Modern, global und überkonfessionell

Das rasante Wachstum der globalen Pfingstbewegung ist in aller Munde. Der Begriff «Pfingstbewegung» steht für eine Vielfalt an Strömungen. Esther Berg-Chan zeichnet deren Geschichte und Konturen nach.

Der globalen Pfingstbewegung eilt der Ruf voraus, die dynamischste Kraft innerhalb der globalen christlichen Landschaft zu sein. Hochrechnungen der World Christian Database zufolge lassen sich aktuell (Stand 2022) gut 27 Prozent aller Christinnen und Christen weltweit dem pfingstlich-charismatischen Spektrum zuordnen im Vergleich zu nur knapp 0,2 Prozent zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Mehrheitlich pfingstlich-charismatisch

Diese Zahlen sind nicht unumstritten.1 Nichtsdestotrotz lassen sie das beeindruckende Wachstum dieses christlichen Segments innerhalb der letzten gut 100 Jahre erahnen. In weiten Teilen der Welt ist das Christentum heute mehrheitlich pfingstlich-charismatisch geprägt und das sowohl in Gestalt eigenständiger Denominationen und Gemeinschaften als auch innerhalb der traditionellen Konfessionskirchen. In Europa scheinen diese Entwicklungen nur mit grosser Verzögerung ins Bewusstsein zu dringen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass pfingstlich-charismatische Bewegungen hier entgegen aller globaler Trends eine Randerscheinung geblieben sind, und zwar sowohl statistisch gesehen als auch mit Blick auf ihre öffentliche Sichtbarkeit und Wirkmacht. Nur in fünf europäischen Ländern (Norwegen, Finnland, Schweden, Bulgarien und Rumänien) machen pfingstlich-charismatische Christen mehr als ein Prozent der Bevölkerung aus; am grössten ist die pfingstlich-charismatische Gemeinschaft in Rumänien, wo sie 2,3 Prozent der dortigen Bevölkerung umfasst (Stand 2013). Die Gründe hierfür dürften vielfältig und regional unterschiedlich sein: Die historisch bedingte Vormachtstellung der etablierten Konfessionskirchen spielt ebenso eine Rolle wie die Abfederung existenzieller Unsicherheiten durch verschiedene soziale Systeme oder die Tatsache, dass Religion in einigen europäischen Ländern für Menschen eine im weltweiten Vergleich verhältnismässig geringe Rolle einnimmt.

Wurzeln in den Erweckungsbewegungen

Trotzdem oder gerade deshalb gilt es, diese globalchristlichen Entwicklungen wach und vor allem differenziert wahrzunehmen. Denn die Pfingstbewegung gibt es nicht. Hinter dem Singular verbirgt sich eine grosse und bisweilen widersprüchliche Vielfalt an Strömungen, Gemeinschaften und Kirchen, Vorstellungen und Glaubenspraktiken. Wer oder was von wem zur globalen Pfingstbewegung gezählt wird oder als Teil von ihr anerkannt ist, ist oft umstritten. Versucht man sich dem Phänomen historisch anzunähern, fällt häufig schnell der Name «Azusa Street». Eine populäre Ursprungslegende verbindet die Entstehung der globalen Pfingstbewegung mit einem Erweckungsereignis Anfang des 20. Jahrhunderts in einer Mission in der Azusa Street in Los Angeles. Ab 1906 kamen dort unter der Leitung des afroamerikanischen Predigers William Seymour (1870–1922) Menschen zunächst aus der Stadt und dann aus aller Welt zusammen, um die sogenannte Geisttaufe  – eine Art subjektive Wiederholung des in der Apostelgeschichte beschriebenen Pfingstereignisses – zu erleben.

Ist die globale Pfingstbewegung also in Amerika entstanden und hat sich von dort aus in aller Welt verbreitet? Auch wenn diese These bis heute weit verbreitet ist, so einfach ist es nicht. Erweckungsereignisse wie das in der Azusa Street finden sich, wie der Pfingstforscher Allan Anderson in seinen Arbeiten eindrücklich zeigt, Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts an ganz unterschiedlichen Orten weltweit von Indien über Korea und China bis Chile und Norwegen, dem Geburtsort der Pfingstbewegung in Europa. Ihr Kontext sind die Erweckungsbewegungen des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich mit den Schlagworten «Bekehrung», «Heilung/Heiligung» sowie «Endzeiterwartung» beschreiben lassen. Nicht wenige von diesen Erweckungsereignissen entwickelten sich zu regelrechten Grossevents, die neugierige Besucherinnen und Besucher aus aller Welt anzogen, die dann, was sie dort erlebten und erfuhren, ihrerseits wieder in alle Welt trugen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurden diese ähnlichen Ereignisse rund um den Globus dann zunehmend als Teil einer gemeinsamen, weltumspannenden Erweckungsbewegung gedeutet, der man den Namen «Pfingstbewegung» gab.

Weite Verbereitung

Bis heute zeichnet sich diese globale Pfingstbewegung durch eine ausserordentlich hohe organisatorische, theologische und soziale Vielfalt aus. Da sind zum einen die traditionellen institutionalisierten Pfingstkirchen mit ihren Wurzeln in den oben erwähnten Erweckungsereignissen des 19. und 20. Jahrhunderts. Zu ihnen zählen beispielsweise die älteste afroamerikanische Denomination der USA, die Church of God in Christ (gegründet 1897) und die bis heute grösste Pfingstkirche der Welt, die Assemblies of God (gegründet 1914 in Akansas). Neben ihnen finden sich in Ländern des globalen Südens zusätzlich indigene Pfingstkirchen, die auf einheimische Missionsinitiativen zurückgehen. Was sie auszeichnet ist ihre bisweilen radikale Abgrenzung von den kolonial geprägten Missionskirchen vor Ort und ihre Suche nach neuen Verbindungen zwischen indigener Kultur und christlicher Tradition. Zu ihnen zählen beispielsweise die chinesische True Jesus Church (gegründet 1917 in Peking) oder die zahlreichen sogenannten afrikanischen unabhängigen Kirchen.

Ab den 1960er-Jahren beginnen sich innerhalb der traditionellen Konfessionskirchen charismatische Gemeinschaften zu bilden und das pfingstliche Spektrum zu erweitern. Hintergrund ist die ab den 1940er-Jahren einsetzende zunehmende Verbreitung pfingstlich geprägter Vorstellungen und Glaubenspraktiken über die Grenzen der klassischen Pfingstkirchen hinaus. Eine Schlüsselrolle spielten dabei die Aktivitäten sogenannter Heilungsprediger wie die US-Amerikaner Oral Roberts (1918–2009) oder Gordon Lindsay (1906–1973), die sich mit ihren pfingstlich geprägten Botschaften ganz bewusst an ein überkonfessionelles Publikum wandten. Die grösste charismatische Bewegung ist heute die Charismatische Erneuerung in der katholischen Kirche, die hier zu den neuen geistlichen Bewegungen gezählt wird.

Neopentekostale Entwicklungen

Eine weitere Diversifizierung erfuhr das pfingstlich-charismatische Spektrum ab den 1970er-Jahren mit der Entstehung neopentekostaler oder neocharismatischer Gemeinschaften, Netzwerke und Zentren. Sie verstehen sich oft als Erneuerungsbewegung der Erneuerungsbewegung, abgesehen davon lassen sich theologisch kaum auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Zu dieser oft auch als «dritten Welle» bezeichneten Strömung innerhalb der globalen Pfingstbewegung werden so unterschiedliche Gemeinschaften gezählt wie die auf den Amerikaner Kenneth Hagin (1917–2003) zurückgehende Worte-des-Glaubens-Bewegung. In ihrem Zentrum steht die Annahme, dass Gott alle Gläubigen zu einem Leben in Gesundheit und Wohlstand bestimmt habe und dass Gläubige dieses ihnen bestimmte Leben durch das Sprechen sogenannter «Worte des Glaubens» und besondere Taten – vor allem Geldspenden – gleichsam selbst herbeiführen können. Die aktuell grösste Megakirche der Welt, die Yoido Full Gospel Church in Seoul, Korea, wird dieser Bewegung zugerechnet, ebenso wie zahlreiche weitere Megakirchen in Afrika, Lateinamerika und der Region Asien-Pazifik.

Andere Kirchen der «dritten Welle» verbindet die Überzeugung, dass sich mit der Geisttaufe eine besondere «Ermächtigung» der Gläubigen vollziehe, die sie dazu befähige, spektakuläre «Zeichen und Wunder» zu tun. Zu ihnen zählt beispielsweise die 1977 gegründete Vinyard- Church-Bewegung, die in den 1990er-Jahren unter dem Stichwort «Toronto-Segen» mit spektakulären ekstatischen Praktiken von sich reden machte. Wieder andere Gemeinschaften eint das Anliegen, Menschen, Orte und bisweilen sogar ganze Nationen mittels besonderer Methoden der «geistlichen Kriegsführung» von dämonischer Belastung zu befreien. Und nicht zuletzt gehören dieser sehr vielfältigen Strömung auch Gemeinschaften an, bei denen die Grenzen zwischen Pfingstbewegung und Evangelikalismus zunehmend verschwimmen. Sich selbst bezeichnen diese Gemeinschaften oft als über- oder nichtkonfessionell. Mit ihrem modernen, vielfältig anschlussfähigen Auftreten, ihren niedrigschwellig kommunizierten Botschaften und ihren Produkten und Formaten, die sich an den Konsumgewohnheiten aus der modernen Pop- und Unterhaltungskultur orientieren, prägen Kirchen wie beispielsweise die Megakirche New Creation Church aus Singapur das Gesicht einer neuen, globalisierten Form des populären Christentums.

Esther Berg-Chan

 

1 Die statistische Erhebung von Religionszugehörigkeiten, zumal im globalen Massstab, ist mit zahlreichen praktischen und methodischen Schwierigkeiten verbunden.

 


Esther Berg-Chan

Dr. phil. Esther Berg-Chan (Jg. 1987) ist Religionswissenschaftlerin. Sie ist Referentin im Fachbereich Erwachsenenbildung und für den Dachverband Katholische Erwachsenenbildung in der Diözese Rottenburg-Stuttgart. Ihre Schwerpunkte sind Religionen in der Moderne, gegenwärtiges Christentum, Pfingstbewegung und Evangelikalismus.

 

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