SKZ: Herr Professor Höger, Sie tragen an der Uni Luzern gleich drei Hüte. Welches sind diese?
Christian Höger: Als Institutsleiter des Religionspädagogischen Instituts RPI bin verantwortlich für Religionspädagogikstudierende, die später von der katholischen (oder reformierten) Kirche angestellt werden. Das RPI scheint mir ein Unikum in Europa zu sein, insofern man hier ein Religionspädagogikstudium an einer Uni etabliert hat, bei dem Leute ohne Matura ein Diplom machen können, mit dem sie später einen Bachelor absolvieren können. Im klassischen Theologiestudium bin ich Ordinarius für das Fach Religionspädagogik und Katechetik. Zudem verantworte ich das Masterstudium Religionslehre mit integriertem Lehrdiplom, das zum Unterrichten des bekenntnisunabhängigen Fachs Religionslehre in der Sekundarstufe II befähigt.
Wo liegen die fachlichen Schwerpunkte Ihrer Lehre und Forschung?
In der Lehre biete ich das an, was die Studierenden der Theologie, Religionspädagogik und Religionslehre für ihre spätere Praxis brauchen: Ein Vertrautwerden mit den diversen formellen und informellen Lernorten von Religionen und christlichem Glauben. Da möchte ich unsere Studierenden fit machen, auch durch die Ergebnisse empirischer Forschung: Denn wenn man die einschlägigen Studien kennt, dann kann man auch verantwortet subjektorientierte Lernprozesse initiieren. Ich selber bin eher in der qualitativ-empirischen Methode zuhause und habe viel mit Einzel- oder Gruppeninterviews gearbeitet. Aktuell bin ich in einem grossen Forschungsprojekt daran, in Zusammenarbeit mit anderen Fächern eine Art PISA-Test für die Klimakompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu erarbeiten: Was wissen sie über den Klimawandel? Was sind ihre Kompetenzen? Ebenso unterstütze ich ein interdisziplinäres Habilitationsprojekt zur Frage, inwiefern angehende Lehrkräfte für Biologie und Religion Schülervorstellungen zu Evolution und Schöpfung richtig diagnostizieren können. Im Schweizer Kontext gleise ich mit dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) ein neues Projekt auf, in dem wir den Glauben von jungen Erwachsenen in der Deutschschweiz qualitativ erheben und analysieren werden.
Wie könnte man das RPI als Kompetenzzentrum für die ganze Deutschschweiz profilieren?
Das RPI bietet seit fast 60 Jahren auf hohem Level Ausbildung, Weiterbildung in CAS-Studiengängen sowie religionspädagogische Fortbildungen und Tagungen an. Unsere Studierenden absolvieren ein duales Studium: Sie studieren auf wissenschaftlichem Niveau und erhalten zugleich ihre praktische Ausbildung in den Seelsorgeräumen vor Ort, so dass sie als gesuchte Fachkräfte von den Bistümern meist «mit Handkuss» übernommen werden. Darüber hinaus wollen wir in der Forschung präsent sein.Mit einem kompetenten Team von Dozierenden kann und wird der Standort Luzern seine Strahlkraft beibehalten und hoffentlich noch steigern.
Wie verhindern Sie, dass im Studium fundamentalistisch gedacht und argumentiert wird, wo dieser Geist gesellschaftlich doch schon in der Luft liegt?
Sowohl das Theologie- als auch das Religionspädagogikstudium haben viel mit der Aufklärung und dem freien Denken zu tun. Wissenschaftlichkeit ist eine gute Arznei gegen jegliche Form von Fundamentalismus. Unsere Studierenden, auch wenn sie vereinzelt aus konservativeren Milieus stammen sollten, sind durchaus bereit, ihre eigene Religiositätsform kritisch zu hinterfragen, um zu erkennen, dass es eine historische Gewachsenheit von Glaubensformeln gibt. Das müssen Theologie und Religionspädagogik einfach leisten. Auch dass wir kleine, überschaubare Gruppen von Studierenden haben, wo man sich beim Namen kennt, ist hier hilfreich.
Religiöse Bildung beinhaltet theologische, spirituelle und ethische Inhalte. Gibt es da Gewichtungen?
Religionsbezogene Bildung ereignet sich in vielen Lernfeldern. Der Lehrplan Konfessioneller Religionsunterricht und Katechese (LeRUKa) gibt für die zwei Lernorte katholischen Religionsunterricht und Katechese eine hilfreiche Orientierung. Denn er beinhaltet eine Mischung von ganz verschiedenen Kompetenzen. Gerade die ethischen Fragestellungen sind es, die sowohl Schülerinnen und Schüler als auch angehende Lehrkräfte interessieren, das haben mich meine Jahre in Freiburg gelehrt. Gleichwohl muss man die Gelegenheit nutzen, im konfessionellen Religionsunterricht die theologischen Inhalte zu behandeln und etwa kirchengeschichtliche und dogmatische Kernthemen nicht auszusparen. Im Unterschied zum staatlichen Fach Ethik, Religionen, Gemeinschaft haben dann auch spirituelle Aspekte ihren Platz. Somit braucht es eine Balance all dieser Themenakzente, und die finde ich im LeRUKa gegeben: Dabei verweise ich auf entsprechende Inhalte im Zyklus 3 – «Christliche Werte vertreten» – oder im Zyklus 2 – «Vorbilder des Glaubens».
Einst waren wir «christliches Abendland». Nun leben wir in einer multikulturellen und multireligiösen Welt, sind nur noch eine Stimme neben vielen. Was bedeutet das für religiöse Bildung?
Zunächst müssen wir bei dieser Frage den Vergleichspunkt des Früher definieren: Die Idee von einem einheitlichen christlichen Abendland (ein Reich, ein Glaube) traf vielleicht ansatzweise für die Zeit Karls des Grossen im Frankenreich zu. Vergessen wir aber nicht, dass es dabei auch zu seiner brutalen Mission (etwa gegenüber den Sachsen) kam. Generell aber gilt heute: Eine Monopolstellung des Christentums für die ganze westliche Welt ist nicht gegeben. Das verlangt von katholischer Theologie und Religionspädagogik eine Bescheidenheit in dem Sinn, dass die christliche Stimme nur eine unter vielen ist. Jedoch kann sie im Sinne der Idee eines Weltethos einen wichtigen Beitrag leisten, und dabei hat sie als monotheistische Offenbarungsreligion wichtige Verbündete. Religiöse Pluralität ist Herausforderung und Chance zugleich, die den Kirchen abverlangt, ihre Botschaft glaubwürdig und überzeugend zu vermitteln.
Und unsere Kirche?
Angesichts der grossen Herausforderungen sollte sich die katholische Kirche auf das Wesentliche besinnen. Je nach Lernort religiöser Bildung ist die Pluralität schliesslich kein Feind, sondern ein Faktum und verlangt von uns Dialogfähigkeit. Gerade bei dieser sind wir seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil mit «Nostra aetate» und Anerkennung der Religionsfreiheit gut aufgestellt. Es gilt: «Wenn das Produkt gut ist, wird es Anklang finden.»
Mit Karl Popper gefragt: Gehören die christlichen Kirchen nicht zu den «Feinden einer offenen Gesellschaft?»
Nein, denn eine christliche Stimme, die Kant oder Popper hineinnimmt, bringt uns vorwärts. Es gibt immer Abschottungsbemühungen, eine Sehnsucht nach dem Gestern und das Verständnis von Katholizismus als einem Bollwerk – meines Erachtens führt das alles in eine Sackgasse. Die offene Gesellschaft verlangt eine pluralitätswohlwollende Haltung, die auch in heutigen Erfahrungen die Stimme Gottes vernehmbar macht. Christ- bzw. Christinsein mit einem mündigen eigenen Denken und mit Loyalität zu Jesu Botschaft vom Reich Gottes, das macht uns zu wertvollen Stimmen im gesellschaftlichen Dialog.
Wie vermitteln wir in einer ökologischen Krisensituation Werte wie Bewahrung der Schöpfung und Nachhaltigkeit?
Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist ein brandaktuelles Querschnittsthema. Auch die Religionspädagogik hat sich seit Anfang 2000 auf diesem Feld entwickelt, ich verweise etwa auf die Arbeiten von Katrin Bederna und Claudia Gärtner.1 Es handelt sich um eine Zukunftsthematik, bei der bereits einiges an theologischen Grundoptionen zu Schöpfung, Mensch und Gott erarbeitet wurde. Didaktische Prinzipien und Methoden im Bereich einer religiösen BNE liegen auch bereits vor. Was es dagegen noch wenig gibt, sind aktuelle empirische Daten darüber, wie Kinder und Jugendliche zum Thema Ökologie und Klimawandel eingestellt sind. Damit normative Appelle im Feld einer Schöpfungsdidaktik nicht verhallen, wären solche Befunde zentral. Hier stehen wir noch vor einer Art Blackbox. Sicher ist: Die ökologische Krise ist bei Jugendlichen präsent. Darauf aufbauend sind didaktische Lösungen und Unterrichtsvorschläge zu suchen. Doch wissen wir noch nicht, welcher «Methodenkoffer» wirklich hilft, und da bräuchte es quasi-experimentelle Forschung.
Ihre Tochter ist vier Jahre alt. Was sind Ihre Hoffnungen und Gedanken für sie?
Sie macht sich viele eigene Gedanken. Ich staune, wie sie auch kindertheologische Fragen hat, die ich nur schwer beantworten kann. Wenn sie ihren religiösen Weg geht, in ihrer Selbständigkeit, bin ich zufrieden. Ich wünsche natürlich, dass sie durch den Glauben an Gott Kraft für ihr Leben gewinnt.
Interview: Heinz Angehrn