Soll, darf mann/frau beweisen, dass es Gott, dass es die göttliche Kraft gibt? Das ist die eine Frage, und schon die nagt am Selbstverständnis einer jeden monotheistischen Religion. Eine Religion, die sich als Offenbarungsreligion versteht, in der sich der/die/das Ewige einmal in der Menschheitsgeschichte und dies ganz konkret an menschliche Ohren und Adressaten gerichtet und sichtbar, sprich zumindest «hörbar», geworden ist, sollte doch gar nicht erst beweisen, sprich philosophisch exakt begründen müssen, dass es diese/diesen/dieses Ewige/n überhaupt gibt. Ich würde gerne Karl Barth aus dem Theologenhimmel herbeirufen, um der Fairness willen natürlich begleitet vom heiligen Thomas, damit die beiden vor unser aller Augen und Ohren einen Disput führen, warum es denn dieser unbegreifliche und in seiner Allmacht nicht zu beeinflussende Gott, der uns im Christus-Ereignis begegnet ist, überhaupt nötig hat, auch noch «bewiesen» werden zu müssen. Diese ganz und gar »unmögliche Möglichkeit», Gott zu erkennen, sollte vom mickrigen Menschenwesen endlich erkannt werden; ja Thomas würde von Barth gar noch als Vordenker und Vorreiter einer liberal-aufgeklärten Theologie, seine Beweisführungen als Hybris gebrandmarkt werden.
Aber waren denn diese «Beweise» je schlüssig, haben sie irgendeiner kritischen Überprüfung standgehalten? Das ist die zweite Frage, und die Antwort/en auf sie beschämen die Adlaten, die sie heute noch ohne Skrupel verwenden. Gut ging es nur so lange, als dass Mutter Kirche die unangefochtene geistige (An)Führerin der Gesellschaften Europas war und mit so handfesten Institutionen wie der heiligen Inquisition permanent überprüfen konnte, ob alle ihre Schäfchen auch brav die Antworten repetierten, zu denen sie die Fragen gestellt und gleich auch schon beantwortet hatte.
Wie dann ein ehrbarer und furchtbar bürgerlich-langweiliger Professor im äussersten Osten Deutschlands in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts darlegte, dass all diese Gottesbeweise nur darum funktionierten, weil man die immer mögliche entgegensetzte Antwort (dass nämlich alles Zufall sei) von vornherein ausgeschlossen hatte, waren die Beweise Schall und Rauch. (Der ehrbare Professor rettete sich aus der moralischen Zwangslage, die er da geschaffen hatte, indem er darlegte, dass es aber doch sinnvoll sei, Gott als gegeben anzunehmen, weil so Moral und Sitten gefestigt würden. Wen wundert’s , dass es ein Preusse war, der so formulierte!).
Ihm folgte dann im 20.Jahrhundert ein ebenso würdiger, wenn auch aufgrund seines Lebensstils etwas zweifelhafterer Professor im Herzen der Britischen Inseln, der des Alten These dahingehend ausbaute, dass Gottesbeweise als Sprachspiele innerhalb einer geschlossenen Gruppe, nennen wir sie mal «überzeugte Christen» oder auch «Mitglieder der Glaubenskongregation», zwar absolute Gültigkeit haben, darüber hinaus aber nicht einen pence wert sind.
Sollen wir es deshalb bleiben lassen, zu beweisen, in der Frage aller Fragen zu spekulieren und am Ende Sicherheit zu gewinnen? Es bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als Psalm 139 zu zitieren: «Zu wunderbar ist die Erkenntnis für mich, zu hoch: Ich vermag sie nicht zu erfassen. Wohin sollte ich gehen vor deinem Geist, wohin fliehen vor deinem Angesicht? Stiege ich zum Himmel hinauf, so bist du da. Bettete ich mich in dem Scheol, siehe, du bist da. Erhöbe ich die Flügel der Morgenröte, ließe ich mich nieder am äußersten Ende des Meeres, auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich fassen» (Verse 6-10, Elberfelder Bibel).
Heinz Angehrn