«Es braucht einen differenzierten Blick»

Im Raum Basel gibt es eine Vielzahl an Migrationsgemeinden. Einige davon sind charismatisch-pfingstlich geprägt. Die SKZ sprach mit Daniel Frei über das Integrationspotenzial dieser Gemeinden und über seine Erfahrungen mit Pfingstkirchen in Chile.

Dr. theol. Daniel Frei (Jg. 1960) ist reformierter Pfarrer und Leiter des Pfarramts für weltweite Kirche BL/BS.

 

SKZ: Herr Frei, Sie haben über die Gemeindepädagogik der chilenischen Pfingstkirchen promoviert.1 Wie kamen Sie auf dieses Thema?
Daniel Frei: Im Jahr 2000 zog ich mit meiner Familie für sechs Jahre nach Chile. Ich trat im Auftrag der Basler Mission die Stelle als Dozent für Praktische Theologie an der Evangelischen Theologischen Hochschule (CTE) in Concepción an. An der Hochschule waren mehrheitlich Studierende, die Mitglied einer Pfingstkirche waren. Bis dahin hatte ich Pfingstkirchen nicht im Blick. Die Begegnung mit ihnen öffnete mir die Augen. Ich erkannte, dass die reformierte Kirche in der Schweiz, zu der ich mich bis heute zugehörig fühle, wie in einem Ghetto lebt. Unsere Mitglieder stammen aus der Mittel- und der sozial gehobeneren Schicht. Sie bilden ein schmales Milieu. Beim Kennenlernen der Pfingstkirchen entdeckte ich die Bedeutung des sozial-gesellschaftlichen Aspekts von Kirche und Gemeinschaft. Ich war auch fasziniert vom Gemeinschaftsleben der Pfingstkirchen und vor allem von ihrer Fähigkeit des Empowerments und wie sie es schaffen, den Menschen Würde zu verleihen.

Welche weiteren Erkenntnisse haben Sie gewonnen?
Es braucht einen differenzierten Blick auf die Pfingstkirchen und die Bereitschaft, sich auf sie einzulassen. Von aussen sehe ich wie viele der Forschenden, dass ihre Leitungsstrukturen patriarchal und sie politisch konservativ sind. Beim näheren Hinsehen entdeckte ich in den Pfingstkirchen Chiles vieles: Ich sah, wie viele Möglichkeiten Frauen haben, sich in der Gemeinde zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen. Darüber hinaus leisten die Gemeinden einen grossen Beitrag zum sozialen Aufstieg der Einzelnen. Sie fördern die Bildung und vermitteln über ihr Beziehungsnetz Arbeitsstellen. Die Mitglieder unterstützen sich gegenseitig im Alltag. Eine meiner Forschungsfragen war denn auch: Warum bleiben Pfingstler weiterhin in der Gemeinschaft, nachdem sie den sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg aus der Armut geschafft haben? Was hält sie in der Gemeinschaft? Es ist meiner Meinung nach das Gefühl, zu einer grossen Familie zu gehören. Des Weiteren mache ich bei den Pfingstkirchen einen Sprachüberschuss aus. Sie verfügen über ein reiches Gebets- und Zeugnisvokabular. Jede und jeder ist fähig, frei zu beten und von ihren bzw. seinen Konversionserfahrungen zu erzählen. Im Vergleich dazu mache ich in der reformierten Kirche hierzulande einen Sprachverlust aus. So fehlen zum Beispiel die Worte und die Übung, frei zu beten. Unsere reformierte Sprache ist sehr intellektuell. Die Begegnung mit den Pfingstkirchen half mir, meine eigene religiöse Sprachfähigkeit zu erweitern und trotz des Wissens zu glauben wie ein Kind Gottes. In der pfingstlerischen Theologie ist die Rede von einer zweiten Naivität.

Als Leiter des Pfarramtes für weltweite Kirche BL/BS arbeiten Sie zusammen mit evangelischen Migrationskirchen im Raum Basel. Zeichnen Sie mir bitte ein Bild dieser Migrationskirchen.
Im Raum Basel gibt es rund 80 bis 100 Migrationsgemeinden von orthodoxen Gemeinschaften bis zu charismatisch-pfingstlichen Freikirchen. Letztere Bezeichnung ist eine Zuschreibung von unserer Seite. Die Selbstdefinition der Gemeinden sieht anders aus. Zu den «alten» Migrationsgemeinden zählen beispielsweise die englischsprachige Anglican Church oder die französischsprachige Église française reformée. Sie sind gut integriert und bekannt. Hingegen sind die «neuen» Migrationsgemeinden tendenziell weniger integriert. Ihre Mitglieder stammen aus Afrika, Lateinamerika oder Asien und versammeln Menschen aus demselben Land oder derselben Region. Die Gemeinden haben unterschiedliche Profile, was ihre pfingstlich-charismatische Ausrichtung wie auch die Verbindlichkeit des Gemeindelebens angeht. So sind beispielsweise in der afrikanischen Migrationsgemeinde Assemblée Chrétienne de Bâle Tanz und Musik zentrale Elemente, gleichzeitig kennen sie keine Zungenrede. Die Leiterinnen und Leiter der «neuen» Migrationsgemeinden sind Pastoren oder Pastorinnen, die meistens über eine eingeschränkte theologische Ausbildung verfügen. Viele von ihnen leiten die Gemeinde im Nebenamt. Das heisst, sie sind berufstätig und abends und am Wochenende für ihre Gemeinde da. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Die Assemblée Chrétienne de Bâle ist eine erfolgreiche Gemeinde aus dem Kongo. Sie prosperiert, tritt professionell auf und hat zwei Pastoren. Einer von ihnen besuchte den CAS «Interkulturelle Theologie und Migration» der Theologischen Fakultät der Universität Basel.2 Seit diesem Kurs nehme ich ihn anders dialogfähig mit Migrationsgemeinden und den einheimischen Kirchen wahr.

Was ist Ihre Aufgabe?
Ich pflege bewusst die Beziehungen zu den Migrationsgemeinden und baue am Netzwerk der verschiedenen Kirchen mit. Seit zehn Jahren gibt es alle zwei Monate das Agape-Essen «Eins in Christus». Daran nehmen jeweils 25 bis 50 Personen teil. Bei dieser Begegnung beten wir gemeinsam, jemand hält eine Predigt und wir feiern Abendmahl. Nach dem liturgischen Teil folgen eine Diskussionsrunde und ein gemeinsames Essen. Bei jedem Treffen stellt sich jeweils eine Gemeinde vor. Inzwischen haben wir einen informellen Vorstand gebildet. In diesem ist aus jedem Kontinent mindestens eine Person vertreten. Die Teilnahme ist verbindlich. Jedes Mitglied des Vorstandes fühlt sich verpflichtet, ein bis zwei Personen zum Agape-Essen «Eins in Christus» mitzunehmen. Für mich sind diese Begegnungen ein grosser Gewinn. Ich lerne viel von unseren Schwestern und Brüdern, die zu uns migriert sind. Das Netzwerk der verschiedenen Kirchen wird auch zunehmend von den verschiedenen Stellen der Kantone Basel-Land und Basel-Stadt wahrgenommen und geschätzt. Sie haben erkannt, dass wenn sie die Informationen über die Migrationeskirchen weitergeben, sie die Migrantinnen und Migranten viel einfacher erreichen. Lukas Engelberger, Regierungsrat des Kantons Basel-Stadt, wird beim nächsten Agape-Essen dabei sein und am 26. September wird das Gesundheitsdepartement eine Tagung zu «Religion als Ressource» durchführen. Die meisten Menschen, die in die Schweiz migrieren, sind religiös geprägt. Von ihnen sind 52 Prozent Christen. Sie bringen ihren Glauben mit oder entdecken ihn im Zusammenhang mit der Migration neu. Der Glaube ist für sie eine Quelle der Stärkung in ihrer oft fragilen Lebenssituation. In der Gemeinde erfahren sie Gemeinschaft. Wenn die Migrationsgemeinde ihnen nicht das gibt, was sie suchen, wechseln sie diese auch.3

Inwieweit leisten die Gemeinden einen Beitrag zur Integration in der Schweiz?
Karima Zehnder, Leiterin der Fachstelle INFOREL, hat eine Studie zum Integrationspotenzial der Migrationsgemeinden durchgeführt. Die Ergebnisse liegen seit 2022 in einer Broschüre vor.4 Die Gemeinde ist für die Migrantinnen und Migranten wie eine Familie. Diese gibt ihnen Halt. Sie schenkt ihnen darüber hinaus Orientierung und Hoffnung. In der Gemeinde gibt es Mitglieder, die die Integration in die Schweiz geschafft haben: Sie beherrschen die deutsche Sprache und haben eine Stelle gefunden. Für Neuankömmlinge sind diese Vorbilder. Sie vermitteln ihnen Motivation und auch wichtige Kontakte. Die Umfrage ergab, dass sich die meisten bei Fragen und Problemen an die Gemeinde bzw. den Pastor wenden. Hier erwarten sie konstruktive Hilfe. Insofern leisten die Gemeinden einen wichtigen Beitrag zur Integration. Als integrationshemmend erachte ich es, wenn die Mitglieder ihre sozialen Kontakte vornehmlich in der Gemeinde suchen und finden. Das vermindert die Begegnungen und den Austausch mit Schweizerinnen und Schweizern. Die Auseinandersetzung mit Themen wie Homosexualität oder die Stellung der Frau sind für einige Migrationsgemeinden eine Herausforderung. In der Begegnung mit ihnen erreiche ich sie, wenn ich von meinen Erfahrungen Zeugnis gebe. Diskurse über diese Themen schlagen fehl. Darf ich etwas zum Begriff «Pfingstkirche» anfügen?

Ja, gerne.
Der Begriff «Pfingstkirche» ist heikel. Es gibt eine enorme Vielfalt an pfingstlich-charismatischen Kirchen und Gemeinschaften. Alle unter einen Begriff zu subsumieren, wird ihrer Pluralität nicht gerecht. Allgemein werden drei Wellen in der Geschichte der Pfingstkirchen unterschieden. In der ersten Welle waren sie eine charismatisch bewegte Armutsbewegung, in der zweiten eine Missionsbewegung und die Pfingstkirchen, die in der dritten Welle entstanden sind, werden zum Neopentekostalismus gezählt. Meines Erachtens zerstört die «dritte Welle» das, was die Pfingstkirchen ausmacht, ihre lebendige Gemeinschaft. Die neopentekostalen Kirchen fördern den Individualismus. Sie kratzen am bisherigen Erfolgsrezept der Pfingstkirchen, und das lautet: Gemeinschaft, Emotionalität und Körperlichkeit. Das macht pfingstlich-charismatische Gemeinden weltweit so anschlussfähig.  

Interview: Maria Hässig

 

1 Frei, Daniel, Die Pädagogik der Bekehrung. Sozialisation in chilenischen Pfingstkirchen, Basel 2022. Öffentlich zugänglich unter: Die Pädagogik der Bekehrung. Sozialisation in chilenischen Pfingstkirchen — Interdisziplinärer Arbeitskreis Pfingstbewegung, www.glopent.net

2 Mehr zur Weiterbildung: CAS Interkulturelle Theologie und Migration/Weiterbildung, www.unibas.ch

3 Weitere Informationen hierzu in: Hoffmann, Claudia, Migration und Kirche. Interkulturelle Lernfelder und Fallbeispiele aus der Schweiz, Zürich 2021.

4 Broschüre: Kanton Basel-Stadt und Stadt Basel ‒ Das Integrationspotenzial von Migrationskirchen: Eine Untersuchung von
  Basler Migrationskirchen, www.bs.ch

 

BONUS

Folgende Bonusbeiträge stehen zur Verfügung:

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