Gibt es neue Offenbarungsquellen?

Der Synodale Weg in Deutschland zählt die Zeichen der Zeit zu den «Quellen der Erkenntnis der Offenbarung». Kardinal Kurt Koch sieht darin ein Missverständnis. Barbara Hallensleben ordnet die Debatte ein.

«Die christliche Heilsökonomie, d. h. der neue und endgültige Bund, wird niemals vorübergehen, und es ist keine neue öffentliche Offenbarung mehr zu erwarten vor der glorreichen Kundwerdung unseres Herrn Jesus Christus» – so heisst es in der Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils über die göttliche Offenbarung (Nr. 4). Die katechismusförmige Kurzfassung lautet: «Mit der Sendung des Sohnes und der Gabe des Geistes ist die Offenbarung nunmehr gänzlich abgeschlossen» (Kompendium Nr. 9). Sollte Gottes Offenbarung tatsächlich in die Vergangenheit verbannt bleiben? – so könnte man spontan fragen. Spricht dagegen nicht die Verheissung, die Jesus selbst seinen Jüngern gibt: «Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit führen» (Joh 16,12 f.)? Mit ein wenig Nachdenken lässt sich der vermeintliche Widerspruch auflösen.

Quelle der Offenbarung ist Gott

Das provokative Ergebnis lautet: Je abgeschlossener die Offenbarung ist, desto offener kann sie sein! Die Offenbarung Gottes besteht nicht in einer Reihe von Mitteilungen, zu denen man immer noch weitere hinzufügen kann – wie die unaufhörliche Flut der E-Mails. Gott offenbart «sich selbst» in seiner Fleischwerdung in Jesus dem Christus und in der Sendung des Geistes. Gott ist endgültig und unwiderruflich eine Lebensgemeinschaft mit seiner Schöpfung eingegangen. Es ist kein Widerspruch mehr, wahrer Gott und wahrer Mensch zu sein; Zeit und Ewigkeit schliessen einander nicht mehr aus. Im Guten wie im Bösen hat Gott sein Geschick mit seinen Geschöpfen verbunden. Seither gilt: «Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt» – das ist nicht naive Romantik, sondern von P. Alfred Delp SJ mit gefesselten Händen am
24. Dezember 1944 in der Gefängniszelle, nach Folter und Isolationshaft in die Wand geritzt.

Ein schwacher, aber durchaus biblisch fundierter Vergleich ist die Ehe. Mit dem Tag der Hochzeit ist alles geschehen: Mann und Frau haben sich einander geschenkt mit Leib und Seele. Gerade deshalb beginnt eine Geschichte der Entdeckung, die sich in unerschöpflichen Ereignissen, Worten, Gesten und Zeichen jeweils im Heute abspielt. Von einer «neuen Offenbarung» zu sprechen, würden den Ernst des Ja-Wortes, den Ernst der Menschwerdung und der Auferstehung schmälern – als habe Gott uns etwas vorenthalten.

Ein berühmtes Beispiel für die Frage der fortgesetzten Offenbarung ist der Theologe Joseph Ratzinger, den die Thematik beinahe seine Karriere gekostet hat. In seinen Forschungen zur «Geschichtstheologie des heiligen Bonaventura» (1959) betont er, die Offenbarung sei nicht als statische Hinterlassenschaft zu betrachten, sondern schliesse einen fortdauernden Prozess ein. Die Gestalten, die aus Gottes Selbstoffenbarung hervorgehen – auch Schrift und Tradition –, sind nicht selbst «die Offenbarung». So ist «Offenbarung selbst die Quelle der Heiligen Schrift und der göttlichen Tradition, nicht aber Schrift und Tradition die Quelle der Offenbarung».1 Es kann also keine neuen «Offenbarungsquellen» geben, denn Quelle der Offenbarung ist Gott allein. Offenbarung ist wesentlich ein göttlicher Akt, empfangen in menschlicher Subjektivität. Michael Schmaus sah – nach Ratzingers Aussage – in dieser These so sehr «einen gefährlichen Modernismus, der auf die Subjektivierung des Offenbarungsbegriffs hinauslaufen müsse»2, dass er die Habilitationsschrift zurückwies.

Als Papst ist Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. nicht gerade für seinen «Modernismus» bekannt geworden. Und doch blieb er in einer gewissen Dialektik seiner Sicht als junger Theologe treu: Wenn im Prozess der Offenbarung «Neues» auftauchen kann, dann steht es nicht unter der Norm der bereits gegebenen Ausdrucksgestalten der Offenbarung. Dann kann das Lehramt, das letztlich die Autorität zur Auslegung der Offenbarung hat, auch etwas als «offenbart» erklären, was sich vor der Heiligen Schrift (und ggf. der Tradition) nicht zu rechtfertigen braucht. Bereits die beiden jüngsten Mariendogmen der Katholischen Kirche – die «Unbefleckte Empfängnis» (1854) und die «Aufnahme Mariens in den Himmel» (1950) – gaben Anlass zu entsprechenden Diskussionen.

Zeichen der Zeit sind vieldeutig

Die Erfahrungen mit Joseph Ratzinger helfen, die jüngste Debatte um «neue Offenbarungsquellen» im synodalen Prozess in Deutschland zu verstehen. Auch hier besteht ein lebendiges Interesse an der Erneuerung des kirchlichen Lebens als Antwort auf die Herausforderungen der Gegenwart. Als Bezugspunkt bietet sich der Ausdruck «Zeichen der Zeit» an, den das Zweite Vatikanische Konzil wiederholt in seinen Dokumenten verwendet.3 Die Kirche hat die «Pflicht, die Zeichen der Zeit zu erforschen und im Licht des Evangeliums auszulegen» (GS 4). Die pastorale Konstitution «Gaudium et spes» fordert nicht nur Aufmerksamkeit für die Zeichen der Zeit, sie widmet sich selbst dieser Aufgabe. Die Folgerung, die das Konzil zieht, ist eine Erneuerung der theologischen Anthropologie
(GS 12 ff.). Die Zeichen der Zeit rufen zuerst nach einem Subjekt, das die Offenbarung Gottes überhaupt wahrnehmen und empfangen kann. In der Offenbarung Gottes macht Christus «dem Menschen den Menschen» voll kund (GS 22). Die Zeichen der Zeit erschliessen sich einem geistlichen Urteil über diese Zeichen. Wer die Zeichen der Zeit handelnd beantworten will, muss die individuelle und gemeinschaftlich Einübung in das geistliche Leben und Urteilen in der Nachfolge Christi fördern.

Der «Orientierungstext» mit «Theologischen Grundlagen des Synodalen Weges der Katholischen Kirche in Deutschland» reiht die «Zeichen der Zeit» in eine Liste der «Quellen der Erkenntnis der Offenbarung» ein. Dazu gehören «die Heilige Schrift und die Tradition, die Zeichen der Zeit und der Glaubenssinn des Volkes Gottes, das Lehramt und die Theologie».4 In einem Interview mahnt Kardinal Kurt Koch: Die «Zeichen der Zeit» sind «nicht neue Offenbarungsquellen. Im Dreischritt der gläubigen Erkenntnis – Sehen, Urteilen und Handeln – gehören die Zeichen der Zeit zum Sehen und keineswegs zum Urteilen».5 In der Tat: Die Zeichen der Zeit können äusserst vieldeutig sein, positiv oder negativ konnotiert. Zu den Zeichen der Zeit gehört das Streben nach der ökumenischen Communio und nach mehr Mitsprache der Frauen ebenso wie die Tragödie der Kriege, der Armut, der ökologischen Krise. Joseph Ratzinger hatte (fast) Recht: Keines der sichtbaren Zeichen des göttlichen Offenbarungshandelns, nicht einmal die Bibel, macht die «göttliche Offenbarung» eindeutig verfügbar. Sie alle zeugen auf ihre Weise von einer Wahrnehmungs- und Wahrheitsfähigkeit des Menschen. So sind sie Teil eines Gefüges, dessen Elemente nicht auswechselbar sind und nicht ad infinitum gegeneinander ausgespielt werden können. Sie dienen der Verwirklichung dessen, was Paulus den Christen in Korinth zuspricht: «Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt, damit wir das erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist» (1 Kor 2,12). In den konstituierenden Grundvollzügen des kirchlichen Lebens lösen sie sich nicht vom göttlichen Offenbarungsakt. Sie bleiben sakramentale Zeichen des Gottes, der in den Akt seiner Selbstoffenbarung geschöpfliche Zeichen und Personen einbezieht.

Um auf die Liste der Synode zurückzugreifen: Die Bibel hat den Status der von der Kirche selbst anerkannten authentischen, inspirierten Auslegung der Offenbarung; in dieser Hinsicht wird sie auch Evangelium genannt und normiert die übrigen Offenbarungsgestalten. Die Tradition zeigt die Fähigkeit der kirchlichen Gemeinschaft zu geistlichen Urteilen, die deren Gestalt so fortschreiben, dass man nicht mehr von ihnen absehen kann (im Unterschied zu wandelbaren Traditionen). Die Zeichen der Zeit rufen die Gemeinschaft der Gläubigen dazu auf, in der vieldeutigen geschichtlichen Wirklichkeit Gottes verborgene Gegenwart offenkundig und wirksam werden zu lassen. Der Glaubenssinn des Gottesvolkes zeigt, dass alle Getauften zur geistlichen Unterscheidung und Entscheidung berufen und befähigt sind, die eine Art «gemeinschaftliches Charisma» der Kirche darstellt. Die Theologie begleitet und inspiriert dieses Geschehen durch Wissen und Reflexion. Dem Lehramt schliesslich kommt die oft leidige Aufgabe zu, die Wechselwirkung der verschiedenen Bezeugungsinstanzen des Evangeliums einerseits in der nötigen Geduld zu halten, andererseits im Dienst der Endlichkeit zu einer Entscheidung zu führen. Niemand kann in der nur Gott möglichen Eindeutigkeit über diesen Prozess verfügen. Gegen die Geistlosigkeit hilft nur der Geist. In dieser Demut, die durchaus ein adventliches Drängen umfassen darf, sind wir auf einen «synodalen Weg» verwiesen.

Barbara Hallensleben

 

1 Ratzinger, Joseph, in: Gesammelte Schriften 7/1, Freiburg i. Br. 2012, 160.

2 Ratzinger, Joseph, Aus meinem Leben, München 1998, 84.

3 GS 4, UR 4, AA 14 und 16 DiH 15, PO 9.

4 Nr. 10: www.synodalerweg.de

5 www.die-tagespost.de

 


Barbara Hallensleben

Prof. Dr. Barbara Hallensleben (Jg. 1957) ist Professorin für Dogmatik und Theologie der Ökumene an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg i.Ü. Sie ist Direktorin des Zentrums St. Nikolaus für das Studium der Ostkirchen und Mitglied der Gemeinsamen Internationalen Kommission für den theologischen Dialog zwischen der katholischen und der orthodoxen Kirche.