilias. Ganz ohne Frühförderung in antiker Poesie, deckt sich mein Seelenverständnis aus jungen Jahren zu weiten Teilen mit dem Homers. Er verwendet «psyche» stets dann, wenn ein Mensch stirbt oder ein Toter in Erscheinung tritt. Jedoch entspricht die Seele nie dem verstorbenen Individuum. Vielmehr ist die Seele das, was von der einstigen Person übrigbleibt, ein Schattengebilde. Die Seele lebt nicht weiter – sie besteht nur fort. Leib ohne Seele ist leblose Materie – Seele ohne Leib fehlt das Potenzial zu leben, um es aristotelisch zu formulieren. Dass hingegen in meiner Vorstellung mein verstorbenes Grosi im Himmel selbstverständlich eine (ganze) Person war, und nicht bloss ein StückGelatine, würde ich auf einen unterbewusst implizierten Auferstehungsglauben zurückführen. Echtes Leben ist stets eine Einheit von Leib und Seele. Unsere Gesellschaft möchte dies lieber auf die eine oder andere Weise trennen. Die Wissenschaft hat die Seele als Lebensprinzip längst abgeschrieben. Die mentalen Zustände übernahmen die Psychologen. Den Ursprung des Lebens erklären die Evolutionstheoretiker mit genügend Zeit und Zufällen. Das biologische Leben entstand aus Materie. Auf der anderen Seite steigt die Faszination an fernöstlichen Reinkarnations­modellen parallel mit transhumanistischen Fantasien von ewigem Leben durch Upload des menschlichen Geistes auf Festplatten. Im Gegenteil zur Naturwissenschaft scheint hier Materie und Körper plötzlich bedeutungslos. Ich komme zum Schluss, dass meine Kindheitsfantasien gar nicht so abwegig waren, wenn wir uns als Körper-Geist-Wesen ganzheitlich verstehen wollen.

Johannes Tschudi*


Johannes Tschudi

Johannes Tschudi (Jg. 1994) studierte Philosophie und Religionswissenschaft. Er ist Regionalleiter bei der christlichen Studierendenbewegung VBG sowie Geschäftsführer des Hilfswerks Mary's Meals Schweiz. Er präsidiert zudem den Verein Oasis, ein christliches Orientierungsjahr im Kloster Maria Opferung in Zug.