Offenbarung eigener Gottesfreundschaft

Abt Urban Federer geht für das Thema dieser SKZ von Offenbarungen mittelalterlicher Frauen aus. Moderne Wege der Kommunikation wurden schon immer für das Zeugnis eigener Gottesfreundschaft verwendet.

Haben Sie schon einmal ein Gericht, das Ihnen serviert wurde, als eine Offenbarung bezeichnet? Oder eine Musik, die Sie sehr berührt hat? Können Sie sich an einen Blick in die Natur erinnern, der Sie niemals mehr losgelassen hat? Oder offenbarte Ihnen bei einer körperlichen Leistung das Überschreiten einer Grenze, wie viel mehr in Ihnen steckt, als sie angenommen hatten? Dem allem gemeinsam ist, dass Ihnen etwas aufgezeigt wurde, das Sie nicht vermutet hätten. Im positiven Sinn lässt uns eine Offenbarung etwas angenehm entdecken, was uns bis anhin verborgen war.

Im Religiösen meint eine Offenbarung die Enthüllung einer göttlichen Wahrheit, die dem menschlichen Denken und Erfahren eigentlich verborgen ist. Jesus Christus offenbart Gott als den Einzigen und zugleich auch als den Lebendigen, der Beziehung ist – Vater, Sohn, Geist –, der die Beziehung mit uns Menschen sucht und mit dem wir in Beziehung treten können: «Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiss nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe» (Joh 15,15). Darum ist für die dogmatische Konstitution «Dei verbum» des Zweiten Vatikanischen Konzils Jesus Christus «die Fülle der ganzen Offenbarung» (DV I,2). Darüber hinaus kann von Gott eigentlich nichts ausgesagt werden. Gleichwohl sagt der Katechismus der katholischen Kirche: «Obwohl die Offenbarung abgeschlossen ist, ist ihr Inhalt nicht vollständig ausgeschöpft; es bleibt Sache des christlichen Glaubens, im Lauf der Jahrhunderte nach und nach ihre ganze Tragweite zu erfassen» (KKK 66).

Auch im Spätmittelalter versuchten Menschen, in ihrem oft schwierigen Leben die Freundschaft mit Gott zu leben. In einer Zeit der Umbrüche und der Krisen war das Bedürfnis gross, zu erfahren, wie christliches Leben möglich ist. Darum entstanden damals eine Reihe von Frauen-Viten, die später «Offenbarungen» genannt wurden. Darin schrieben gebildete Nonnen über ihre Gotteserfahrung – und wurden dadurch für andere zu einer Offenbarung. Diese Nonnen fanden auch die Bewunderung grosser Theologen ihrer Zeit. Bekannt sind die Zürcher Dominikanerin Elsbeth von Oye, deren Berater Meister Eckhart war, die Winterthurer Dominikanerin Elsbeth Stagel, die eine Freundschaft mit Heinrich Seuse pflegte, und die schwäbische Dominikanerin Margareta Ebner, die in ihren «Offenbarungen» Gedanken von Johannes Tauler umsetzte. Die Offenbarungen dieser Frauen haben Generationen von Menschen in ihrer Freundschaft mit Gott bestärkt und getragen. Sie konnten über das Vorbild dieser Frauen ihre eigene Beziehung mit Gott entdecken und pflegen.

Heute ist es an uns, anderen eine Offenbarung der Gottesfreundschaft zu sein. Wo finden wir heute Menschen und Zeugnisse dafür? Können nicht auch wir auf moderne Kommunikationskanäle setzen? Auch im digitalen Netz können wir Zeugnis für die Gottesfreundschaft geben. Dazu braucht es unseren Willen und unsere Fantasie.

Abt Urban Federer


Urban Federer

Urban Federer (Jg. 1968) studierte Theologie in Einsiedeln und St. Meinrad, Indiana (USA), danach Germanistik und Geschichte in Freiburg i. Ü., wo er auch promovierte. Seit 2013 ist er Abt des Klosters Einsiedeln und damit Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Er steht der Liturgischen Kommission der Schweiz vor. (Bild: Jean-Marie Duvoisin)