Das Kirchenrecht sieht in c. 517 § 2 CIC/1983 die Möglichkeit zur Beteiligung der Laien an der Gemeindeleitung vor. Papst Franziskus würdigt im Nachgang der Amazonassynode das Engagement der Gemeindeleiterinnen: «Jahrhundertelang hielten die Frauen die Kirche an diesen Orten mit bewundernswerter Hingabe und leidenschaftlichem Glauben aufrecht» (QA 99). Auch in der deutschsprachigen Schweiz gibt es Frauen, die eine Gemeindeleitung oder Pfarreibeauftragung übernehmen. Wie sie in diese Funktion kamen und welche Aufgaben sie mit welchem Selbstverständnis übernehmen, haben Forscherinnen und Forscher bislang kaum untersucht. In meiner Dissertation befragte ich 21 Frauen, die zeitweise als Gemeindeleiterinnen oder Pfarreibeauftragte in den Bistümern Basel, Chur oder St. Gallen wirkten. Die Daten wurden dabei für die Publikation anonymisiert, damit die Frauen frei sprechen konnten, ohne Angst vor beruflichen Konsequenzen.
Typisierung der Biografien
Die Studie hat das Ziel, Erfahrungen von katholischen Gemeindeleiterinnen in der Schweiz festzuhalten. Da Erfahrungen biografisch gewachsen sind, entschied ich mich dafür, narrative-autobiografische Interviews zu führen, die mit der Methodik der Grounded Theory1 ausgewertet und typisiert wurden. Die Zuordnung der einzelnen Biografien zu einem Typus ist nicht immer eindeutig, da es Mischformen gibt. Die Typenbildung verdeutlicht die unterschiedlichen Motive und Berufswege von Seelsorgerinnen:
Typ-A: Innerhalb des katholischen Milieus als Frau die eigene Berufung suchen.
Dieser Typus der Befragten ist zurzeit zwischen 70 und 80 Jahre alt. Diese Frauen haben ihr ganzes Leben im katholischen Milieu verbracht. Sie absolvierten in katholischen Lehrerinnenseminaren eine Berufsausbildung, sammelten in kirchlichen Organisationen erste Berufserfahrungen und arbeiteten als Sozialarbeiterinnen in Missionsländer oder in der Schweiz. Sie erlebten, dass es in der sozialen Arbeit nicht nur um organisatorische Unterstützung und materielle Hilfe ging, sondern dass Fragen aufkamen, die tiefer gingen. Personen fragten sie: «Warum passiert gerade mir das?» oder «warum lässt Gott das zu?» Auf der Suche nach Antworten wandten sie sich den theologischen Studien zu. Diesem Typus zugehörig sind meist Ordensfrauen oder Frauen, die zeitweise in Orden gelebt haben. Da die Leitung von Schulen, Heimen und sozialen Einrichtungen immer mehr vom Staat übernommen wurden, wurde nach neuen Charismen für ihren Orden gesucht, weswegen sie zeitweise auch in der Pfarreiseelsorge arbeiteten und dort auch Gemeindeleitungen übernahmen. Durch die Errichtung von grösseren pastoralen Einheiten entschieden sie sich dazu, die Pfarreiseelsorge aufzugeben, worauf sie meist neue Aufgaben innerhalb des Ordens übernahmen.
Typ-B: Aus der Gemeinschaftserfahrung der Jugendgruppen ein Theologiestudium beginnen.
Die Mehrheit der Befragten gehört zu diesem Typus und befindet sich zum Zeitpunkt der Befragung im Pensionsalter. Sie sind Teil einer Generation, die geprägt ist von einer aktiven kirchlichen Jugendarbeit. Aus dieser positiven Gemeinschaftserfahrung heraus wählten sie das Studium der katholischen Theologie. Im Studium fanden viele nicht das, was sie suchten, da dort andere Themen behandelt wurden als in ihren Jugendgruppen. Die Gemeinschaftserfahrungen der Jugendzeit prägten ihr Kirchenbild und ihre spätere pastorale Arbeit.
Typ-C: Die Frage nach Gott in Krisen, im Leid und im Sterben.
Die Befragten dieses Typus erlebten in ihrer Biografie Leid, Tod, Beziehungs- und Lebenskrisen. In diesen Krisen beschäftigten sie sich vermehrt mit Sinnfragen. Aus theologischem Interesse studierten sie Theologie und begannen nach dem Studium in der Seelsorge zu arbeiten. Dieser Typus reflektiert seinen Glauben intensiv, auch in der Begleitung in der Seelsorge.
Typ-D: Seelsorgerin als sinnvolles sozial-diakonisches Berufsziel
Angehörige dieses Typus kamen als Mütter durch den Religionsunterricht ihrer Kinder wieder in Kontakt mit Pastoralassistentinnen und Gemeindeleiterinnen, die sie anfragten, sich als Freiwillige in Familien-, Kinder- oder Jugendprojekten zu engagieren. Die Begegnung mit hauptamtlichen Laien, insbesondere mit Frauen, die bereits in den Pfarreien arbeiteten, führte dazu, dass das Theologiestudium als ein Studium mit Berufsperspektiven wahrgenommen wurde. Die seelsorgerlich-pastoralen Berufe stellen für sie eine sinnvolle und erfüllende Aufgabe dar. Aus dem bereits gelebten und freiwillig engagierten Glauben wird durch das Studium eine Profession.
Erfüllende und belastende Erfahrungen
Viele der befragten Frauen sind Quereinsteigerinnen, die zuvor eine Erstausbildung in anderen Berufen absolvierten. Dies zeigt, wie wichtig diese Möglichkeiten der berufsbegleitenden Aus- und Weiterbildungen für die pastoralen Berufe sind. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger bringen wichtige Berufs- und Lebenserfahrungen für die Seelsorge mit. Dieses Potenzial gilt es weiter für die pastorale Berufsbildung auszubauen. Der Beruf der Seelsorgerin wird für die Frauen als sinnvolle Aufgabe erlebt. Das Begleiten von Menschen erfahren sie als sinnstiftend. Fehlende Wertschätzung für ihre Arbeit vonseiten der Kirchenleitung wirkt auf sie verletzend. Die unsichere Position als Gemeindeleiterin ad interim nehmen sie als schwierig wahr. Die Befugnisse und sozialen Rollen bleiben oft ungeklärt. Besonders durch die Einführung von grösseren Seelsorgeeinheiten sehen die Gemeindeleiterinnen ihre Arbeit, ihre soziale Rolle und ihre Identität gefährdet. Die jahrelange Unwissenheit um ihre Position, auch als berufstätige Frau in der Kirche, ist für viele sehr belastend. Störend erleben es auch einige, dass sie keinen liturgischen Ort im Gottesdienst haben oder den immer wieder selber suchen oder in der Zusammenarbeit mit Priestern finden müssen.
Vertrauen in Krisen und in die Leitung
Klaus Mertes SJ stellt eine Vertrauenskrise «innerhalb der Kirche, der Katholiken untereinander» (Mertes, 2013, S.13) fest. Die zeige sich in «Misstrauen untereinander», in «Lagerdenken» sowie in der «Reduzierung strittiger Fragen auf Machtfragen» (ebd.). Für die Befragten war das Vertrauen eine wichtige Ressource in Krisen. Sei es, dass sie als junge Frauen katholische Theologie studierten, im Vertrauen, dass es gut kommt. Im Berufseinstieg war das wahrgenommene Vertrauen von Regenten, vorgesetzten Priestern und Gemeindemitgliedern ein entscheidender Faktor dafür, ob das Finden in die soziale Rolle der Pastoralassistentin und berufstätigen Frau der Kirche als positive Erfahrung erlebt wurde. Den Wechsel in eine Gemeindeleitung oder Pfarreibeauftragung trauten sich die meisten Befragten im Alter von ca. 50 Jahren zu, aus dem Wunsch heraus, mehr Verantwortung zu übernehmen und mehr Gestaltungsspielraum zu haben im Gemeindeaufbau.
Die befragten Gemeindeleiterinnen erlebten in Seelsorgegesprächen, dass ihnen viel Vertrauen geschenkt wurde aufgrund ihrer Funktion als Vertreterin der Kirche. Personen haben sich ihnen anvertraut und von ihren Sorgen und aus ihrem Leben erzählt. Das tragende Vertrauen erleben sie selber als Gottes Fügung in ihrem Leben. In der Umsetzung von Pfarreiprojekten, in Gottesdiensten und der Begleitung von Trauernden und Tauffamilien wird etwas «Dichtes» erlebt, was plötzlich «trägt». Gemeindeleiterinnen und Pfarreibeauftragte sind Vertrauenspersonen vor Ort, die Menschen begleiten im Alltag und an Lebenswendepunkten, und sie prägen als Repräsentantinnen von Kirche neue Kirchenbilder.
Nadja Waibel