Ökumene für den Frieden

Angesichts des Krieges in der Ukraine verlieren Gerechtigkeit und Frieden ihre Selbstverständlichkeit. Bietet das für die Ökumene zusätzliche Schwierigkeiten oder ist es eine Chance?

Unterschiedlich intensiv wird die Gebetswoche für die Einheit der Christinnen und Christen genutzt: Während da die gut besuchten Gebetsanlässe sind, die teils auf einer langen Tradition aufbauen können, geht diese Woche andernorts eher unauffällig vorüber. Ob an solchen Orten im Alltag das Gemeinsame einfach eine Selbstverständlichkeit geworden ist und in der Ökumene keine Aufgabe mehr gesehen wird? Dass die Ökumene in der Schweiz vor allem eine Angelegenheit zwischen den Kirchen der Reformation und der römisch-katholischen Kirche darstellt, ist ebenfalls selbstverständlich geworden. Doch reicht in Zukunft so viel Selbstverständliches?

Schon lange leben auch orthodoxe Gemeinschaften unter uns. Diese Selbstverständlichkeit bringt uns nun ausgerechnet der Krieg in der Ukraine stärker ins Bewusstsein, aber auch die Schwierigkeit, in Zeiten von Kriegen Ökumene zu leben. Darum sind gerade jetzt alle Kirchen gefordert, ein Zeichen für den Frieden zu geben und die Einheit vor das Trennende zu stellen. Der ökumenische Patriarch Bartholomaios schreibt dazu in seiner Weihnachtsbotschaft: «Nie war in der Menschheitsgeschichte der Friede zwischen Völkern ein selbstverständlicher Zustand. Vielmehr war er überall und immer das Ergebnis inspirierter Initiativen, des Grossmuts und der Selbstaufopferung, des Widerstands gegen die Gewalt und der Verwerfung des Krieges als eines Mittels der Lösung von Differenzen; stets war der Friede ein Kampf für die Gerechtigkeit und den Schutz der Menschenwürde. Der Einsatz für den Frieden und die Versöhnung ist das vorrangige Kriterium für die Glaubwürdigkeit der Religionen.» Wer heute Ökumene lebt, muss zusammen mit anderen den Frieden suchen.

Das Thema der diesjährigen ökumenischen Gebetswoche lautet: «Tut Gutes! Sucht das Recht!» (Jes 1,17) Das ist nicht eine Aufforderung zum Selbstverständlichen. Zu Zeiten des Propheten Jesaja bedeuteten Reichtum und grosse Opfergaben Zeichen des Auserwähltseins durch Gott, Armut hingegen liess gar nicht zu, sich Gott zu nähern. Darum forderte bereits Jesaja den Einsatz für jene, die sich selbst kein Gehör verschaffen können: «Schreitet ein gegen den Unterdrücker! Verschafft den Waisen Recht, streitet für die Witwen!» (Jes 1,17) Diese Schieflage aber ist nicht nur Vergangenheit. Viele Menschen erfahren auch heute keine Gerechtigkeit und damit keinen Frieden. Hierzu muss die Kirche immer wieder aktiv werden, weil sie weiss, dass Frieden nicht ohne Gerechtigkeit und Versöhnungsbereitschaft zu haben ist.

Der Einsatz für Gerechtigkeit ist keine Selbstverständlichkeit und ist nur als gemeinsames Zeugnis der Kirchen glaubhaft. In unserem Glauben ist der Mensch geschaffen für den von Gott ausgehenden Frieden. Die Kirchen müssen deshalb beharrlich versuchen, in Frieden miteinander zu leben, und dürfen keine Legitimation für den Krieg liefern. Ökumene wird so wieder vermehrt eine Herausforderung für uns alle. Gott mutet uns dies zu. Muten wir uns darum die Ökumene zu: eine Ökumene für den Frieden.

Abt Urban Federer


Urban Federer

Urban Federer (Jg. 1968) studierte Theologie in Einsiedeln und St. Meinrad, Indiana (USA), danach Germanistik und Geschichte in Freiburg i. Ü., wo er auch promovierte. Seit 2013 ist er Abt des Klosters Einsiedeln und damit Mitglied der Schweizer Bischofskonferenz. Er steht der Liturgischen Kommission der Schweiz vor. (Bild: Jean-Marie Duvoisin)