Die Liturgie mit biblischen Augen betrachten

Wer die Heilige Messe mitfeiert, wird Texte der Bibel heraushören. Der Luzerner Biblisch-Liturgische Kommentar zum Ordo Missae zeigt diese biblischen Bezüge auf und macht sie für die Feiernden fruchtbar.*

Heute kann es keine Liturgie mehr geben, in der sich die Gemeinde nicht zunächst unter das Wort Gottes stellt und auf den hört, zu dessen Lob sie zusammengekommen ist. «Von grösstem Gewicht für die Liturgiefeier ist die Heilige Schrift» (SC 24), betonten die Konzilsväter des Zweiten Vatikanischen Konzils, weshalb die «Schatzkammer der Bibel» (SC 51) weit geöffnet werden solle, um den «Tisch des Gotteswortes» (SC 51) reich zu decken; denn es ist Christus selbst, der «spricht, wenn die heiligen Schriften in der Kirche gelesen werden» (SC 7).

Vom Wort Gottes durchdrungen

Weniger bewusst ist, dass die ganze Liturgie vom Wort Gottes durchpulst ist: Unter dem «Anhauch und Antrieb» der Heiligen Schrift sind «liturgische Gebete, Orationen und Gesänge geschaffen worden, und aus ihr empfangen Handlungen und Zeichen ihren Sinn» (SC 24). Alle Wortgestalten, alle Handlungen, alle Zeichen, ja die ganze Dynamik des Feierns nährt sich aus dem Wort Gottes. Betrachtet man die Liturgie mit biblischen Augen, dann begegnen einem sogar in scheinbar stereotyp wiederkehrenden liturgischen Formeln Zitate, Anspielungen und Motive aus der Heiligen Schrift. Diese Zusammenhänge gerade in den immer wiederkehrenden Redesequenzen oder Wortgestalten sind jedoch nur wenig bewusst. Deshalb ist es nicht nur aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt, sondern auch aus der Perspektive der Mitfeiernden ein gewinnbringendes Unternehmen, den biblischen Spuren der Texturen, die immer wieder in der Eucharistiefeier vorkommen, nachzuspüren und für ein vertieftes Verständnis des Gefeierten fruchtbar zu machen.1

Vielfältiger Einbezug

Die Gestalt der Eucharistie wurde einer bibelbezogenen «relecture» unterzogen, um vom Ursprung der Schrift die einzelnen Worte, Formeln, Textabschnitte neu zu bedenken und sodann in und für den liturgischen Zusammenhang und den liturgischen Ort zu erschliessen. Es wurde deutlich, dass Texte und Handlungen zum Teil direkt aus der Schrift entnommen, zum Teil von ihr inspiriert sind. Da finden sich biblische Gebete und Gesänge (z. B. Vaterunser, Psalmen), direkte Zitate (z. B. «Im Namen des Vaters ...», das Gebet zur Händewaschung, die anamnetische Gemeindeakklamation im Eucharistischen Hochgebet), eine Kombination von Zitaten (z. B. das Sanctus), liturgische Formeln und Rufe mit vielfachem Bezug (z. B. Amen, Kyrie eleison, Maranatha) oder hymnisch-motivische Entfaltungen des Wortes Gottes (z. B. das Gloria oder das Segensgebet zur Verkündigung des Evangeliums). Schon bei dieser Aufzählung wird ersichtlich, dass die Liturgie die Schrift auf höchst unterschiedliche Weise rezipiert. Häufig wird eine Neukontextualisierung vorgenommen, sprich, das biblische Quell- material wird an den liturgischen Sprechkontext angepasst (z. B. 1 Kor 11,26). Vielfach wird auch biblisches «Baumaterial» für eine Neukomposition verwendet oder ein biblischer Gedanke aufgegriffen, weiterentwickelt, aber auch eng geführt oder verfremdet.

Liturgie als gefeierter Glaube

Die Liturgie verwendet die Bibel jedoch nicht einfach nur als literarische Sammlung, aus der sie dies und das herausgreift, sondern: In der Liturgie geht es grundlegend um die geistgewirkte Begegnung des Menschen mit dem Gott, der in der Geschichte rettend am Menschen gehandelt hat (vgl. Joh 3,16–17) und der sich «aus seiner überströmenden Liebe» (DV 2) auch heute wieder und wieder dem Menschen heilvoll zuwendet. Worte der bzw. aus der Heiligen Schrift erweisen sich als besonders geeignet, das «Gespräch zwischen Gott und Mensch» (DV 25) zu ermöglichen.

Die biblische Prägung der verbalen und nonverbalen Elemente der Liturgie ist also nicht nur literarisch-stilistische Dekoration und ihre Bewusstmachung nicht nur ein intellektuelles «nice to know», sondern sie ist theologisches Programm und verweist in die Mitte der Liturgietheologie. Es wird deutlich, dass die Liturgie die Aktualisierung und Fortführung dessen ist, wovon die Bibel Zeugnis gibt. Die Liturgie ist zutiefst im Offenbarungsgeschehen verankert, gerade weil sie die Zuwendung Gottes zu den Menschen feiert und sie zugleich vermittelt.

Birgit Jeggle-Merz

 

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Birgit Jeggle-Merz

Prof. Dr. theol. Birgit Jeggle-Merz (Jg. 1960) ist Professorin für Liturgiewissenschaft an der Theologischen Hochschule Chur sowie an der Universität Luzern und stellvertretende Leiterin des Pastoralinstituts an der Theologischen Hochschule Chur.