SKZ: Herr Hofmann, welche Geschichte schreibt die Pfingstmission hierzulande in den letzten Jahrzehnten?
Marco Hofmann: Bei der Gründung der Schweizerischen Pfingstmission (SPM) 1935 stand die Mission, also der Auftrag Jesu, in alle Welt zu gehen und die frohe Botschaft des Evangeliums zu verkünden, im Vordergrund. Dies prägt die Gemeinden der SPM bist heute. Wie im hervorragenden Buch über die Geschichte der SPM2 beschrieben, wurde schon in den Anfängen klar, dass eine gelingende Missionsarbeit im Ausland, eine gefestigte und geistgeleitete Gemeindearbeit in den aussendenden Gemeinden notwendig macht. Darauf haben wir auch in den letzten Jahrzehnten geachtet, dass wir der Basis Möglichkeiten der Zurüstung und Ausbildung, der Teilnahme und Erfahrung in der Gemeindearbeit anbieten. Starke nationale Gefässe wie z. B. unser «youthnet»3, durch das schon Tausende von Teenagern und Jugendlichen für ihre eigene Nachfolge Jesu zugerüstet und ermutigt wurden, oder unsere Ausbildungsmöglichkeiten für pastorale Dienste in SPM Gemeinden, erfahren regen Zuspruch. Auch ist es uns gelungen, in den Gemeinden Orte zu schaffen, in denen das Evangelium zeitgemäss und lebensnah verkündigt und gelebt wird. Dies führte bis heute dazu, dass SPM-Gemeinden generationsübergreifend Geschichte mit vielen Menschen schreiben.
Worin liegen die Stärken der Pfingstmission?
Die SPM ist keine Kirche, sondern ein Verband von grundsätzlich autonomen Ortsgemeinden. Dies führt in den Gemeinden zu hoher Verantwortung, Transparenz und der Möglichkeit der Mitarbeit bzw. Mitgestaltung. Durch die beziehungsorientierte Gemeindearbeit finden Menschen ein Umfeld, in dem sie Freunde finden, mit denen sie gemeinsam ihren Glauben leben können, Jesus nachfolgen und sich füreinander einsetzen. So werden unsere Gemeinden primär nicht als Organisation wahrgenommen. Sie sind vielmehr Beziehungsnetze, in denen der Glaube an Jesus gelebt und das Wirken des Heiligen Geistes erwartet wird. Der Verband der SPM unterstützt die Gemeinden dort, wo der Aufwand für die meisten zu gross oder unmöglich ist. Dieses Subsidiaritätsprinzip hat sich sehr bewährt, besonders in den Bereichen der gemeinsamen Ausbildung, der Vorsorgelösungen, der Vernetzung und Unterstützung der pastoralen Mitarbeitenden sowie der Missionsarbeit, um ein paar Beispiele zu nennen. So gesehen ist die Autonomie der Gemeinden, welche zu hoher Flexibilität und Eigenständigkeit führt, ein Garant dafür, dass die Mitglieder vor Ort die Gemeinden ausmachen und gestalten. Dies erklärt auch die Unterschiedlichkeit der Gemeinden in ihrem Stil und in ihrer Ausprägung.
Welches sind die Grundzüge pfingstlicher Theologie?
Die Pfingstbewegung gründet auf pietistischen Wurzeln und entstand aus einer geistlichen Erweckung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen der Heiligungsbewegung streckte man sich nach dem Wirken des Heiligen Geistes aus, was zur Jahrhundertwende zum Erleben der sogenannten Geistestaufe führte, was fortan prägend wurde. Darin wird erlebt, dass dem rettenden Glauben an Jesus Christus Kraftwirkungen des Geistes Gottes folgen. Dieses Erleben Gottes galt als Garant für die Richtigkeit des Ansatzes. Das bedeutete, dass die theologische Reflexion nicht im Vordergrund stand. Hermeneutisch ausgedrückt baute man nicht primär auf Lehrtexten, sondern auch auf Erzählungen, vor allem von Lukas (Lukasevangelium, Apostelgeschichte), mit der Begründung, dass Gott im Alten Testament auch durch Erzählungen sein Volk gelehrt habe. Im Laufe der Zeit fand eine theologische Annäherung zu anderen Freikirchen statt. Die SPM ist Mitglied im Dachverband freikirchen.ch und teilt deren theologische Basis im Apostolischen Glaubensbekenntnis und in der Lausanner Verpflichtung.4
Der Geisttaufe kommt ein hohe Bedeutung zu. In welcher Beziehung steht die Geisttaufe zur Wassertaufe?
Unter dem Begriff «Taufe» versteht das Neue Testament verschiedene Ereignisse. Nebst der Busstaufe von Johannes dem Täufer (Mk 1,4; Lk 7,29; Apg 19,3) lesen wir auch von der Leidenstaufe Jesu (Lk 10,38 f; Lk 12,50). Die Bibel spricht weiter von der Taufe auf geistlicher Ebene, wenn ein Mensch beginnt, an Jesus Christus zu glauben. Dadurch wird er in den Leib Christi getauft, sodass dieser dann «in Christus» ist (1 Kor 12,13; Gal 3,27). Deser Vorgang in der unsichtbaren Welt wird nun in der Wassertaufe äusserlich gespiegelt. Das vollständige Eintauchen eines Menschen ins Wasser symbolisiert das Eintauchen in Jesus. Und so, wie der Gläubige dadurch in Berührung mit dem Heiligen Geist kam, der ihn wiedergeboren hat, so symbolisiert das Auftauchen aus dem Wasser die Neugeburt aus dem alten Leben (Apg 2,38.41; 8,36.8; 10,47). In der Geistestaufe wird der Gläubige von Jesus in den Heiligen Geist hineingetauft (Mk 1,8; Joh 1,33; Apg 1,5; 1,16). Täufer und Element, in das hineingetauft wird, sind also unterschiedlich: Bei der Wassertaufe taucht die Gemeinde einen Gläubigen ins Wasser, bei der Geistestaufe tauft Christus den Gläubigen in den Geist hinein.
Die Vision 3G der Pfingstmission nennt als Ziele geisterfüllte Pastoren, geistgeleitete Gemeinde und geistgewirkte Evangelisation und Mission.5 Wie setzen Sie Ihre Vision konkret um? Nennen Sie ein bis zwei Beispiele.
Es ist uns ein grosses Anliegen, dass unsere Pastoren und Pastorinnen angesichts der hohen Ansprüche der Gesellschaft gut ausgebildet werden. Zu den individuell besuchten formalen Ausbildungen bei unseren Ausbildungspartnern bilden wir on the job in den Gemeinden und in Kursen und Konferenzen in der SPM aus. Dabei achten wir darauf, dass wir nicht nur Theorie vermitteln und Fähigkeiten trainieren, sondern auch Spiritualität prägen und pflegen. Das persönliche Erleben der Kraftwirkung des Heiligen Geistes, das Gebet sowie das Dienen mit Geistesgaben usw. sind immer auch Inhalt und Erwartung in unseren Zusammenkünften. Wir glauben und erleben das übernatürliche Wirken Gottes. In der Missionstätigkeit im Ausland setzen wir auf Geisteswirkung: d. h., wir sind überzeugt, dass Gott uns darin leitet, wann, mit wem, wohin und in welcher Form wir Mission betreiben. Es war eine Führung Gottes, dass wir als SPM in unserer Missionsstrategie einen Wechsel vollzogen haben. Wir werden uns zukünftig in unserer Missionstätigkeit ausschliesslich auf Völker konzentrieren, in welchen das Evangelium gänzlich unbekannt ist.
Ich will gerne auf die Ökumene zu sprechen kommen. Was sind Ihre Fragen und Themen im Blick auf das ökumenische Gespräch mit der katholischen Kirche?
Ein wichtiger Punkt ist die Tatsache, dass die charismatische Gemeindeerneuerung in der katholischen Kirche den Anliegen der Pfingstbewegung sehr nahekommt. Beide Gruppen anerkennen die zentrale Rolle des Heiligen Geistes in unserem Leben. Wir wollen lernen, auf das Wirken des Geistes zu achten. Dazu gehört auch eine persönliche Entscheidung, Christus nachzufolgen. Wir müssen das Rad nicht neu erfinden. In der Geschichte der katholischen Kirche gibt es viele positive Impulse und Biografien, die Menschen in einer Pfingstkirche inspirieren können. Auf der anderen Seite können wir von den Fehlern, die begangen wurden, lernen und mit prophetischer Stimme rufen: «So nicht!» Ja, wir müssen im Gespräch bleiben.
Worin fordern die Pfingstkirchen die traditionellen Kirchen heraus?
Die Pfingstkirchen sind eine Herausforderung für die traditionellen Kirchen, weil sie von Anfang an auf die persönliche Glaubenserfahrung der Person bestanden haben. Eine reine Mitgliedschaft durch die Taufe genügt unserer Meinung nach nicht. Jetzt, wo viele Menschen aus Kirchen austreten, wird die Frage nach dem konkret gelebten Glauben und Engagement wichtiger denn je.Die traditionellen Kirchen sind eine Herausforderung für die Pfingstkirchen, weil gewisse Fragen nur gemeinsam gelöst werden können. Dazu gehört das Bemühen, einen gemeinsamen Glauben an Gott zu bekennen, denn das entspricht dem Willen von Jesus Christus. Natürlich können wir an unseren Differenzen herumfeilen, aber unsere Identität liegt schlussendlich in Christus allein. Weitere Fragen, die nur gemeinsam angegangen werden können, sind zum Beispiel die Sorge um die Schöpfung, das Bemühen um Frieden, der Einsatz für Gerechtigkeit und das Wohl aller Menschen.
Interview: Maria Hässig