«Unterwerfung…» – oder: Von der verführerischen Kraft fundamentalistischer Grundoptionen

29. Sonntag im Jahreskreis: (Jes 53,10–11/Hebr 4,14–16) Mk 10,35–45 oder 10,42–45.

Im Jahr 2022 wird – unterstützt von der Sozialistischen Partei und von den Konservativen – der charismatische Politiker und bekennende Muslim Mohamed Ben Abbès zum französischen Staatspräsidenten gewählt, um den politischen Aufstieg des Front National unter Marine Le Pen zu verhindern. Nach einem harten Wahlkampf, der unter schon bürgerkriegsähnlichen Unruhen geführt wird, schafft Ben Abbès die laizistische Verfassung zugunsten einer Theokratie ab. Gleichzeitig führt er als gesellschaftliche Ordnungskonstanten die Scharia, das Patriarchat und die Polygamie ein. Schon nach kurzer Zeit werden die Sozial- und Bildungssysteme reformiert, die Kriminalität geht zurück, ebenso die Arbeitslosigkeit – letzteres vor allem auf Kosten der Freiheitsrechte der Frauen. Und die Männer stehen schliesslich vor der Frage, ob sie mehr aus Opportunismus als aus Überzeugung zum Islam konvertieren sollen, um sich in die neue Gesellschaftsordnung zu «integrieren».

Mit diesem Szenarium hat Anfang des Jahres vor allem in Frankreich der Schriftsteller Michel Houellebecq grosses Aufsehen erregt. Ungeachtet der kruden Schilderungen des Sexuallebens seiner Hauptfigur, des Pariser Literaturdozenten François, bringt Houellebecq in seinem Roman «Unterwerfung» (im Original «Soumission») die ambivalenten Ängste und schwelenden Konflikte einer offenen Gesellschaft (vor allem gegenüber dem Islam) zur Sprache und führt sie provokativ weiter, ohne jedoch selbst zu deren Handlanger zu werden. Mit künstlerischer Freiheit und ohne islamophobe Absichten beschwört er die verführerische Kraft fundamentalistischer Grundoptionen für Menschen herauf, die sich den Chancen, Aufgaben und Krisenmomenten einer plural ausgerichteten, interkulturell offenen und notwendig auf Diskurse verwiesenen Gesellschaft stellen (müssen). So finden sich ausnahmslos alle Romanfiguren und Leserinnen sowie Leser vor die Frage gestellt, wie sie zu antimodernistischen Tendenzen, zu dualistischen Denk- und Handlungsmustern, zu subversiven Verschwörungstheorien und zu mangelnder Selbstkritik vermeintlich klarer Wahrheiten Stellung beziehen – vor allem auf dem Hintergrund soziopolitischer Desinteressen, diskursmüder Bequemlichkeiten und institutioneller Selbstgefälligkeiten.

«Ihr wisst…» – oder: wenn Glaube und Vernunft sich gegenseitig nicht ausspielen lassen

 Ungeachtet des fiktiven Szenariums im Roman: Aufgrund unserer eigenen Geschichte wissen wir Christinnen und Christen ganz genau von der verführerischen Kraft und zerstörerischen Macht fundamentalistischer Grundoptionen, seien sie glaubensbezogener und/oder soziokultureller Natur. Nicht von ungefähr hat es Papst Johannes Paul II. der Kirche zur Aufgabe gemacht, sich den Komplexitäten der spätmodernen Lebenswelten unter dem Prinzip des «fides-et-ratio» zu stellen, um nicht den Aporien fundamentalistischer Denk- und Handlungsstrukturen zu verfallen. Und dies nicht nur aus der Einsicht, dass die menschliche Vernunft, wenn sie sich selbst überlassen bleibt, bei einem fundamentalismusnahen Positivismus landen kann, sondern ebenso aus den Erfahrungen heraus, dass ein Glaube, der die menschliche Vernunft ausblendet, sich sehr schnell in fundamentalismusnahe Ideologien verlieren kann. Beides zusammen, Glaube und Vernunft, übernehmen die Funktion einer gegenseitigen Kritik und Korrektur und dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, sollen keine fundamentalistischen Tendenzen die plurale Offenheit wie interkulturelle Öffnung spätmoderner Denk- und Handlungskontexte als Bezugsgrössen einer «Kirche in der Welt von heute» konterkarieren.

Der Christusbezug – oder: von der diachronen Durchkreuzung subversiver wie offener Fundamentalismen

Der Christusbezug ist und bleibt ohne Zweifel die innerste und emanzipatorische Dynamik einer kirchlichen Selbstrealisation, die alle Vorstellungen und Definitionen von glückendem Leben und gelingendem Miteinander unabdingbar an die Unantastbarkeit menschlicher Integrität bindet und auf eine letzte Unverfügbarkeit Gottes und der Menschen hin transzendiert. Der Christusbezug ist damit die fundamentale, weil diachrone Durchkreuzung aller Ideen, Vorstellungen und Praktiken in und ausserhalb der Kirche, die zwar den Menschen Emanzipation und Befreiung suggerieren, sie in Wahrheit jedoch zu solchen zivilisatorischen Schanden verführen, in denen Menschen sich gegenseitig zu blossen Nummern und Spielbällen macht- und herrschaftsbezogener (Eigen-)Interessen machen. Die bleibende Frage ist also, wie die Kirche solchen Bezugs- und Begründungszusammenhängen zum Recht verhelfen kann, die nicht die Integrität und Freiheit des Menschen subversieren – auch und gerade dann, wenn Unterdrückungsstrukturen religiös begründet werden.

Das Evangelium vom 29. Sonntag traut der Kirche ebendiese Aufgabe zu. Denn Kirche hat das Potenzial, von den Menschen als gesellschaftsgestaltende Grösse, Motor und Anwältin des aktiven und/oder passiven Widerstands gegen fundamentalistische Grundoptionen wahr- und ernst genommen zu werden. Und dieses Potenzial zu antifundamentalistischen Lösungsoptionen und Lösungsstrategien findet die Kirche zweifellos in dem, was das Evangelium mit dem «Dien-Charakter» von Kirche anzeigt. Dieser «Dien-Charakter» gestaltet sich – aus seinem Christusbezug abgeleitet – in zweierlei Hinsicht als prekär für die Kirche. Zum einen fordert er (im Sinne des «ad extra») eine hohe Sensibilität und mutige Streitkultur gegenüber solchen Weltanschauungen, Wertkonzepten und Handlungsmaximen ein, die zwar für sich einen Humanismus proklamieren, diesen aber nur wenigen Eliten zugutekommen lassen wollen oder die in ihren Strukturen und Prozessen das Selbstwertbewusstsein von Menschen brechen oder erst gar nicht zur Entfaltung kommen lassen wollen. Auf der anderen Seite bedeutet er für die Kirche (im Sinne des «ad intra») eine ständige selbstkritische Eigenreflexion. Denn sie muss sich daran messen lassen, ob und wie sie Räume und Orte, Prozesse und Strukturen so gestaltet, dass darin kein Platz für demütigende Verhältnisse und Strukturen ist und Menschen sich frei von Bevormundung und Entmündigung begegnen und sich ohne berechnende Hintergedanken gegenseitig zusprechen können: «Bei uns aber soll es nicht so sein!».

 

 

 

Salvatore Loiero

Salvatore Loiero

Dr. theol. habil. Salvatore Loiero ist Professor des deutschsprachigen Lehrstuhls für Pastoraltheologie,
Religionspädagogik und Homiletik an der Theologischen Fakultät
der Universität Freiburg i. Ü.