«Seele» – was ist das eigentlich? Die Schwierigkeit, diese Frage zu beantworten, kennen vermutlich all jene, die schon einmal versucht haben, diesen Begriff zu erklären und in unsere Lebenswirklichkeiten zu übersetzen. Bei solchen Antwortversuchen zeigt sich, dass zur Veranschaulichung dessen, was denn Seele sei, oft auf ihren klassischen Gegenbegriff, den «Leib», Bezug genommen wird. Die «Seele» erscheint so als das Gegenteil des Leibes, so etwas wie die unkörperliche Verfasstheit des Menschen. Diese Polarität kennzeichnet vielfach unseren Sprachgebrauch und hat sich selbst in solch geflügelten Redensarten niedergeschlagen wie «Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen». Doch was soll diesem Sinnspruch gemäss durch Nahrungsaufnahme zusammengehalten werden? Geht man dieser Frage nach, dann führt sie uns zu der Vorstellung, dass menschliches Leben als ein Zusammenspiel von Leib und Seele gedacht wird und dass der Tod als Aufhebung dieser Einheit verstanden wird. Während der verstorbene Körper ins Grab gelegt wird, ist die Seele jener Teil der menschlichen Identität, der den Tod überdauert – so zumindest eine traditionelle und bis heute weit verbreitete Vorstellung.
Sie entstammt dem griechisch-hellenistischen Denken und seiner dualistischen Anthropologie, der eine visuelle Erschliessung des Menschen zugrunde liegt. Das bedeutet: Es wird zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren unterschieden, also konkret: zwischen dem Körper auf der einen Seite und der Seele bzw. dem Geist auf der anderen. Dieser Zugriff geht mit einer Wertung einher, derzufolge die leibliche Verfasstheit des Menschen negativ, die geistige Innenwelt hingegen positiv zu qualifizieren ist. Im Hintergrund dieses anthropologischen Modells steht die auf Platon zurückgehende Vorstellung, dass die menschliche Seele dem Bereich der Ideen entstammt, grundsätzlich körperlos ist und im menschlichen Körper (soma) wie in einem Grab (sema) gefangen ist – eine Vorstellung, die in dem griechischen Wortspiel soma – sema («Körper – Grab») prägnant auf den Punkt gebracht wird. Die Seele bewohnt demnach den Körper wie ein Gefängnis, aus dem sie erst beim biologischen Tod des Menschen befreit und erlöst wird. Dieses Denkmodell mit seinem Leib-Seele-Dualismus wurde vom Neuplatonismus rezipiert, fand über die patristische Platonrezeption Eingang ins frühe Christentum und avancierte so zu einer prägenden Denkfigur christlicher Anthropologie, die uns heute noch sehr geläufig ist.
Eine ganzheitliche Anthropologie
Doch wie verhalten sich diese Vorstellungen nun zum Menschenbild des Alten und Neuen Testaments? Um diese Frage zu beantworten, gilt es, den Blick zunächst auf die alttestamentlich-jüdische Tradition zu richten. Dort begegnet uns ein Denkmodell, das sich deutlich vom platonischen Dualismus unterscheidet und sich am ehesten mit dem Schlagwort «Ganzheitlichkeit» umreissen lässt. Dabei wird der Mensch konzeptionell nicht in unterschiedliche Teilbereiche, also insbesondere in «Leib» und «Seele», zerlegt, sondern der ganze Mensch wird unter verschiedenen Aspekten betrachtet.
Was bedeutet dies nun für die alttestamentliche Seelenvorstellung? Wenn in unseren Bibelübersetzungen das Wort «Seele» zu lesen ist, dann steht in dessen Hintergrund meist das hebräische Nomen nefesch. Es bezeichnet zunächst die «Kehle», das Organ der Nahrungsaufnahme. Ausgehend von der körperlichen Erfahrung des Hungers und des Durstes, die vermittels Nahrungs- bzw. Getränkeaufnahme durch die Kehle gestillt werden, kann dieses hebräische Wort auch verschiedenste Arten von Bedürftigkeiten bezeichnen, seien sie nun körperlicher oder seelischer Natur. Dualistische Anthropologiekonzeptionen unterscheiden viel deutlicher zwischen leiblichen und seelischen Dimensionen von Bedürftigkeit; dem semitischen Denken ist eine solche Differenzierung jedoch fremd, da dort der ganze Mensch unter dem Aspekt der Bedürftigkeit betrachtet wird. Angesichts dieser anthropologischen Konzeption entsteht der Eindruck, dass anstelle des visuellen Zugangs der griechisch-hellenistischen Tradition im semitischen Denken der Mensch aus einer nichtvisuellen Erfahrungsdimension heraus erfasst wird. Man könnte formulieren: In anthropologischen Dingen haben Griechen die Augen geöffnet, Hebräer hingegen haben sie geschlossen.
Diese ganzheitliche Perspektive gilt auch für das, was wir in dualistischer Betrachtungsweise mit der körperlichen Verfasstheit des Menschen verbinden. Besonders greifbar wird dies bei dem Wort «Fleisch» (auf Hebräisch: basar), hinter dem die Erfahrung menschlicher Zerbrechlichkeit und Schwäche (und nicht der menschliche Leib in Abtrennung oder im Gegensatz zur Seele) steht – und zwar ebenfalls wieder gleichermassen in körperlicher und seelischer Hinsicht. So kann dieser Begriff die Hinfälligkeit und Sterblichkeit des Menschen ebenso bezeichnen wie seine Schwäche in innerlich-seelischen Dingen oder ethischen Angelegenheiten.
Doch wie kommt es nun, dass die alttestamentliche Konzeption so wenig Spuren in unserem Sprechen und Denken über den Menschen und seine Seele hinterlassen hat? Um diese Frage zu beantworten, wird man sich zunächst die Entscheidungen vor Augen führen müssen, die bei der Übertragung anthropologischer Zentralbegriffe in die griechische Sprache getroffen wurden. Denn damit hängt die Rezeptionsgeschichte der ganzheitlichen Anthropologie des Alten Testaments (genau genommen: deren Verlust) unmittelbar zusammen. Die erste grundlegende Weichenstellung bildet dabei die Übersetzung der hebräischen Bibel ins Griechische, bekannt als Septuaginta. Bei anthropologischen Grundbegriffen wie «Leib» und «Seele» werden dort Übersetzungsäquivalente gewählt, die weitreichende Konsequenzen für die weitere Rezeption haben. So wird das Wort nefesch mehrheitlich mit psyche wiedergegeben, also mit jenem griechischen Wort, das wir im Deutschen am ehesten mit «Seele» übersetzen würden, und von dem sich auch das Fremdwort «Psyche» ableitet. Durch diese Übersetzungsentscheidung wird eine Rezeption vorbereitet, die bei griechischsprachigen Menschen kaum mehr an etwas Ganzheitliches, den Leib Inkludierendes, denken lässt. Dieselbe Tendenz lässt sich auch bei basar («Fleisch, Hinfälligkeit») ausmachen, welches nahezu durchgängig mit sarx, mit «Fleisch» wiedergegeben wird, was in einem rein hellenistischen Rezeptionsumfeld kaum mehr im Sinne innerer Vollzüge gelesen werden konnte.
Griechische Sprache – semitisches Denken
Doch was bedeutet dies nun für das Neue Testament? Dessen Texte sind auf Griechisch verfasst, und so legt sich die Vermutung nahe, dass sie eine grössere Verwandtschaft zum platonischen Leib-Seele-Dualismus als zur semitischen Anthropologie mit ihrer Ganzheitlichkeit aufweisen. Stehen wir mit unserer dualistischen Konzeption stärker auf dem Boden des zweiten Teils der Heiligen Schrift? Auf der Basis der übersetzerischen Entscheidung der Septuaginta liegt eine solche Vermutung zwar nahe, doch ein näherer Blick auf den neutestamentlichen Sprachgebrauch macht deutlich, dass dort die griechischen Begrifflichkeiten noch vornehmlich im Sinne der semitischen Ganzheitlichkeit verwendet werden. Wenn beispielsweise Paulus, der ganz in der jüdischen Denktradition beheimatet ist, mit griechischen Begriffen vom Menschen spricht, dann folgt seine Terminologie jener der Septuaginta. Auf inhaltlicher Ebene verwendet er die entsprechenden Termini aber wie die Septuaginta noch stark im Sinne ihrer hebräischen Äquivalente. Wenn Paulus das griechische Wort psyche verwendet, dann schlägt bei ihm die Bedeutung des hebräischen nefesch («Kehle, Bedürftigkeit») deutlich durch. Es ist keineswegs zutreffend, dass das Neue Testament von einem der jüdischen Tradition fremden, dualistischen Leib-Seele-Konzept geprägt ist. Erst die spätere Rezeption biblischer Texte wird unter dem Vorzeichen dieses Missverständnisses stehen. Sie wird dadurch in ihrer Deutung nicht selten die Aussageabsicht der Texte verfehlen, indem sie diese im Licht der hellenis-
tischen Leib-Seele-Dualität liest.
Was bedeuten die bisherigen Überlegungen nun für ein biblisch fundiertes Verständnis des Seelenbegriffs? Ein Leib-Seele-Dualismus liegt, so wurde ersichtlich, dem biblischen Denken eher fern. Was sich dort, auch bei Paulus, jedoch deutlich greifen lässt, ist eine ambivalente Bedeutung des Begriffs psyche: Zum einen verweist die Bedürftigkeit des Menschen auf Gott, in dem allein die Erfüllung des menschlichen Sehnens liegt. Andererseits kann die Bedürftigkeit des Menschen auch von der Ausrichtung auf Gott ablenken, wenn der Mensch in seiner Bedürftigkeit stehen bleibt, statt diese auf Gott als ihr letztes Ziel hin zu überschreiten. Gerade in den Debatten, die gegenwärtig um die Anthropologie geführt werden – es sei hier nur das Stichwort «Transhumanismus» genannt – und in denen der Seelenbegriff wieder zunehmend an Bedeutung gewinnt, könnte diese biblische Begriffsverwendung einen wichtigen Denkan-
stoss und eine substanzielle Bereicherung darstellen.
Thomas Schumacher