Liebt eure Feinde!

Liebt eure Feinde!

Diese Aufforderung Jesu aus der Bergpredigt lässt an Klarheit und Prägnanz nicht viel zu wünschen übrig. Das Gebot der Feindesliebe sagt eigentlich alles – und kommt doch irgendwie nichtssagend daher. Denn was heisst es konkret für mich, die ich in einer Zeit und an einem Ort lebe, wo das Zusammenleben in demokratischen und rechtsstaatlichen Strukturen geregelt ist? Ich will versuchen, diese drei Worte weiter aufzuschlüsseln und zu ergründen, was ich ihnen für meinen Lebensalltag entnehmen könnte. Zunächst knöpfe ich mir die «Feinde» vor: Ich habe dabei Menschen vor Augen, die sich der Selbstwerdung ihrer Mitmenschen aktiv in den Weg stellen und damit deren Sein bedrohen.

Die Feinde werden mit einem Possessivpronomen näher umschrieben; sie sind keine abstrakten Gestalten, sondern «meine» eigenen und stehen damit in einer Beziehung zu mir.
Mit dem Verb «lieben» wird in der Bergpredigt kaum auf einen emotionalen Zustand abgezielt. Einen Menschen zu lieben, bedeutet, mich aktiv dafür einzusetzen, dass es ihm gut geht. In einem ersten Schritt kann das heissen, ihm ein Gegenüber auf Augenhöhe zu sein, mich sozusagen als ein «Du» anzubieten.

Es ist verheerend, wenn die Aufforderung zur Feindesliebe in einem selbstzerstörerischen Sinn ausgelegt und umgesetzt wird. Wer sich so in Jesu Namen von einer mächtigeren Person ausnutzen, unterdrücken und möglicherweise sogar auslöschen lässt, zielt damit meines Erachtens an der Absicht Jesu vorbei.

Das Gebot, die eigenen Feinde zu lieben, setzt Handlungsfähigkeit voraus – und will sie gewiss nicht hinfällig machen. «Liebt eure Feinde!» heisst für mich, auch denjenigen Personen in Offenheit, mit Respekt und gutem Willen zu begegnen, die es nicht auf mein Wohl abgesehen haben. Vielleicht gelingt es mir damit, eine Spirale der Verneinung und Zerstörung zu durchbrechen – und sei es «nur» durch den Überraschungseffekt, der meinem feindesliebenden Handeln innewohnen mag.

Isabelle Senn


Isabelle Senn

Dr. Isabelle Senn (Jg. 1985) studierte Theologie in Freiburg i. Ü., Maynooth (IRL) und Münster (D). Sie ist in der kirchlichen Erwachsenenbildung tätig und arbeitet ab August als Seelsorgerin in der Pfarrei
St. Maria zu Franziskanern in Luzern.