Was wir voneinander lernen können

Am 6. Dezember 2017 wurde das Studienzentrum für die Ostkirchen an der Universität Freiburg i. Ue. eingeweiht. Das Zentrum widmet sich dem Austausch zwischen West- und Ostkirchen.

Gründungsfeier des Vereins St. Nikolaus mit Stefan Constantinescu (l.) und P. Ioan Ciurin. (Bild: Jean-François Mayer)

 

Seit mehreren Jahren wächst an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg die Zahl der orthodoxen Studierenden, zu denen auch ich gehöre, derzeit als Doktorand. Als ich mein Masterstudium begann, waren wir Einzelpersonen, die von der Qualität der theologischen Ausbildung in Freiburg profitierten und privat unseren Glauben lebten. Mehr und mehr haben wir uns zusammengetan und gemeinsam überlegt, wie wir das Leben der Fakultät aktiv mittragen können – ermutigt durch die Arbeit des Instituts für Ökumenische Studien (ISO). Hier wird «Ökumene» nicht in erster Linie als Begleitung der offiziellen Dialoge verstanden, sondern als Dimension der ganzen Theologie, als «Austausch der Gaben» zwischen den verschiedenen kirchlichen und theologischen Traditionen. Für mich persönlich ist es eine Bereicherung, in meiner Dissertation nicht über ein «typisch orthodoxes» Thema zu arbeiten, sondern über die Mystik des heiligen Bernhard von Clairvaux.

Lernen mit orthodoxen Theologen

In den Initiativen des ISO waren die Bezüge zu den Ostkirchen immer schon stark vertreten. Das liegt nicht zuletzt an dem gemeinsamen Studienprogramm mit dem «Institut für höhere Studien in orthodoxer Theologie» am Orthodoxen Zentrum des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel in Chambésy bei Genf. Orthodoxe Stipendiaten verschiedener byzantinischer Kirchen (vor allem Griechenland, Rumänien, Russland, Serbien, Bulgarien, Georgien und Polen) absolvieren in Verbindung mit den Theologischen Fakultäten in Genf und Freiburg ein von der Universität Freiburg getragenes Masterprogramm. Mehr als 200 Studierende haben dieses Programm bereits abgeschlossen; einige von ihnen sind inzwischen Bischöfe oder Theologieprofessoren und setzen sich für eine neue Dialogkultur ein. So wird in vielen Lehrveranstaltungen ein Lernen mit orthodoxen Theologen und nicht nur über sie möglich. Durch das ISO kamen wir orthodoxe Studierende auch mit den innerwestlichen ökumenischen Fragen in Berührung. Besonders anregend waren für uns in den letzten Jahren die «Studientage zur kirchlichen und gesellschaftlichen Erneuerung», die das neu gegründete «Studienzentrum für Glaube und Gesellschaft» am ISO jeweils im Juni mit einem hochrangigen internationalen Kreis von Referentinnen und Referenten anbietet. Die Frage nach der gesellschaftlichen Präsenz und Relevanz der Theologie sowie nach der Erneuerung der Kirche selbst wird häufig in unseren orthodoxen theologischen Fakultäten noch nicht hinreichend thematisiert.

Neues Studienzentrum

Das «Studienzentrum für Glaube und Gesellschaft» wurde auch Anlass, innerhalb des ISO den ostkirchlichen Schwerpunkt in einem Studienzentrum institutionell sichtbar zu machen. Diese Initiative habe ich zusammen mit mehreren Kolleginnen und Kollegen sehr gern mitgetragen. Auf diese Weise sehen wir uns in die Pflicht genommen, als Repräsentanten unserer Kirchen die theologische Arbeit auf akademischem Niveau verantwortlich mitzutragen. Unsere Situation in der «Diaspora» wandelt unseren Blick auf unsere Heimattraditionen. Fragen stellen sich neu oder anders, und nicht selten ist die Spannung zwischen Solidarität und so manchen Wünschen für den Weg unserer Kirchen in die Zukunft auszuhalten. Meine Wahl zum orthodoxen Kodirektor des neuen Studienzentrums in Zusammenarbeit mit der Direktorin Prof. Barbara Hallensleben ist mir eine Ehre und Herausforderung. Das Zentrum wurde offiziell am 6. Dezember 2017 gegründet und hat seine Arbeit sehr dynamisch aufgenommen. Zum Direktorium gehören neben dem Direktor des ISO, Prof. Joachim Negel, auch Prof. Astrid Kaptijn, Expertin für das Kirchenrecht der katholischen Ostkirchen, Prof. Angela Berlis vom Institut für Christkatholische Theologie in Bern und Prof. Konstantin Delikos- tantis vom Institut in Chambésy. Im «erweiterten Direktorium» arbeiten zahlreiche orthodoxe Doktorierende und andere Kenner der Ostkirchen mit.

Studium in ökumenischer Verantwortung

Im Zentrum unserer Aufgaben steht keineswegs die «orthodoxe Theologie». Das gemeinsame Anliegen des ISO mit seinen beiden Studienzentren lautet: Wie helfen wir uns gegenseitig, eine Theologie zu entwickeln, die heute glaubwürdig den Glauben bezeugt und rational verantwortet? Wie gestalten wir eine theologische Ausbildung in ökumenischer Verantwortung? An Arbeit fehlt es uns nicht. Um mit den jüngsten Entwicklungen zu beginnen: Unterstützt durch das neue Studienzentrum hat sich an der Universität Freiburg der «Verein St. Nikolaus» gebildet, der mit dem orthodoxen Priester Ioan Ciurin eine Begleitung für orthodoxe Studierende an der Universität anbietet und über eine eigene Kapelle verfügt, die dank der Gastfreundschaft der Gemeinschaft «Chemin Neuf» im Salesianum angesiedelt ist. Die Ikonostase wurde eigens für diese Kapelle von dem rumänischen Ikonenmaler Gabriel Solomon gestaltet und stellt eine überraschende Synthese von östlichen und westlichen Elementen dar. Als «Verein St. Nikolaus» haben wir das neue Studienzentrum bereits am 22. September an der «Explora», dem Tag der offenen Tür der Universität Freiburg, vertreten und sehr viel Resonanz gefunden. Anfang September haben wir ein internationales Kolloquium in Florenz mitgestaltet und die 1439 dort unterzeichnete «Union» zwischen Ost- und Westkirche, die keine nachhaltige Rezeption gefunden hat, neu zu interpretieren versucht.

Im November werden wir in Moskau ein bei uns publiziertes und auf Englisch und Russisch übersetztes Buch über «Physik und Theologie» vorstellen, das als Lehrbuch für russische theologische Ausbildungsstätten benutzt werden wird. Bei einer Tagung in Sofia werden wir mit dortigen Doktorierenden über die Herausforderungen für Kirche und Theologie durch die dortige, sehr säkulare Gesellschaft sprechen. Im Dezember wird Dr. Nathan Hoppe sein «Orthodoxes Missions- zentrum» in Albanien bei uns vorstellen, und Dr. Alexander Mramornov wird im Rahmen unserer nächsten Direktoriumssitzung über das Moskauer Konzil von 1917/18 berichten, dessen mutige Impulse durch die Revolution nicht umgesetzt werden konnten.

Es gibt aber auch permanente Aufgaben wie die Gestaltung der Einführungsvorlesungen für unsere Studierenden, die Aktualisierung des Katalogs «Orthodoxia» aller orthodoxen Bischöfe weltweit (online: www.orthodoxia.ch), der Austausch mit Partnerinstitutionen, die wissenschaftliche Ausgabe der Werke des russischen orthodoxen Denkers Sergij Bulgakov sowie Publikationen und Tagungen zu jeweils aktuellen Fragen. So werden wir demnächst eine Veranstaltung zu Hintergründen der Ukraine-Krise anbieten. In dieser Arbeit stehen wir in Kontinuität zum Ostkirchlichen Institut Regensburg, dessen Direktor Dr. Nikolaus Wyrwoll unser Ehrenpräsident ist. Besonders intensiv befassen wir uns mit der Vorbereitung eines grösseren gemeinsamen Forschungsprojekts, das sich mit «Quellen orthodoxer Identität» und ihrer Nutzung für die Antwort auf heute relevante Fragen befassen wird. Weitere Informationen sind unter www.unifr.ch/orthodoxia zu finden.

Logo mit Symbolkraft

Symbolisch für unsere Arbeit steht unser Logo, das an das alte Logo der Universität Freiburg anknüpft: Die Brücke versinnbildlicht die pontifikale Aufgabe, Brücken zu bauen zwischen kirchlichen Traditionen, Sprachen, Kulturen, Aus- drucksformen des Glaubens und der Theologie. Im Zentrum steht die segnende Hand in der Form des Nikolaus-Reliquiars der Freiburger St.-Nikolaus-Kathedrale. Nikolaus wird als Heiliger in Ost und West verehrt. Die Rose symbolisiert die Schönheit und Herrlichkeit Gottes und den «Wohlgeruch Christi» (2 Kor 2,15) und findet Ausdruck in der Verleihung der «Silbernen Rose des hl. Nikolaus» an Personen, die in der ökumenischen Bewegung die Menschenfreundlichkeit Gottes aufleuchten lassen. Der Stern der Epiphanie gibt der Arbeit des Zentrums Orientierung an dem Heil Gottes, das allen Völkern erschienen ist. Übrigens: «Orientierung» bedeutet wörtlich übersetzt: Ausrichtung nach Osten!

Stefan Constantinescu
(Übersetzung: Barbara Hallensleben)

 

Kontakt
Universität Freiburg
Zentrum St. Nikolaus für das Studium der Ostkirchen
Avenue de l'Europe 20
CH-1700 Freiburg i. Ue.
E-Mail: orthodoxia@unifr.ch
www.unifr.ch/orthodoxia


Stefan Constantinescu

Stefan Constantinescu (Jg. 1986) ist ein rumänischer orthodoxer Doktorand und orthodoxer Kodirektor des Zentrums St. Nikolaus für das Studium der Ostkirchen. Er ist Koordinator des Doktoratsprogramms «De Civitate Hominis» sowie Präsident des Vereins St. Nikolaus der orthodoxen Studierenden an der Universität Freiburg i. Ue.