Der russische Angriff auf die Ukraine hat nicht nur die politische Situation in der Welt dramatisch verändert, sondern er hat auch massive Folgen für die zwischenkirchlichen Beziehungen. Fast alle Kirchen verurteilen den Krieg, der jedoch von der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) gerechtfertigt wird. Allerdings gibt es ebenso in fast allen Kirchen divergierende Ansichten darüber, wie man auf den Krieg reagieren soll – ist die Unterstützung der Ukraine auch durch Waffenlieferungen legitim, oder sollten nur gewaltlose Mittel zur Beendigung des Blutvergiessens eingesetzt werden? Alte friedensethische Spannungen geraten erneut in den Vordergrund.
Mangelnde Ökumene in der Ukraine
Zu diesen Dilemmata kommt ein Schisma innerhalb der orthodoxen Kirche, das schon seit einigen Jahren besteht und das in der Ukraine seinen Anfang genommen hat. Die ukrainische Orthodoxie ist seit Jahrzehnten gespalten. Der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel hat zum Jahreswechsel 2018/19 eine der dortigen Kirchen als autokephal (selbstständig) anerkannt. Die andere Kirche, die zum Moskauer Patriarchat gehörte, hat diesen Schritt jedoch nicht akzeptiert. Seither sind die kirchlichen Beziehungen zwischen Moskau und vier anderen Kirchen (Konstantinopel, Alexandria, Zypern und Griechenland) abgebrochen, weil diese die neue Kirche anerkannt haben. Die etwa zehn übrigen Kirchen verhalten sich neutral und sind sowohl mit Konstantinopel als auch mit Moskau in Gemeinschaft. Diese Spaltung lähmt die Orthodoxie in hohem Masse. In der Ukraine stehen sich die beiden dortigen Kirchen unversöhnlich gegenüber. Die ehemals zur ROK gehörende hat am 27. Mai 2022 ebenfalls ihre Unabhängigkeit verkündet (ohne sich jedoch ausdrücklich als autokephal zu erklären).
Die ukrainischen Kirchen sind ökumenisch wenig aktiv. Keine von ihnen – also auch keine der protestantischen – ist Mitglied in einem der ökumenischen Gremien. Die Orthodoxie wurde dort bisher von der ROK vertreten, die «neue» autokephale Kirche hat im September 2022, während der Vollversammlung des Weltkirchenrats in Karlsruhe, einen Mitgliedsantrag gestellt. Die griechisch-katholische Kirche des Landes (die viel grösser als die römisch-katholische ist) unterhält ökumenische Beziehungen zur autokephalen Kirche, was allerdings jetzt, unter den Bedingungen des Krieges, sehr erschwert ist. Eine ökumenische Tradition gibt es nur sehr begrenzt; die Führung der «alten» orthodoxen Kirche gilt als ökumenisch äusserst reserviert.
Fragwürdiges Engagement der ROK
Anders verhält es sich mit der ROK. Sie ist seit vielen Jahrzehnten ökumenisch engagiert. Seit ihrem Beitrag zum Weltkirchenrat 1961 hat sie dort aktiv mitgearbeitet; sie hat über Jahrzehnte die ökumenische Arbeit sehr stark politisiert – wobei sie jetzt den westlichen Kirchen eine Politisierung der Ökumene vorwirft. Nach dem Ende des politischen Drucks durch das kommunistische System jedoch legte sie grosse ökumenische Zurückhaltung an den Tag. Insbesondere mit Kirchen, die Frauen ordinierten oder Segnungsrituale für gleichgeschlechtliche Partnerschaften praktizierten, brach sie die Dialoge ab oder stufte sie herunter. Den Kontakt mit der katholischen Kirche sah sie als «strategische Allianz»: Man könne sich gemeinsam gegen die angeblichen dekadenten Erscheinungen des Westens positionieren, wobei die theologischen Probleme zwischen beiden Kirchen ohnehin nicht lösbar seien.
Durch die Rechtfertigung des Krieges ist die ROK in eine schwierige Situation geraten. In der internationalen kirchlichen Öffentlichkeit wird die aktive Ablehnung der «westlichen» Werte zwar kritisch wahrgenommen, doch viel grösser ist das Entsetzen darüber, dass die russische Kirchenleitung den Krieg als zwar bedauerliches, aber doch notwendiges Mittel zur Verteidigung der traditionellen Werte sieht, die nach ihrer Ansicht vom russischen Staat geschützt werden. Das ukrainische «Brudervolk» habe, vom Westen (der schon längst von den christlichen Werten abgerückt sei) dazu aufgehetzt, diese Werte verraten und sich gegen Russland gewandt, das sich nur verteidige. Zur Unterstützung dieser Sichtweise werden oft historische Bilder wie das von der «heiligen Rus» unkritisch verwendet. Der Krieg wird also als Konsequenz aus einem kulturellen Gegensatz zwischen Ost und West erklärt. Dass die Orthodoxen in der Ukraine das nicht so sehen und die Kirche sich sogar von Moskau losgesagt habe, wird, wenn es überhaupt kommentiert wird, durch den Druck erklärt, den die ukrainische Regierung angeblich auf die Kirche ausübt.
Die ROK versucht ihre Position auch den ökumenischen Partnern nahezubringen. Kurz nach Beginn des Krieges gab es ein Online-Gespräch zwischen dem Patriarchen und Papst Franziskus, als Höhepunkt mehrerer Kontakte zwischen russischen und katholischen Würdenträgern. Auch ein Gespräch des Patriarchen mit dem Oberhaupt der Kirche von England, Erzbischof Justin Welby, fand im März 2022 statt. Die ROK stellt in ihren Verlautbarungen diese wie andere ökumenische Begegnungen so dar, als stimme die andere Kirche im Grundsatz der Sichtweise der ROK bei. Hinsichtlich der katholischen Kirche wird ihr das durch die uneindeutige Haltung des Papstes erleichtert, der sich offenbar noch eine ökumenische Zukunft mit Patriarch Kirill vorstellen kann. Der Preis, den er dafür bezahlt, ist hoch: In der Ukraine sehen sich nicht nur viele Katholiken, sondern auch immer mehr orthodoxe Gläubige, die auf ein klares Wort aus Rom gehofft hatten, bitter enttäuscht, Kirill vermeidet ein Treffen mit Franziskus und lässt ihn eine Reise nach Kasachstan unternehmen, welcher der Papst wohl nur wegen einer in Aussicht gestellten Begegnung mit dem Patriarchen zugesagt hatte, und die päpstliche Diplomatie, deretwegen der Aggressor vom Papst nicht genannt werden dürfe, hat bisher noch keine Ergebnisse gebracht.
Auch bei der Vollversammlung des Weltkirchenrates hat die ROK versucht, ihre Sichtweise durchzusetzen. Die Mitglieder der Delegation wurden vorher von deren Leiter, Metropolit Antonij, aufgefordert, nur die Position der ROK zu vertreten. Der Metropolit verurteilte die kritischen Anmerkungen des deutschen Bundespräsidenten, die dieser bei der Eröffnung der Veranstaltung über die ROK gemacht hatte, und andere kritische Wortmeldungen als «Politisierung» der ökumenischen Beziehungen. Mit derselben Begründung lehnte die russische Delegation auch das Dokument der Versammlung zum Krieg ab.
Wie weiter?
Es stellt sich die Frage, wie angesichts des Krieges die ökumenischen Beziehungen mit der ROK weitergehen können. Oft hört man die Meinung, man müsse den Gesprächsfaden unbedingt beibehalten. Doch ist kritisch zu fragen, ob es sich tatsächlich um ein echtes Gespräch handelt – viele Äusserungen und Handlungen der ROK lassen den Schluss zu, dass es ihr vor allem um die Verbreitung und Akzeptanz ihrer Positionen im Westen geht. Zuweilen wird bei uns auch auf dissidente Stimmen innerhalb der ROK verwiesen. Das sind aber nur einige wenige (eine Deklaration gegen den Krieg hat weniger als ein Prozent der Priester unterschrieben), und sie werden von der Kirchenleitung diszipliniert, wie sie vom Staat verfolgt und bestraft werden. Hingegen finden sich zahlreiche Priester und Bischöfe, die den Krieg noch deutlicher als der Patriarch unterstützen.
Die Frage, wie sich andere Kirchen zu diesen Geistlichen und zu dieser Kirche ökumenisch verhalten sollen, hängt auch von der Beurteilung des Krieges selbst ab. Nimmt man eine neutrale Position ein, wonach alle Seiten einen Teil der Schuld tragen, dann liegt es auch nahe, nicht nach Verantwortung zu fragen, sondern alle mit Äquidistanz zu behandeln. Stimmt man jedoch der Auffassung zu, dass es sich um einen völkerrechtswidrigen, verbrecherischen Angriffskrieg handelt, dann sind Beziehungen zu einer Kirche, die ihn rechtfertigt und die sich kritiklos auf die Seite des russischen Präsidenten stellt, kaum denkbar. Das schliesst ja freundschaftlichen Umgang mit einzelnen Gläubigen oder Priestern nicht aus, besonders dann, wenn man sie als Kriegsgegner kennt. Doch wie mit Präsident Putin nach Kriegsende keine normalen politischen Beziehungen vorstellbar sind, so ist auch auf offizieller kirchlicher Ebene mit der ROK keine Zusammenarbeit mehr denkbar, solange sie ihre bisherigen Ansichten beibehält.
Thomas Bremer