«Der Transhumanismus ist eine Begleitphilosophie»

Das Leben der Menschen durch Technik zu verbessern, dafür setzen sich Transhumanisten ein. Die SKZ sprach mit Oliver Dürr über die Kernanliegen des Transhumanismus und über dessen problematische Seiten.

Dr. Oliver Dürr habilitiert zurzeit an der Universität Zürich und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum Glaube & Gesellschaft an der Universität Freiburg i. Ü. Er promovierte in systematischer Theologie zu «Homo Novus. Vollendlichkeit im Zeitalter des Transhumanismus». (Bild: zvg)

 

SKZ: Herr Dürr, Sie haben kürzlich das Buch «Transhumanismus – Traum oder Alptraum?» publiziert. -Wovon träumen Transhumanistinnen und -humanisten?
Oliver Dürr: Von einer besseren Welt und einem erfüllten Leben, wie ich auch (schmunzelt). Nur haben sie andere Vorstellungen, wie wir dahin kommen.

Welches sind die Kernanliegen des Transhumanismus?
Der Transhumanismus ist eine globale und sehr uneinheitliche Bewegung, die den Menschen durch Wissenschaft, Medizin und Technik verbessern will. Spezifisch geht es um eine grenzenlose Freiheit des einzelnen Menschen, sich selbst zu verwirklichen. Nichts soll uns daran hindern können, weder Staat noch Recht noch Moral noch Religion noch andere Menschen und nicht einmal unser eigener Körper.

Was ist an «Menschenverbesserung» und «Selbstverwirklichung» schlecht? Wo setzt Ihre Kritik an?
An sich ist daran nichts «schlecht». Es gehört unter anderem auch zum christlich-humanistischen Erbe, den Menschen durch Erziehung und Bildung verbessern zu wollen, ihn moralisch, intellektuell und praktisch an einem konkreten Menschheitsideal zu orientieren und unsere Gesellschaften so zu gestalten, dass diese Bildungsprozesse ermöglicht werden. Der Transhumanismus kapriziert sich jedoch allein auf die messbaren Aspekte des Menschen: Er soll schöner, sexuell aktiver, gesünder, intelligenter werden. Damit gehen unweigerlich Vorstellungen eines «besseren» oder überhaupt erst «lebenswürdigen» Lebens einher, die sehr problematisch sein können. Wer dem oberflächlichen Leistungsideal nicht entspricht, kommt gern einmal unter einen zwanglosen Zwang gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten: Wenn alle Kinder der Klasse leistungssteigernde Drogen nehmen, um besser als die anderen abzuschneiden, muss das letzte Kind auch mitziehen – dann aber hätte sich die ganze Klasse die Drogen sparen können, weil der Vorteil des Einzelnen weg ist. Im Transhumanismus geht es dann aber um mehr als nur gute Noten und Ritalin. Im Blick auf den optimierten Zukunftsmenschen erscheint den Transhumanisten das gegenwärtige Leben beinahe pathologisch. In leidenden, kranken oder dementen Menschen oder solchen mit Behinderungen sehen Transhumanisten keine unverrechenbare Würde mehr. Und das ist meines Erachtens hoch problematisch.

Sie machen beim Transhumanismus Selbstwidersprüche aus. Welche sind diese?
Naja, das wäre jetzt ein längeres Kapitel. Aber ganz einfach gesagt, verspricht uns der Transhumanismus Freiheit durch Technik. Und weil Transhumanisten den Menschen im Wesentlichen als ein Stück Technik sehen – Menschen werden als eine Art biologischer Computer verstanden – bedeutet technische Innovation fast automatisch mehr Freiheit für den Menschen. Faktisch stimmt das nicht so unmittelbar. Natürlich eröffnet uns die Technik neue Möglichkeiten. Aber die Technik zwingt uns immer auch ihre eigenen Dynamiken auf (seien diese von den Programmierern gewollt oder nicht). Ein gutes Beispiel sind Smartphones, die uns das Leben in vieler Hinsicht erleichtern und uns gleichzeitig süchtig und abhängig machen, uns ablenken und manipulieren können usw. Das bedeutet: Technik macht uns nur freier, wenn wir sie gut einsetzen, wenn wir ihr Grenzen setzen und wenn wir sie darauf hin prüfen, ob sie es uns wirklich ermöglichen, diejenigen Ziele zu verfolgen, die wir wollen. Das führt Transhumanisten dann allerdings nicht unbedingt zum Umdenken. Vielmehr kommt dann eben die eigentliche Agenda ans Licht. Dem Menschen könne man Freiheit ohnehin nicht zumuten, die Algorithmen wüssten viel besser, wer wir sind, was wir wollen und wie es mit der Welt weitergehen sollte. Transhumanistische Literatur beginnt stets mit dem Versprechen einer technisch beflügelten Befreiung des Menschen durch Technik. Und sie enden meist mit einem Aufruf, der einzelne Mensch solle sich in den grösseren evolutionären Prozess technischen Fortschritts hinein auflösen und Steigbügelhalter für die kommenden Lebensformen werden. Und das hat mit deren grundsätzlicher Weltanschauung zu tun. Nicht alle Transhumanisten sind reduktive Materialisten, aber doch viele und viele der prominenten Stimmen. Und wenn wirklich alles, was es gibt – Menschen inklusive – nur zufällige materielle Prozesse sind, dann spielt es keine Rolle, ob sich diese Prozesse so weiterentwickeln, dass der Mensch nicht mehr ist. Das ist dann halt einfach so. Aus christlicher Sicht ist das entmenschlichend und widerspricht der Würde und Ebenbildlichkeit, die wir in jedem Menschen sehen, anerkennen und zu bewahren suchen.

Welche Anfragen ergeben sich daraus für die christliche Theologie?
Die Aufgabe der christlichen Theologie ist es meines Erachtens, das zu liefern, was der Transhumanismus verspricht, aber nicht halten kann. Der Transhumanismus muss ja erst einmal klar von den Innovationen im wissenschaftlichen, technischen und medizinischen Bereich unterschieden werden. All diese Dinge können wir auch ohne Transhumanismus haben. Man muss jetzt auch «Transhumanist» sein, um Leiden lindern, die Bedingungen des menschlichen Lebens verbessern zu wollen und wissenschaftlich-technische Innovationen zu begrüssen. Der Transhumanismus ist nicht mehr als eine streitbare Begleitphilosophie, der diese Prozesse interpretiert und daraus Zukunftsprognosen ableitet. Deshalb ist eine Kritik des Transhumanismus kein Ausdruck von Technikfeindlichkeit, Fortschrittsverweigerung oder Rückständigkeit. Eine Kritik des Transhumanismus ist zunächst einmal schlicht Kritik seines reduktiven Menschenbildes, seines Technikverständnisses und der oberflächlichen Werte, die er propagiert. Eine Techniktheologie hätte nun zur Aufgabe, das Computermenschenbild des Transhumanismus und allgemein dessen Weltbild, in dem alles auf Information reduziert werden kann, infrage zu stellen. Sie würde hinterfragen, dass die Technik unsere Probleme von alleine löst und würde den Blick auf die dahinterliegenden Machtdynamiken und Mechanismen lenken. Sie würde die Auswirkungen der Technik auf unser Leben, unser Selbstbild und unsere Zukunftsvisionen analysieren und darüber nachdenken, was Freiheit im digitalen Zeitalter bedeutet und wie man sie wirklich fördern könnte. Sie müsste die Leiblichkeit des Menschen wieder stark machen und den Personenbegriff (besonders im Blick auf seine dogmengeschichtliche Tiefe) wieder in die Debatte einbringen. Und sie müsste diese ganzen Entwicklungen im Horizont eines guten Lebens in dieser Weltzeit und ultimativ auch im Horizont der Eschata reflektieren, die diese ganze Geschichte noch einmal spezifisch qualifizieren.

Wie können wir die Technik so in unser Leben integrieren, dass sie das Leben sinnvoll besser macht?
Das geht nur, wenn wir uns zuerst überlegen, was wir wollen, was der Mensch ist und welche Werte uns wichtig sind. Dann erst können wir die Technik so designen, dass wir auch erwarten können, dass die entsprechenden Resultate rauskommen. Wir haben die letzten Jahre schon gesehen, was geschieht, wenn alles in der Tech-Branche auf Profitmaximierung ausgerichtet ist. Jetzt ist es an der Zeit, andere, menschliche Werte und Ziele wieder in den Blick zu nehmen. Je mächtiger die Technik wird, die wir bauen, desto dringlicher wird es, die Menschlichkeit wieder zu kultivieren. Am Ende sind es Menschen, die die Technik bauen, designen und einsetzen. Und wenn wir damit Kriege führen, dann drohen die technischen Fortschritte sehr schnell zu gesellschaftlichen Rückschritten zu verkommen. Es hängt an uns, was wir mit der Technik machen. In der digitalen Zeit braucht es mehr denn je die Geisteswissenschaften sowie humanistische und religiöse Traditionen. Diese beschäftigen sich seit Hunderten von Jahren ganz konkret mit dem Menschen, mit seinen Potenzialen, mit seinen Abgründen und mit der Möglichkeit seiner Erlösung. Genau diese menschlichen Ressourcen müssen wir im digitalen Zeitalter wieder anzapfen, dann gibt es Hoffnung, dass wir die Technik auch zielführend einsetzen.

Interview: Maria Hässig

 

Buch: «Transhumanismus – Traum oder Alptraum?» Von Oliver Dürr. Freiburg i. Br. 2023. ISBN 978-3-451-39753-0, CHF 34.90. www.herder.de