In die ganze Welt ist ihr Schall gedrungen (Röm 10,18)

Der erste Band der neuen Lektionare* ist erschienen, ein im Grunde bekanntes Medium in neuer Auflage und neuer Aufmachung. Neues gibt es darin indes durchaus. Und neu zu Entdeckendes allemal.

Kein Buch wie jedes andere: das neue Lektionar. (Bild: zvg)

 

Die äussere Erscheinungsweise des neuen Lektionars macht deutlich: Das ist kein Buch wie jedes andere. Ein normales Buch ist aussen angeschrieben. Nicht dieses. Der Kontrast zwischen der in sich ruhenden, edlen Gestaltung in Materialität und Farbe einerseits und der dynamischen Sprache der wilden roten Parabellinien andererseits suggeriert: Da will etwas Wichtiges heraustreten: das Wort schlechthin, das Wort, das zum Ereignis werden will.

Der revidierte Bibeltext

Anlass für die Neuherausgabe der Lektionare ist bekanntlich die Revision der Einheitsübersetzung (EÜ), der offiziellen katholischen Bibelausgabe in deutscher Sprache, die nicht zuletzt auch in der Liturgie Verwendung findet. Neu ist also die Übersetzung, nicht etwa die Leseordnung. Erkenntnisse der exegetischen Forschung flossen in die 2016 erschienene EÜ ein. Engführungen der letzten Übersetzung wurden geweitet. Typisches der semitischen Sprachkulturen wurde wiederhergestellt. So kommen viele Stellen jetzt archaischer, aber auch bildhafter daher, die wir von der tendenziell glättenden letzten EÜ modern in Erinnerung haben. Man wird gewisse gewohnte Formulierungen vermissen und sich da und dort aber auch staunend neu anfragen lassen.1

Schnell auffallen wird die jeweilige Ankündigung der neutestamentlichen Epistellesungen: «Lesung aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom» wird es fortan heissen, und entsprechend bei den anderen Briefen. Denn tatsächlich konnte ja nicht ganz Rom gemeint sein. Zudem waren immer auch Frauen dabei, was die bisherige Ankündigung nie deutlich machte.

Auch sind die Epistellesungen jetzt konsequent mit «Schwestern und Brüder!» adressiert. Dies wiederholt sich auch innerhalb der Briefe überall da, wo es klar ist, dass die ganze Gemeinde gemeint sein muss.

Eine grundsätzliche Schwierigkeit jeder Bibelübersetzung bringt der Gottesname mit sich, der im Hebräischen mit den vier Konsonanten JHWH wiedergegeben wird (vgl. Ex 20,2). Schon in biblischer Zeit wurde er aus Ehrfurcht nicht ausgesprochen. Die jüdische Tradition liest stattdessen «Adonai»: «(mein) Herr»; griechisch konsequent mit «Kyrios», lateinisch mit «Dominus» und somit in der Tradition der deutschen Übersetzungen mit «Herr» wiedergegeben. Die bisherige EÜ befolgte dies nicht einheitlich, indem sie an immerhin 133 Stellen «Jahwe» einsetzte. Die revidierte EÜ überträgt nun konsequent mit «HERR». Die Kapitälchen wollen ein visuelles Signal dafür sein, dass es sich eben um den Gottesnamen handelt und dieser nicht etwa anthropomorph missverstanden werden soll. Dass diese Lösung nicht alle befriedigen wird, liegt auf der Hand. Zudem funktioniert das grafische Signal für den hörenden Vollzug nicht. Und das kann für die Ausführenden eine zusätzliche Hürde sein. Eine Überbetonung des «HERRN» ist in jedem Fall zu vermeiden. Ob eine diskrete Verneigung ein gangbarer Weg ist, wird sich zeigen.

Vom Text zum verkündeten Wort Gottes

Wir danken «Gott unablässig dafür, dass ihr das Wort Gottes, das ihr durch unsere Verkündigung empfangen habt, nicht als Menschenwort, sondern – was es in Wahrheit ist – als Gottes Wort angenommen habt; und jetzt ist es in euch, den Glaubenden, wirksam.» (1 Thess 2,13) Dass es auch heute noch, insbesondere im Kontext der liturgischen Verkündigung, genauso wirkt, bezeugt die Geschichte der Heiligen bis hinauf in unsere Tage. Das Zweite Vatikanische Konzil wollte den reichen Schatz der Heiligen Schrift weiter öffnen und grosszügiger teilen als in den vergangenen Jahrhunderten, in denen die Kirchenfürsten den Zugang zur Bibel oft überängstlich bewachten. Die Konzilsväter haben mit Dei Verbum die offenbarungstheologische Hermeneutik, die schon in der Liturgiekonstitution anklang, verfeinert und vertieft, sodass uns heute ein reifes methodisches Instrumentarium zur Verfügung steht, das dazu hilft, die überlieferten Schriften als «Gotteswort im Menschenwort» neu zu entdecken und immer tiefer zu verstehen.

Neu sind die Akklamationen «Wort des lebendigen Gottes» und «Evangelium unseres Herrn Jesus Christus» jeweils mit abgedruckt, für die es auch Kantillationstöne gibt.

Der reiche Schatz der Heiligen Schrift

Wäre das neue Lektionar nicht eine gute Gelegenheit, den «Hörern des Wortes» endlich das ganze Menü zugänglich zu machen, statt sich wie bisher meist mit einer Vorspeise und dem oft recht lieblos servierten Hauptgang zu begnügen?
Aus «pastoralen Gründen» wurde aus der nur im deutschsprachigen Gebiet (!) gewährten Ausnahme2 die Regel, und so wird am Sonntag meist eine Lesung weggelassen. Auch fristet der Antwortpsalm und an vielen Orten gar der Ruf vor dem Evangelium ein kümmerliches Dasein.

Könnte es nicht sein, dass die Motivation zur Kürzung oft – und meist vorbewusst – sachfremden, nämlich pädagogisch-didaktischen Denkmustern geschuldet ist? Dass von der Annahme ausgegangen wird, alle Mitfeiernden müssten alles Vorgetragene über den Kopf unmittelbar verstehen, weshalb weniger doch mehr sei?

Nur ist die Liturgie in erster Linie Fest des Glaubens; ihr Modus ist der einer Feier und also erst einmal grosszügig, verschwenderisch. Deshalb muss sie auch mit sachgerechten, also rituellen und dramaturgischen Mitteln gepflegt werden. Das im Menschenwort vermittelte Wort Gottes bahnt sich in der synästhetischen, atmosphärisch komplexen Textur einer liturgischen Feier seine Wege ins Herz der Feiernden, bald in intertextuellen Anspielungen, bald in musikalischen Anklängen, bald durch einen Halbsatz eines Hochgebets, bald in einer ritualisierten Geste – und manchmal gar durch die Predigt! Im Zusammenspiel der geschulten Rollenträger entsteht so immer mal wieder eine atmosphärische Dichte, die ein Gottesdienst zur Feier werden lässt, in der Raum entsteht für das Ereignis der Gottesbegegnung.

Mit zwei Psaltern leben lernen

Ein Inhalt des Lektionars, der immer schon da war und umso dringender nach aussen drängt, als er bisher weitherum vernachlässigt wurde, ist der Antwortpsalm. Ihn durch Instrumental- musik zu ersetzen heisst de facto, der Gemeinde den gewichtigsten biblischen Spiritualitätsschatz vorzuenthalten: Jesus betete und zitierte die Psalmen, von den Kirchenvätern und Scholastikern bis zu den Mystikern und hinauf in unsere Zeit wirkt der Psalter prägend. Er konstituiert auch das textliche Grundrepertoire der gesamten Kirchenmusiktradition.

Ausführungspraktisch bedarf der Antwortpsalm jedoch einer guten Pflege. Die neue Übersetzung kommt hier erschwerend hinzu. Denn tatsächlich wurde am Buch der Psalmen recht umfangreich revidiert, da man sich entschied, konsequent dem hebräischen Überlieferungsstrang zu folgen. Nun bestehen gerade im Psalter zwischen dieser Texttradition und der griechisch-altlateinischen – der liturgischen – erhebliche Abweichungen. So wird man sich dem Psalm sorgfältig neu nähern müssen.

In der Tagzeitenliturgie und anderen Gottesdienstformen wird noch lange nach der alten Psalterübersetzung gebetet werden: Kirchengesangbuch, Stundenbücher, ja auch das neue Gotteslob von 2013 enthalten die Psalmen aus der bisherigen EÜ. Während der nächsten paar Jahre wird der Antwortpsalm in der Sonntagsmesse für viele die einzige Erfahrung mit den neu übersetzten Psalmen bieten. Das mag irritieren. Es kann aber auch zum Nachdenken darüber anregen, dass das Wort Gottes immer vermittelt auf uns trifft: Gotteswort im Menschenwort. Die kirchenmusikalisch Tätigen haben hier eine wichtige Rolle. Ob sie nun diese oder jene Übersetzung verwenden, mitunter auch mal wieder ein gregorianisches Graduale pflegen oder ausnahmsweise ein Psalmlied singen lassen: Das neue Lektionar möge Ansporn sein, den kostbaren musikalischen Verkündigungsdienst neu spielerisch ernst zu nehmen, wofür sie die Liturgieverantwortlichen motivieren und unterstützen mögen.

Peter Spichtig

Die 8 Bände der Lektionare und ihre Erscheinungstermine

Band I Die Sonntage und Festtage im Lesejahr A Herbst 2019
Band II Die Sonntage und Festtage im Lesejahr B Herbst 2020
Band III Die Sonntage und Festtage im Lesejahr C Oktober 2018
Band IV Geprägte Zeiten Herbst 2020
Band V Jahreskreis 1 Herbst 2021
Band VI Jahreskreis 2   2022
Band VII Sakramente und Sakramentalien. Für Verstorbene Herbst 2019
Band VIII Messen für besondere Anliegen. Votivmessen   2021
  Evangeliar Herbst 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Vgl. dazu ausführlich die Themennummer zur Bibel: SKZ 12/2018.

2 Die durch ein rotes Quadrat als Eigengut des deutschsprachigen Messbuchs gekennzeichnete Rubrik lautet: «An Sonn- und Festtagen sind als Norm vor dem Evangelium zwei Lesungen vorgesehen. Wo aus pastoralen Gründen nicht beide vorgetragen werden können, ist es gestattet, eine von ihnen auszuwählen». Messbuch (blau/grün), 334.

*Die Sonntage und Festtage im Lesejahr C: lieferbar ab sofort; Bestellungen via Buchshop www.liturgie.ch. Die anderen sieben Bände (Einteilung wie bisher) und das Evangeliar erscheinen sukzessive bis voraussichtlich 2022.

 


Peter Spichtig OP

Peter Spichtig OP (Jg. 1968) stammt aus Sachseln OW. Er studierte in Freiburg i. Ü. und Berkeley (USA). Nach einigen Jahren in der Pfarreiseelsorge arbeitet er seit 2004 beim Liturgischen Institut der deutschsprachigen Schweiz. Er ist dessen Co-Leiter.