An den Bahnhöfen findet Leben pur statt. Es ist unglaublich spannend, die Menschen zu beobachten und Geschichten zu stricken aus den unzähligen Beobachtungen, die einem zufallen. Manchmal flammen kurze Gespräche auf, überraschende Begegnungen lösen Freude oder Staunen aus. Das wogende Leben lässt mich nachdenklich werden: Wohin reisen all die Menschen, mit welchem Gepäck und welchen Sehnsüchten, Hoffnungen darin verpackt? Oder sind sie von Angst, Wut oder Sorgen Getriebene? Wohl wahr: Am Bahnhof findet sich Leben in allen Facetten!
Manchmal will ich dieser Lebensdichte ausweichen. Deshalb suchte ich mir kürzlich einen Platz am Ende der Zugskomposition, weil es dort eher freie Sitzplätze gibt. Aber ich hatte Pech: die Reservationen am Zugfenster von Zürich Flughafen nach Morges hielten dem Gymnase de Morges die Plätze frei. Waren sie auf Maturareise gewesen, in welchem Land? Konnten sie vielleicht eine Stadt erkunden und Eindrücke gewinnen, die haften bleiben für das ganze Leben? Meine Gedanken kreisen ‒ hoffentlich war es Leben pur, was sie erlebt haben.
Überhaupt all die Klassen, die unterwegs sind auf Schulreise. Steigen die Kinder zu, steigt der Lärmpegel markant, Gelächter, Geschwafel und Geschnatter – halt Leben pur. Wen’s stört, der kann den Fluchtweg «Klassenwechsel» nehmen.
Viele Menschen sind unterwegs, nicht selten unfreiwillig, mühselig und beladen; in der Sommerzeit aber häufig mit der Sehnsucht, Neues zu entdecken, dem Alltag zu entfliehen, auszubrechen, dem Leben pur zu begegnen, das manchmal im Alltag so wenig spürbar ist.
Auch meine Ferien sind nicht mehr fern, bald werde ich mit meiner Familie im Zug sitzen und zum Flughafen fahren … Der Kopf ist voll mit Ideen, tausend Dinge will ich sehen und entdecken: Wanderungen unternehmen, Städte mit ihren Museen, Kirchen und Schlössern besichtigen, Restaurants entdecken, die kulinarischen Spezialitäten des Landes geniessen, in die Geschichte und die Traditionen des Landes eintauchen, die Musik hören, die den Ferienort lebendig macht. Bloss einen Bruchteil davon werde ich wohl wirklich tun, aber das macht nichts…
Angekommen am Ziel der Reise fällt schnell die Alltagshektik von mir ab, das Korsett der täglichen Verpflichtungen weitet sich, Durchatmen wird möglich. Sich in einer Kirche Orgelklängen hingeben, die zufällig ertönen, einem Strassenmusiker lauschen, sich in ein Café setzen und die Zeit geniessen, ohne den Druck im Nacken, schon beim nächsten Termin sein zu müssen. All das, was ich mir vorgenommen habe, muss nicht sein. Es ist Leben pur, denn all meine Sinne öffnen sich für das, was um mich ist und auch für das Dahinterliegende. Dieses Gefühl von Ankommen, von Aufgehoben und Getragen sein, es könnte gern so bleiben, im Wissen darum, dass es mir bald wieder in den Händen zerrinnt. Spätestens, wenn der Alltag mich wieder gefangen nimmt mit seinen täglichen Anforderungen. Dabei bleibt mir die Hoffnung, wenn ich die Menschen am Bahnhof beobachte, wie sie unterwegs sind, mich zu erinnern, dass wir nicht nur stetig Getriebene sind, sondern auch ankommen und atmen dürfen.
Edith Rey Kühntopf