SKZ: Frau Ottiger, wo steht die Ökumene heute?
Nicola Ottiger: Manche sprechen von einem Winter oder einer Krise in der Ökumene. Sie sehen die enttäuschten Hoffnungen und empfinden selbst Frust über das langsame Vorankommen oder den – vermeintlichen – Stillstand. Ich bevorzuge das Bild des Weges. Ökumene ist ein Weg. Das Volk Gottes ist auf dem Weg. Und wie jeder Weg kennt auch dieser Weg verschiedene Etappen, Umwege und Neuausrichtungen. Für mich ist Ökumene wesentlich und ein Herzensanliegen. Es gibt keine Alternative zur Ökumene, wenn wir sowohl den Auftrag Jesu in Joh 17 als auch die Aufbruchserfahrungen der Kirchen ernstnehmen. Das 20. Jahrhundert war das Jahrhundert der Ökumene. Und es geht weiter. Ich denke da zum Beispiel an die 11. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Karlsruhe von vergangenem September oder an hoffnungsvolle Initiativen an der Basis.
Welche Impulse gehen von Karlsruhe aus?
Über seine Erfahrungen in Karlsruhe sprach Pfarrer Heinz Fäh am Gesprächsforum des Ökumenischen Instituts Luzern. Er war als Delegationsleiter der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz vor Ort. Seine engagierten Ausführungen haben viele beeindruckt. Er machte eine grosse Heterogenität im Selbstverständnis bei den vielen verschiedenen Kirchen, Gemeinschaften und Denominationen aus. Was sie an Fragen und Themen bewegt und wie sie den christlichen Glauben leben, ist sehr unterschiedlich. So sind beispielsweise für die neuen Bewegungen und Gemeinschaften aus dem globalen Süden Lehrfragen wenig relevant. Ihr Blick richtet sich auf die Praxis. Das sehen die, die sich seit langem in der ökumenischen Bewegung engagieren, anders. Trotz der grossen Vielfalt war es möglich, den gemeinsamen Nenner ins Zentrum zu stellen. Fäh betonte, dass die Vollversammlung ein geistliches Geschehen war, dessen Mitte Jesus Christus bildet. Schon vor der Versammlung war von einer «Ökumene der Herzen» die Rede, davon war viel spürbar. Auch die Verpflichtung, sich zusammen weiter für Frieden auf der ganzen Welt zu engagieren, war ein zentrales Thema. Ein solches ökumenisches Grossereignis löst immer einen motivierenden Schub an Engagement aus: Es gibt neue Initiativen an der Basis und vermehrt fachliche Reflexionen und inspirierende Artikel zu Ökumene. Auch das Reformationsjubiläum 2017 war ein Grossereignis, das ermutigt hat, in der Ökumene voranzugehen, weiterzumachen und Durststrecken durchzuhalten. Das Miteinander belebt und löst neue Dynamiken aus. Der Primas der anglikanischen Kirche, Justin Welby, sagte in Karlsruhe, der «ökumenische Winter» sei vorbei.
Inwieweit war Karlsruhe ein Spiegel der ökumenischen Situation? Was ist Ihre Einschätzung?
Die ökumenische Situation ist disparat, das hat Karlsruhe tatsächlich gespiegelt. Blickt man auf die Kirchen in Westeuropa, lassen sich aufgrund des gesellschaftlichen Bedeutungsverlustes Tendenzen zur Rekonfessionalisierung ausmachen. Besorgt beginnen die Kirchen, zuerst für sich zu schauen. Schwinden die Kräfte, droht das ökumenische Engagement reduziert zu werden. Hinzu kommt, dass in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit der Umgang mit anderen Religionen oft als wichtiger angesehen wird. Wer interessiert sich überhaupt noch für Ökumene? Früher gehörten die Ökumeniker zur Avantgarde in der Theologie, heute werden sie eher als «von gestern» angesehen. Zumal wir einige Konsense erreicht haben. Ich erinnere an die «Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre» von 1999 oder an die Charta Oecumenica. Schon längst wäre es nötig, dass die Konsenspapiere mehr Folgen für die Praxis zeigten, dass sie von den Kirchenleitungen umgesetzt würden. Da sehe ich herzlich wenig. Ebenso lebt in den Pfarreien die Ökumene von Menschen, die sich dafür einsetzen. Ziehen diese weg, entfällt oft auch das ökumenische Engagement. Allgemein beobachte ich, dass die Ökumene heute in der Pastoral nicht mehr den Stellenwert hat, wie sie ihn im 20. Jahrhundert hatte. Die mangelnden Fortschritte – ich nenne als Stichwort die eucharistische Gastfreundschaft – dämpfen den Enthusiasmus und das Engagement. Der binnenkirchliche Reformstau trägt das seine bei. Ganz anders sieht es weltweit aus. Ich mache eine komplexe Ungleichzeitigkeit aus. Zahlenmässig hat sich das Zentrum des Christentums in den globalen Süden verschoben. Diese Kirchen und Denominationen haben eine andere Ausgangslage und andere Anliegen und Fragen als jene in den ehemaligen Reformationsländern. Die klassische bisherige ökumenische Bewegung arbeitet an einer Annäherung der Konfessionen und einer Überwindung der Trennungen. Ihr Ziel ist die Einheit der Kirchen. Sie fragt sich, von welcher Art diese Einheit sein soll und wie sie erreicht werden kann. Neuere christliche Gemeinschaften im Süden sind oft transkonfessionell. Wir sprechen von transkonfessionellen Bewegungen. Viele von ihnen haben einen pentekostalen Hintergrund. Sie haben ein anderes Verständnis von «Kirche» und wollen sich nicht bei konfessionellen bzw. lehrmässigen Unterschieden aufhalten. Auch hier stimmt das Bild der «Ökumene des Herzens». Ich finde eine Ökumene der Herzen wichtig. Es braucht die gelebte ökumenische Praxis an der Basis und ebenso eine Annäherung in inhaltlichen Fragen, es braucht eine solide Theologie. Die Ursprungsidee des ÖRK war die Überwindung der konfessionellen Trennungen. Was ist jetzt das Ziel? Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat schon länger schwelende Konflikte für alle sichtbar gemacht. Die Charta Oecumenica der europäischen Kirchen von 2001 hat sich u. a. dem Frieden in Europa verpflichtet. Was heisst das nun? Mit dem Angriffskrieg trat öffentlich zutage, dass der ökumenische Dialog mit der russisch-orthodoxen Kirche schon länger schwierig war. Auch dies zeigt, dass es zur ökumenischen Arbeit keine Alternative gibt und dass wir nicht nachlassen dürfen.
Hat die klassische Ökumene eine Zukunft in unseren Breitengraden?
Ja, und sie ist und bleibt wichtig. Sie trägt weiterhin zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Ich finde diesbezüglich auch die Ergebnisse des synodalen Prozesses interessant. Rom gab für die Weltsynode 2021 bis 2023 (neu 2024) zehn Themenfelder vor. Einer davon thematisierte die Ökumene, was nicht überrascht: Für die römisch-katholische Kirche ist die Ökumene seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zentral. Die synodale Versammlung des Bistums Basel hat die Ergebnisse aus der Befragung des Kirchenvolkes besprochen und zentrale Ergebnisse festgehalten: Da lese ich von einer Wertschätzung der Früchte, die an der Basis gewachsen sind; vom Wunsch, das Verbindende zu stärken, das Spektrum christlicher Konfessionen ernstzunehmen und dass die römisch-katholische Kirche Vollmitglied im ÖRK werden sollte. Weiter ermutigen sie die Verantwortlichen, auf dem Weg zur eucharistischen Gastfreundschaft weiterzugehen. Mein Fazit: Katholikinnen und Katholiken wollen Gemeinschaft mit Gläubigen anderer Konfessionen haben und leben. Mein persönlicher Eindruck ist, dass in der ökumenischen Arbeit an der sogenannten Basis noch viel mehr möglich ist als das, was jetzt gelebt wird. Die eucharistische Gastfreundschaft wäre wichtig. Hier ist die Geduld überstrapaziert. Noch eine Kommissionsarbeit, noch ein Konsenspapier – alles ohne oder mit wenig Erfolg. Trotzdem können wir noch viel tun. Mein Blick richtet sich auf andere Felder.
Wo könnten wir mehr Ökumene leben?
Ich bin Dozentin für Dogmatik, Fundamentaltheologie und Liturgiewissenschaft am Religionspädagogischen Institut RPI in Luzern. In meinen Lehrveranstaltungen ist mir der Transfer von der Wissenschaft in die Praxis sehr wichtig. Als neue Leiterin des Ökumenischen Instituts Luzern bringe ich dieses Anliegen und meine Erfahrungen als Dozentin mit. Ich fragte mich beispielsweise: Wie sieht die Ökumene im Bildungsbereich aus? «Ökumenisch ausgerichtete Glaubensbildung» ist ein Leitsatz im Leitbild «Katechese im Kulturwandel». Dieses bildet die Grundlage für die katechetische Arbeit in den deutschsprachigen Bistümern der Schweiz.1 Was heisst ökumenisches Lernen? Haben Pfarreien und Kantonalkirchen ein intrinsisches Bedürfnis, ökumenisches Lernen zu fördern? Oder sehen sie darin vor allem die Möglichkeit, finanziell Ressourcen zu sparen? Und: Wie werden Theologen und Religionspädagogen ausgebildet, so dass sie in ihrer Arbeit motiviert und kompetent sind, vor Ort ökumenisch zu arbeiten? Solchen Fragen gehe ich nach.
Welche Antworten haben Sie gefunden?
Im akademischen Bereich ist ökumenisches Lernen marginal verankert. Es ist mir ein Anliegen, dass die Studierenden mehr ökumenische Theologie hören können. Die neuen Curriculumvorgaben aus Rom sehen fürs Theologiestudium mehr ökumenische Theologie vor. Das ist sehr gut und geht in die richtige Richtung. Im Blick auf die Katechese in vielen Pfarreien finde ich, dass die Leitlinie «ökumenisch ausgerichtete Glaubensbildung» mit einer konfessionellen Aufteilung der Pensen bedingt umgesetzt wird. Es reicht nicht, wenn die reformierte Religionslehrerin die 5. Klasse und die katholische Religionslehrerin die 6. Klasse unterrichtet. Ökumenisches Lernen bedeutet mehr. An diesen Fragen wollen wir an der kommenden interdisziplinären Fachtagung «Ökumenisch lernen – Ökumene lernen. Bildungsperspektiven im Religionsunterricht und in weiteren kirchlichen Handlungsfeldern» arbeiten.2 Dazu haben wir einen Referenten aus Deutschland eingeladen. In Deutschland ist das ökumenische Lernen im Religionsunterricht stärker institutionalisiert. Prof. Dr. Jan Woppowa aus Paderborn wird von seinen Erfahrungen berichten. Wir wollen lernen und schauen, was wir wie in der Schweiz umsetzen können. Es ist mir ein grosses Anliegen, Impulse für die Praxis zu geben. Auch will ich der Einstellung «es genügt doch, was wir ökumenisch machen» etwas entgegenwirken. Es ist mehr möglich. Ökumene ist hoch relevant. Ich denke wieder an Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und an die Friedensarbeit. Man kann von Prozessen in der Ökumene lernen, und ökumenische Dialoge und Begegnungen sind immer ein Baustein für den Frieden. Als Christinnen und Christen sind wir Geschwister, nicht Nachbarn. Das beinhaltet mehr als nur ein oberflächliches Interesse am anderen.
Haben Sie weitere Ideen?
Ja, diese liegen im liturgischen Bereich. Besonders hier enttäuscht, ja schmerzt es viele kirchlich und ökumenisch engagierte Menschen, dass wir heute noch nicht zusammen Eucharistie bzw. Abendmahl feiern dürfen. Es gibt so viele Möglichkeiten und gottesdienstliche Formen, zusammen zu beten und zu feiern. Leider sehe ich da wenig Initiativen. Ist uns das wirklich ein Anliegen? Machen wir, was wir heute schon könnten, nicht nur am Eidg. Dank-, Buss- und Bettag oder in der Gebetswoche der Einheit? Symptomatisch ist für mich beispielsweise: Das Liturgische Institut bot 2016 eine Tagung zu «ökumenisch feiern» an. Sie kam mangels Anmeldungen, d. h. mangels Interesses nicht zustande. Dabei liesse sich ökumenisch beten und feiern so gut ausbauen.
Wie sieht es im Bereich der Diakonie aus?
Da wird am meisten und sehr viel Gutes gemacht. Ich denke an die Spezialseelsorge in Spitälern, Gefängnissen und Heimen sowie an die jährliche ökumenische Fastenkampagne von Fastenaktion und Brot für alle, in Zusammenarbeit mit Partner sein. Auch an der 11. Vollversammlung des ÖRK war die soziale Frage zentral. Sie nahm den Friedensprozess, der an der 10. Vollversammlung in Busan in der Republik Korea angestossen wurde, auf. Die Delegierten in Karlsruhe haben entschieden, dieses Engagement weiter zu verstärken mit dem Ziel, die Menschheitsfamilie zu mehr Frieden und Gerechtigkeit zu führen. Ökumene ist auch ein Einsatz dafür. Ökumene ist Mitarbeit an der Zukunft der Welt.
Interview: Maria Hässig