Zwischen Utopie und Chance

Ist das Gebot der Feindesliebe nicht eine Überforderung? Für den Neutestamentler Thomas Schumacher zielt es darauf hin, Gewaltspiralen zu durchbrechen und Wege der Konflikttransformation zu eröffnen.

«Liebt eure Feinde»: Diese Forderung Jesu zählt fraglos zu den Spitzensätzen der Bergpredigt, ja, der Botschaft Jesu insgesamt. Von daher wirkt sie geradezu wie ein christliches Spezifikum; in diesem Wort bündelt sich die Botschaft Jesu wie in einem Brennglas. Doch andererseits wurde bei kaum einer Aussage Jesu die Frage ihrer Realisierbarkeit und die Problematik einer Überforderung so intensiv diskutiert, wie es bei der Thematik der Feindesliebe der Fall ist. Rückfragen und Protest drängen sich  auf. Soll dieses Jesuswort in die totale Unterwerfung unter feindliche Mächte hineinführen? Verbietet sich einer entsprechenden christlichen Haltung also jegliche Form der Gegenwehr gegen Böses in der Welt? Verlangt Jesus die radikale Selbstaufgabe, den völligen Verzicht auf eigene Bedürfnisse? Die Problematik einer so gelagerten Deutung des Gebots der Feindesliebe ist in der Geschichte des Christentums immer wieder greifbar geworden: Sie gipfelt im pauschalen Postulat der Preisgabe eigener Rechtsansprüche und kann mitunter gar in eine Verklärung von Leiden einmünden. 

Doch ist mit einer solchen Deutung die biblische Botschaft von der Feindesliebe adäquat erfasst? Zur Beantwortung dieser Frage lohnt sich ein Blick in die frühesten Rezeptionen dieser jesuanischen Forderung. Sie finden sich im paulinischen Schrifttum. Im Römerbrief greift Paulus nämlich auf das Gebot der Feindesliebe zurück, wenn er seiner Adressatengemeinde nahelegt: «Segnet, die euch verfolgen, segnet sie und verflucht sie nicht» (Röm 12,14). Den Feinden, hier konkret den «Verfolgern», soll mit einer positiven Haltung begegnet werden. 

Segnen statt verfluchen

Betrachtet man diese Aufforderung im Licht des Lebenskontextes, in den sie hineingesprochen wurde, so eröffnet sich eine aufschlussreiche Perspektive auf die Botschaft von der Feindesliebe. Mit dem Motiv des «Verfluchens» nimmt Paulus an dieser Stelle auf eine in der Antike breit etablierte Praxis Bezug, und zwar auf die Ausübung von Fluch- und Schadenszaubern. Dies war eine gängige Verhaltensweise, wenn es darum ging, Feinden und Konkurrenten ihren gegnerischen Einfluss und ihre schädliche Kraft zu nehmen. Einer feindlichen Handlung, die man nicht zu verhindern vermochte, suchte man dadurch zu begegnen, dass man seinerseits den Gegner verfluchte. Man ritzte dazu den Schadenszauber in ein Bleitäfelchen, faltete dieses zusammen, vollzog daran magische Riten und legte es beispielsweise auf Friedhöfen oder in Gräbern ab. Auch das Durchbohren von nachgeahmten Menschenfiguren mit Nadeln ist aus der antiken Fluchpraxis bekannt. In gewisser Weise erinnern diese Methoden an das stereotype Bild von Voodoo-Kulten. Und solche Verhaltensweisen waren, wie zahlreiche archäologische Funde – auch für die Stadt Rom – belegen, absolut üblich und hochgradig verbreitet. Was für uns heute geradezu okkult wirkt, war in antiken Gesellschaften eine normale Reaktion. 

Was bedeutet es nun aber, wenn Paulus von dieser Praxis abrät? Darin drückt sich letztlich die Empfehlung aus, sich nicht den Verhaltensmassstäben dieser Welt anzugleichen (Röm 12,2), sondern einen alternativen, christlichen Lebensstil zu praktizieren und einzuüben. Nicht durch Fluchhandlungen und dämonische Praktiken sollen Verfolger und Feinde zu einer Einstellung ihres Tuns und zu einer Verhaltensänderung geführt werden, sondern in gewisser Weise durch eine Ersatzhandlung, nämlich das Segnen; nicht das Böse wird also auf die Gegner herabgerufen, sondern das Gute. Paulus rät damit angesichts von Verfolgungssituationen aber gerade nicht zu einer radikalen Passivität, sondern fordert seine Adressatengemeinde vielmehr dazu auf, aktiv zu werden –  in einer positiven und die Erwartungen des Gegners durchbrechenden Weise. Mit der paulinischen Verhaltensempfehlung verbindet sich somit durchaus die Hoffnung darauf, dass durch den Segen und eigene, positive Handlungsimpulse der feindliche Wille des Gegners unterlaufen und transformiert werden kann. So gipfelt die von Paulus entfaltete Grundbotschaft der Feindesliebe im Textzusammenhang letztlich in dem Schlussgedanken: «Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem» (Röm 12,21). Wenn Paulus das jesuanische Motiv der Feindesliebe aufgreift und für die römische Adressatengemeinde aktualisiert, dann geht es ihm dabei letztlich um eine bestimmte Haltung, einen Lebensstil, der dazu führen soll, dass von Feindschaft geprägte Beziehungsstrukturen transformiert und Reaktionsketten von Gewalt und Gegengewalt durchbrochen werden sollen. Und damit trifft Paulus genau den Kern dessen, was mit Jesu Botschaft von der Feindesliebe gemeint ist, wie ein Blick auf die Bergpredigt im Matthäusevangelium illustriert.

Schritte zu einer positiven Beziehung

Das Gebot der Feindesliebe findet sich dort näherhin im Kontext der oft (und nicht ganz glücklich) sogenannten «Antithesen». Diese zeichnen sich dadurch aus, dass auf alttestamentliche Weisungen Bezug genommen wird und dass diese von Jesus im Blick auf ihr theologisches Grundanliegen zugespitzt werden; die Aussagen Jesu stellen keine Korrektur, sondern vielmehr eine Fokussierung der alttestamentlichen Vorgaben auf ihre Tiefendimension hin dar. Im Kontext des Gebots der Feindesliebe nimmt Jesus zunächst auf das sogenannte «Talionsgesetz» Bezug, also auf das alttestamentliche Gebot, demzufolge der Rechtsgrundsatz «Auge um Auge, Zahn um Zahn» gilt (vgl. etwa Ex 21,24). Dieses Gebot wird oft im Sinne einer harten Vergeltung und Rache verstanden, hat aber seiner eigentlichen Intention gemäss eine gegenläufige Ausrichtung. Es geht dabei nämlich darum, dass erfahrenes Unrecht nicht in einer unmässigen, eskalierenden Weise gerächt werden soll. Das Talionsgesetz zielt somit auf die Eindämmung von Gewalt ab und markiert zugleich den Rechtsanspruch der Opfer angesichts erfahrener Vergehen. 

Wenn Jesus unter Bezugnahme auf diesen Grundsatz formuliert, dass man nach einem erfolgten Schlag auch die andere Wange hinhalten und bei einem rechtlich eingeforderten Hemd den Mantel dazugeben möge, dann richtet sich seine Botschaft darauf, den eigenen Rechtsanspruch nicht einzuklagen, sondern auf ihn zu verzichten, um dadurch in eine neue, konstruktive Beziehung zu denen zu treten, mit denen man rechtet. Jesus verlangt keineswegs die gänzliche Selbstaufgabe – es soll nur ein weiteres Kleidungsstück gegeben werden, nicht der gesamte Besitz. Aber er fordert dazu auf, das Prinzip des Rechtens, des Pochens auf die eigenen Ansprüche aufzugeben und der Gegenpartei einen Schritt mehr als nötig entgegenzugehen, um eine Beziehung zu transformieren. Das impliziert keineswegs eine grundsätzliche Absage an das Talionsprinzip; die Rechte von Opfern bleiben in voller Geltung. Wohl aber wird hier die Annahme formuliert, dass es beziehungsschädigend wirkt, wenn zwischenmenschliche Begegnungen in ausschliesslicher, beharrender, fordernder Weise von der Erwartung geprägt werden, dass stets und restlos die eigenen Rechtsansprüche erfüllt werden müssen.

Auf diese fünfte Antithese folgt die Forderung der Feindesliebe (Mt 5,43–48), welche zugleich das Schlussglied des betreffenden Abschnitts der Bergpredigt bildet. Und auch hier finden wir eine ganz ähnliche Grundstruktur: Das Gebot der Nächstenliebe, das in Lev 19,18 seinen alttestamentlichen Referenzpunkt besitzt, wird auf die entsprechende Grundhaltung hin zugespitzt und über den engen Kreis derjenigen hinaus ausgeweitet, zu denen ohnehin eine positive Beziehung besteht. Es geht also darum, nicht nur jene zu lieben, von denen man selbst geliebt wird, und nicht nur jene zu grüssen, denen man ohnehin nahesteht (Vers 46f.). Stattdessen gilt es, auch die Feinde zu lieben und für jene zu beten, von denen man verfolgt wird (Vers 44). Die Grundhaltung der Nächstenliebe wird damit zum Paradigma für menschliche Beziehungen insgesamt, und die Botschaft Jesu zielt im Letzten darauf ab, auch in feindlichen Beziehungsstrukturen einen Ansatzpunkt für eine Annäherung und Konflikttransformation zu eröffnen.

Der Vorwurf einer Überforderung durch das Gebot der Feindesliebe ist somit zumindest deutlich zu relativieren. Die Sinnspitze dieses Jesuswortes richtet sich nicht darauf, dass ein Mensch, der zum Opfer wurde, sich ohnmächtig seinem Feind auszuliefern habe. Viel eher ruft Jesus dazu auf, Spielräume menschlicher Freiheit auszuloten und danach zu streben, auch Gegnern und Feinden gegenüber zu einer neuen, positiven Beziehungsrealität zu gelangen.

Thomas Schumacher


Thomas Schumacher

Prof. Dr. theol. Thomas Schumacher (Jg. 1966) studierte katholische Theologie an der Universität Freiburg i. Br. und an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt a. M. Er promovierte in Freiburg i. Br. und ist seit 2015 Professor für Neues Testament in Freiburg i. Ü.