Gescheiter(t)

In der Schule habe ich alles Mögliche gelernt. Man könnte sogar sagen, die Schule hat mich richtig schlau gemacht. Doch in einer Sache bin ich über all die Jahre nicht viel besser geworden: mit meinen Fehlern gut und konstruktiv umzugehen.

Ich erinnere mich an eine praktische Musikprüfung im Gymnasium. Das Vorspielen ist trotz viel Übung nicht wie erwartet über die Bühne gegangen. Meine Duett-Partnerin meinte danach tröstend-erklärend: «Daran zeigt sich eben, dass wir Menschen sind.»
Viel Trost hat mir dieser Satz damals nicht gegeben; doch er ist in meinem Gedächtnis haften geblieben – bis heute. Denn mir war schon damals klar, dass meine Kollegin etwas sehr Weises gesagt hat.

Dass man aus Fehlern lernen kann, ist mehr als eine schöne Floskel. Wenn mich das Scheitern aber gescheiter machen soll, warum ist es dann doch so schwer, sich Fehler einzugestehen? Die Haltung, jede Art von Fehlern vermeiden zu wollen, auf keinen Fall in irgendein Fettnäpfchen zu treten, bloss nirgends negativ aufzufallen, macht das Leben sehr anstrengend! Manchmal kommt es mir vor, als ob das eigentliche «Problem» nicht das Scheitern wäre, sondern das Nicht-Scheitern-Wollen. Dies hat zur Folge, dass ich vieles gar nicht erst versuche – es könnte ja schief gehen. Ich befürchte, dass mich diese Einstellung im Leben schon um manch bereichernde Erfahrung gebracht hat.

Vielleicht bringt es mich weiter, das Ganze vom Wortbild her anzugehen: Nachdem ich gescheitert bin, liesse sich das t, der kreuzförmige Buchstabe am Ende dieses Wortes, in eine Klammer verpacken. Es dürfte mich daran erinnern, dass im christlichen Glauben das Zeichen des Kreuzes von Erlösung zeugt. So könnte es mir gelingen, mit meinem Scheitern gelassener umzu­gehen und anzuerkennen, dass ich dadurch etwas gelernt habe – über eine Sache, aber vor allem auch über mich selbst. Es könnte mich trösten, dass ich nicht nur gescheitert bin, sondern auch ein bisschen gescheiter geworden bin.

Isabelle Senn


Isabelle Senn

Dr. Isabelle Senn (Jg. 1985) studierte Theologie in Freiburg i. Ü., Maynooth (IRL) und Münster (D). Sie ist Mitarbeiterin auf der Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau.