In der Stadt St. Gallen, wo ich arbeite, gehört über 50 Prozent der Bevölkerung keiner der grossen christlichen Landeskirchen an. In einem so säkularisierten Umfeld stellen sich einige Fragen schlicht nicht (mehr), wenn die Kirchen innovative Pastoral machen wollen. Viele Jahrzehnte des Zusammenlebens mit pragmatischen Annäherungen haben dazu geführt, dass sie fast alles gemeinsam stemmen, was nicht direkt Gottesdienst und Sakramente betrifft: Flüchtlingsarbeit, Kulturprojekte oder neue Seelsorgeangebote.
Eine Liebesbeziehung, die (auch) Zweckgemeinschaft ist, muss gepflegt werden. Ökumene sehe ich in erster Linie als eine Frage der Haltung: Sehen wir wirklich andere Christinnen und Christen, die die Dinge anders, aber nicht unbedingt schlechter angehen? Besuchen wir einander, auch ohne konkrete Anliegen? Denken wir an die anderen, wenn wir in unseren Strategiepapieren «Behördenmitglieder», «Seelsorgende» und «Freiwillige» definieren?
Gleichzeitig ist das religiöse Feld in Bewegung. Mit der Einwanderung und Flucht vieler Menschen aus Eritrea und der Ukraine steigt der Anteil orientalisch-orthodoxer und östlich-orthodoxer Christinnen und Christen. Das Kräfteverhältnis verschiebt sich.
Es wird wichtiger, über christliche Orthodoxie Bescheid zu wissen, z. B. über den besonderen Stellenwert des Klerus – ein nicht unproblematisches Feld für das ökumenische Gespräch!
Die christlichen Landeskirchen sollten sich fragen: Wie lassen sich die neu entstehenden orthodoxen Gemeinden in etablierte Gefässe einbinden? Sind sie potenzielle Partner bei einer gemeinsamen Nutzung kirchlicher Gebäude? Können orthodoxe Kinder in einen ökumenischen Religionsunterricht integriert werden?
Nach vielen Jahrhunderten der Konfessionskriege können wir auf die Ökumene stolz sein. Dies nehmen auch Menschen anderer Religionszugehörigkeit wahr. Einige sehen darin gar ein Vorbild für eigene Theologien und Organisationsformen. Darin können und sollten wir sie unterstützen.
Ann-Katrin Gässlein
Eine Liebesbeziehung geht weiter
Ann-Katrin Gässlein
Ann-Katrin Gässlein (Jg. 1981) ist katholische Theologin und Religionswissenschaftlerin. Sie arbeitet an der Professur für Liturgiewissenschaft an der Universität Luzern sowie in der Cityseelsorge in St. Gallen.