Der Anfang ist nah

Ich kenne mittlerweile schon über ein Dutzend Jugendliche und junge Erwachsene aus meinem Umfeld, die mit der Sekte Shincheonji in Kontakt gekommen sind. Shincheonji heisst «neuer Himmel – neue Erde» und steht für eine südkoreanische, christliche Gruppierung, deren Gründer sich als versprochener Pastor der Endzeit aufführt.1 Zu allem hin hat er auch gleich noch die endgültige Entschlüsselung des biblischen Buches der Offenbarung offenbart bekommen. Offenbar mit Erfolg. Die hochfrequentierte Missionierungsaktivität unter jungen Christen verschiedener Konfessionen – über soziale Medien wie auch analog – fügt ihrer Zahl täglich neue Mitglieder hinzu. Ich dachte stets, dass verschwörungstheoretische Weltuntergangsszenarien unter Christen nur in einem Milieu von altmodisch gekleideten Senioren mit besonders besorgtem Blick und einem feinen Gespür für den sündhaften Zustand der Kirche Teilerfolg haben. Shincheonji hat mich eines Besseren belehrt.

Die Frage bleibt, warum so viele Christen auf Geschichten dieser Art anspringen. Ist ihnen das Evangelium zu fad geworden? Hat die Offenbarung Gottes in Jesus Christus nach dem 25. Mal Weihnachten und Ostern feiern ihren Reiz verloren und man braucht wieder irgendetwas Neues, Spektakuläreres? Wird Nachfolge Jesu ab einem bestimmten Punkt langweilig? Der Lebenswandel der Apostel zeigt uns das genaue Gegenteil. Ich behaupte, wer sich auf abenteuerliche Offenbarungsinterpretationen einlässt, hat nicht einmal ansatzweise verstanden, worin das Wunder der Offenbarung Gottes in Jesus Christus besteht.

Das Potenzial ist in besagten Fällen wohl kaum ausgeschöpft, sondern eher noch gar nicht angezapft. Wer sagt eigentlich, dass wir am Ende stehen? Das Reich Gottes hat womöglich erst gerade begonnen und wir besitzen die Ehre, Teil der Partie sein zu dürfen. Wenn ich diese Sichtweise einnehme, habe ich definitiv kein Interesse daran, den ganzen Spass einigen farbigen Reitern und trompetenden Engeln zu überlassen.

Johannes Tschudi

 

1 Informationen: www.relinfo.ch

 


Johannes Tschudi

Johannes Tschudi (Jg. 1994) studierte Philosophie und Religionswissenschaft. Er ist Regionalleiter bei der christlichen Studierendenbewegung VBG sowie Geschäftsführer des Hilfswerks Mary's Meals Schweiz. Er präsidiert zudem den Verein Oasis, ein christliches Orientierungsjahr im Kloster Maria Opferung in Zug.