«In Leib und Seele einer»

Beobachtet man die Kontexte, in denen theologisch von der Seele die Rede ist, so fällt ein «dritter Weg» auf, den die Christen zwischen den Extremen gebahnt haben. Wie sieht dieser aus?

Gegen eine Verachtung von Leib und Welt betonen Christen die unlösbare Beziehung der Seele mit dem Leib. Gegen eine materialistische Sicht, die das seelische Prinzip mit dem Leib zugrundegehen lässt, betonen sie die Unvergänglichkeit der Seele und ihre direkte Schöpfung durch Gott. So ist das erste, was Christen gegenüber der antiken Philosophie bekennen, nicht etwa die Unsterblichkeit, sondern die Sterblichkeit der Seele: Wäre die Seele unsterblich, dann wäre sie selbst Gott – während sie doch ihr Leben von Gott empfangen hat. Erst als die anfängliche Polemik abgeklungen war, wurden die Akzente anders gesetzt: Die Seele als Geschöpf ist mit Gott «verwandt». Darin gründet ihre letzte Unabhängigkeit von allem Geschaffenen. Deshalb wird häufig auch eine dreigliedrige Bestimmung des Menschen als Leib – Seele – Geist verwendet, nicht um der Seele ein weiteres Element hinzuzufügen, sondern um deren Befähigung zur geistig-geistlichen Lebensgemeinschaft mit Gott zu benennen.

Glück erfahren nur mit dem Leib

Selbst Leib und Seele sind nicht zwei zusammengefügte Prinzipien, sondern ein einziges: «in Leib und Seele einer», formuliert das Zweite Vatikanische Konzil.1 Wenn das Konzil von Vienne 1312 die Seele als «forma corporis» definiert2, dann heisst das: Diese Seele belebt («animiert») diesen ihr entsprechenden Leib. Die Menschen sind keine Engel mit erdhaftem Körper; sie sind wesentlich leib-seelische Wesen. Thomas von Aquin bejaht daher die Frage: «Ist für das Glück des Menschen der Leib erforderlich?»3 Leicht einzusehen ist der Leib als Bestandteil des Glücks auf Erden. Und für die beseligende Gottesschau? Thomas insistiert: Es gehört zur Vollkommenheit unserer Natur, dass unsere Seele dem Körper seine Form gibt, ihn «durchgeistet». Die Seele bleibt auf den Körper hin angelegt, auch wenn sie nach der Trennung vom Leib im Tod weiter Bestand hat. Selbst wenn sie nach dem Tod ohne den Leib die Schau Gottes geniesst («fruitur Deo sine corpore»), sehnt sie sich doch nach ihrem Leib, um ihm Anteil an diesem Glück zu geben. Ihre Glückseligkeit ist erst in der Gnade der erneuten Einung mit dem Leib vollendet. Das Apostolische Glaubensbekenntnis bezeugt daher die «Auferstehung des Fleisches» («resurrectio carnis»), während die deutsche Übersetzung von der «Auferstehung der Toten» spricht.

Durch alle Zeiten hindurch bleibt diese kühne christliche Botschaft von der Seele ein Hoffnungszeichen für alles schwache und geschundene Fleisch der Schöpfung. Die Theologie findet in den antiken Beweisen von der Unsterblichkeit der Seele einen Anhaltspunkt, doch ihre freudige Gewissheit erhält sie aus der geschichtlichen Offenbarung mit ihrem Höhepunkt in Fleischwerdung, Tod und Auferstehung Jesu Christi: Die «Seele Christi», die seinem Leib ewiges Leben verleiht, wird zum Spiegel der menschlichen Seele: «Seele Christi, heilige, Leib Christi, rette mich», beginnt das Gebet, das Ignatius von Loyola seinem Exerzitienbuch voranstellt.

Auf dem tiefsten Grund der Seele

Die Grösse der Seele lässt sich nicht allein durch die Analyse des eigenen psychischen Innenlebens entdecken. Sie zeigt sich als Geheimnis, wenn der Mensch vor den lebendigen Gott tritt. So bezeugt es Augustinus, der seinen «Selbstgesprächen» (Soliloquia) programmatisch den Untertitel gibt «Von der Unsterblichkeit der Seele». Als Frucht seines Gebetes formuliert er im Zwiegespräch mit seiner «Vernunft» («ratio»): «Gott und die Seele will ich erkennen. – Weiter nichts? – Gar nichts.»4 Um diese Wahrheit haben die Gläubigen, nicht zuletzt die Mystiker und Mystikerinnen aller Zeit gerungen. Angelus Silesius formuliert ganz im Geist des Augustinus:

«Die Seele schliesst den Leib,
der Leib die Seel in sich,
verstündest du dies Werk,
du kenntest Gott und dich».

Gerade die Mystik ist jedoch überzeugt: Diese Erfahrung steht jedem Menschen offen, hat doch jeder Mensch seine lebendige Seele von Gott empfangen. Die Verkündigung des Evangeliums führt den Menschen zu Gott – und damit zum tiefsten Grund seiner eigenen Seele.

Barbara Hallensleben

 

1 Gaudium et Spes 14, aufgegriffen als Titel im Katechismus der Katholischen Kirche vor Nr. 362.

2 DH 902.

3 STh I-II, qu. 4, art. 5.

4 Soliloquia I, 2,7: PL 32, 872.

 


Barbara Hallensleben

Prof. Dr. Barbara Hallensleben (Jg. 1957) ist Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i.Ü. Sie ist Direktorin des Zentrums St. Nikolaus für das Studium der Ostkirchen und Mitglied der Gemeinsamen Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche.