Kunstgeschichte trifft Theologie

Wie betrachtet ein Kunsthistoriker ein Bild? Und wie eine Theologin? Timo Goldmann und Helene Grichting interpretieren die «Anbetung der Hirten» von Hugo van der Goes (ca. 1440–1482).

Portinari-Altar, Mitteltafel, Szene: Anbetung der Hirten. Hugo van der Goes (ca. 1440–1482). (Bild: Wikimedia)

 

Hugo van der Goes eröffnet uns mit seiner Anbetung der Hirten ein an Symbolen und komplexen Bezügen reiches Interpretationsspektrum, das hier, bei den Blumen im Bildvordergrund beginnend, in knappen Zügen umrissen sei. Die Lilien in der Vase verweisen auf die Gottesmutter Maria. Ihre unterschiedlichen Farben machen nicht weniger als drei Bedeutungsschichten möglich: Mariens Jungfräulichkeit und Unschuld – die weissen Blüten –, ihre gleich einem Feuer glühende Mutterliebe – die orangefarbenen Blüten der Feuerlilie –, ihre zukünftige Rolle als Himmelskönigin und Braut Christi – die blauen Blüten. Die Akelei wird wegen ihrer vogelähnlichen Blütenblätter volkstümlich auch als Taubenblume bezeichnet. Man brachte sie deswegen in Beziehung zum Heiligen Geist. Sieben Blüten, wie sie hier zu sehen sind, können die sieben Gaben des Heiligen Geistes symbolisieren, die Maria in besonderem Masse verliehen waren. Die drei roten Nelkenblüten kann man sowohl auf die Mutterliebe Mariens, als auch auf den Opfertod Christi beziehen. Der Passionsbezug ergibt sich aus der blutroten Blütenfarbe, aber wahrscheinlich auch aus dem Umstand, dass die Nelke wegen ihrer spitzen, nagelförmigen Laubblätter volkstümlich als Nägele, Nägeli u. ä. bezeichnet wird. Die am Boden verstreuten Veilchenblüten sind wieder ein Mariensymbol, zum einen durch ihre blauviolette Farbe, zum anderen handelt es sich um Frühlingsblumen, die sehr klein und niedrig sind, gleichzeitig aber intensiv duften. Sie sind ein Symbol für Demut und Bescheidenheit. Weizengarbe und Strohhalme verweisen auf die Eucharistie. Dieses am Boden liegende Kind wird dereinst beim letzten Abendmahl das Brot segnen und seinen Jüngern zum Gedächtnismahl anbieten.

Die anwesenden Engel sind durch ihre Gewänder als verschiedenen Engelshierarchien angehörig dargestellt. Auch die Figur Josefs, der als ein stark von Alter gezeichneter Mann dargestellt ist und damit als leiblicher Vater von Jesus nicht infrage kommt, impliziert eine Reihe von Bedeutungsebenen. Gerade angekommen, hat er die Heiligkeit des Ortes erkannt. Wie Mose auf dem Berg Horeb streift er die Schuhe ab und ist gerade im Begriff, in anbetender Haltung die Knie zu beugen. Die dunkle Säule, die sehr markant direkt neben ihm steht, könnte auf seine Rolle im Heilsplan verweisen. So wie die Säule das Gewölbe stützt, wird Josef, der Nährvater, der Heiligen Familie eine Stütze sein. Ochs und Esel, ohne die eine Geburt Christi unvollständig wäre, beziehen sich auf die Worte des Jesaia (1,3): «Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn, aber Israel kennt's nicht und mein Volk vernimmt's nicht.» Die beiden Tiere verweisen also auf den Moment des Erkennens. Sowohl Josef als auch die Hirten haben das am Boden liegende Kind als den Sohn Gottes, ihren Erlöser erkannt.

Timo Goldmann1


Hugo van der Goes will in seiner Darstellung der Geburt Christi unseren Blick für das Wesentliche schärfen – für den Kern der christlichen Botschaft: Gott ist Mensch geworden, so einfach und gleichzeitig so genial! Das kleine Kind, auf das Engel und Menschen staunend und anbetend hinschauen, es ist der Mensch gewordene Sohn Gottes; Jesus Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Hugo van der Goes hat in seinem Bild verschiedene bildliche Hinweise auf die göttliche Natur Jesu Christi eingefügt. Zum einen sind da die Engel, deren Anwesenheit für uns selbstverständlich zu Weihnachten gehört. Sie sind aber nicht nur Verkünder der Heilsbotschaft für die Menschen, sondern stehen allezeit vor Gott und dienen ihm ohne Unterlass. Wenn wir die Engel nun anbetend vor dem Jesuskind sehen, ermutigt uns dies, im kleinen, wehrlosen Menschenkind auch die göttliche Natur zu glauben und zu verehren. Der Schuh neben dem heiligen Josef verweist ebenfalls auf die göttliche Gegenwart: Die Szene erinnert an die Begegnung des Mose mit Gott im brennenden Dornbusch (Ex 3,5). Und so, wie sich Gott gegenüber Mose offenbarte, so zeigt sich Gott nun von Neuem in diesem kleinen, hilflosen Kind, das nicht etwa in einer Krippe, sondern auf einem Strahlenkranz liegt. Auch dies ist ein Hinweis auf die göttliche Gegenwart: In Jesus Christus ist Gott selber Mensch geworden.

Aussergewöhnlich ist in der Darstellung von Hugo van der Goes auch das Grössenverhältnis: Wie klein hat sich Gott aus unendlicher Liebe zu uns Menschen gemacht! Und wie gross darf der Mensch vor Gott sein, wenn er sich wie Maria in den Dienst des göttlichen Heilsplanes stellt. Je tiefer wir uns in das Geheimnis der Geburt unseres Heilands und Erlösers versenken, desto mehr staunen wir über die Liebe Gottes, die uns geschenkt ist, und desto dankbarer begehen wir das hohe Weihnachtsfest. Und weil Weihnachten ein unüberbietbarer Neuanfang in der Menschheitsgeschichte ist, sollten wir unsere ganze Theologie, die Art und Weise, wie wir über Jesus Christus denken und sprechen, von Weihnachten her neu überdenken. Überall, wo wir Jesus Christus begegnen, begegnen wir ihm als dem wahren Gott und wahren Menschen. Verlieren wir diese Wahrheit aus den Augen, büsst unser Glaube seine Strahlkraft ein und läuft Gefahr, oberflächlich zu werden. 

Die Engel auf unserem Weihnachtsbild lenken unseren Blick auf das kleine Kind, unseren Heiland und Erlöser. Reicher können wir nicht beschenkt werden als durch die unendliche Liebe, die uns der Mensch gewordene Sohn Gottes erweist. Hugo van der Goes hat in seiner Weihnachtsdarstellung im Kreis aller, die das Jesuskind anbeten, einen zentralen Platz freigelassen – das ist unser Platz! Treten wir hinzu, schauen wir anbetend auf ihn, Jesus Christus, unser Licht und unser Leben.

Helene Grichting2

 

1 Timo Goldmann (Jg. 1970) studierte Kunstgeschichte und Klassische Archäologie in Berlin und Rom. Seit mehr als zwei Jahrzehnten arbeitet er als Studienreiseleiter und Referent für Kunstgeschichte, seit 2008 ist er auch Geschäftsführer des Reiseveranstalters Goldmann Reisen in Berlin.
 

2 Helene Grichting (1965) studierte Theologie in Chur, Jerusalem und Freiburg i. Ue.

 

BONUS

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