Chance Herbstbeginn

Anhand Rainer Maria Rilkes «Herbsttag» reflektiert Kathrin Staniul-Stucky über die Fähigkeit des Menschen zu Mitleid und Staunen und die daraus resultierende Chance für die Bewahrung der Schöpfung.

Herr: Es ist Zeit. Der Sommer war sehr gross.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süsse in den schweren Wein.

Diese Strophen von Rainer Maria Rilkes «Herbsttag» rühren mich an. In einer Haltung des Gebets bringen sie die Ungeduld zum Ausdruck, die sich am Vorabend einer Wende breitmacht.

Bei den Realistinnen und Realisten unter uns hat sich angesichts der Folgen des Klimawandels ein Gefühl der Beklemmung und Ungeduld eingestellt: Rauhe Zeiten stehen uns bevor, wenn wir es nicht schaffen, die Vollbremsung bei unseren CO2-Emissionen zu vollziehen. Wird sich die dafür notwendige Bereitschaft zum Loslassen und zum Verzicht einstellen? Wie lässt sich der Übergang in eine neue Lebensweise gestalten?

Angesichts der Dringlichkeit der Klimaschutzmassnahmen fällt es mir nicht leicht, in der Haltung des Gebets zu bleiben. Auch bei Rilke weicht das Gebet in der dritten Strophe seines Gedichts einer Perspektive der Ausweglosigkeit und Isolation:

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Für unsere Zukunft wird entscheidend sein, ob unsere Beunruhigung in mutiges Mitleid oder in Isolation und Defaitismus mündet. Der hl. Irenäus von Lyon (etwa 140–200) sieht die Menschheit im Wachstum und in der Vollendung begriffen. Sein Optimismus ist geprägt von der Vorstellung, dass Gott in seiner Schöpfung immerwährend fortwirkt und jedes Geschöpf von innen her zu wandeln vermag; der Mensch bleibt von Gott formbar, wenn er sich «ein weiches und williges Herz» bewahrt (Gegen die Häresien IV. 39,2). Scheuen wir uns also nicht davor, unser Herz für die Ärmsten und Verletzlichsten zu öffnen und unser Handeln an den Schwächsten auszurichten.

Im jüdischen Monat Tischri, der im gregorianischen Kalender in den Zeitraum von Mitte September bis Mitte Oktober fällt, liegen das Neujahrsfest Rosch ha-Schana und das Versöhnungsfest Jom Kippur, die beide mit der Schöpfung und dem Ursprung der Welt in Verbindung gebracht werden können und Anlass zu einer erneuerten Gottesbeziehung geben. Auch die orthodoxen Kirchen lassen das Kirchenjahr am 1. September beginnen. Und sowohl im römisch-katholischen als auch im orthodoxen und anglikanischen Kirchenjahr wird am 8. September Mariä Geburt gefeiert, mit welcher die neue Heilszeit in Jesus Christus begonnen hat. Offenbar wohnt im Herbstbeginn eine Chance zum Neuanfang inne. Aus Begrenztem und Endlichem kann Neues hervorgehen. Wo die Schöpfung als gut und der Mensch als nicht defizitär gelten, endet die Jagd nach «Mehr» von allem, wird die Logik der Entgrenzung und Steigerung unterbrochen und beginnt das dankbare Staunen über den «Sommer», der hinter uns liegt.

Kathrin Staniul-Stucky


Kathrin Staniul-Stucky

Kathrin Staniul-Stucky (Jg. 1983) studierte Theologie mit Schwerpunkt Moraltheologie und Ethik in Freiburg i. Ü. und Moskau. Seit 2021 ist sie Leiterin der Fachstelle Bildung und Begleitung der Bistumsregion Deutschfreiburg. Daneben arbeitet sie als redaktionelle Mitarbeiterin für die «Studien zur theologischen Ethik» am Departement für Moraltheologie und Ethik an der Universität Freiburg.