SKZ: Sr. Maura Zátonyi, Sie befassen sich seit 2001 mit dem Leben und Werk Hildegards von Bingen. Was fasziniert Sie an Hildegard?
Sr. Maura Zátonyi: Als ich ins Kloster eintrat, lernte ich Hildegard erstmals kennen. Davor in Ungarn, in meiner Heimat, hatte ich noch nie etwas von Hildegard gehört. Die Klostergemeinschaft gab mir den Auftrag, mich mit ihrem Leben und Werk intensiver zu befassen. Es war keine Liebe auf den ersten Blick. Ich war Altphilologin und mein Interesse galt der Antike. Durch die kritische Auseinandersetzung mit ihrem Werk, lernte ich Hildegard schätzen und sehe, was sie uns heute an Weisheit im Glauben und im psychologischen Menschenverständnis geben kann. Inzwischen fasziniert mich vieles, zum Beispiel ihr Menschenbild.
Was begeistert Sie am Menschenbild Hildegards?
Wie gross Hildegard vom Menschen denkt. Für sie überragt der Mensch in der Schöpfung sogar die Engel. Nach mittelalterlicher Auffassung stehen die Engel an der Spitze der Schöpfung. Ich finde es grossartig, wie Hildegard ihre eigene Position begründet. Für sie ist der Mensch das «plenum opus» – das vollständige Werk (Gottes). «Plenum» meint nicht perfekt, sondern vollständig – da ist etwas von der Fülle drin. Was das bedeutet, erklärt Hildegard so: Der Mensch hat «rationalitas». Rationalität dürfen wir nicht im heutigen Sinn verstehen. Für Hildegard bedeutet «rationalitas» unsere Gottesfähigkeit, und der vornehmste Vollzug unserer «rationalitas» ist der Glaube. «Rationalitas» haben auch die Engel. Der Mensch hat für Hildegard etwas darüber hinaus: Er hat einen Leib. Die Verbindung der «rationalitas» mit der Leibhaftigkeit zeichnet den Menschen in der gesamten Schöpfung aus. Der Mensch ist Gottes Exemplar in der Schöpfung, auf Latein sagt Hildegard «homo deum exemplatur», und dies gerade in seiner Körperlichkeit und Sinnlichkeit und darin, dass er die fünf Sinne betätigt. Durch seine Leibhaftigkeit ist der Mensch fähig, den Schöpfungsakt Gottes fortzuführen. Das ist seine Aufgabe. Bei Hildegard geht es immer darum, das «opus» Gottes, das Werk Gottes, zu verwirklichen. Ihr letztes Buch trägt dies im Titel «Das Buch der göttlichen Werke». Wir dürfen das nicht mit Aktionismus verwechseln. Das «opus» vollenden meint, das von Gott gegebene Dasein zu verwirklichen. Ich bin zuerst Empfangende meines Lebens.
Hildegard ist Kirchenlehrerin. Was zeichnet ihr Werk aus?
Hildegard deutet alles heilsgeschichtlich im Lichte der Offenbarung. Sie spricht selbst über ihr Werk, d. h. über ihre Visionen: Das Ziel ihrer Visionen sei der «intellectus» der hl. Schrift – die Auslegung, das Verstehen der hl. Schrift. Auf Latein drückt sie das mit dem Wort «sapere», schmecken, aus: Sie habe den Sinn der biblischen Offenbarung geschmeckt. Von diesem lateinischen Wort kommt auch die «sapientia» – die Weisheit. Sie betrachtet ihr gesamtes Werk als eine Sinnerschliessung der hl. Schrift. Warum ist das so wichtig? In der hl. Schrift offenbart uns Gott das Heil. Die Schrift gibt uns Orientierung, wie wir zum Heil gelangen können. Hildegards erstes Werk heisst «Liber Scivias», das wird übersetzt mit «Wisse die Wege», richtig übersetzt heisst es «Das Buch der Wegweisungen» – es sind Wegweisungen zum Heil. Die Wege, die Hildegard zeigt, sind Wege Gottes, die er zu uns geht – in der Schöpfung, der Menschwerdung und Heilsgeschichte. Dadurch dass Gott immer schon seine Wege zu uns geht, können wir unsere Wege zu ihm gehen – in der Schöpfung, in der Annahme der Inkarnation, in den Sakramenten und dass wir uns in die Heilsgeschichte einfügen. Deshalb ist es für Hildegard so wichtig, dass wir die Botschaft der hl. Schrift verstehen. Das ist das Ziel ihres gesamten Visionswerkes.
Wie ist das Werk Hildegards theologiegeschichtlich einzuordnen?
Hildegard war eher konservativ. Auch philosophiegeschichtlich hat sie sich nicht in den damaligen Trend gefügt. Das 12. Jahrhundert war ein Wendepunkt in der Philosophie- und Theologiegeschichte. Theologie wurde bis dahin als Schriftauslegung praktiziert und in Form von Kommentaren dargelegt. Im 12. Jahrhundert begannen Theologen wie Petrus Abaelardus, Petrus Lombardus u. a., Theologie mit Hilfe von Dialektik zu betreiben. Was machte dagegen Hildegard? Sie entwickelte ihre Theologie durch Bilder. Es ist eine symbolische Denkweise. Nach dem Iconic Turn und dank der Arbeiten Paul Ricœurs und Hans Blumenbergs haben wir entdeckt, dass Bilder auch eine kognitive Leistung bedeuten und einen Wahrheitsgehalt haben. Durch Bilder erhalten wir eine neue Sicht auf die Wirklichkeit. Diese Entwicklung macht Hildegard heute so modern. Sie braucht auch Begriffe, jedoch stehen bei ihr zuerst die Bilder. Der Grund dafür ist theologisch. Für Hildegard sind Gott, die Welt oder der Mensch letztlich unbegreiflich. Deshalb entwirft sie immer neue Bilder, um sich der Wahrheit Gottes, des Menschen und der Welt anzunähern.
Der Schlüssel für den Zugang zu ihren Visionen ist die hl. Schrift.
Ja, die hl. Schrift ist der Schlüssel für den Zugang zu ihren Visionen. Ihr Zugang zur hl. Schrift war geprägt durch die benediktinische Spiritualität und Lebensform. Sie nahm die hl. Schrift in der Liturgie auf. Sie hörte die Lesungen und sang die Psalmen. Darum ist für Hildegard die Musik so wichtig. Ihr zweiter benediktinischer Zugang zur hl. Schrift war die benediktinische Form der Bibellektüre, die wir auch heute praktizieren, die «lectio divina». Es ist eine ganzheitliche Aufnahme der hl. Schrift. Diesen Prozess nennen wir in unserer benediktinischen Tradition «ruminatio» – das bedeutet Wiederkäuen. Das Betrachten der hl. Schrift ist wie Nahrungsaufnahme. Ich nehme das Wort Gottes mit Vernunft, Leib und Sinnen auf. Am Ende steht die «contemplatio». Hildegard betrachtete in der «contemplatio» den gewöhnlichen Alltag im Lichte der Offenbarung. Das ist der benediktinische Zugang.
Welche Rolle spielt der Hl. Geist in ihrem Leben und Werk?
Da verweise ich Sie gleich auf den Einband des Hildegard-Lesebuches (siehe unten). Hier sehen Sie ein Bild, das zeigt, wie Hildegard ihre Vision empfängt. Wenn Sie Hildegards Beschreibung zu diesem Bild lesen, und das ist gleich der erste Text im Lesebuch, merken Sie, dass es fast eine Paraphrase des Pfingstereignisses ist. Es ist eine Aneignung des Pfingstereignisses in ihr eigenes Leben. Wenn ich in ihr Werk schaue, staune ich, wie wunderbar sie die Trinität beschreibt und was sie dem Hl. Geist zuschreibt. Sie vergleicht die Dreifaltigkeit mit der Flamme, dem Stein und dem Wort. Mit all diesen Bildern drückt sie aus, dass der Hl. Geist in der Trinität immer derjenige ist, der die Herzen der Gläubigen entzündet und erleuchtet.
Hildegard vergleicht die Trinität mit dem Stein. Erklären Sie mir bitte dieses Bild näher!
Nach dem mittelalterlichen Verständnis hat der Stein auch Feuer und Feuchtigkeit in sich. Hildegard schreibt, dass der Stein in sich feuchte Grünkraft, greifbare Festigkeit und göttliches Feuer enthalte. Dies überträgt sie auf die Trinität: Die feuchte Grünkraft (viriditas) deutet auf den Vater. Die greifbare Festigkeit symbolisiert den Sohn Gottes, er konnte durch die Inkarnation angefasst werden. Das göttliche Feuer bezeichnet den heiligen Geist.
Im Hildegard Lesebuch finde ich Ihre Einführungen zu den Texten hilfreich.
Auf den ersten Blick sind Hildegards Texte schwierig zu lesen. Deshalb empfehle ich, Satz um Satz, Passage umd Passage zu ruminieren. Ich glaube, das haben wir heute dringend notwendig. Wir haben verlernt, bei einem Text zu bleiben, bei ihm zu verweilen. Die Visionen Hildegards sind uns da eine gute Schule. Sie helfen das Verstehen zu üben, indem wir bei einem Wort verweilen.
Welchen Gedanken aus dem Werk Hildegards möchten sie am Schluss dieses Gesprächs mitgeben?
Bei der Trinität habe ich das Wort «viriditas» gebraucht – die Grünkraft. Der genuine Ort für die «viriditas» ist die Trinität. Die Grünkraft nehmen wir jedoch zuerst in der Natur wahr, sie ist die Kraft, durch welche die Pflanzen wachsen – alles grünt. Die «viriditas» ist dann Hildegard zufolge auch in unserem sittlichen Leben aktiv. Sittliches Leben ist für Hildegard tugendhaftes Leben. Das übersetze ich mit gelingendem Leben. Für Hildegard sind Tugenden «virtutes» – Gottes Kräfte. Wenn ich mein sittliches Leben mit Gottes Kraft gestalte und es zum Aufblühen bringe – kultiviere –, ist die «viriditas» am Werk. Und weiterhin: «viriditas» bedeutet auch Gnade. Mit einem Wort kann Hildegard die ganzen Zusammenhänge von Natur, Kultur und Gnade aufzeigen und mit diesem Wort kann sie auch deutlich machen: Alles ist Leben.
Interview: Maria Hässig