«JHWH, Gott, barmherzig und gnädig...» (EX 34,6)

Am 8. Dezember eröffnet Papst Franziskus mit der symbolträchtigen Öffnung der "Heiligen Pforte" im Petersdom das von ihm ausgerufene "Ausserordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit". Beim Eröffnungsdatum steht nicht das Marienfest im Vordergrund, sondern der 50. Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils.1 Damit macht Papst Franziskus deutlich, dass es ihm nicht nur um eine Besinnung der Kirche auf die Barmherzigkeit Gottes geht, sondern in besonderem Masse um eine selbstkritische Reflexion ihres eigenen Wirkens. Papst Franziskus regt einen Weg an, "der mit einer geistlichen Umkehr beginnt (…). Ich bin überzeugt, dass die ganze Kirche – sie selbst hat es so nötig, Barmherzigkeit zu erlangen, weil wir Sünder sind – in diesem Jubiläum die Freude finden wird, die Barmherzigkeit Gottes neu zu entdecken und fruchtbar zu machen".2 Andere Äusserungen von Papst Franziskus wie z. B. die berühmt-berüchtigte Weihnachtsansprache an die Kurie am 22. Dezember 2014 unterstreichen, dass es sich bei diesen Worten nicht um die allzu üblichen theologisch-rhetorischen "Allgemeinplätze" in kirchlichen Dokumenten handelt, sondern dass es Papst Franziskus mit der Umkehr der Kirche entschieden ernst meint. Endlich wieder einmal in der jüngeren Kirchengeschichte, so sei aus persönlichsubjektivem Erleben angemerkt, endlich wieder einmal wird der revolutionäre Aufbruch des Zweiten Vatikanischen Konzils in vollem Ausmass erinnert, aktualisiert und zur Geltung gebracht! "Statt niederschmetternder Einschätzungen schlägt das Konzil ermutigende Heilmittel vor; statt dunkler Vorahnungen hat das Konzil Botschaften des Vertrauens an die zeitgenössische Welt gerichtet. Nicht nur wurden ihre Werte respektiert, sondern sogar geehrt und ihre Anstrengungen unterstützt und ihre Bestrebungen geläutert und gesegnet."3

Barmherzigkeit: Gottes Antwort auf das "goldene Kalb"

 Als Leitmotiv und einziges Bibelzitat in der kurzen Ankündigung des Heiligen Jahres hat Papst Franziskus Lk 6,36 gewählt: "Seid/werdet barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!"4 Damit verweist Papst Franziskus bemerkenswerter Weise mit Lukas und Jesus auf die Gotteserfahrung Israels. Denn die Barmherzigkeit Gottes ist zunächst und vor allem ein zentraler Aspekt ersttestamentlicher Gottesoffenbarung. Das hauptsächlich verwendete hebräische Wortfeld lautet rachum/rchm/rachamim (barmherzig/sich barmherzig erweisen/Barmherzigkeit) und ist mit rechem (Mutterschoss) verwandt. Damit steht die Barmherzigkeit nicht nur für weibliche Aspekte im biblischen Gottesbild, sondern geradezu für die "Innenseite", die innersten Beweggründe Gottes. Das hebräische Wortfeld wird ca. 100 Mal im AT und fast ausschliesslich für Gott selbst verwendet.

Bemerkenswert ist, dass das Wortfeld als Gotteseigenschaft erst ab Ex 34,6 begegnet. Hier steht es als Zielsatz der Gottesoffenbarung am Sinai und bildet den "Höhepunkt in der Reihe der Explikationen des JHWH-Namens" (Ruth Scoralick), die häufig in direkter Gottesrede in 1. Person Singular formuliert sind (Ex 3,14; 20,2 u. v. ö.). Vor allem aber ist es hier an einer entscheidenden Stelle der Sinai-/Exodus-Erzählung platziert: Vorausgegangen war, unmittelbar nach dem Empfang der Tora, der Tanz um das goldene Kalb und die erschütterte Zerschlagung der Bundestafeln durch Mose. Als Mose nun die zerbrechende Beziehung zu kitten versucht und mit der "Zweitschrift" der Bundestafeln auf den Sinai steigt (Ex 34,4 f.), geht der Ewige vor seinem Angesicht vorüber und rief: "Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Treue …" (Ex 34,6). Die Selbstoffenbarung als barmherziger Gott ist also DIE eine, entscheidende Antwort Gottes auf alle Trübungen, die menschliche Unzulänglichkeit, Angst und Verrat in zwischenmenschliche Beziehungen, in die ganze Schöpfung sowie in die Gottesbeziehung einbringen kann. Als barmherzig erweist sich der Gott Israels ausgerechnet dann, als die Liebesbeziehung schon in den "Flitterwochen" zu scheitern droht. Für Papst Franziskus ist deshalb "die Barmherzigkeit in der Heiligen Schrift das Schlüsselwort, um Gottes Handeln uns gegenüber zu beschreiben"5 – und kirchliches Selbstverständnis und pastorales Handeln von Grund auf prägen soll.

Akzentverschiebungen im NT

Es gehört zu den überraschenden Entdeckungen in der Bibel, dass die verschiedenen Wortfelder rund um "Barmherzigkeit" im Neuen Testament weitaus seltener vorkommen als im Ersten. Natürlich werden jetzt jeder Leserin, jedem Leser Stellen wie Lk 1,54; Mt 5,7, Lk 10,25–37, Röm 12,1, Eph 2,4 und viele mehr in den Sinn kommen und damit Widerspruch geweckt werden. Trotzdem: Während die Barmherzigkeit Gottes im Ersten Testament ein in unterschiedlichsten Facetten wiederkehrendes Leitmotiv ist, das ganze biblische Bücher prägen kann (vgl. z. B. Hos 1,6; 14,4, Mi 7,18–20; Jon 4), verlagert sich das Gewicht im NT auf andere Wortfelder wie z. B. charis (Gnade). Das ist natürlich nichts völlig anderes, markiert aber doch eine Akzentverschiebung: "Die griechische Terminologie der Septuaginta-Übersetzung ist weniger reich als die hebräische und bietet daher nicht alle semantischen Nuancen, die den Originaltext kennzeichnen. Auf jeden Fall baut das Neue Testament auf dem Reichtum und der Tiefe auf, die bereits dem Alten eigen waren. Auf diese Weise erben wir vom Alten Testament – gleichsam in einer besonderen Synthese – nicht nur den Reichtum der Ausdrücke dieser Bücher zur Beschreibung des göttlichen Erbarmens, sondern auch eine spezifische, selbstverständlich anthropomorphe ‹Psychologie› Gottes."6 Einmal mehr erweist sich so das Erste Testament als unverzichtbare Wurzel unseres Glaubens.

 

 

1 Vgl. die Verkündigungsbulle "Misericordiae vultus" vom 11. März 2015, Nr. 4.

2 Ankündigung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit in der Predigt am 13. März 2015 im Petersdom.

3 Paul VI. zum Abschluss des Konzils, zit. in "Misericordiae vultus", Nr. 4.

4 Ankündigung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit in der Predigt am 13. März 2015 im Petersdom. In "Misericordiae vultus" bezeichnet Papst Franziskus Lk 6,36 als "Leitwort des Heiligen Jahres" (Nr. 14).

5 Misericordia vultus, Nr. 9.

6 Johannes Paul II.: Enzyklika "Dives in misericordia" über das göttliche Erbarmen vom 30. November 1980, Nr. 4, Anm. 52.


Detlef Hecking

Der Theologe Detlef Hecking (jg. 1967) ist Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Zürich. Am 1. September 2021 tritt er eine neue Aufgabe als Pastoralverantwortlicher des Bistums Basel an.