(K)eine jüdische Feindesliebe?

Die Frage nach der Bedeutung der Feindesliebe im Judentum ist eine beliebte Frage. Christliche Fehlinterpretationen der vermeintlich fehlenden Feindesliebe führten zu ethischer Substitution und Antijudaismus.

Anders als die Nächstenliebe (Lev 19,18) gebietet das Alte Testament die Feindesliebe nicht generell. In der Vergangenheit zog das Christentum daraus den Fehlschluss, dass die christliche Ethik «höherwertiger» als jene des Judentums sei. Dieser Fehlschluss war Gift für das jüdische und christliche Miteinander. Das alte Muster der «Überbietung» des Christentums, hier in Form einer ethischen Substitution, wertete das Judentum ab und vereinfachte zugleich aus christlicher Sicht die ethischen Haltungen im Judentum. Unbewusst oder sogar gewollt führt(e) der oft gekünstelte Vergleich zwischen Altem und Neuem Testament und das Fehlen der gebotenen Feindesliebe in der Tora zu einem subtilen oder offenen Antijudaismus im christlichen Denken. Es sollen hier jüdische Stimmen zu Wort kommen, die sich gegen eine Fehlinterpretation der Feindesliebe im Judentum aussprechen, damit antijudaistische Denkmuster erst gar nicht entstehen oder zurückgedrängt werden.

Trügerischer Fehlschluss

Die christliche Frage nach der Feindesliebe im Judentum war mitunter eine tendenziöse Frage und zielte so auf Gegensatz. Das jüdische Lexikon aus dem Jahr 1927 problematisiert im Eintrag zur Feindesliebe, die angesprochene christliche «Überbietung» der jüdischen Ethik. Dort steht: «[Es] ist von christlicher Seite oft behauptet worden, erst Jesus habe die Feindesliebe gelehrt, während das Judentum den Feindeshass geboten habe. […] Das Judentum verlangt nicht Passivität dem Bösen gegenüber, sondern entschiedenen Kampf um das Recht, aber das bedeutet nicht Unversöhnlichkeit oder Rachsucht. Im Gegenteil wird des öfteren liebevolle Gesinnung und Tat auch dem Feinde gegenüber anempfohlen […] Zudem ist gerade das talmudische Schrifttum ausgezeichnet durch seine versöhnliche Stellung dem Feind, selbst dem Volksfeind gegenüber.»1 Der Lexikoneintrag zeigt, warum das Christentum das Judentum ethisch nicht auf gleicher Augenhöhe wahrnahm. Es konstruierte ein falsches und negatives Bild vom Judentum und spielte es gegen eine jesuanische Ethik aus.

Jüdische Wurzeln

Eine simple Möglichkeit, eine Überbietung der jüdischen Ethik durch das Christentum zu verhindern, ergibt sich mit dem Verweis auf den historischen Jesus als Juden seiner Zeit und auf die Evangelien als Teil der jüdischen Glaubensgeschichte.  Sie sollten daher, wenn es um die Feindesliebe aus jüdischer Sicht geht, bewusst beachtet werden. Für den wirkmächtigen protestantischen Theologen Adolf von Harnack (1851–1930) spielte aber bekanntlich der historische Jude Jesus in seinen Vorlesungen bzw. seinem Werk «Das Wesen des Christentums» keine Rolle. Rabbiner Leo Baeck (1873–1956) reagierte darauf. «Die meisten Darsteller des Lebens Jesu unterlassen es, darauf hinzuweisen, dass Jesus in jedem seiner Züge durchaus ein echter jüdischer Charakter ist, dass ein Mann wie er nur auf dem Boden des Judenthums, nur dort und nirgend anders, erwachen konnte. Jesus ist eine echt jüdische Persönlichkeit, all sein Streben und Thun, sein Tragen und Fühlen, sein Sprechen und Schweigen, es trägt den Stempel jüdischer Art, das Gepräge des jüdischen Idealismus, des Besten, was es im Judentum gab und giebt, aber nur im Judenthum damals gab. Er war ein Jude unter Juden.»2 Deutlich hebt Rabbiner Leo Baeck hervor, dass Jesus durch und durch Jude war und dieser brachte in seiner Ethik das Gebot der Feindesliebe hervor. Sie bleibt «ein Proprium, das im Judentum nicht rezipiert wird».3 

«Das Alte Testament war […] die erste und lange Zeit einzige heilige Schrift der Kirche. Erst im 2. Jahrhundert bildete sich durch das Bedürfnis und Gefühl eines eigentümlich Christlichen eine dem Christentum eigentümliche heilige Schrift aus Denkmälern seiner Gründungszeit […]. Was Jesus dazu noch weiter gebracht hat, das hat zumeist nur hinter verschlossenen Klostermauern Befolgung gefunden und auch da nur in beschränktem Masse. Seine Lehren, auch den Feind zu lieben, dem Uebel nicht zu widerstreben, demjenigen, der uns auf die linke Wange schlägt, auch die rechte hinzureichen, erscheinen uns wie verlorene Klänge einer fernen Welt, wenn wir an die ganze Entwicklung der Geschichte denken, seitdem das Christentum eine weltbeherrschende Religion geworden ist […]. Das sind Mondesstrahlen, mild und sanft, aber sie wärmen nicht […].»4 

Rabbiner Eschelbacher verweist darauf, dass bevor der neutestamentliche Kanon entstand, die Kirche nur das Alte Testament als heilige Schrift hatte. Bezogen auf die Feindesliebe schreibt er vor den zwei Weltkriegen 1908, wie wenig die Feindesliebe in der Realität gelebt werden kann. 

Die Frage nach der jüdischen Feindesliebe 

Der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide (1922–1997) fragt, wie es Menschen gelingen kann, ihre Feinde zu lieben, scheint diese Forderung «doch alles normale Menschentum zu überschreiten».5 Mit Betrachtung der hebräischen Wörter kommt er zur Lösung dieser Fragestellung. Im Gebot der Nächstenliebe (Lev 19,18) steht der Nächste – anders als im Deutschen – nicht im Akkusativ, sondern im hebräischen Dativus ethicus. Anders als die Liebe zu Gott (Dtn 6,4), der im Akkusativ genannt wird und den es mit Herz und Gefühl zu lieben gilt, bezieht sich die Liebe gegenüber dem Nächsten und Feind, die im Dativus ethicus stehen, auf eine Tatenliebe. Übersetzen lässt sich diese Forderung mit «Erweise ihm Liebe durch Handwerk […] Tu ihm Liebe an».6 «Nicht eine Herzensregung oder emotionelles Empfinden werden befohlen – was so gut wie unmöglich ist –, schon gar nicht fadenscheinige Liebeserklärungen, denen kein Gegner Gehör, geschweige denn Glaube schenken würde, sondern um praktische Liebeserweise geht es hier, wie etwa der Verzicht auf ein Stück des eigenen Rechts, das Ernstnehmen des anderen als Bruder […] unter Gott, Krankenbesuche, das heimliche Geben von Almosen, das Trösten der Trauernden, Brot für die Hungernden – mit einem Wort: all die tausend wirksamen Wohltätigkeiten, die Vertrauen schaffen, Feindseligkeit abbauen und die Liebe fördern.»7 

Gefordert ist keine «platonische Feindesliebe, sondern versöhnlicher Umgang mit dem Feind».8 Diese getane Liebe ermöglicht, dass mir der andere als Mensch nicht mehr nur als Feind begegnet. Sie eröffnet so den Raum für eine Beziehung, die eine wahrhaftige Liebe zum Menschen möglich machen kann. Hinzu kommt die schon in der Tradition des Judentums gebotene Unterscheidung von Sünde und Sünder. Lapide zitiert hierzu folgende Erzählung aus dem Talmud:
«Einige zügellose Gesellen wohnten in der Nachbarschaft von Rabbi Meir, die ihm arg zusetzten. Rabbi Meir betete gegen sie, auf daß sie stürben. Da sprach seine Frau zu ihm: Was kommt dir in den Sinn?! Etwa weil geschrieben steht: ‹Es mögen die Sünder verschwinden!› (Ps 104,35) Steht denn wirklich geschrieben: Sünder? Keineswegs! Denn wir können ja dasselbe Wort auch als ‹Sünden› lesen (wie es die vokallose Orthographie im Hebräischen erlaubt). Außerdem verfolge doch den Vers bis zu Ende! Dort steht: ‹Dann wird der Frevler keiner mehr sein!› Sobald also die Sünden verschwinden, wird es auch keine Frevler mehr geben. Bete also für sie, damit sie in Reue umkehren! Dann wird der Übeltäter ein Wohltäter werden. Da betete er für seine Verfolger um Erbarmen, und in der Tat, sie kehrten in Reue um» (Ber 10a).

Erinnerung an die Seelisberger Thesen

Der Dialog mit dem Judentum führte 1947 in den Seelisberger Thesen dazu, an das Judesein Jesus zu erinnern, der von einer jüdischen Mutter geboren wurde und aus dem Volk Israel stammte. Mit dem Judesein Jesu kann einer tendenziösen christlichen Frage nach der Feindesliebe im Judentum eine korrigierende Wirkung ermöglicht werden. Auch die vierte der zehn Seelisberger Thesen aus dem Jahr 1947, die jüdische und christliche Engagés aus aller Welt verabschiedeten, ruft zu Folgendem aus: «Es ist zu vermeiden, dass das biblische und nachbiblische Judentum herabgesetzt wird, um dadurch das Christentum zu erhöhen.» Diese These verbietet indirekt und in einfacher Sprache, dass christlicherseits die jüdische Ethik «überboten» wird.

Spätestens mit dem Aufruf des Zweiten Vatikanischen Konzils sind jeglichen substitutionstheologischen und antijudaistischen Tendenzen innerhalb von Kirche und Theologie auf höchster kirchlicher Ebene Einhalt geboten worden. Dies betrifft auch eine falsche christliche Interpretation der Feindesliebe im Judentum, in der das Christentum, die jüdische Ethik «überbiete» und ins Fahrwasser des Antijudaismus gerät. Der Aufruf, jede Art von Antisemitismus und Rassismus zu bekämpfen, gilt bis heute und mehr denn je (vgl. NA 4/5). 

Martin Steiner

 

1 Hahn, Hugo, Art. Feindesliebe, in: Jüdisches Lexikon (1927), 614–615, hier: 614.

2 Baeck, Leo, Harnack‘s Vorlesungen über das Wesen des Christenthums, in: Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums 45/2 (1901), 97–120, hier: 118.

3 Steiner, Martin, Jesus Christus und sein Judesein. Antijudaismus, jüdische Jesusforschung und eine dialogische Christologie, Dissertation Universität Luzern 2022, 304.

4 Eschelbacher, Joseph, Das Judentum und das Wesen des Christentums, Berlin 1908, 91f.

5 Lapide, Pinchas, Wie liebt man seine Feinde?, Mainz 1984, 20.

6 Ebd. 22.

7 Ebd. 22.

8 Ebd. 22.

 


Martin Steiner

Dr. theol. Martin Steiner (Jg. 1988) studierte Theologie in Wien, Jerusalem und Freiburg i. Ü. Er nimmt derzeit die Professurvertretung für Judaistik und Theologie an der Theologischen und Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern wahr und leitet als administrativer Geschäftsführer ad interim das dortige Institut für Jüdisch-Christliche Forschung (IJCF). Seine Luzerner Dissertation trägt den Titel «Jesus Christus und sein Judesein. Antijudaismus, jüdische Jesusforschung und eine dialogische Christologie».

 

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