Mahnmahl befreiender Gegenwart Gottes

Das ist heute. Dieser Einschub, der am Gründonnerstag in den eucharistischen Hochgebeten I–III gesprochen wird, würde zutiefst missverstanden, wenn er historistisch gedeutet und ausgelegt würde.

Gerade in der Gründonnerstagsliturgie geht es um kein reaktivierendes Nachspielen eines «Damals», sondern um die befreiende Gegenwart Gottes im jeweiligen «Heute» geerdet zu erfahren – gerade angesichts der unzähligen Kalvarienberge, deren Schatten sich bis heute auf unsere Welt legen. Der Einschub «Das ist heute» macht die Sinnmitte dessen aus, warum die Kirche an der Feier der Eucharistie als unaufhebbarem Prisma kirchlicher und christlicher Identität festhält. Denn in ihr aktualisiert sich die befreiende und tröstende Gegenwart Gottes so, wie sie sich in der Geschichte Jesu «für uns» in unserem «Heute» ausdeutet, als «Geschichte eines Lebenden»1, die wider alle Tode und Sinnleeren die Kraft hat, unser Leben und unsere Welt vom Karfreitag in einen Ostersonntag zu wandeln. Dieser sich verborgen durchsetzende «Charakter» der Eucharistie lässt sie als «Sakrament des Reiches Gottes»2 feiern, dessen menschenbefreiende Konturen in der kirchlichen Nachfolgepraxis sinngenerative Gestalt annehmen (wollen).

Besonders «hörbar» wird dies in der Symphonie der liturgischen Leseordnung des Gründonnerstags: Die Feier des jüdischen Paschamahles (1. Lesung), die Herrenworte beim «letzten Abendmahl» (2. Lesung) und die Fusswaschung (Evangelium) deuten nicht nur auf je eigene Weise die Facetten der befreienden Gottespräsenz aus, sondern heben gemeinsam zur pastoralrelevanten Schlusskoda an, nach der die Gegenwärtigsetzung Gottes «für uns» niemals «von uns» gegen Menschen gerichtet werden darf, gerade dann, wenn sich einlösen soll, was wir selbst in jeder Eucharistie als performative Teilhabe für uns und unsere Welt erhoffen. In diesem Sinn kann die Feier des «letzten Abendmahls» am Gründonnerstag in der Tat als «MahnMahl» all dessen gedeutet werden, was die liturgische Leseordnung uns vom biblischen Befreier-Gott vorzeichnet.

Diesen Tag sollt ihr als Gedenktag begehen (Ex 12,14)

In seinem Jesusbuch3 führt Jürgen Becker aus, dass als Sprachmodell der ersten Jüngerinnen und Jünger aus jüdischem Milieu nur eine adäquate Heilstat Gottes für ihr Auferstehungsbekenntnis in Rang und Qualität nahekam: das Bekenntnis zu Gott als dem Befreier-Gott aus der Knechtschaft in Ägypten. Denn die Identität Gottes als Befreier-Gott war nicht nur zum doxologischen Gottesprädikat geworden, sondern zugleich zur Identitätsformel des biblischen Volkes Israels als Volk Gottes. Dass Gott diesem seinem Namen treu bleiben werde, das bestimmt vor allem die prophetische Tradition Israels. Sie will mahnend daran erinnern, «dass in der mit einer ganz neuen Qualität versehenen Zukunft nicht mehr die Auszugsformel Bekenntnis und Grundbestimmung Israels sein werde, sondern ein neues Ereignis mit Bekenntnisrang, das ein neues und grundlegendes Handeln des Gottes Israels zugunsten seines Volkes festhält»4. Eben dieses neue Ereignis sieht die (ur)christliche Gemeinde in ihren Auferstehungserfahrungen eingelöst, worin für sie «Jesu von Gott zum Guten gewendetes Geschick ab sofort und endgültig Fundament ihres ab jetzt gültigen Gottesverhältnisses»5 ist.

Pastoralrelevant sind Beckers Ausführungen dahingehend, als sie die Sinnfrage einer christlichen Paschafeier am Gründonnerstag aus sich selbst heraus kritisch bis negativ beantworten und nicht nur aus gebotenem Respekt vor jüdisch glaubenden Menschen. Becker zeigt vielmehr an, den Gründonnerstag im Leben christlicher Gemeinden als «Gedenktag» ihrer doxologischen Vergewisserung Gottes als Befreier-Gott zu begehen, der die Wüstenzeiten und Ölbergnächte in unserem Leben und unserer Welt nicht schönredet oder deren Radikalität spirituell aufweicht.

Vielmehr sollte es um einen «Gedenktag» gehen, der zu einer doxologischen Selbstvergewisserung bewegt – was bedeutet, an die eigene Freiheit unter den Augen Gottes zu glauben, ihr zu trauen und sie in der Jesus Nachfolge wider alle Gefährdetheiten zu leben zu beginnen. Dies im Wissen darum, dass freie Menschen immer wieder zur Gefahr derer werden können, die für sich, aus welchen Gründen auch immer, in Anspruch nehmen, hoheitlich und zweifelsfrei über das Richtig und Falsch gelebter Freiheit richten zu können. Das «Wachet und Betet!»6 ist in dieser Perspektive wohl nicht umsonst fester Bestandteil des Gründonnerstagsbrauchtums geworden. Es generiert seinen pastoralrelevanten Sinn immer wieder aus gefährdeter Freiheit unter den Augen Gottes und dem Sensibel-Bleiben gegenüber allem, was sie zu bekämpfen bzw. im Keim zu ersticken (ver)sucht.

Tut dies zu meinem Gedächtnis (1 Kor 11,24)

Es kann als theologischer Konsens gelten, dass Jesu eigene Sinndeutung des «letzten Abendmahls» auf dem Hintergrund zweier basaler Momente gelesen werden muss: zum einen auf dem Hintergrund seiner gesamten Mahlpraxis in den Kontexten seiner Reich-Gottes-Botschaft und -Predigt, zum anderen auf dem Hintergrund seines Bewusstseins um seine nahe Tötung, in welchem er das «letzte Abendmahl» im Festhalten an seiner Reich-Gottes-Botschaft beging. In der Praxis von Jesu Tischgemeinschaft mit Zöllnern und Sündern bündelt sich prismenartig sein zweckfreies und grenzüberschreitendes Angebot einer Lebensgemeinschaft unter den Augen Gottes, die keine Knecht-Herrn-Verhältnisse kennt, weil in ihr die Massstäbe von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit aus «bedingungsfreier Gnade»7 gelten. Nicht Leistung, nicht Erfolg, nicht tadellose Führungszeugnisse oder Lebensbilanzen sind Kategorien der Teilnahme, sondern allein die ehrliche Offenheit, sich von Jesus «beschenken» und «wandeln» zu lassen, diese Proexistenz Jesu «für uns» als stilbildend für die eigene Nachfolgepraxis zu übernehmen.

Erst auf der Basis dieser Grundmomente erhält Jesu Angebot der Tischgemeinschaft «über seinen Tod hinaus» seine verbindliche Bedeutung in unserem «Heute». Die Feier der Eucharistie am Gründonnerstag kann zum Erfahrungsprisma dessen werden, was die Praxis der nachösterlichen Mähler von Anfang an bezeugt. In ihnen offenbart sich der «Sinn der Tischgemeinschaft während der irdischen Lebenstage Jesu, auf welche sie zugleich zurückverweisen (…) (sie) als ein gemeinsames Essen mit Jesus, ist ein präsentisches Angebot eschatologischen Heils»8.

Die Liturgie tut gut daran, am Gründonnerstag Jesu Deutungsworte über Brot und Wein beim «letzten Abendmahl» gemäss der paulinischen Tradition zu lesen. Nicht nur, weil sie zeitlich früher als die Evangelien an die fundamentale Deutung der nachösterlichen Mahlpraxis der ersten Christinnen und Christen anknüpfen, sondern weil sie in Bezug auf die alttestamentliche Lesung die eschatologische Dimension miteinbezieht, die jeder Eucharistie eigen ist. Denn das «Mahlverhalten Jesu hat eine reiche und faszinierende Zukunft: Es mündet in das himmlische Hochzeitsmahl (vgl. Mt 22,1f) (…). Dieses Mahl gewinnt dann kosmische Dimensionen. Die ganze Welt wird sich verändern in der Versöhnung Gottes und in der neuen Zukunft einer neuen Erde. So ist dieses Mahl in Wirklichkeit der ‹Nabel der Welt›: ein Schnittpunkt zwischen Erde und Himmel, zwischen Tod und Leben, zwischen Sünde und Erlösung.»9

Die Theologie des «letzten Abendmahls» führt den «MahnMahl-Charakter» des Gründonnerstags weiter und beantwortet aus sich heraus, weshalb die Feier der Eucharistie am Gründonnerstag ein «sine qua non» für das Leben christlicher Gemeinden ist. Sie erweist sich als Vergewisserungsort der proexistenten Qualität kirchlicher Praxis, die sich immer wieder der Frage stellen muss, ob sie – frei nach Augustinus – auch wirklich das ist, was sie empfängt.

Vielleicht spricht die Kirche daher am Gründonnerstag traditionell auch von der «Einsetzung des Priesteramtes», dem besonders die Sorge um die Feier des Herrenmahles und der ihr entsprechenden Praxis (Hirtensorge) aufgetragen ist. Dieser Aspekt würde allerdings fehlgehen, wenn er zur Apologie personeller oder disziplinarischer Aspekte des priesterlichen Dienstes missbraucht würde. Vielmehr liegt darin das praxisrelevante Potential des Gründonnerstags für die Kirche im Ganzen, alles zu tun und nichts unversucht zu lassen, dass sich keine und keiner von der eucharistischen Tischgemeinschaft ausgeschlossen erfahren muss, weil ihm bzw. ihr die Teilnahme an einer Eucharistiefeier verunmöglicht wird – sei dies durch Priestermangel oder durch disziplinarische Ausschlusskategorien. Das «Tut dies zu meinem Gedächtnis» wird damit zugleich zur Mahnung: Habt ihr wirklich alles getan, um den Menschen mein Gedächtnis zu ermöglichen?

Ich habe euch ein Beispiel gegeben … (Joh 13,15)

Das Evangelium der Fusswaschung fokussiert und radikalisiert schliesslich den befreienden Grundcharakter des Gründonnerstags auf seine eigene Weise: «Die Fusswaschung soll die Jünger darauf vorbereiten, den kommenden Tod Jesu nicht als ein Fiasko zu sehen, sondern als ein Werk der Befreiung durch Umkehrung aller Werte, auch der gesellschaftlich festliegenden.»10

Die eucharistische Feier dieser Radikalisierung lässt die Gründonnerstagsliturgie sodann zur Selbstvergewisserung des proexistenten Grundcharakters christlicher Nachfolgepraxis werden. Denn sie stellt unausweichlich die Frage, ob sich die Kirche im Ganzen, die je eigene christliche Nachfolgepraxis auch «tat-sächlich» in der Grundhaltung und im Geist des fusswaschenden Jesu findet oder nicht. Die symbolische Fusswaschung in der Liturgie wird folglich nur dann sinnvoll, wenn die feiernde Gemeinde sich wirklich in diesem Geist wiederfindet bzw. sich neu diesem Geist unterstellen will. Ansonsten wäre sie lediglich frommes Spiel.

Schlusskoda

Jedes Mahnmal ist nur dann sinnvoll, wenn es keine dekonstruktiven Ziele verfolgt und Menschen klein zu machen versucht, sondern wenn es sie zu einem offenen Ja einer anderen, besseren Welt bewegen kann, in der sie befreit und glücklich mit-und nebeneinander leben können. Nur in diesem konstruktiven Sinn birgt die Liturgie an Gründonnerstag als «MahnMahl» ein immenses praxisrelevantes Potential in sich als eucharistische Feier befreiter und befreiender Existenz «im Heute». Eine Feier, die sogar den «Judas» in und unter uns nicht ausschliesst.

 

1 So der Untertitel des ersten Jesus-Buches von Edward Schillebeeckx: Jesus. Die Geschichte eines Lebenden, Freiburg ³1975.

2 Walter Kardinal Kasper: Sakrament der Einheit. Eucharistie und Kirche, Freiburg 2004, 123.

3 Jürgen Becker: Jesus von Nazaret, Berlin 1996, hier im Kapitel «Der Glaube an den Auferstandenen», 441–445.

4 Becker aaO. 442.

5 Becker aaO. 443.

6 Vgl. hierzu Wolfgang Fritzen: Von Gott verlassen? Das Markusevangelium als Kommunikationsangebot für bedrängte Christen, Stuttgart 2008, besonders 315–318.

7 Der befreiende Charakter der Mahlgemeinschaft Jesu prägt den proexistenten Charakter eucharistischer Tischgemeinschaften.

8 Schillebeeckx aaO. 192 f [Hervorhebung im Original].

9 Ottmar Fuchs, Sakra-mente – immer gratis, nie umsonst, Würzburg 2015, 88.

10 Edward Schillebeeckx: Das Evangelium erzählen, Düsseldorf 1983, 86 f.  

Salvatore Loiero

Salvatore Loiero

Dr. theol. habil. Salvatore Loiero ist Professor des deutschsprachigen Lehrstuhls für Pastoraltheologie,
Religionspädagogik und Homiletik an der Theologischen Fakultät
der Universität Freiburg i. Ü.