SKZ: Frau Reusser, wie entstand dieses Netzwerk?
Elisabeth Reusser: Zwei Stränge haben zur Entstehung dieses ökumenischen Netzwerkes geführt. Auf katholischer Seite war Pfingsten 1998 in Rom eine Initialzündung. Damals lud Papst Johannes Paul II. die neuen geistlichen Bewegungen nach Rom ein und bat sie, ihre Charismen zu teilen und der Kirche zu schenken. Auf der evangelischen Seite trafen sich seit 1969 die Verantwortlichen von Gemeinschaften und Kommunitäten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz jährlich zu einer Konferenz. Bei der Unterzeichnung der Erklärung zur Rechtfertigungslehre in Augsburg 1999 begegnen sich die Gründerin der Fokolarbewegung Chiara Lubich, der Gründer von Sant’Egidio Andrea Riccardi, Helmut Nicklas vom CVJM München, Gerhard Pross vom CVJM Esslingen sowie Friedrich Aschoff von der geistlichen Gemeinde-Erneuerung und weitere Personen. Bei dieser Begegnung ist den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Schmerz der Trennung spürbar bewusst geworden. Ihnen wurde klar: Wenn der Austausch und der gemeinsame Weg zwischen katholischen und evangelischen Bewegungen und Gemeinschaften weitergehen sollen, bedarf es zuerst der Vergebung und Versöhnung. Diese Erkenntnis war sehr wichtig und die gegenseitige Bitte um Vergebung bildet das Fundament für den weiteren Weg. Auf diesem Fundament haben sie im Jahr 2001 ein Bündnis der gegenseitigen Liebe geschlossen. Das ökumenische Netzwerk «Miteinander auf dem Weg» in der Schweiz ist verbunden mit diesen Entwicklungen und dem daraus entstehenden «Miteinander für Europa».2 In Kontakt mit den Initiatoren in Deutschland haben wir hier eine Spurgruppe gebildet. In der Spurgruppe sind Verantwortliche von katholischen, evangelischen und freikirchlichen Bewegungen und Gemeinschaften.
Was sind die Ziele dieses ökumenischen Netzwerkes?
In Joh 17,21 heisst es: «Alle sollen eins sein: Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.» Die Einheit ist unsere Sehnsucht und unser Ziel. Wir sind auf dem Weg zu diesem Ziel und gleichzeitig erleben wir im Miteinander jetzt schon einen Vorgeschmack dieses Ziels – die Einheit als versöhnte Vielfalt. Wir lernen einander von Mal zu Mal näher kennen und schätzen; wir anerkennen die Charismen der anderen, teilen sie miteinander und schenken sie weiter. Wir wollen über das ökumenische Anliegen hinaus, da wo wir leben, mitten in Europa, die Gesellschaft im christlichen Geist mitgestalten, ihr eine Seele geben. Und wir schaffen Plattformen der Begegnung. Ökumene lebt von Begegnungen. Gerade in der heutigen Verzettelung braucht es diese Plattformen für den Austausch und zur Vernetzung.
Wo sehen Sie die aktuellen Aufgaben?
Eine Aufgabe liegt darin, dass wir noch mehr andere am kostbaren, ermutigenden Schatz des Miteinanders teilhaben lassen. So halten wir unsere Sitzungen, wenn möglich, an einem Ort des Neuaufbruchs ab, um Unbekanntes kennenzulernen und das Miteinander zu erweitern. In diesem Zusammenhang treibt mich die Frage um, wie wir mit jungen Erwachsenen den Weg des ökumenischen Miteinanders gehen können, auch europaweit. Wir brauchen die Jugend, für die vor allem der Glaube und die Gemeinschaft zählen und die nicht mehr belastet ist durch konfessionelle Schranken.
Was kann das «Miteinander auf dem Weg» zur Ökumene der Kirchen beitragen?
Indem wir von unseren beflügelnden Erfahrungen auf dem Weg des Miteinanders, der Ökumene des Lebens und der Herzen, erzählen. Wir schenken der Kirche unser geistliches Leben, das uns trägt und das wir in Gemeinschaft leben. Christsein heisst in Gemeinschaft leben. In Gemeinschaft leben, das ist unser Charisma. Wir schenken ihr unsere Erfahrungen im Teilen geistlichen Reichtums.
Interview: Maria Hässig