«Ein ‹Leben dazwischen› ermöglichen»

Scheitern ist in unserer Gesellschaft eine Erfahrung, die von den Betroffenen möglichst schnell überwunden werden soll. Christian Kern befasste sich eingehend mit diesem Thema. Der Titel seiner Dissertation «Scheitern Raum geben»1 wirkt wie ein Aufruf.

Dr. theol. Christian Kern ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Systematische Theologie der TU Dresden. Er promovierte 2018 im Fachbereich Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, mit einer Arbeit zum Thema Scheitern und Insouveränität aus theologischer Sicht. (Bild: zvg)

 

SKZ: Herr Kern, inwiefern hat Scheitern in unserer Gesellschaft einen Platz?
Christian Kern: Scheitern ist in unseren liberalen, westlichen Gesellschaften eine Erfahrung, die im individuellen und sozialen Leben eher marginalisiert ist und ausgeblendet wird. Das hat aus meiner Sicht mit dem massgeblichen Menschenbild zu tun, das seit der Aufklärung für westliche, liberale Gesellschaften bis heute prägend ist: das Ideal des souveränen Individuums. Menschen werden als Wesen angesehen, die von Natur aus mündig und souverän sind und diese Mündigkeit und Souveränität im Leben erfolgreich zur Gestalt bringen sollen. Es zählt die eigene, individuelle «performance». Von ihr hängen Sichtbarkeit und Anerkennung ab. Scheitern stellt dieser Erfolgsnorm souveräner Mündigkeit gegenüber ein Problem dar. Es riecht nach selbstverschuldeter Unmündigkeit und Nachlässigkeit und gilt, insofern es andere in ihrem Souveränitätsstreben belastet, als sozial abträglich. Diese Erfolgsnorm des souveränen Individuums lässt sich in vielen heutigen Gesellschaftsbereichen als Grundnorm beobachten, etwa im Bildungssystem, im Sport, auf Arbeitsmärkten, im Wissenschaftssystem. Empirische Forschungen zeigen, wie Scheitern hier mit Scham besetzt wird, als Makel gilt und eher ins «Off» verschoben wird.2 Mit meinen theologischen Gedanken über Scheitern versuche ich, hier einen Gegenakzent zu setzen. Es würde zu einer menschlicheren Gesellschaft beitragen, wenn wir uns kritischer und kreativer zu solchen dominanten Erfolgsnormen von Menschsein verhalten und demgegenüber dem individuellen wie auch kollektiven Scheitern mehr Raum geben.
 
Worin besteht der Unterschied zwischen Scheitern und Misserfolg?
Scheitern ist härter als ein blosser Misserfolg. Wenn jemand sagt «Das ist gescheitert», dann klingt darin an, dass etwas sehr Bedeutsames, Wichtiges, Wertvolles nicht erreicht wurde und unwiederbringlich verloren ist. Es ist weg, zerbrochen, verloren. Es ist auch noch nicht klar, was danach kommt. Diese Konnotation gibt es im «Misserfolg» in dieser Härte nicht. Wenn etwas als gescheitert empfunden wird, dann schlägt das auch durch auf diejenigen, die das Scheitern erleben. Aus «Das ist gescheitert» kann dann schnell ein «Ich bin gescheitert» werden. Darin wird die existenzielle Härte des Scheiterns berührt. Im Scheitern ragt der Tod ins Leben hinein, Insouveränität greift um sich, und es stellt sich in dieser Ohnmacht die prekäre Frage, wie damit dennoch umgegangen werden kann.

In den letzten Jahren fand in der Gesellschaft durchaus eine Enttabuisierung des Scheiterns statt. Es gibt Ratgeberliteratur und Forschungsbeiträge zum Scheitern. Sie sind der Ansicht, dass sich die Tabuisierung verschärft, wo über Scheitern gesprochen wird. Weshalb?
Es stimmt, Scheitern war in den vergangenen Jahren immer wieder ein trendiges Thema. Personal Coaches und Philosophen haben dazu Gedanken veröffentlicht, zusammen mit Tipps zum Umgang mit Scheiternserfahrungen. Prominente berichteten über eigene «fails» und das, was sie dadurch gelernt haben. Ein öffentliches, eher theatrales Format sind sogenannte Fuck-up-Nights: Jungunternehmerinnen und -unternehmer erzählen dabei im Rahmen von Abendveranstaltungen in niederschwelliger Weise vom Scheitern eigener Start-up-Projekte, vom Umgang damit, und geben ihre «Learnings» aus den eigenen Erfahrungen weiter. Ich finde diese Formen interessant und sozial wertvoll, weil sie auf die Realität von Scheitern in vielen Biografien aufmerksam machen. Aber sie sind aus meiner Sicht durchaus problematisch, denn sie können zu einer insgeheimen Retabuisierung von Scheitern beitragen.

Inwiefern?
In vielen dieser Formen wird zwar auf Erfahrungen von Scheitern Bezug genommen. Aber obwohl von Scheitern gesprochen wird, steht häufig insgeheim im Vordergrund, dass damit zielführend umgegangen und es erfolgreich überwunden wurde. Scheitern bildet hier lediglich eine Art Durchgangsstadium, aus dem man erfolgreich und gegebenenfalls souveräner als vorher hervorgeht. In entsprechenden Narrativen wird Scheitern zwar Thema, aber es geht um seine erfolgreiche Bewerkstelligung. Mit Bezug auf Scheiternserfahrungen werden Erfolgsgeschichten erzählt. Darin wird dann implizit, wenigstens latent, eine Erfolgsnorm reproduziert: Du sollst Scheitern erfolgreich überwinden, damit einen souveränen Umgang finden können. Was aber ist mit Menschen, denen diese Bewerkstelligung nicht ohne Weiteres gelingt? Thematisierungen von Scheitern halte ich dann für problematisch, wenn sie unter dem Deckmantel von Scheitern solche Erfolgsnormen reproduzieren. Es gibt in solchen Thematisierungen von Scheitern ausserdem ein performatives Paradox: Scheitern wird in ihnen zwar zum Thema, es wird besprochen und benannt. Scheitern wird als Thema präsent, und zwar in einer gekonnten Weise. Dadurch passiert etwas mit Scheitern auf einer zweiten Ebene: Es wandert gerade in der erfolgreichen Präsentation und Besprechung ins «Off». Denn die Thematisierung von Scheitern hat ja Erfolg, sie ist selbst eine erfolghaltige Praxis. Sie weist aus, dass jemand (wieder) souverän von Scheitern sprechen kann. Die Folge ist: Je gekonnter Scheitern thematisiert wird, desto mehr verschwindet es als eigentliche Erfahrung von der Bühne. Auch hier reproduziert sich eine insgeheime Erfolgsnorm, die typisch neuzeitlich ist: Das eigene Leben – jetzt inklusive Scheiternserfahrungen – souverän artikulieren können.

Das klingt nach einem Dilemma: Es scheint notwendig, Scheitern öffentlich zu besprechen, auch um es zu enttabuisieren, gleichzeitig wird es in der gekonnten Besprechung retabuisiert. Wie komme ich aus diesem Dilemma heraus?
Es braucht eine Kultur, die dem Unsagbaren, dem Nicht-Sagbaren, dem Nicht-abschliessend-Bewältigbaren Raum gibt, die damit in Kontakt ist und es zulässt. Und zwar so, dass sie weder der Ohnmacht, die in Erfahrungen von Scheitern steckt, völlig unterliegt, noch Scheitern in einer Erfolgsstory souverän «aufhebt». Es geht dann nicht primär um die Thematisierung von Scheitern, um den Diskurs über Scheitern, sondern um das Scheitern der Thematisierung, das Scheitern des Diskurses. Wo und wie ist auch dieses Scheitern möglich und zugelassen? Wo lassen wir zu, auch gemeinsam sprachlos zu sein, etwas nicht (mehr) abschliessend und zielführend bewerkstelligen zu können, etwas wirklich aufgeben zu müssen, eventuell ohne gleichwertige Kompensierung? Wo diese Form der Insouveränität möglich und zugelassen ist, individuell und sozial, tritt Scheitern aus dem Schatten seines bisherigen Tabus. Im Grund geht es um eine Lebensgestaltung oder eine Lebenskunst in einem «Dazwischen», in einem Spannungsraum: zwischen dem Streben und Erleben von Erfolg und Souveränität einerseits und dem Erfahren und Erleiden von Scheitern, von bedeutsamen, unwiederbringlichen Verlusten und bleibender Insouveränität andererseits.

Wie sieht der Umgang mit Scheitern in der Kirche aus? Was beobachten sie?
Das Verhältnis der katholischen Kirche zum Scheitern nehme ich als ambivalent wahr. Es gibt einige seelsorgerliche Praktiken, die sehr scheiternssensibel sind und helfen, den gerade angesprochenen Zwischenraum zu gestalten und zu leben. Dazu gehören zum Beispiel viele Angebote der Ehe-Familien-Lebensberatung, der Krankenhaus- und Spitalseelsorge oder auch der kirchlichen Jugendarbeit. Im medizinischen Kontext beispielsweise kann es ja sein, dass Therapieerfolge ausbleiben und Hoffnungen auf Genesung und Heilung enttäuscht werden. Dann bietet Klinikseelsorge einen Raum an, wo dieses Scheitern Thema werden kann und man gemeinsam einen Umgang mit der Situation sucht, eventuell in gebrochenen Sprachen und ohne klare Antworten zu finden. Dann wird das Unsagbare und eventuell auch das Unwiederbringliche ausgehalten. Diesen Seelsorgepraktiken gegenüber gibt es innerhalb der katholischen Kirche aber auch sehr explizite Ausschlüsse und Tabuisierungen von Scheitern, die mit theologischen Grundhaltungen verbunden sind. Dies betrifft vor allem die beiden dominanten Lebensformen innerhalb der katholisch-institutionellen Glaubenswelt, Ehe und Priestertum. Die sakramentale Ehe gilt als etwas, das, wenn sie einmal gültig geschlossen ist, eigentlich ein Leben lang nicht enden kann. Die sakramentale Ehe stellt in dieser Auffassung eine Art metaphysisches Band dar, das auf Dauer besteht und von dem Scheitern ausgeschlossen wird. Analoges gilt für das sakramentale Verständnis von Priestertum: einmal Priester, immer Priester. Es spielen Reinheits- und spirituelle Perfektionsideale in die normative Figur des katholischen Priesters mit hinein. Auch hier herrscht ein Verständnis einer starken Identität vor, aus deren Grundverständnis Scheitern ausgeschlossen ist. Es spiegelt sich in solchen «infalliblen» Lebensformen ein Kirchenbild, das seit Ende des 19. Jahrhunderts dominant geworden ist: das Bild einer im Grunde selbstgenügsamen, infalliblen Kirche. Kirche als «societas perfecta». Obwohl das Zweite Vatikanische Konzil hier eine Veränderung der Perspektive gebracht hat und die Eingebundenheit von Kirche in die Welten von heute betont, wirkt dieses Bild infallibler Souveränität von Kirche in den kirchlichen Organisationsformen und oft auch im klerikalen Habitus bis heute nach. Ich persönlich sehe die Notwendigkeit, Sakramententheologie und Ekklesiologie kritisch auf Tabuisierungen von Scheitern hin zu befragen und sie neu als Lebensformen zu denken, die Scheitern Raum geben können und dürfen. Das würde Kirche und ihre Praxis vermenschlichen. Es steigert ihre Glaubwürdigkeit und rückt sie aus meiner Sicht näher ans Evangelium Jesu.  

Was kann die Kirche zu einer neuen Kultur des Umgangs mit Scheitern beitragen?
Ganz grundsätzlich: Sie kann das Evangelium und seine Sensibilität für Scheitern tiefer reflektieren und in den eigenen Praktiken und Strukturen mehr zur Gestalt bringen.Das hat dann erstens etwas Selbstkritisches: Kirche könnte und sollte von ihrem eigenen Evangelium des Scheiterns her die eigenen Strukturen und Lebensideale kritisch daraufhin befragen, inwiefern darin Scheitern tabuisiert wird und stattdessen Erfolgsideale von Souveränität, Reinheit, spiritueller Perfektion vorherrschen. Wie lassen sich die eigenen Ausschüsse von Scheitern aufarbeiten und öffnen? Das Zweite ist kreativ: seelsorgerliche Praktiken anbieten, weiterentwickeln und neu entwickeln, die scheiternssensibel sind, d. h. die ein «Leben dazwischen» ermöglichen und um die bleibende Fragmentarität von menschlichem Leben wissen. Es gibt dafür gerade in den biblischen Sprach-und Darstellungsformen einen grossen Schatz, etwa die Klagepsalmen oder auch die Hymnen, in denen Menschen jubilieren, weil ihnen in aller Hinfälligkeit des Lebens etwas überraschend Vitalisierendes widerfahren ist. Aus einem Menschenbild, das um die Dimension des Scheiterns weiss, können dann drittens Impulse entstehen für die Gestaltung von heutigen Gesellschaften, etwa im Bildungssystem, auf Arbeitsmärkten oder in Wissenschaft. Normative Erfolgs- und Souveränitätsideale werden kritisch abgeklärt. Gesellschaften werden menschlicher, wo sie Scheitern Raum geben. Wo und wie, an welchen Orten und in welchen Sozialformen bringt Kirche diese kritisch-kreative Dynamik des Evangeliums gesellschaftlich und politisch zur Gestalt und zur Geltung?

Interview: Maria Hässig

 

1 Kern, Christian, Scheitern Raum geben. Theologie für eine postsouveräne Gegenwartskultur, Mainz 2022.

2 John, René / Langhof, Antonia (Hg.), Scheitern – ein Desiderat der Moderne? Wiesbaden 2014.

 

BONUS

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