Das lebendige Erbe der Scholastik

Sind theologische Ansätze mit Impulsen aus der Scholastik reaktionäre Theologien? Mitnichten. Thomas Marschler zeigt auf, wo scholastisches Denken in der Theologie der Gegenwart zu finden ist.

Als der Innsbrucker Pastoraltheologe Christian Bauer in einem Beitrag der «Theologischen Revue» im April 2022 einen herzhaften Angriff auf die «analytische Theologie» im deutschen Sprachraum lancierte, durfte ein Vorwurf nicht fehlen: Es handle sich dabei am Ende bloss um «eine avancierte Form von geschichtsvergessener Neo-Neuscholastik», die antimodern sei und ein Problem mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe. Scholastik, so scheint es, ist in der katholischen Gegenwartstheologie zum Synonym für reaktionäre Theologie geworden.

Gründe für Vorbehalte

Diese Vorbehalte kommen nicht von ungefähr. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war von Italien aus eine Bewegung in Gang gekommen, die vor allem im Rückgriff auf Thomas von Aquin modernen Strömungen in Philosophie und Theologie entgegentreten wollte, die man als Gefährdung des katholischen Glaubens ausgemacht hatte. Diese «Neuscholastik» erfuhr in der Zeit zwischen Pius IX. und Pius XII. die vorbehaltlose Unterstützung des kirchlichen Lehramts. Papst Leo XIII. erklärte mit seiner Enzyklika «Aeterni Patris» (1879) die Lehre des hl. Thomas zum autoritativen Vorbild einer gelungenen Verhältnisbestimmung von Vernunft und Glaube, und das kirchliche Gesetzbuch von 1917 machte es allen Theologieprofessoren zur Pflicht, ihren Unterricht «nach der Methode, der Doktrin und den Prinzipien des engelgleichen Lehrers» zu gestalten (can. 1366 §2). Vor allem in den systematischen Fächern hatte dies eine starke Normierung nach Form und Inhalt zur Folge, die erst mit der theologischen Erneuerung durch das Zweite Vatikanische Konzil aufgesprengt wurde. Die für fortschrittliche Theologen traumatische Ära der Neuscholastik war zu Ende gegangen.

Es wäre dennoch voreilig, daraus den Schluss abzuleiten, dass die Theologie der Gegenwart mit ihrer scholastischen Tradition nichts mehr zu tun hätte. Der bleibende Einfluss dieses Erbes ist auch heute noch in mehrfacher Hinsicht erkennbar.

Formale Standards in der Wissenschaft

Zunächst sollte man sich in Erinnerung rufen, dass «Scholastik» primär nicht ein Begriff für eine Epoche der Theologiegeschichte ist, sondern eine theologische Methode bezeichnet, deren Durchsetzung sich allerdings untrennbar mit der Geistesgeschichte des lateinischen Mittelalters verbindet. «Scholastik» steht für eine nach wissenschaftlichen Standards konzipierte Theologie, wie sie ab dem 12. Jahrhundert im katholischen Bereich ein halbes Jahrtausend lang lebendig blieb. Institutioneller Ort scholastischen Arbeitens, Diskutierens und Lehrens wurde die zur gleichen Zeit entstehende Universität, an der die Theologie von Anfang an vertreten war. Wissenschaft im Sinne der Zweiten Analytiken des Aristoteles, an deren Massstab sich die mittelalterliche Scholastik orientierte, ist geprägt durch die stringente konklusive Entfaltung von Prinzipienaussagen. Sie verpflichtet sich auf die Beachtung von Logik und Dialektik, ringt um exakte Begriffsbestimmungen, setzt auf terminologische Differenzierungen bei der argumentativen Lösung theoretischer Probleme und sucht nach geeigneten Formen der Wissensgenerierung und -vermittlung. Viele der formalen Standards, die in der Scholastik definiert wurden, haben sich bis in moderne Wissenschaftstheorie und -praxis hinein durchgehalten und sind vor allem in der analytischen Philosophie des 20. Jahrhunderts (in Verbindung mit sehr unterschiedlichen inhaltlichen Paradigmen) neu akzentuiert worden. Wenn die Theologie bis heute den Anspruch erhebt, als echte, eigenständige Wissenschaft Teil der Universität zu sein und (bei allen Besonderheiten) prinzipiell nicht anders zu arbeiten als vergleichbare Disziplinen, steht sie in einer seit der mittelalterlichen Scholastik ungebrochenen und durch die konfessionelle Spaltung im Kern nicht berührten Tradition.

Inhaltliche und analytische Rezeption

Scholastisches Erbe hat sich aber nicht nur im allgemeinen Verständnis der Theologie als Wissenschaft erhalten. Es gibt daneben eine nie unterbrochene inhaltliche Rezeption der grossen scholastischen Autoren des Mittelalters und der frühen Neuzeit (wie Thomas von Aquin, Johannes Duns Scotus, Wilhelm von Ockham, Francisco Suárez). Eine wichtige Rolle spielen dabei seit Jahrhunderten die Hochschulen derjenigen Ordensgemeinschaften, denen diese Denker entstammten und in denen ihr Werk schulbildend geworden ist. Noch stärker als offenbarungstheologische Positionen sind in der Gegenwartsdebatte philosophische Thesen und Argumente der Scholastik anzutreffen. Vor allem der Thomismus hat bewiesen, dass er das Potenzial besitzt, eine Synthese mit unterschiedlichen Strömungen moderner Philosophie einzugehen. Einflussreich im deutschen Sprachraum war der vom Jesuiten Joseph Maréchal angestossene «Transzendentalthomismus», der die engen Grenzen, die Kant der theoretischen Erkenntnis des Menschen gezogen hatte, durch den Brückenschlag zur thomistischen Lehre vom Erkenntnisobjekt zu weiten suchte. Karl Rahner fand darin einen passenden Ausgangspunkt für das Projekt seiner anthropologisch gewendeten, aber die Verbindung zur scholastischen Tradition nicht aufgebenden Theologie. Der «existentiale Thomismus» von Jacques Maritain oder Étienne Gilson hat die thomistische Lehre vom Seinsakt als Basis für die Auseinandersetzung mit modernen Ontologien identifiziert. Die Interaktion von Thomismus und Phänomenologie in der «Lubliner Schule» prägte das Denken von Karol Wojtyła/Papst Johannes Paul II.

Angesichts dieser vielfältigen Synthesen ist es nicht ungewöhnlich, dass sich in jüngster Zeit mit dem analytischen Thomismus eine weitere Spielart gegenwartsorientierten thomistischen Denkens herausgebildet hat, die mit einer grossen Zahl namhafter Vertreterinnen und Vertreter die Thomasrezeption im englischen Sprachraum bestimmt (Brian Davies, John Haldane, Anthony Kenny, Norman Kretzman, Eleonore Stump u. v. a.). Eine analytische Rezeption hat aber auch das Denken des Duns Scotus erfahren (etwa bei Richard Cross), und in religionsphilosophischen Debatten (namentlich über das Verhältnis von Gottes Vorherwissen und menschlicher Freiheit) spielen ockhamistische und molinistische Ideen weiterhin eine gewichtige Rolle. Das traditionell in allen christlichen Theologien vorherrschende Paradigma des «klassischen Theismus» ist so eng mit dem Denken der Scholastik verbunden, dass man bei seiner Erörterung auch heute an deren Texten und Argumenten nicht vorbeikommt.

In der katholischen Philosophie und Theologie, vor allem der Dogmatik, etablierte sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die editorische und theologiegeschichtliche Erschliessung der mittelalterlichen Scholastik als zentrales Forschungsfeld. Aus der neuscholastischen Bewegung hervorgegangen, wurde die historische Scholastikforschung in Deutschland durch Theologen wie Martin Grabmann, Bernhard Geyer oder Michael Schmaus vorangetrieben. Zur Erschliessung des Werkes von Albertus Magnus, Nikolaus von Kues, Raimundus Lullus und anderen Autoren wurden Forschungsinstitute gegründet, die bis heute existieren. Durch diese Bemühungen hat sich unsere Kenntnis des mittelalterlichen Denkens erheblich ausdifferenziert.

Potenzial auch in Zukunft

Scholastik, so wurde deutlich, hat weit mehr zu bieten als einen schulmässig verfestigten Thomismus. Obgleich die Bearbeitung mediävistischer Themen in den letzten Jahrzehnten zurückgegangen ist, hat sie das wissenschaftliche Profil vieler katholischer Theologinnen und Theologen der jüngeren Zeit wesentlich mitbestimmt. Impulse dieser Forschungen fliessen auch weiterhin in die Entwicklung innovativer theologischer Konzepte ein. Dies zeigen thomistisch inspirierte Modelle autonomer Moral, erneuerter Tugendethik und natürlicher Theologie genauso wie die Berufung auf Scotus in modernen freiheitsanalytischen Ansätzen (Thomas Pröpper, Magnus Striet, Saskia Wendel). Ebenso profitiert die ökumenische Theologie von der vertieften Kenntnis der Verwurzelung Luthers im Nominalismus seiner Zeit und von einer Relecture der konfessionellen Streitfragen auf dem Hintergrund der gesamtmittelalterlichen Theologie (Otto Hermann Pesch). Je mehr es gelingt, auch in Zukunft historische Scholastikforschung mit aktuellen systematischen Debatten zu verknüpfen, desto besser wird sie unter erschwerten Gegenwartsbedingungen ihren Platz innerhalb der Vielfalt theologischen Arbeitens behaupten können.

Thomas Marschler


Thomas Marschler

Prof. Dr. phil. Dr. theol. habil. Thomas Marschler (Jg. 1969) studierte katholische Theologie, Philosophie und Geschichte in Bonn und München. 2003 promovierte er zum Dr. theol. an der Universität Bonn mit einer Arbeit über Auferstehung und Himmelfahrt Christi in der Früh- und Hochscholastik. 2005 folgte die Promotion zum Dr. phil. an der Universität Flensburg mit einer Studie über den katholischen Kirchenrechtler Hans Barion. Seit 2007 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Dogmatik an der Kath.-theol. Fakultät der Universität Augsburg.