«Offenbarung ist Ereignis der Begegnung»

Offenbarung ist ein Grundwort christlichen Glaubens und ein zentraler Reflexionsbegriff der Theologie. Gegenwärtig gibt es intensive Debatten um das Offenbarungsverständnis. Darüber sprach die SKZ mit Eva-Maria Faber.

Prof. Dr. Eva-Maria Faber (Jg. 1964) ist seit 2000 Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie sowie seit 2015 Prorektorin an der Theologischen Hochschule Chur. (Bild: zvg)

 

SKZ: Frau Faber, Ende 2022 erschien der Sammelband «Problemfall Offenbarung»1. Welches ist der Sitz im Leben dieses Problems?
Eva-Maria Faber: Ein Glaube, der sich an Offenbarung festmacht, ist nichts Selbstverständliches. Er bekennt von der göttlichen Wirklichkeit, sie begleite das Universum, die Welt und die Menschheit, sie erschliesse sich, gebe Verheissungen, stifte Zukunft. Die Frage, wo denn Gottes Spuren in der Geschichte erkennbar sind, bleibt aber strittig. Viele Menschen treibt der Zweifel um, ob vom Göttlichen so konkret zu sprechen ist.

Inwieweit liegen die Gründe für die aktuellen Debatten in der Geschichte des Offenbarungsbegriffes?
Wichtig zunächst: Es ist ein Begriff, der erst in der Neuzeit «Karriere» gemacht hat. Aufgrund verschiedener Faktoren radikalisierte sich hier die Unterscheidung von Gott und Welt. Aus Schöpfung wurde Welt, d. h.: Die von Gott herkünftige und auf Gott ausgerichtete Schöpfung wurde stärker als in sich stehende, immanent funktionierende Welt empfunden und gedacht. Wenn aber die Offenbarung als etwas Nachträgliches zur in sich geschlossenen Welt erscheint, wird fraglich, ob es nicht die Autonomie und Freiheit des Menschen beschädigt, sich für eine solche Offenbarung öffnen zu sollen. Es entstanden Modelle einer Vernunftreligion, die ohne Offenbarung auskommen würde. Die kirchliche Reaktion schärfte umgekehrt ein, der Mensch müsse die faktisch ergangene Offenbarung annehmen. Dass die kirchliche Sprache hier an Glaubensgehorsam appellierte, war fatal. Es sah aus, als solle sich der Mensch nur aufgrund von göttlicher und dann auch kirchlicher Autorität für etwas öffnen, das an sich unverständlich ist. Zudem geriet das Offenbarungsverständnis im Gegenüber zur Vernunftreligion in einen kognitiven Sog. Es bezog sich vor allem auf Lehre, die sich in Satzwahrheiten darstellt.

Die Fundamentaltheologin Saskia Wendel2 legt einen neuen Ansatz vor.
Um ihren Ansatz zu verstehen, ist es wichtig, sich klarzumachen, womit sie sich auseinandersetzt. Da wirken die neuzeitlichen Problemkonstellationen massiv nach. Sie kritisiert einen stark kognitiv geprägten Offenbarungsbegriff, der allein auf Mitteilung von Erkenntnissen zielen würde. Das entsprechende Offenbarungsmodell scheitert ihrer Meinung nach an einer adäquaten Verhältnisbestimmung zur Vernunft. Der Vernunft wird eine weitere Erkenntnisquelle an die Seite gesetzt. Damit scheint die Offenbarung die Vernunft zu degradieren. Etwas, das die Vernunft nicht aus sich erkennen kann, soll sie gehorsam von aussen aufnehmen. Es kommt hinzu, dass diese Art von zusätzlicher Erkenntnis oft mit starken Autoritätsansprüchen zur Geltung gebracht wurde. Demgegenüber stellen sich kritische Folgefragen: Wer unterscheidet wie, welche Wahrheitsaussagen auf göttliche Offenbarung zurückgehen oder welche Strukturen «göttlichen Rechtes» sind, so dass sie nicht verändert werden können? Rein historisch ist erkennbar, wie stark sich die Auffassungen darüber verändert haben. In diesen Hinsichten trifft Wendels Kritik Engführungen und Fehlentwicklungen des Offenbarungsverständnisses.

Wendel versteht Offenbarung als eine Deutekategorie des Glaubens. Welches sind die Grundzüge dieses Offenbarungsverständnisses?
Um den beschriebenen Problemen zu entgehen, will  Wendel die externe Dimension der Offenbarung stark zurücknehmen. Für sie ist Offenbarung die Weise, wie Menschen deutend mit ihren Welt- und Selbsterfahrungen umgehen und sie religiös mit dem Glauben an eine göttliche Wirklichkeit verbinden. Offenbarung kommt so verstanden nicht von aussen, «ab extra», auf Menschen zu. Vielmehr entspringt sie der kreativen Kraft der gottgeschenkten Vernunft. Charakteristisch für Wendels Ansatz ist dabei, dass sie die Unterscheidung von Schöpfung und Offenbarung relativiert. Sie arbeitet hier zu Recht auf eine Würdigung der Schöpfung hin, deren Würde, Gabecharakter und Bezogenheit auf Gott in den Unterscheidungen von Schöpfung und Offenbarung oft zu kurz kam. Zugleich ist aber das, was wir als Geschichte bezeichnen, nicht reduzierbar auf ein wie auch immer anfänglich Gegebenes. Das Offenbarungsthema antwortet auf die Frage, wie göttliche Zuwendung sich in der geschichtlichen Erstreckung ereignet. Saskia Wendel erwähnt zwar geschichtliche Weisen des «Zur-Erscheinung-Kommens Gottes», auch in Jesus von Nazaret. Sie relativiert diese aber als blossen «Entdeckungszusammenhang» und bemerkt, dass es über das Sich-zur Erscheinung-Bringen Gottes in der Vernunft «keiner weiteren, zusätzlichen Gnadengabe bedarf» (116).

Welches sind Ihre Kritikpunkte an Wendels Offenbarungsverständnis?
Meine erste Anfrage ist formaler Art. Saskia Wendel zielt in ihrer Kritik auf einen sehr eng geführten kognitiven Offenbarungsbegriff. Sie fasst darunter m. E. zu Unrecht auch das, was man das kommunikationstheoretische Offenbarungsverständnis des Zweiten Vatikanischen Konzils genannt hat. Nach dieser Sicht ist Offenbarung aber gerade nicht als Vermittlung von Wissen oder Lehre zu verstehen, sondern als Ereignis der Begegnung, in der Gott sich personal und freiheitlich Menschen erschliesst.

Deckt die ganze Kontroverse dann nur ein begriffliches Problem auf?
Zu einem Teil, ja. Es liegt an der Komplexheit des Begriffs, dass er einseitig verwendet werden kann. Für die Verkündigung ist er ohnehin ungeeignet. In der Theologie aber identifiziert er eine spezifische Eigenart des Offenbarungsglaubens, sich von einer An«rede» Gottes beschenkt zu sehen. Hier liegt meine zweite, nicht mehr nur begriffliche Anfrage. Wendel scheint diese Sinnspitze zu relativieren, wenn sie Offenbarung mit den Deutungen als solchen identifiziert. Natürlich bedarf es einer Deutung, um ein Geschehen als Offenbarung anzunehmen. Es gibt keine Wirklichkeit, an der schon ein Schild mit der Aufschrift «Offenbarung» hinge. Die Deutung des Glaubens aber ist nicht schon selbst Offenbarung, sondern bezieht sich auf ein Geschehen, das als von Gott her eröffnet geglaubt wird. Gerade darin liegt der positive Zuspruch des Offenbarungsglaubens: Wir müssen nicht in unseren religiösen Deutungen stecken bleiben.

Inwiefern wäre das negativ oder unheilvoll?
Ich vermisse in Saskia Wendels Artikel eine stärkere Aufmerksamkeit für die Ambivalenz menschlicher Lebensvollzüge und religiöser Erfahrung. Es gibt vom Menschsein in all seinen komplexen Lebensäusserungen keinen geradlinigen Weg zum Vertrauen auf eine göttliche Wirklichkeit, zum Bewusstsein erfahrener Würdigung und geschenkten Angenommenseins. Religiöse Deutungen können destruktiv sein. Von den Welterfahrungen aus wirkt eine wie auch immer erahnte Transzendenz eher wie «Ja und Nein zugleich», schöpferisch und vernichtend, annehmend und ablehnend. Hier tritt der Offenbarungsglaube ein, der in Jesus nach 2 Kor 1,18–20 das göttliche «Ja verwirklicht» sieht. Da geht es nicht um ein «zusätzliches» Wissen, sondern um die Erfahrung der Selbstzusage und Verheissung Gottes. Diese freie Zuwendung Gottes kann nicht aus der Vernunft abgeleitet werden.

Welche Fragen beschäftigen Sie im Blick auf die Offenbarungsthematik?
Ich kann hier gut bei Saskia Wendels Aufmerksamkeit für die Deutungen anknüpfen. Ich kann ihr zwar nicht folgen, wenn sie Offenbarung auf Deutungen reduziert; es lohnt sich aber zu vertiefen, inwiefern der Offenbarungsglaube tatsächlich immer mit menschlichen Deutungen einhergeht. Um es zuzuspitzen: Schon die Weise, wie Menschen in einem Geschehen göttliches Wirken wahrnehmen und gläubig annehmen, ist menschlich und kulturell geprägt. Das gilt schon auf den Strassen von Galiläa für die Begegnungen der Jünger und Jüngerinnen mit Jesus von Nazaret. In diesem Sinne kommt dem Offenbarungsglauben nie «Gott pur» in den Blick. Für manche ist das unbehaglich. Sie überspringen die menschliche Perspektive und wollen pures «Wort Gottes» und «ius divinum» zur Geltung bringen. Andere blenden diese menschliche Seite nicht aus, empfinden sie aber als enttäuschend.

Ist der Offenbarungsglaube dann nicht immer nur «gebrochen»?
Nach meinem Dafürhalten gehört diese menschliche Dimension im Offenbarungsglauben in einer positiven Weise zur kommunikativ verstandenen Offenbarung dazu. Ich würde sogar noch weitergehen. Nicht nur die Deutungen, die den Offenbarungsglauben artikulieren, sind menschlich geprägt. Das Offenbarungsgeschehen selbst impliziert die menschliche Seite, es ist nicht nur Anrede, sondern schon Gespräch, in dem Menschen mitreden, und gerade das erschliesst uns, wie sich Gott zur Welt und zu den Menschen verhalten möchte – integrativ. In der Christologie ist ja schon zu beachten, wie das Menschsein Jesu ein ganz und gar menschliches Menschsein ist, mit allem, was als welthafte, kulturelle, sprachliche, interpersonale Verfasstheit dazugehört. Als Menschsein im Vollzug betrachtet entfaltet es sich in eine ganze Lebensgeschichte, die kontingent so und nicht anders verlaufen ist, zu der Maria und Josef ebenso gehören wie der Kreis der Jünger und Jüngerinnen, die Syrophönizierin, von der Jesus gelernt hat, ebenso wie Judas. Das ist nicht Offenbarung im Sinne von «Gott pur», sondern Offenbarung im Sinne von «Gott im Beziehungsgeflecht», an sich teilgebend und an uns teilnehmend.

Interview: Maria Hässig

 

1 Nitsche, Bernhard / Remenyi, Matthias (Hg.), Problemfall Offenbarung. Grund – Konzepte – Erkennbarkeit, Freiburg i. Br. 2022.

2 Vgl. Wendel, Saskia, «Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn!» (Mk 15,39). Offenbarung – eine Deutungskategorie des Glaubens, in: Nitsche, Bernhard / Remenyi, Matthias (Hg.), Problemfall Offenbarung. Grund – Konzepte – Erkennbarkeit, Freiburg i. Br. 2022, 89–119. Seitenzahlen im Interview beziehen sich auf diesen Text.

 

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