Es ist still geworden um Thomas von Aquin! Jahrhundertelang galt er als unbestrittene Lehrautorität der katholischen Theologie und wurde ihren Studenten nachdrücklich als Lehrmeister und Richtbild empfohlen. Seit geraumer Zeit ist es indessen möglich geworden, ein Theologiestudium zu absolvieren, ohne mit den Schriften des Thomas in Berührung zu kommen. Und auch in der Philosophie, die ihn noch weitaus länger geschätzt hat, wird er mittlerweile als ein Denker wahrgenommen, dem man aufgrund seines religiösen Horizontes einen Beitrag von genuin philosophischer Qualität nicht zutraut. Man mag diese Situation nun bedauern oder begrüssen – jedenfalls eröffnet sie die Chance, Thomas neu wahrzunehmen, neue Zugänge zu ihm und seinem Denken zu finden.1
Dass es hier nicht darum gehen kann, ihn als Berufungsinstanz zu rehabilitieren, die man in der Neuscholastik teilweise mit ähnlicher Affirmativität zitiert hat wie im Sozialismus die Schriften von Karl Marx, ist vorweg klar. Die Meinung, bei Thomas auf alles eine Antwort zu finden, und auch die Neigung, die eigenen Fragen in sein Denken hineinzuprojizieren, haben nicht selten zu einer verzeichnenden Wahrnehmung seiner Positionen geführt. Gerade die Erforschung der Geschichte mittelalterlicher Philosophie und Theologie des vergangenen Jahrhunderts hat dazu beigetragen, falsche Fixierungen aufzubrechen und das Denken des Thomas weniger in seiner Normativität als in seiner Exemplarität (Wolfgang Kluxen) wahrzunehmen. In einem solchen historischen Rahmen wird es möglich, die «bleibende Neuheit im Denken des Thomas von Aquin» (Johannes Paul II.) wiederzuentdecken. Von zentraler Bedeutung wird es dabei sein, Thomas als Person in seiner Zeit und von seinem eigenen Anspruch her zu verstehen und von hier aus nach seiner bleibenden philosophischen und theologischen Relevanz für die Gegenwart zu fragen.
Ein Schlüssel zu seinem Denken
Einen solchen Zugang zu finden, scheint nicht leicht zu sein: zum einen angesichts der immensen Grösse des thomanischen Werks und der Vielzahl seiner Themen, zum anderen aufgrund der Tatsache, dass Thomas in seinen Schriften kaum von sich selbst spricht. Anders als etwa die Schriften Augustins, die fast in jeder Zeile die Leidenschaft ihres Autors atmen, sind die Werke des Thomas von einer zurückhaltenden Objektivität bestimmt. Seine Person scheint zumeist hinter dem verhandelten Sachverhalt zurückzutreten, und wenn er sich einmal persönlich äussert, dann «versteckt» hinter dem Zitat eines Kirchenvaters. Eine besondere Rolle kommt von daher einem ganz ungewöhnlichen Text zu, der sich in seinem Schrifttum findet. Thomas soll ihn auf seinem Sterbebett gebetet haben: den Hymnus «Adoro te devote». Bis heute gehört er zu den bekanntesten Texten des Thomas und ist im liturgischen Leben der Kirche bis in die Gegenwart präsent. Ich zitiere ihn im folgenden in einer Übersetzung, welche die Änderungen der textkritischen Forschungen aufnimmt und ihn möglichst wörtlich wiederzugeben versucht:
1. Ich bete dich ergeben an, verborgene Wahrheit, dich, der du dich unter diesen Gestalten wahrhaft verbirgst. Dir unterwirft sich mein ganzes Herz, denn indem ich dich betrachte, verschwindet alles.
2. Sehen, Tasten, Schmecken gehen bei dir fehl,
durch das Hören allein aber glaubt man sicher. Ich glaube, was immer der Gottessohn gesagt hat, nichts ist wahrer als das Wort dieser Wahrheit.
3. Am Kreuz verbarg sich nur die Gottheit,
hier aber verbirgt sich zugleich auch die Menschheit. Indem ich beide wahrhaft glaube und bekenne, erbitte ich, was der reuige Schächer bat.
4. Die Wunden schaue ich nicht wie Thomas,
als meinen Gott bekenne ich dich dennoch.
Mach doch, dass ich dir immer mehr glaube,
auf dich Hoffnung habe, dich liebe.
5. O Gedächtnis des Todes des Herrn,
lebendiges Brot, das dem Menschen Leben gewährt. Gewähre mir, immer von dir zu leben,
und dass du mir immer süss schmeckst.
6. Gütiger Pelikan, Herr Jesus, reinige mich Unreinen mit deinem Blut. Ein Tropfen von ihm kann heil machen, kann die ganze Welt von allem Frevel rein machen.
7. Jesus, den ich jetzt verhüllt anschaue, wann wird sein, wonach ich so sehr dürste? Indem ich dich unverhüllten Angesichtes erkenne, werde ich sehend deiner Herrlichkeit glückselig sein.
Bezugspunkt und Adressat dieses Textes ist der in der Eucharistie gegenwärtige Christus. Doch lassen sich diese 28 Verse keineswegs nur als ein letztes Zeugnis seiner besonderen Verehrung für die Eucharistie lesen. Als «poetisches Testament» bringen sie zugleich die zentralen Grundmotive zur Sprache, die Thomas als Philosophen und Theologen bewegt haben und machen die grossen Themen seines Werks zugänglich: Wahrheit und Erkenntnis, Tugend und Glückseligkeit, Kreuz und Auferstehung, Schöpfung, Sünde, Erlösung und beseligende Schau in der Ewigkeit – und dies alles im Ausgang vom Menschen, vom «Ich», das betont am Auftakt steht. Person und Denken des Aquinaten sind in diesem Hymnus wie in einem Brennglas zusammengefasst und präsent. Wer seine Verse liest oder spricht, wird an ihrer Hand unmittelbar hineingeführt in die grosse Gedankenwelt des Thomas – wie auch in seine innere Welt – und erhält einen sehr persönlichen Einblick in sein Denken. Gerade die Eingängigkeit der poetischen Form, Versmass und Reim, die Kürze und Schönheit der Rede mögen dabei eine besondere Vermittlungsfunktion haben.2
Zweifellos spricht Thomas in diesem Text vor allem als Beter, als Gläubiger und als Theologe. Doch sind hier in nicht geringem Masse zugleich jene Elemente präsent, mit der er die Philosophie des Aristoteles in ihrer Eigenständigkeit würdigt und für seine Zeit neu fruchtbar machte: die Wahrnehmung in ihrer Sinnenhaftigkeit, die tugendhafte Verfasstheit des Menschen, das Ideal der Betrachtung (contemplatio), der für die Wahrnehmung alles Weltlichen zentrale Begriff des Lebens. So zeigt der Hymnus den Predigerbruder Thomas zugleich als «christlichen Aristoteliker», und Bibel und Aristoteles werden in gleicher Weise als die zentralen Quellen seines Denkens und Schaffens sichtbar.
Vor allem jedoch redet Thomas in seinen Versen als Zeuge! In der Stunde des Todes gesprochen, erhalten sie ein besonderes Gewicht. Immer wieder hat man auf das Grundmotiv der «Kreatürlichkeit», der Hochschätzung alles Diesseitigen und Natürlichen, hingewiesen, das über dem Denken des Thomas wie ein «Notenschlüssel» (Josef Pieper) steht. Chesterton hat daher vorgeschlagen, man solle ihm – in Analogie zu anderen Heiligen – den Namen «Thomas vom Schöpfer» (Thomas a Creatore) beilegen. Doch lebt dieser Sinn für das Natürliche zugleich von einer inneren Dynamik und Ausgerichtetheit auf ein Ziel: die Ewigkeit. Sie wird zum umfassenden Horizont, in dem sich das Denken des Thomas bewegt, ja: erst von diesem Ziel her erhält alle Bejahung des Natürlichen und Geschaffenen ihre eigentliche Bedeutung, erhält das Ganze thomanischen Denkens seine Richtung. Viele Male hat Thomas daher in seinen Schriften von der Sehnsucht nach dem letzten Ziel, vom natürlichen Verlangen des Menschen nach der beseligenden, alles erfüllenden Schau Gottes gesprochen. Sie ist der Kompass seiner Philosophie und Theologie. Auch persönlich war Thomas wohl kaum von jener prälatenhaft-gelassenen Überlegenheit, in der ihn die spätere Ikonografie stilisiert hat. Seine Handschrift, die sog. littera illegibilis, gibt hiervon ein beredtes Zeugnis. Sie zeigt Thomas als dynamische und impulsive Person, als Autor, der angespannt und ungeduldig ist, der es eilig hat, der schneller vorankommen, der zum Ende, zum Ziel kommen will.
Mit nur 49 Jahren hat Thomas dieses Ziel erreicht, als er am 7. März 1274 in der Zisterzienserabtei Fossanova südlich von Rom starb. Viele seiner Schriften blieben unvollendet. Auch sein Hauptwerk, die Summa theologiae, ist Fragment geblieben. Sie ist daher alles andere als ein vollendetes, abgeschlossenes System. Gerade in ihrer Fragmenthaftigkeit gibt sie vielmehr den Blick frei auf eine höhere Wirklichkeit.
Die «bleibende Neuheit», in der das Denken des Thomas wiederentdeckt werden will, erscheint so als eine Neuheit, die erleuchtet ist vom Licht der anbrechenden Ewigkeit. In diesem Licht lädt sein Denken ein zur Betrachtung der Wahrheit (contemplatio veritatis): «Sie beginnt in diesem Leben, aber sie wird im künftigen vollendet».3
Hanns-Gregor Nissing