«Bibel weg – hat keinen Zweck …?»

Die Bibel gehört zum «Kerngeschäft» des Religionsunterrichts. Doch wie kann sie aktuell, gegenwartsbezogen und subjektorientiert vermittelt werden?

In ihrem spannenden Hörbuch «Wem gehört die Geschichte?» erzählt die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann von einem interessanten Bild: «Es gibt eine Renaissance-Darstellung, die eine Flasche zeigt. Die Flasche hat einen ganz engen Hals und darüber ist eine Wolke mit einem Buch zu sehen. Aus dem Buch tropft die Wahrheit oder die Weisheit, die von dieser Flasche aufgefangen werden soll. Aber offensichtlich gehen die meisten Tropfen daneben. Und so ist es mit dem Gedächtnis. In das Gedächtnis finden immer nur wenige Tropfen Einlass, das meiste ist verstreut und für immer verloren.»1

So oder ähnlich würden vielleicht auch manche Kollegen in Religionsunterricht und Katechese ihre didaktischen Bemühungen um das Lernen mit der Bibel beschreiben. Sie kennen die Erfahrung, dass Kinder und Jugendliche im Bibel- unterricht ihrer Schulzeit mehr vergessen als erinnern. Andererseits ist auch im Hinblick auf biblische Texte die lernpsychologische Einsicht hilfreich, dass unser Gedächtnis kreativ ist und gerade das speichert, was uns bei der Bewältigung von Gegenwartsanforderungen dienlich ist. Wer weiss also, wann das Bibelwissen der Schulzeit Erwachsenen irgendwann einmal wieder zur Lebenshilfe wird?

Die Bibel als kulturelle Grammatik

Das Kennenlernen der Bibel zählt zu den zentralen didaktischen Aufgaben des Religionsunterrichts, denn die Bibel ist ein wesentlicher Schlüssel, um die jüdisch-christliche Religion und ihre Geschichte zu verstehen. Daraus ergibt sich, dass das Lernen an und mit der Bibel in hohem Masse erinnerungsgeleitetes Lernen ist. Erinnerungsgeleitetes Lernen wirkt im Zeitalter von Bildungsstandards, Kompetenzorientierung und Qualitätssicherung zuerst einmal anachronistisch, weil Erinnerung mit Vergangenheit assoziiert wird und Vergangenheit auf den ersten Blick wenig zur Deutung der Gegenwart beiträgt. Da das Ausblenden der Vergangenheit aber die Gefahr ideologieverdächtiger Geschichtsvergessenheit zur Folge hätte, gehört das Erinnern an die Bibel zum Kernbestand des Religionsunterrichts.2 Wie sonst wäre die «Story» der christlichen Religion verständlich, wenn nicht durch die Bibel?

In den Kulturwissenschaften haben deshalb Jan und Aleida Assmann vor über 20 Jahren die Bedeutung des kulturellen Gedächtnisses für die Begründung von Gegenwart und Zukunft hervorgehoben.3 Es entfaltet einen Erinnerungsraum, der über den Gedächtnisfundus des Einzelnen hinausgreift und in Erinnerungsfiguren die Ereignisse der Vergangenheit bündelt. Spannend an der Theorie vom kulturellen Gedächtnis ist der Aspekt, dass es wie ein Generationenvertrag funktioniert: Es reflektiert die Traditionen der Vergangenheit und sichert sie für die Gegenwart. Seiner Sammlung wird eine hohe Verbindlichkeit zugesprochen, weshalb das kulturelle Gedächtnis mehr ist als nur ein Archiv. Jan und Aleida Assmann nennen es eine kulturelle Grammatik, die dem Gestaltungswillen einer Gesellschaft Struktur und Richtung gibt. Der Bibel als kultureller Grammatik immer wieder ihr Gewicht, ihren Stellenwert und eine Stimme im Religionsunterricht zu geben, ist eine Hauptaufgabe der Bibeldidaktik, die sich heute immer auch anamnetisch, also erinnerungsgeleitet versteht.

«Kerngeschäft» versus Stossseufzer

Auch wenn das Lernen mit der Bibel zum «Kerngeschäft» in Religionsunterricht und Katechese gehört, steht ihm der dreifache Verlust von historischer Plausibilität, gesellschaftlicher Relevanz und individueller Bedeutung gegenüber.4 In der Wahrnehmung vieler Schüler ist die Bibel ein Zeitdokument der Vergangenheit, das den Nerv heutiger Lebenssituationen nicht mehr trifft und deshalb nicht mehr als Brücke taugt, über die der Glaube zu den Menschen kommt.

Bibeldidaktische Forschungsberichte beginnen deshalb häufig mit der Diagnose eines Dilemmas: Auf der einen Seite steht die Bibel als Grunddokument des Glaubens und als Fundament der christlichen Identität. Auf der anderen Seite stehen die schon zum Ritual gewordenen Stossseufzer über die Bibelmüdigkeit der Schüler. Häufig wird beklagt, die Bibel sei nur noch ein «marginalisierter Bestseller», der bei den meisten Schülern in den Bereich des «musealen und ästhetischen Spezialwissens»5 gehört. Ganz nach dem Schülerspruch, den ein Religionslehrer-Kollege morgens einmal an der Tafel seines Schulzimmers entdeckte: «Bibel weg – hat keinen Zweck!» Dabei teilt die Bibel ganz offensichtlich das Schicksal anderer Werke in der Literaturgeschichte, die scheinbar nicht mehr in unsere Zeit hineinsprechen.

Marginalisierter Klassiker?

Während jedoch Bücher wie Goethes «Faust» oder Schillers «Wilhelm Tell» Klassiker genannt werden, wenn sie aus dem kollektiven Bewusstsein verschwinden, wird die Bibel seit fast 2000 Jahren gelesen und ist offensichtlich mehr als ein Klassiker: Sie ist ein Basisdokument unserer Kultur. Aber gilt nicht für den Religionsunterricht eher die sprichwörtliche Bezeichnung der Bibel als «des am meisten ungelesenen Bestsellers»? Sind nicht öffentlichkeitswirksame Aktionen wie ein Bibellesemarathon mit Prominenten oder die Produktion der kleinsten Bibel der Welt auf einem Nanochip Zeichen dafür, dass die Bibel es bitter nötig hat, unters Volk gebracht zu werden? Sie ist ja kein Buch wie ein Harry-Potter- oder Dan-Brown-Roman, nichts, wofür man mitten in der Nacht ansteht, um es möglichst schnell zu bekommen und gierig zu verschlingen.
Jahrhundertelang führte die Bibel zwar die Liste der am meisten gedruckten Bücher der Welt an, nach ihrer langen Vorherrschaft musste sie diesen Rang aber 2013 an den Ikea-Katalog abgeben. Den ersten Platz als meistverkauftes Buch der Welt hat die Bibel immerhin behalten.

Innovative Ansätze

Jenseits aller Unkenrufe über den schweren Stand der Bibel im Religionsunterricht zeigen sich aktuelle bibeldidaktische Ansätze innovativ und experimentierfreudig. Unter der Vielzahl der aktuellen Konzeptionen möchte ich auf drei «Leuchttürme» hinweisen, die durch ein markantes Profil auffallen: Die kanonische Bibellektüre betont die Bezüge zwischen dem Alten und dem Neuen Testament: So kann etwa die Geschichte von der Stillung des Seesturms (Mk 4,35–41) auf der Folie des Jonabuches gelesen werden. Das ist anspruchsvoll für die Schüler, eröffnet aber viele interessante Einsichten über die Zusammenhänge von Altem und Neuem Testament.
Die konstruktivistische Bibeldidaktik stellt Subjektorientierung und Kindertheologie in die Mitte: Kinder deuten biblische Texte oft sehr kreativ und theologisch wertvoll. Da ergeben sich für Erwachsene und selbst für die akademische Theologie interessante neuen Einsichten.

Aufgrund der neuen Lehrpläne im ganzen deutschsprachigen Raum hat sich die Bibel- didaktik auch in Richtung Kompetenzorientierung entwickelt. Das ist nicht nur eine pädagogische Modeerscheinung: Wenn die Bibel ein «Buch des Lebens» sein will, das Orientierung und Lebenshilfe gibt, dann zeigt die Kompetenzorientierung sehr konkret, wie das funktioniert. Der Bibel- didaktiker Ingo Baldermann nannte die Bibel in ihrer Wirkung auf die heutige Zeit einmal «erstaunlich lebendig und bestürzend verständlich». Wie recht er doch hat.

Christian Cebulj

 

1 Vgl. Assmann, Aleida und Jan, Wem gehört die Geschichte?, Hörbuch, Berlin 2011.

2 Vgl. Cebulj, Christian, Vergiss es (nicht)! Zur Dialektik von Erinnern und Vergessen aus religionspädagogischer Sicht, in: reli. Zeitschrift für
  Religionsunterricht 4 (2013), 6.

3 Vgl. Assmann, Jan, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, München 72013, 37 f.

4 Vgl. Berg, Horst Klaus, Ein Wort wie Feuer. Wege lebendiger Bibelauslegung, München 42000, 16–22.

5 So Feininger, Bernd, Mit der Bibel das Leben erzählen, in: Bibel und Kirche 56 (2001) 148-155, hier 148.

 

Filme zum Thema "Katholisch für Anfänger":
www.katholisch.de/video/serien/katholisch-fur-anfanger

 

Weiterführende Literatur:
Biesinger, Albert u.a. (Hg.), «Warum dürfen Adam und Eva keine Äpfel essen?». Kinderfragen zur Bibel – Forscherinnen und Forscher antworten, München 2014.

  • Büttner, Gerhard u. a. (Hg.), Jahrbuch für Kinder- und Jugendtheologie, Bd. 2, Stuttgart 2018.
  • Cebulj, Christian (Hg.), Themenheft «Bibeldidaktik», in: «RelliS». Zeitschrift für den Katholischen Religionsunterricht, 18 (2015).
  • Troi-Boeck, Nadja, Wenn Jugendliche Bibel lesen. Jugendtheologie und Bibeldidaktik, Zürich 2015.
  • Zimmermann, Mirjam und Ruben, «Handbuch Bibeldidaktik», Tübingen 22018.
  • Zahlreiche interessante Online-Artikel bietet auch das «WiReLex» (Wissenschaftlich-Religionspädagogisches Lexikon) im Internet unter www.bibelwissenschaft.de/wirelex

Christian Cebulj

Prof. Dr. theol. Christian Cebulj (Jg. 1964) ist Professor für Religionspädagogik und Katechetik sowie Rektor der Theologischen Hochschule Chur.