Leserbrief zur SKZ 02/2023
Es ist wunderbar, dass die Schweizerische Kirchenzeitung eine eigene Ausgabe zum Thema der Scholastik herausgibt. Sie ist eine wichtige Grundlage für theologisches Denken, bis heute. Leider bleibt sie aber einem neuscholastischen Denken verhaftet, die kirchliche Lehren um Thomas von Aquin zu formulieren versucht und in der Enzyklika von Papst Leo III. (1891) und im kirchlichen Gesetzbuch von 1917 ihren Höhepunkt erreicht. Sie führt zu einer thomistischen Theologie, die nur noch einen Ansatzpunkt wahrnehmen kann. Scholastik aber ist wesentlich weiter. Sie umfasst verschiedenste und vielfältige Ansätze, die weit über die Verengung der Neuscholastik hinausgehen. So ist es äusserst seltsam, dass die Artikel franziskanische Ansätze der Scholastik gar nicht nennen. Der Name Bonaventura von Bagnoreggio (1221-1274) kommt gar nicht vor, obwohl er lange Zeit mit Thomas von Aquin in Paris lehrte und den vermutlich bedeutendsten Sentenzenkommentar (die Grundlage aller theologischen Ueberlegungen im Mittelalter) schrieb. Bonaventuras Einfluss als Kardinal auf die Kirche am Zweiten Konzil von Lyon (1274) war entscheidend. Dass es eine ältere, mittlere und jüngere Franziskanerschule gab, wird nicht erwähnt. Nur die Namen von Johannes Duns Scotus und Wilhelm von Ockham werden genannt. Dass es eine bedeutende Schule der Franziskaner in Paris und England (Oxford, Cambrigde) gab, die einen grossen theologischen Einfluss gewann, wird nicht angedeutet. Auch Joseph Ratzinger (später Papst Benedikt XVI.) als Spezialist für die Geschichtstheologie Bonaventuras und als bedeutender Theologe wird nicht genannt. Scholastik ist keine Verengung auf nur einen einzigen Ansatz in Theologie und Philosophie. Das wäre eine gefährliche Form der Neuscholastik, der wir nicht wieder verfallen sollen. Die Scholastik selber aber sucht die Weite und versucht sich mit jedem Gedanken jeder Person auseinanderzusetzen. Das ist das Ziel der Theologie schlechthin. Nichts ist verboten. So enthält jeder Sentenzenkommentar die Frage, ob auch Frauen das Weihesakrament empfangen können. Dabei müssen Argumente dafür und dagegen vorgelegt werden, um dann die eigene Meinung darzustellen. Eine solch offene und argumentative Form scholastischer Ueberlegungen in alle Richtungen wäre der Theologie heute von Herzen zu wünschen. Aus vielfältigem Denken können fundierte theologische Argumente entwickelt werden. Und das belebt die Kirche heute ganz neu.
Br. Dr. Paul Zahner OFM, Franziskanerkloster Mariaburg, Näfels (per E-Mail)