Die Ohnmacht aushalten

Menschen streben danach, auch in Situationen des Scheiterns die Zügel in der Hand zu halten. Lukas Fries-Schmid plädiert für einen Paradigmenwechsel. Denn es ändert sich auch, was wir nicht ändern können.

Wer an Ostern predigt, kann an Karfreitag nicht von Scheitern sprechen. Denn es gibt kein Scheitern. Natürlich gibt es Erfahrungen, in denen wir unsere Ohnmacht existenziell spüren. Aber es existiert ein Unterschied zwischen Ohnmacht und Scheitern. Das ist keine blosse Wortklauberei, sondern meint einen Paradigmenwechsel.

Zeuge sein für Gottes Gegenwart

Scheitern ist unsere Interpretation einer an sich alltäglichen Erfahrung: der Erfahrung von Grenzen. Krisen gehören zum Leben. Dass wir nicht alles im Griff haben und dass uns bisweilen die Kontrolle über das Leben entgleitet, ist normal. Dass wir keine endgültige Macht haben über das Leben und dass sich uns der Sinn von Ereignissen oft entzieht, ist Teil der Schöpfung.1 Selbst in einer äusserst extremen Situation von Bruch, Zerstörung oder Verlust würde ich nicht von Scheitern sprechen, sondern von Ohnmacht, weil dieser Begriff ohne zu werten umschreibt, was Sache ist: Wir sind ohne Macht. Nur mögen wir Ohnmacht nicht. Wir streben danach, Kontrolle über unser Leben zu haben, Probleme zu lösen und Ereignisse zu verstehen. Darum reagieren wir auf Ohnmacht in der Regel gerne mit Macht. Wir wollen verhindern zu spüren, dass nicht wir, sondern ein anderer die Zügel in der Hand hält. Gerne schmücken wir unser Denken mit unserer Allmachtsfantasie.

Die Rede vom Scheitern ist ein solcher Machtversuch. Wir interpretieren die Erfahrung von Grenzen als absolut. Diese Interpretation gibt uns ein Stück weit die Illusion der Macht zurück: Immerhin können wir werten und interpretieren. Wer gescheitert ist, kennt kein Zurück und schon gar keinen Weg, der weiterführt. Betrachten wir eine existenzielle Not als Scheitern, hängen wir der Erfahrung von Dunkelheit das Etikett «endgültig» an.2 Das führt aber nicht weiter, denn kein Zustand ist endgültig. Leben ist Veränderung. Das bedeutet, dass sich auch ein Zustand, der uns endgültig erscheint, verändern wird, selbst wenn wir nicht wissen, wann und wie. Solange wir unsere Ohnmacht als Scheitern abtun, schliessen wir aus, dass sich etwas verändern kann, das wir nicht selbst verändern können. Damit schliessen wir die Möglichkeit des Handelns Gottes aus. Was bilden wir uns denn ein, Gott seine Gegenwart und Wirkmächtigkeit ständig abzusprechen, indem wir krampfhaft versuchen, alles selbst zu lösen, oder indem wir ganz aufgeben und unsere Ohnmacht als Scheitern abtun, nur weil wir Gott nicht sehen können oder er durch sein Wirken unsere Erwartungen nicht erfüllt?

Was ist die Alternative? Gott denjenigen Platz zu überlassen, der ihm zusteht. Mit anderen Worten: Die Ohnmacht auszuhalten, ohne ständig und sofort auf sie einwirken zu wollen. Auf dass «es» sich verändere. Das ist ein theologisches Passiv: Der Handelnde ist nicht genannt, weil er so gross ist, dass wir ihn in unserer Ohnmacht gar nicht fassen können. Trotzdem ist er gegenwärtig und wirkt.

Das gilt im Übrigen nicht nur für Menschen, die in einer akuten Krise stecken. Das gilt genauso für professionell Helfende: Wenn wir beispielsweise als Seelsorgende einen Menschen in einer existenziellen Krise begleiten, spüren wir die oftmals mit Händen zu greifende Ohnmacht am eigenen Leib. Aber selbst wenn es nicht unsere eigene Ohnmacht ist, halten wir sie schlecht aus. Ohne Macht zu sein, läuft unserem beruflichen Selbstverständnis zuwider. Wir versuchen, die Macht zurückzuerobern, etwa indem wir helfen.

Dabei wäre es unsere Aufgabe, Zeuginnen und Zeugen zu sein für eine Gegenwart Gottes, die unser eigenes Wirken übersteigt. Wer unsere Hilfe sucht, fragt selten nach unserem Handeln, sondern meist danach, wie gross unser Vertrauen ist, dass auch die Erfahrung der Ohnmacht weder endlos noch sinnlos ist. Wer unsere Hilfe sucht, will keine Antwort auf Fragen, sondern jemanden, der die Ohnmacht mit aushält.

Darum meine ich: Wer an Ostern predigt, darf auch an Karfreitag nicht von Scheitern sprechen. Wohl sollen wir unsere Ohnmacht beklagen. Aber mitten in ihr bahnt sich im Verborgenen die Auferstehung ihren Weg. Gott wartet uns im dunkelsten Dunkel entgegen. So wird die Ohnmacht zum Tor zur göttlichen Gegenwart.
Lukas Fries-Schmid

 

1 Das gilt übrigens im Guten wie im Schwierigen. Auch das Gefühl des Geliebtseins etwa ist eine Grenzerfahrung, eine Erfahrung von Ohnmacht.

2 Leider ist es so, dass Menschen, welche sich selbst als gescheitert betrachten, überdurchschnittlich oft zu Suizid neigen. Der Suizid gibt ihnen die Macht zurück, der scheinbar endgültigen Ohnmacht selbst ein Ende zu setzen.

Buchempfehlung: Fries-Schmid, Lukas, Hör auf zu helfen. Ohnmacht als Tor zum göttlichen Geheimnis, Würzburg 2022. ISBN 978-3-429-05752-7, www.echter.de


Lukas Fries-Schmid

Lukas Fries-Schmid (Jg. 1973) ist verheiratet und Vater von Zwillingen. Er studierte Theologie in Luzern und Berlin sowie Pastoralpsychologie in Bern und San Francisco. Seit 2009 lebt er auf dem Sonnenhügel in Schüpfheim LU. Im Rhythmus von Aktion und Kontemplation begleitet er dort Menschen in Auszeiten und Krisensituationen (vgl. www.sonnenhuegel.org).