Es gibt zwei Skandale, die einerseits das Christentum heute prägen und andererseits von Christinnen und Christen wenig wahrgenommen werden. Der eine besteht darin, dass die Christenheit gespalten ist, obwohl diverse biblische Zeugnisse dies verbieten. Wir leben in einem Haus, das seinem Fundament nicht entspricht. Und doch hat man sich über mindestens 18 Jahrhunderte hinweg in diesem gespaltenen Haus eingerichtet, die Spaltungen verschärft und die Beschäftigung mit ihnen an theologische Fachpersonen delegiert, während der Grossteil des Kirchenvolkes nur das Gemeinsame sieht und Trennendes schlichtweg ausblendet, da dies anderweitig professionell verwaltet wird.
Der andere Skandal geht auf das «Skandalon» im eigentlichen Wortsinn zurück: Dass Menschen, Gruppen und Staaten Anstoss daran nehmen, dass Menschen an den Gekreuzigten als den Christus und Erlöser glauben, was zwangsläufig mit anderen Religionen oder mit sich selbst absolut setzenden Staatsformen kollidiert.
Vier Typen von Christenverfolgung
Im Extremfall werden Christinnen und Christen wegen ihres Glaubens getötet – und dies zu 70 Prozent in Nigeria, wo besonders in der Mitte des Landes radikal-islamische Hirten des Fulani-Stammes seit mehreren Jahren mit modernsten Waffen gezielt Kirchen und christliche Dörfer angreifen und speziell Pfarrerinnen und Pfarrer entführen und ermorden. Christinnen und Christen werden auch im Namen einer Staatsideologie verfolgt (vor allem in Nordkorea), jedoch zahlenmässig am häufigsten im Namen anderer Religionen, neben dem Islam auch im Namen des Hinduismus (in einigen Bundesstaaten Indiens) und des Buddhismus (in Myanmar, aber auch in ländlichen Gegenden in Laos oder Bhutan). Die meisten Angehörigen der genannten Weltreligionen distanzieren sich freilich klar von den Verbrechen, die im Namen ihrer Religion an anderen (keineswegs nur an Christen) verübt werden.
Der dringlichst mögliche Impuls zur Ökumene
Beide Skandale hängen zusammen, wie ein Bonmot besagt, das Papst Franziskus zugeschrieben wird: «Wenn die Diktatoren uns Christen im Tod vereinen, wie kommen wir dann dazu, dass wir uns im Leben trennen?» Also müssen die Kirchen über ihren eigenen Schatten springen. Wie sagte mir doch einmal Leo Karrer: «Ökumene muss weh tun.» Ja, weil der Schmerz jedes Martyriums an die Ökumene mahnt, würde ich heute ergänzen. Beide Zitate verstehe ich nicht im Sinne einer Hau-Ruck-Ökumene, sondern als mahnenden Ruf zu mehr Dynamik. Zu mehr Bescheidenheit zuallererst. Zu mehr theologischer Kreativität und Präzision. Gibt es neue Blickwinkel, aus denen man das Trennende betrachten kann? Wie kann man alte Zöpfe abschneiden, auch im Bereich der Lehre – und zwar in intellektueller Redlichkeit? Wie kann man sich in sein ökumenisches Gegenüber spirituell und denkend so gut einfühlen, dass man dessen Argumente in einer Streitfrage sogar auf bessere und tiefere Art referieren kann? So sähen Zuhören und Synodalität aus.
Warten führt nicht immer näher zu Christus
Denn nochmals: Die beiden Skandale sind da. Angesichts des zweiten, der Verfolgung, müssen Christinnen und Christen – wie jede verfolgte Gemeinschaft – zur Einheit finden und das erste, die Trennung, überwinden, denn diese ist desaströser als alle Gefahren, die so manche nun wittern: «Die Kirche ist nicht befugt…» denken sie vielleicht (doch ist sie befugt, Jesu Auftrag zur Einheit zuwiderzuhandeln?), oder sie fürchten Beliebigkeit (doch ist etwa das Apostolische Glaubensbekenntnis beliebig?). Die Kirchen müssen sich verändern. Gegen Veränderung wird oft argumentiert, dass nicht sie, sondern mehr Christusnähe das Allheilmittel sei. Doch suggeriert man hier eine Alternative, während Veränderung, die ein Mehr an Einheit zum Ziel hat, stets zu mehr Christusnähe führen wird.
Viele Märtyrer wurden heiliggesprochen, weil sich in ihrem Tod ihre Christusnähe ausgedrückt hat und ihr Tod fruchtbar wurde. Wenn Christusnähe wirklich der Dreh- und Angelpunkt ist, dann kann sich einiges bewegen – und auch aus anderweitigen Angeln gehoben werden.
Christoph Klein