«Predigen kann jeder?!»

"Kochen kann jeder" – angetrieben von dieser Zusage des fiktiven Meisterkochs Auguste Gusteau gelingt es der Hauptfigur des Animationsfilms "Ratatouille", der Wanderratte Rémy, ihren Traum als Koch zu verwirklichen. Nun müssen Predigende nicht unbedingt gute Köche sein. Doch was das Predigen angeht, gilt in gewisser Weise der ähnliche Grundsatz wie beim Kochen: Wenn solides Handwerk und künstlerische Freiheit als Kunstfertigkeit eine schöpferische Symbiose eingehen, kann Menschen immer wieder "Geschmack" auf das Wort Gottes in ihrem Leben gemacht werden.

Predigen als Handwerk

Die katholische Tradition kennt unterschiedliche Orte und Formen der Predigt. Wird im Rahmen der Eucharistiefeier von der Homilie gesprochen, ist im Rahmen der Wort-Gottes-Feier und anderer liturgischer bzw. katechetischer Feierformen der Begriff der Predigt vorgesehen. Die Eigenart der Homilie erwächst dem Anspruch, die liturgisch vorgegebenen Schrifttexte so auszulegen, dass deren Aussageinhalt in die Lebenskontexte der Zuhörerinnen und Zuhörer exegetisiert und aktualisiert werden kann. Neben der Homilie sind unterschiedliche Formen von thematischen Predigten bekannt, die ihren Fokus auf aktuelle Anlässe richten (wie z. B. im Rahmen einer Predigtreihe oder im Rahmen von Kasualien, die als Wort-Gottes-Feiern gestaltet werden). Sowohl die Homilie als auch andere Predigtformen können monologisch, dialogisch oder textgebunden gestaltet werden (z. B. eine Meditation, eine Bildpredigt oder ein Bekenntnis).

Was nun für alle Predigtformate gleichermassen gilt, ist und bleibt eine Heraus- bzw. Anforderung an die Predigenden selbst: Als prophetische Seismografen des Wortes Gottes im und für das Leben der Menschen kommt den Predigenden vor allem eine dienende Dimension zu. D. h. sie verkünden niemals sich selbst, sondern das Heils- bzw. Befreiungsereignis, das Jesus Christus für alle Menschen mitten in ihrem Jetzt sein will. Von daher versteht es sich von selbst, dass von der predigenden Person ein grosses Mass an Authentizität eingefordert wird; sie ist immer auch eine Repräsentantin des eigenen Predigtinhalts. Sowohl in der theologisch-argumentativen wie theologisch-narrativen Ausgestaltung kommt die predigende Person nicht umhin, sich vor die (Selbst-)Kritik gestellt zu wissen, ob sie Wasser predigt, in Wahrheit aber selber Wein trinkt. Eine Predigt wird dann nicht zum Selbstzweck, wenn sie einen dialogischen Erfahrungsraum zwischen Gott und Mensch eröffnen kann, der Gott nicht als moralines "Über-Ich" im Leben der Menschen verankern will, sondern ihn als befreiendes "Du" erdet, das immer wieder neue Lebensperspektiven eröffnet. Ein Perspektivenwechsel, der den Zuhörenden Lebenswelten für solche Denk- und Handlungshorizonte "unter dem Wort Gottes" eröffnet.

Dies stellt hohe Ansprüche an die Predigtvorbereitung, was gegen eine Konzeptlosigkeit spricht. Das Verstehen und Auslegen eines Schrifttextes setzt immer bestimmte Implikationen voraus. So besteht die Gefahr, dass – bewusst oder unbewusst – die Aussageintention eines Bibeltextes missverstanden wird, weil die Textsituation in ihrer kulturellen Eigenart nicht der heutigen Lesesituation entspricht oder die heutige Leseperspektive mit Fragestellungen an den Text herangeht, die der Verfasserperspektive fremd waren. Grundsätzlich ist eine (selbst-)kritische Distanz zum Text unabdingbar – sowohl gegenüber der Aussageintention des Textes als auch gegenüber dem Selbst- und Vorverständnis. Das Ziel kann keine reine Anwendung des Aussageinhaltes des biblischen Textes aufs Heute sein, sondern vielmehr seine glaubensgeschichtliche und heilsgeschichtliche Einordung und kontextuelle Erschliessung – damals wie heute.

Dies setzt die Kunst einer Selbstbeschneidung durch Prioritätensetzung voraus. Denn jeder Text besitzt einen grösseren Reichtum, als in einer einzelnen Auslegung eingeholt werden kann. Will die predigende Person keiner "Wald-und-Wiesen-Predigt" verfallen, ist eine Entscheidung für solche Prioritäten nötig mit dem Predigtziel: "Was will Gott uns durch diesen Text heute sagen?" Dabei ist immer auch darauf zu achten, dass nichts gepredigt wird, was der Text nicht hergibt. Wenn das Predigtziel herausgefiltert ist, können Entscheidungen über Predigttyp und Stilmittel gesetzt werden.

Predigt als Kunstwerk

In der derzeitigen Diskussion um die Predigtkultur hat sich vor allem der Begriff des "offenen Kunstwerks" als hermeneutischer Schlüsselbegriff der Predigt manifestiert – und dies sowohl auf katholischer als auch auf evangelischer Seite. Geprägt hat diesen Schlüsselbegriff Umberto Eco mit seinen gleichnamigen Studien aus den 1970er-Jahren, der die Tendenzen in der modernen Kunst für die sich wandelnden Gesellschaftsprozesse fruchtbar machen wollte. Eco zeigte auf, dass im Gegensatz zu vormodernen Zeiten ein Kunstwerk erst im kreativen Rezeptionsprozess "zu sich selbst", oder sagen wir es mit Karl Rahner, zum "aufschliessenden Abschluss" kommt. In diesem Sinn bietet der "Künstler" nach Eco "dem Interpretierenden ein zu vollendendes Werk".1 Bei "offenen Kunstwerken" kommt es folglich auf deren "kommunikative Strukturen" an, die massgeblich darüber mitentscheiden, ob und wie sie sich in das Leben der Menschen inkulturieren – auch in unauflöslichen Widersprüchlichkeiten. Kunst kann also ohne ihren Rezeptionsprozess nicht gedacht werden, denn erst in diesem "wird" sie, erfährt sie ihren "aufschliessenden Abschluss". Dieses, bei Eco vor allem auf Ästhetik zielende Verständnis von Kunst ist seit den 1990er-Jahren besonders in Bezug auf die Predigt und insbesondere in Bezug auf die Homilie fruchtbar gemacht worden. Die Predigt als "offenes Kunstwerk" zu verstehen, soll die binnenhermeneutischen, teleologischen und appellativen Zirkel homiletischer Verkündigungspraktiken aufbrechen und sie in ihrer Hermeneutik auf einen Kommunikationsprozess verpflichten, dessen Strukturen dem "homilein", dem "geschwisterlichen Anreden auf gleicher Augenhöhe ", am nächsten kommen. Die Predigt als offenes Kunstwerk will folglich "den Hörern selbst die Gelegenheit" einräumen, "ihre Situation in das Predigtgeschehen einzubringen. Es wäre dann nicht mehr primär die Aufgabe des Predigers, die Situation anderer für andere zu klären".2

"Predigen kann jeder?!"

Die Predigt kann eine schöpferische Symbiose von solidem Handwerk und künstlerischer Freiheit eingehen, wenn die predigende Person die "kommunikativen Strukturen" der Text- und Kontextsituation an der Heilsgrammatik und Heilsdramatik der Geschichte Gottes mit den Menschen auszurichten vermag, in die sie sich im Predigtgeschehen mit den Hörerinnen und Hörern hineingenommen wissen darf. Wird diese existenzielle wie heilsbezogene Option zu Grunde gelegt, kann die Predigt zu einem wichtigen Ort der Begegnungs mit dem Wort Gottes werden – als reziprokes Berühren und Sich-berühren-Lassen vom Wort Gottes, das Geschmack auf mehr macht.

 

 

 

1 Umberto Eco: Das offene Kunstwerk. Frankfurt 111977, 55.

2 Gerhard Marcel Martin: Predigt als "offenes Kunstwerk"?, in: EvTh 44 (1984), 46–58; hier 49 f. Vgl. auch Henning Schröer: Umberto Eco als Predigthelfer? Fragen an Gerhard Marcel Martin, in: Ebd. 58–63; Erich Garhammer/ Heinz-Günther Schöttler (Hrsg.): Predigt als offenes Kunstwerk. München 1998.

 

Salvatore Loiero

Salvatore Loiero

Dr. theol. habil. Salvatore Loiero ist Professor des deutschsprachigen Lehrstuhls für Pastoraltheologie,
Religionspädagogik und Homiletik an der Theologischen Fakultät
der Universität Freiburg i. Ü.