Die Tugenden sind himmlische Kräfte

Hildegard von Bingen legte mit ihrer Tugendlehre einen originellen Entwurf vor. Stephan Ernst zeigt auf, wie bei Hildegard kosmische, körperliche und seelische Gegebenheiten sowie tugendhaftes Tun zusammenhängen.

Im Werk Hildegards von Bingen spielen die Tugenden eine zentrale Rolle. In grossen Teilen ihrer Visionsschriften geht sie auf diese Thematik ein. Dabei kommt in den Tugenden Gottes Wirken in der Schöpfung und in der Heilsgeschichte zu seinem Ziel. In den Tugenden findet der Mensch, getragen vom Wirken und von der Gnade Gottes, zu seiner eigenen Bestimmung in Harmonie mit dem Kosmos und in Gemeinschaft mit Gott zurück und führt in Verantwortung für die Welt das Wirken des Schöpfers weiter.

Tugenden sind Gotteskräfte

Hildegards Tugendlehre stellt in ihrer Zeit einen einzigartigen und originellen Entwurf dar, der sich nicht in die damals üblichen Muster einordnen lässt. Vereinfacht lassen sich im 12. Jahrhundert zwei Entwicklungslinien in der Tugendlehre beobachten. So wird in manchen Schriften die Tugendlehre der antiken lateinischen Philosophie aufgegriffen: Die Tugenden werden als Grundhaltungen verstanden, die der Mensch selbst durch Übung erwerben kann und die nach dem Schema der Kardinaltugenden (Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mass)  in vielen Einzeltugenden entfaltet werden. In anderen Werken dagegen werden in einem theologischen Zugang die Tugenden ausschliesslich als Werk Gottes verstanden. Sie werden nicht vom Menschen erworben, sondern  ihm geschenkt. Im Zentrum stehen dabei Gottesfurcht, Demut und Liebe.

Vor diesem Hintergrund neigt Hildegard zunächst der theologischen Sicht zu. Sie spricht sich ausdrücklich gegen die heidnische Philosophie aus und versteht demgegenüber die Tugenden als sittliche Kräfte, die Gott im Menschen wirkt. Für Hildegard sind die Tugenden (virtutes) himmlische Kräfte, Engelwesen (der dritte Chor der Engel heisst auch virtutes = Kräfte) oder Gotteskräfte, die von Gott gesandt sind, um den Menschen zu helfen und sie zu schützen. Sie sind heilsgeschichtlich durch Christus vermittelt und werden durch den Heiligen Geist in aller fruchtbaren «Grünkraft» (viriditas) verliehen. Sie sollen helfen, das Böse zu überwinden und zur Gottähnlichkeit zurückzukehren. Entsprechend stehen auch bei Hildegard die Demut und Gottesfurcht als Gegenmittel gegen den Stolz und Ungehorsam der Ursünde sowie die Liebe als Wurzel aller Tugenden im Vordergrund.

Doch Hildegards Tugendlehre bleibt nicht – wie in den theologischen Traktaten dieser Zeit – auf diese drei Grundhaltungen beschränkt. Sowohl in «Scivias» als auch im «Liber vitae meritorum» entfaltet sie vielmehr eine Fülle von Einzeltugenden, die in der Aufgliederung und in der Einteilung ohne jedes Vorbild ist. Auch die philosophische Einteilung nach den Kardinaltugenden spielt keine Rolle mehr. Insgesamt 35 Tugenden stellt Hildegard im «Liber vitae meritorum» den entsprechenden Lastern im Streitgespräch gegenüber, eingeteilt in fünf Gruppen; die ersten 30 davon tauchen auch in «Scivias» in der gleichen Einteilung auf. Ausführlich werden dabei die Tugenden als Gegenmittel gegen die Laster geschildert.

Heilsgeschichtliche Einteilung

Fragt man, nach welchen Gesichtspunkten Hilde­gard die verschiedenen Tugenden einteilt und aufgliedert, so lässt sich auf ihre Schilderung des «Heilsgebäudes» verweisen, die sie in «Scivias» ausführt. Dieser rechtwinklige Bau, dessen vier Ecken den vier Himmelrichtungen zugeordnet sind, steht symbolisch für die Heilsgeschichte und – entsprechend zu den vier Mauern zwischen den vier Ecken – für deren Epochen. Sie beginnt zunächst im Süden mit der Erschaffung Adams und reicht bis zur Ecke im Osten, die Noah zugeordnet wird. Hier beginnt dann die erste Epoche der Heilsgeschichte, die von Osten bis zum Norden, nämlich bis zu Abraham und Mose, reicht, um sich von dort nach Westen, nämlich bis zur Offenbarung des Dreifaltigen Gottes, zu erstrecken. Von dort wendet sich die Mauer, in deren Mitte sich die Säule der Menschheit Christi befindet, nach Süden, wo der Turm der Kirche steht. Die Mauer reicht dann wieder vom Süden nach Osten, womit die Geschichte bis hin zum Thron des Menschensohnes bezeichnet ist.

Ausgehend von dieser Einteilung der Heilsgeschichte ordnet Hildegard nun der Zeit zwischen Noah und Abraham/Mose die Liebe zum Himmlischen, die Zucht, die Ehrfurcht, die Barmherzigkeit und den Sieg sowie, innerhalb der Mauern, die Geduld und das Seufzen zu. In der Zeit zwischen Abraham/Mose und der Offenbarung der Dreifaltigkeit sieht sie in einer ersten Gruppe Enthaltsamkeit, Freigiebigkeit und Frömmigkeit, in einer zweiten Gruppe Wahrheit, Frieden und Glückseligkeit und einzeln stehend die Tugenden der Unterscheidung und der Erlösung der Seelen. An der Säule der Menschheit Christi verortet Hildegard Demut, Liebe, Gottesfurcht, Gehorsam, Glaube, Hoffnung und Keuschheit. Am Turm der Kirche stehen Weisheit, Gerechtigkeit, Stärke und Heiligkeit sowie schliesslich am Thron des Menschensohns die Beständigkeit, das Himmlische Verlangen, die Herzenszerknirschung, die Weltverachtung und die Eintracht. Offensichtlich geht Hildegard bei ihrer Einteilung davon aus, dass in den unterschiedlichen Epochen der Heilsgeschichte jeweils bestimmte Tugenden oder Tugendgruppen als göttliche Kräfte besonders wirksam waren und hervorgetreten sind.

Symbolische Zusammenhänge

Über diese heilsgeschichtliche Verortung der Tugenden hinaus sieht Hildegard aber auch Zusammenhänge zwischen dem tugendhaften Handeln des Menschen und seinem Eingebundensein in vorgegebene Ordnungsstrukturen des Kosmos und des menschlichen Körpers.
So beschreibt sie im «Liber divinorum operum» das Weltgebäude als Rad – Bild für das rechte Mass und den Umlauf der Elemente –, in dessen Mitte der Mensch steht. Hildegard stellt dabei zahlreiche Beziehungen zwischen der Ordnung des Weltgebäudes und den in ihm wirkenden Kräften einerseits und dem tugendhaften Wirken des Menschen andererseits her. Es geht nicht um ursächliche, sondern um symbolische Zusammenhänge: Die Ordnung und die naturhaften Kräfte des Kosmos verweisen auf diejenigen Kräfte, die auf den Menschen und sein sittliches Handeln Einfluss nehmen. So dient die Betrachtung des Kosmos und seiner Ordnung der sittlichen Belehrung des Menschen.

Ähnliche Zusammenhänge sieht Hildegard zwischen den Säften und Organen des menschlichen Körpers und dem tugendhaften Wirken des Menschen. Auch hier geht es um symbolische Verweise und Entsprechungen. So wie das Verhältnis der Säfte im Körper, auch unter dem Einfluss der kosmischen Kräfte, sich ändert und damit den Menschen gesund oder krank macht, so können im Menschen schlechte Gedanken und Wünsche aufkommen oder sich unter dem Einfluss der Tugendkräfte zum Guten verändern. Hildegard kann dabei einzelne Organe mit bestimmten Affekten oder sittlich bedeutsamen Kräften in Beziehung setzen: So wirkt auf der rechten Seite des Körpers, wo die Leber ist, die Gerechtigkeit mit dem Heiligen Geist, während die Nieren mit der ungerechten Begehrlichkeit in Verbindung gebracht werden.

In ihrem Buch «Causae et curae» sieht Hildegard aber auch kausale Zusammenhänge zwischen der Natur und der Sittlichkeit des Menschen. Ausgehend von den vier Elementen, aus denen die Schöpfung besteht und die ursprünglich in vollkommener Ordnung und Harmonie geschaffen wurden, zeigt sie, wie durch den Sündenfall des Menschen diese Mischung in Unordnung und Disharmonie geraten ist. Diese Unordnung ist letztlich Ursache für Krankheiten, während die Ordnung und Ausgewogenheit der Säfte des Körpers zur Gesundheit führt. Entsprechend kann für Hildegard die sittliche Qualität unseres Handelns Rückwirkungen auf die körperliche und seelische Verfassung des Menschen und damit auch auf die Naturordnung im Ganzen haben; und umgekehrt können die in Unordnung geratenen Säfte des Körpers Einfluss auf die seelisch-geistige Grunddisposition des Menschen und damit auf sein sittliches Handeln nehmen.

Insgesamt also geht es Hildegard darum, dass der Mensch und sein sittliches Handeln – im Sinne der Entsprechung von Makrokosmos und Mikrokosmos – in ein Ordnungs- und Kräftegefüge hineingehören, das sich ebenso in der kosmischen Naturordnung wie in der Ordnung des menschlichen Körpers zeigt. Deswegen können die äusseren kosmischen, anatomischen und physiologischen Zusammenhänge für den gläubigen Menschen hinweisende und belehrende, antreibende und motivierende Kraft für sein sittliches Leben entfalten.

Stephan Ernst

 

Literaturhinweise

  • Zátonyi, Maura, Hildegard von Bingen (Zugänge zum Denken des Mittelalters, hg. von M. Dreyer, Bd. 8), Münster 2017.
  • Meier, Christel, Virtus und operatio als Kernbegriffe einer Konzeption der Mystik bei Hildegard von Bingen, in: Grundfragen christlicher Mystik, hg. von M. Schmidt / D. R. Bauer (Mystik in Geschichte und Gegenwart I,5), Stuttgart 1987, 73–101.

Stephan Ernst

Prof. em. Dr. theol. Stephan Ernst (Jg. 1956) studierte katholische Theologie, Philosophie, Pädagogik und Musikwissenschaft in Frankfurt a. M. und Münster. Von 1999 bis Herbst 2022 war er Inhaber des Lehrstuhls für Theologische Ethik – Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg. Seit Oktober 2022 ist er Seniorprofessor ebenda.