Option für das beste Leben – für alle

Otto-Karrer-Vorlesung 2014

Der «Consejo Episcopal Latinoamericano» CELAM, eine Schwesterorganisation des Rats der europäischen Bischofskonferenzen CCEE, war am 27. Oktober 2014 in der Jesuitenkirche Luzern Thema der diesjährigen Otto-Karrer- Vorlesung. Der chilenische Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa sprach über das Schlussdokument der 5. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik vom 13. bis 31. Mai 2007 in Aparecida (Brasilien). Der 84-jährige Kardinal und Schönstatt-Pater Errázuriz Ossa war zu jener Zeit Präsident des CELAM und arbeitete eng bei der Ausarbeitung des Schlussberichtes mit. Federführender Autor dieses auch in Deutsch erhältlichen Dokuments war damals der Kardinal von Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, der heutige Papst.1

«Aparecida in die Welt hinaustragen»

Die 5. Versammlung des 1955 gegründeten CELAM fand beim brasilianischen Marienwallfahrtsort und Nationalheiligtum Aparecida statt – was sich laut dem Referenten unmittelbar im Schlussdokument zeigt. Kardinal Francisco Javier Errázuriz Ossa – Mitglied des neunköpfigen Beratergremiums des Papstes – hob in seiner Vorlesung heraus, dass sich in diesem Dokument der Glaube und die Hoffnung der unzähligen Pilger von Aparecida spiegelten. Die in Anwesenheit von Papst Benedikt XVI. eröffnete Konferenz beschäftigte sich mit der Herausforderung, der Kirche in Lateinamerika und in der Karibik einen neuen Impuls und neue Kraft zu verleihen. Und die Vertreter der 22 Bischofskonferenzen gingen gestärkt aus dieser Konferenz zurück in ihre Heimatdiözesen, um den «Geist von Aparecida», wie es Kardinal Errázuriz Ossa nennt, weiterzutragen. Denn so umfangreich das Schlussdokument auch ausgefallen sei, so handle es sich doch erst um das vorletzte Kapitel dieser Versammlung.

«Primat des Heiligen Geistes»

Drei Hauptthemen beleuchtet das Dokument. Zuerst und zuvorderst erachteten die Bischöfe den «grauen Pragmatismus» als grösste Herausforderung für die Kirche Lateinamerikas. Wo die Kirche nur mehr als traditionelle Institution wahrgenommen werde, fehle ihr Kraft. Wenn aber Christen heute als missionarische Jünger durch die Welt gingen, wenn Verkündigung als eine Freude empfunden werde, so müsse die Kirche nicht als «Zollstation des Glaubens», sondern könne als Erfahrungsort erlebt werden. Mit Blick auf diese Haltung, die der Referent auch als «Primat des Heiligen Geistes» bezeichnete, sprach Errázuriz Ossa von einer «kopernikanischen Wende» in der Seelsorge, die in Aparecida grundgelegt worden sei. Die Pastoral müsse sich wieder an den ersten Begegnungen der Menschen mit Jesus Christus orientieren. So überrascht es nicht, dass das Schlussdokument immer und immer wieder auf das neue Testament verweist. Denn es gehe darum, so der Kardinal, das Wesen des Christentums auf einen Punkt gebracht anzuerkennen: Jesus ist da.

Hinschauen und entgegentreten

Die aus der lateinamerikanischen Kirche entstandene Theologie der Befreiung mit ihrer Option für die Armen scheint an der 5. Generalversammlung des CELAM als zweites grosses Thema noch zugespitzt worden zu sein. Der Referent sprach von einer Option für das Leben. Und verdeutlichte unmissverständlich, dass es aus christlicher Sicht darum gehen müsse, die besten Lebensbedingungen für alle – das Leben in Fülle – als Ziel zu setzen. Dies aber gehe nicht ohne Konsequenzen für Christinnen und Christen. Der Glaube erfordere ein Hinschauen auf die Situation der Völker. Doch er verlange auch ein Hinschauen auf das eigene Verhalten, die eigene Berufung gegenüber dem in der Welt vorgefundenen Zustand. Die Wahrnehmung von Ungerechtigkeit allein mache den Glauben und den Glaubenden nicht aus, so der Kardinal. Es gelte vielmehr, der Welt in einer missionarischen Haltung gegenüberzutreten und sich selber als Berufener, als Gesandter zu verstehen.

Als dritten Schwerpunkt entwickelte die Konferenz einen sehr umfassenden Reich-Gottes-Gedanken. Nur Gott sei Urheber des Lebens – und aller seiner Inhalte, wie der Kardinal besonders betonte. In allen pastoralen Strukturen müsse deshalb genau hingeschaut werden, wer welche Möglichkeiten habe und wem sie verwehrt würden. Hier wurde sie denn auch wieder deutlich angesprochen, diese besondere Aufmerksamkeit für die Armen und Ausgeschlossenen. Die Bischöfe gingen in ihrer Auseinandersetzung mit Blick auf diese Option im Besonderen auf die Situation der Familien ein. Hierbei vertieften sie ausdrücklich die Würde und Mitbeteiligung der Frau im Familienleben und die Verantwortung des Mannes und Familienvaters. Sieben Jahre vor der Familiensynode in Rom hatten sich die lateinamerikanischen Bischöfe bereits intensiv mit Fragen von Rollen und Verhalten, von Sitten und Kultur im familiären Zusammenleben auseinandergesetzt und daraus konkrete pastorale Massnahmen gezogen.

Pastoral aus dem Heiligen Geist

Konferenz und Schlussdokument von Aparecida zeigten, so der Kardinal, überhaupt eine sehr ausgeprägte Hinwendung und Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, wie sie in den Kapiteln um Lebensformen in den Familien erfolgten. Francisco Javier Errázuriz Ossa machte dabei aber deutlich, dass die Bischöfe mehr als die materielle Wirklichkeit vor Augen hatten. Es brauche für eine wirkungsvolle Pastoral eben nicht nur Analysen und Tabellen, sondern auch Kontemplation. Und hier kam der Referent auf die Bedeutung der Volksfrömmigkeit zu sprechen, die gerade in Lateinamerika durch seine Geschichte sehr vielseitig sei. Lokale Besonderheiten in der gelebten Frömmigkeit seien weder geringzuschätzen, noch an einem Schema von richtig oder falsch zu messen. Es handle sich hier, wie auch bei neuen Bewegungen und christlichen Gemeinschaften, um spontane Formen der Spiritualität. So gelte es auch bei diesen Fragen auf die Wirklichkeit, auf die Lebensumstände der Menschen zu schauen und aus pastoraler Sicht mit dem Dreischritt «Sehen – Urteilen – Handeln» darauf zu reagieren.

Anderer Zugang zum Begriff Mission

Während bei uns der Begriff Mission sehr zurückhaltend verwendet wird, ist das Schlussdokument von Aparecida voll davon. Das Thema der Generalkonferenz lautete ja auch «Jünger und Missionare Jesu Christi – damit unsere Völker in Ihm das Leben haben». Der Referent zeigte einen unverkrampften Zugang zu diesem Begriff. Jüngerschaft und Mission seien die zwei Seiten der gleichen Medaille, so der Kardinal. Verkündigung bedürfe eines missionarischen Impulses, denn auch in Lateinamerika stehe die katholische Kirche nicht mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit der Menschen.

Mission, wie die CELAM sie verstehe, ziele deshalb nicht auf äussere Formen, sondern auf Erfahrung und Begegnung, machte Kardinal Errázuriz Ossa deutlich. Um diese zu ermöglichen aber, müsse die Kirche Räume schaffen beziehungsweise öffnen. Eine solche Bedeutung des Worts Mission erfordere zudem eine komplette pastorale Umkehr. Im bereits angesprochenen Dreischritt «Sehen – Urteilen – Handeln» machte der Referent gleich beim ersten Punkt ein Ausrufezeichen: Im Unterschied zu traditionellen Bildern wird Mission hier als ein mit offenen Augen, Ohren und Herzen Auf-die-Menschen-Zugehen, als ein Kennenlernen-Wollen der Erfahrungen des Gegenübers gesehen. Mission als Einladung, aufeinander zuzugehen, wie es der Kardinal abschliessend formulierte. Er bezeichnete die Gläubigen und die Missionare, als eine «solidarische Karavane in einer chaotischen Menge». Denn am Anfang des Christentums habe nicht ein ethischer Entscheid gestanden, sondern die Begegnung mit Gott.

 

 

 

 

1 Das Schlussdokument der 5. Generalversammlung des CELAN kann unter http://bit.ly/1I2Pxty als pdf heruntergeladen oder unter folgender Adresse bestellt werden: Sekretariat Deutsche Bischofskonferenz, Kaiserstrasse 161, D-53113 Bonn

Martin Spilker

Martin Spilker

Martin Spilker ist Leitender Redaktor des katholischen Medienzentrums Zürich (kath.ch) und Mitglied des Institutsrats des Ökumenischen Instituts Luzern.