SKZ: Wie können wir uns die evangelische Theologie Ende des 19.Jahrhunderts vorstellen?
Matthias Zeindler: Anders als in der katholischen Theologie gibt es in der evangelischen Theologie grundsätzlich keine verbindliche Tradition. Norm war die Auslegung der Bibel, dabei gab es unterschiedliche theologische Strömungen: liberal, pietistisch, religiös-sozial. Gemeinsam war diesen Strömungen – anders als in der damaligen katholischen Theologie – ein optimistisches Verhältnis zu Gesellschaft und Kultur.
Sie sprechen von einem «Nullpunkt» in Bezug auf Barths theologischen Ansatz. Lag der in der Luft oder war er wirklich dem Erleben des Ersten Weltkriegs geschuldet?
Wir erkennen in der europäischen Gesellschaft vor und nach dem Krieg in der ganzen Kultur ein breites Unbehagen dem bisherigen Mainstream gegenüber, etwa in Musik (Zwölftönigkeit), Literatur und Kunst (Expressionismus) und Philosophie (Wittgenstein und Heidegger). Der theologische Neuaufbruch ist auch in diesem Zusammenhang zu verstehen. Daneben hat Barths Neuansatz vor allem innerkirchliche Gründe, nämlich die kritiklose Nähe von Theologie und Kirche zur herrschenden Kultur.
Inwiefern grenzt sich Barth als Mitglied von SP und SPD vom Religiösen Sozialismus ab?
Er war immer Sozialdemokrat, aber nie ein Religiös-Sozialer. Dieses Denken gehört für ihn in den gleichen Topf wie die übrige «alte Theologie», verortet dieser doch – etwa Leonhard Ragaz – das Kommen des Reichs Gottes in der sozialistischen Bewegung. An seiner ersten und einzigen Pfarrstelle in Safenwil (AG) engagierte sich Barth aber in der Arbeiterbildung und half eine Gewerkschaft gründen. Dort war er je nach Sicht der «Genosse Pfarrer» oder der «rote Pfarrer».
Barth verstehe ich als konsequente Fortsetzung von Immanuel Kants Erkenntnislehre. Doch sein Gottesbegriff bleibt eigenartig offen.
Barth war ein guter und kundiger Kant-Leser. Er schätzte die methodische Sauberkeit dieses Denkens und teilte auch die Einsicht, dass Gott kein Gegenstand menschlichen Wissens ist. Er verortet Gott aber nicht im autonomen Gewissen, sondern formuliert noch radikaler, dass wir nicht erkennen können, was Gott ist, sondern allein, was Gott uns von sich zu erkennen gibt. Gott entzieht sich in seiner Souveränität unseren Versuchen, ihn für menschliche Interessen in Dienst zu nehmen. Dieser «konsequente Offenbarungsbegriff» ist nicht mit dem zu verwechseln, was wir heute «fundamentalistisch» nennen.
Nochmals zurückgefragt: Er lehnt Fundamentalismus ab und rechnet doch mit einem unmittelbaren Einwirken Gottes auf den Menschen?
Wir müssen uns bewusst sein, dass «Fundamentalismus» ein neuer Begriff ist, der erst in den 1910er-Jahren in den USA entstand. Barth rechnet mit einem Handeln Gottes in der Welt, bleibt aber misstrauisch, dieses Handeln «erkennen» zu können. Vielmehr bleiben wir dabei stets zurückverwiesen auf die Bibel und auf Jesus Christus. Barth verweigert sich auch Versuchen von Individualismus und Innerlichkeit und versteht seinen biblischen Ansatz in seiner Frühphase primär negativ: Gott stellt mich in Frage, Gott ist kritisch.
Verblüffend dann die unmissverständlichen «Anathema» der Barmer Erklärung von 1934 angesichts des Nationalsozialismus. Nun legt sich Barth doch fest, wo und wie Gott wirkt?
Er ist hier unmissverständlich und klar: Zentrum der göttlichen Offenbarung ist Jesus Christus. Und da geht es nicht um Abstraktion: Gott hat sich in Jesus Christus festgelegt als ein menschenfreundlicher Gott; als ein Gott, der Freiheit will; als ein Gott, der uns etwas zutraut. Damit lässt sich kein Regime vereinbaren, das einen totalen Anspruch auf Menschen beansprucht. Dies ist eine klare Form politischer Theologie.
Interview: Heinz Angehrn