Vom Format eines Niklaus von Flüe

Bischof Markus Büchel lässt sich in seinem Beitrag von der Titelfigur dieser SKZ-Nummer inspirieren und spannt den Bogen bis zu einer weiteren starken Frau: Wiborada von St. Gallen.

Hildegard von Bingen ist eine bekannte Heilige, durch Heilmittel mit ihrem Namen oder den bekannten Film «Vision». Eine Mitarbeiterin bei uns im Pastoralamt trägt ihren Namen – Hildegard Aepli. Ich habe sie gefragt, was ihr Name für sie bedeutet: «Der Name ist für mich zuerst einmal Erinnerung an meine Mutter, die diesen Namen für mich als erste Tochter vorgeschlagen hatte. Die Heilige war ihr über den Kaplan ihrer Jugend vermittelt worden. Er hatte die jungen Frauen motiviert, einen Turnverein zu gründen und die Äbtissin, Seherin, die mutige Briefeschreiberin, Predigerin, Musikerin und Heilkundige als Patronin zu wählen. Meine Mutter Cilli Aepli-Hobi war von dieser Hildegard fasziniert. Erst als ich persönlich die Bedeutung des Namens erkundete, wurde er mir wichtig und hat mein Interesse geweckt. Ich übersetze ihn so: Schützerin im Kampf.»

Zwei Details von Hildegard von Bingen begleiten mich als Bischof. Das erste Detail ist das Wort «viriditas», es wird übersetzt mit Grünkraft. In diesen Tagen ist es erlebbar: Die Natur spriesst ihr schönstes Grün in ganzer Fülle. Grünkraft meint lebendiges Wachsen. In der «viriditas» kommt aber auch die Einheit von Körper und Seele zum Ausdruck. Hildegard schreibt: «Die Seele ist die grünende Kraft des Leibes; die Seele wirkt mittels des Leibes und der Leib mittels der Seele; das ist der ganze Bestand des Menschen.» Das zweite Detail ist der Satz, respektive der Titel eines der Bücher der Heiligen «Sci vias domini», übersetzt «Wisse die Wege Gottes». Mir sagt dieser Satz, dass es eine Art von Wissen gibt, wie Gott ist. Wenn ich mich auf den Weg einlasse, kann ich IHN erfahren.

Im Bistum feiern wir im Mai ebenfalls eine sehr bedeutende Frau, Wiborada von St. Gallen († am 1. Mai 926). Mich fasziniert ihre Entschiedenheit. Die Lebensform, die sie für sich wählte, ist für uns kaum nachvollziehbar. Sie lässt sich einordnen in die Tradition jener Christinnen und Christen, die als Wüstenväter und -mütter gelebt und gewirkt haben. Sie übten sich, das Evangelium so wörtlich wie möglich zu leben. Wiborada liess sich 916 bei der Kirche St. Mangen einmauern. Offenbar war das die Lebensform, die dieser Frau entsprach. Sie wurde im Lauf der zehn Jahre, die sie als sogenannte Inklusin lebte, zu einer Ratgeberin für Volk, Klerus und Adel. Durch ihren prophetischen Rat veranlasste sie die Flucht der Menschen und ihrer Habe vor dem Einbruch der heidnischen Ungarn und wurde selber erschlagen. 1047 wurde Wiborada als erste Frau der Welt offiziell in Rom heiliggesprochen.

Wiborada von St. Gallen steht für die pastoralen Qualitäten, die Menschen heute brauchen: präsent sein, ansprechbar sein, zuhören. Mit der Offenheit für Gott und dem Fenster zur Welt hat sie im Grunde das Format eines Niklaus von Flüe. St. Gallen hat die Chance, beim leeren Grab von Wiborada ein Mahnmal für vergessene Frauengeschichte zu entwickeln. Und sie steht auch dafür, dass wir die Stellung von allen Frauen in der Kirche dringend überdenken müssen.

+ Markus Büchel

Markus Büchel

Bischof Markus Büchel

Bischof Markus Büchel (Jg. 1949) empfing am 3. April 1976 die Priesterweihe in Rüthi. Nach zwei Vikarstellen in der Stadt St. Gallen übernahm er 1988 das Amt des Pfarrers in Flawil. 1995 wurde er in St. Gallen zum Bischofsvikar und Kanonikus ernannt, wo er u.a. ab 1999 als Domdekan (Vorsteher des Domkapitels) wirkte. Am 4. Juli 2006 wurde er zum Bischof von St. Gallen gewählt. Zudem ist er Apostolischer Administrator der beiden Appenzell. Am 9. August 2024, seinem 75. Geburtstag, bot Bischof Markus dem Papst altersbedingt seinen Rücktritt an.