Die Forschungsergebnisse des historischen Seminars der Universität Zürich nach dem ersten Forschungsjahr zu sexuellem Missbrauch drängen die Kirche, zu handeln. Es ist nicht mehr die Zeit, um Wogen zu glätten, für Entschuldigungsfloskeln und symbolische Gesten. Billige synthetische Betroffenheit ist vor dem Hintergrund der dokumentierten Kriminalität und des unfassbaren Leids, welches durch Kirchenpersonal verursacht wurde, genauso unangebracht wie vorschnelles Gerede von Vergebung und Heilung. Derartige, bis in die jüngste Vergangenheit von kirchlicher Seite an den Tag gelegte Unbeholfenheit im Umgang mit der gesamten Thematik bedeutet Spott und Hohn und ein Schlag ins Gesicht von unzähligen Betroffenen.
Es braucht einen Perspektivenwechsel
Es gilt, sich endlich der Realität zu stellen und die schreckliche Wahrheit zu akzeptieren: Die Kirche der letzten 70 Jahre wurde zum Teil von Kriminellen geleitet. Sie haben sich hinter ihren (vermeintlich) heiligen Ämtern versteckt und die Menschen mit ihren frommen Gesängen und erlauchten Predigten getäuscht. Sie haben ihre religiöse und gesellschaftliche Stellung ausgenutzt und das religiös begründete und deshalb oft grenzenlose Vertrauen der Menschen auf niederträchtige Weise missbraucht. Es zeichnet sich eindeutig ab, dass auch in der römisch-katholischen Kirche in der Schweiz Tausende Minderjährige und Erwachsene gedemütigt, verletzt, spirituell und sexuell missbraucht wurden.
Die Taten wurden, wie bei sexueller Ausbeutung im institutionellen Kontext üblich, gezielt geplant und nicht selten über einen längeren Zeitraum wiederholt. Die Tatpersonen suchen ihre Opfer oft nach klaren Kriterien aus.1 Im kirchlichen Setting sind sexuelle Übergriffe eng an vielseitige Formen des spirituellen Missbrauchs gekoppelt, dies allein schon dadurch, dass sie meist in einem seelsorgerlichen Abhängigkeitsverhältnis verübt werden. Ein Grossteil der kirchlichen Tatpersonen verfügt über eine fundierte theologische Ausbildung und über eine herausragende, teilweise bis heute fast unantastbare Stellung aufgrund einer Weihe oder eines Amtes. Durch eine solche, vermeintlich göttlich legitimierte Machtposition ist die Tatperson ihrem Opfer oft auf mehreren Ebenen überlegen. Wenn diese Position aktiv spirituell überhöht wird, indem der Kleriker oder die Ordensoberin als Gottes Sprachrohr auftritt oder gesehen wird, dann ist Machtmissbrauch oft nur noch eine Frage der Zeit. So stellen die Forschenden völlig zutreffend fest: «Obwohl Macht nicht automatisch zu Missbrauch führt, ist Missbrauch ohne Macht undenkbar. Es bedarf deshalb ganz grundsätzlich einer Perspektivenverschiebung, weg von einer Interpretation von Missbrauch als ‹individueller Abweg› der Täterin oder des Täters hin zu einer systematischen Betrachtung des Zusammenhangs zwischen sexuellen Missbräuchen und Machtverhältnissen» (Bericht, S. 79).
Auf das System blicken
Es ist auf diesem Hintergrund naiv zu denken, einige Seiten Papier mit einem Schutzkonzept und Sensibilisierungskurse allein seien hier die Gamechanger. Nur ein hohes Anforderungsprofil und eine sehr strenge Selektion in der Auswahl von kirchlichem Personal – erst recht für die Arbeit mit Minderjährigen und mit hilfesuchenden Menschen generell – sowie ein hoher Grad an Professionalität in allen Seelsorgebereichen kann das Risiko für alle Formen von Machtmissbrauch nachhaltig senken. Zudem ist es schlecht und nicht selten auch hochgefährlich, Personen mit oberster Leitungs- und Personalverantwortung aus Prinzip jahrzehntelang auf ihren Posten zu belassen, losgelöst von einem handfesten Leistungsausweis. Es braucht fest verankerte Begrenzung von Macht und unabhängige, demokratische Kontrollen über deren Ausübung. Genauso muss aufgedeckter Machtmissbrauch zeitnahe institutionelle und personelle Konsequenzen haben.
Kirchliche Vorgesetzte haben nachweislich systematisch die Aufdeckung der Missbrauchstaten unterbunden, selbst geständige und verurteilte Sexualstraftäter wieder auf vulnerable Minderjährige und Erwachsene losgelassen sowie eine Kultur des Wegschauens und Schweigens gefördert und gefordert. Nicht nur die Täterschaft ist kriminell, sondern auch ihre Mitbrüder im Priester- und Bischofsamt, welche erstere geschützt und gefördert haben. Selbst wenn die Verantwortlichen dafür rein juristisch nicht oder nicht mehr belangt werden können: Es ist unter allen möglichen Gesichtspunkten verwerflich und ein Verbrechen, im vollen Bewusstsein neue Opfer und damit weiteres unermessliches menschliches Leid in Kauf zu nehmen, nur um den Ruf eines Religionsdieners, den Ruf der eigenen Kirche oder seinen persönlichen Ruf zu schützen. Sind die Täter und ihre Unterstützer deshalb alle Monster und abscheuliche Bösewichte? Die Verantwortung allein den individuellen Akteuren anzulasten, würde viel zu kurz greifen. Ohne den – auch in diesem Bericht geforderten – Perspektivenwechsel, weg vom Individuum hin zum gesamten System, bleiben die tieferen Zusammenhänge verborgen.
Institutionelle Abgründe
Bereits nach einem ersten Forschungsjahr wird sichtbar: Es gab auch in der Schweiz eine umfassende kirchliche Kultur des Missbrauchs und des Schweigens darüber. Die aktiven Vertuscher haben genauso wie viele passive Mitwisser und Bystanders nicht aus Eigennutz oder niedrigen Beweggründen heraus gehandelt, sondern systemkonform und aus religiöser Überzeugung. Sie haben das als gottgegeben geglaubte, ewige Priestertum der Klerikertäter schützen, die Kirche vor einem Skandal und die Gläubigen vor dem Abfall vom Glauben bewahren wollen. Sie haben das aus höchsten katholischen Idealen heraus und theologisch wohl überlegt getan; und alles auf Kosten von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Eine komplett ins Gegenteil verkehrte, perverse und verstörende Religiosität offenbart sich hier. Wir haben es mit einer Institution zu tun, in der ein wesentlicher Teil der kirchlichen Entscheidungsträger offenbar der Überzeugung war, dass religiös-spirituelle Vorstellungen und intellektuelle Konstrukte schützenswerter seien als das Leben von Menschen. Es waren, zumindest in Teilen, totalitäre und menschenverachtende Kirchenstrukturen, die Missbrauch in diesem Ausmass und den verheerenden Umgang damit überhaupt ermöglicht haben. Vor diesem Hintergrund stellen sich bitterernste Fragen, nicht nur an die katholische Morallehre und Disziplin rund um menschliche Sexualität, sondern auch an das vor- sowie nachkonziliare Kirchen- und Amtsverständnis sowie an die Ekklesiologie und die Sakramententheologie generell.
Aus dem Schlussbericht zum Pilotprojekt tritt einem eine menschenverachtende Kultur entgegen. Der Kontrast zu Tausenden frommen Predigten, den völlig übersteigerten moralischen Ansprüchen, der Kontrast zum Bild, das sich die Kirche bis heute nach aussen gibt, der abgrundtiefe Widerspruch zwischen Sein und Schein zerreisst nicht nur die Institution in sich, sondern auch viele ehemalige und aktuelle Kirchenmitglieder und lässt Beobachterinnen und Beobachter von aussen entrüstet und sprachlos zurück. Es ist ein Blick in menschliche und institutionelle Abgründe. Alle kirchlichen Entscheidungsträger und -trägerinnen tun gut daran, sich die Fragen, welche bereits dieser Bericht zum Abschluss des ersten Forschungsjahres aufwirft, sehr ernst zu nehmen und die Thematik in ihren verschiedenen Facetten zuoberst auf ihre Agenden zu setzen. Durch die Missbräuche und ihre Vertuschung wurde auch in Kauf genommen, dass das Ansehen eines ganzen Berufsstandes nachhaltig geschädigt wurde und unzählige kirchliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die seit Jahrzehnten mit Sorgfalt und Engagement Menschen geholfen haben, ebenfalls in Verruf gerieten.
Es braucht strukturelle Reformen
Systemische Ursachen und strukturell bedingte Probleme lassen sich nur durch strukturelle Reformen beseitigen. Nur ein Beispiel: Es braucht m. E. auch in religiösen Institutionen einheitliche berufsethische Standards bzw. eine konkrete Berufs- oder Standesordnung, wie sie für andere Berufsgruppen, die von starken asymmetrischen Beziehungen geprägt sind, schon lange selbstverständlich sind (vgl. Medizin, Psychologie, soziale Arbeit). Verstösse gegen solche Standards im kirchlichen Kontext sollten ebenfalls bei einer unabhängigen Instanz gemeldet werden können, welche nach Prüfung des Sachverhalts Auflagen macht und Sanktionen wie verpflichtende Weiterbildungen, Bussen, bis hin zu einem Verbandsausschluss verfügen kann. Verhaltenskodizes sind ein Schritt in die richtige Richtung, aber für sich allein genommen auch kein Allerweltsheilmittel. Solange kirchliche Angestellte, die andere Menschen geschädigt haben, in der Kirche weiterhin gute Berufs- und Karriereaussichten haben, wird es in der gesamten Thematik keine substanzielle und dauerhafte Verbesserung geben.
Es liegt an der Kirchenleitung auf beiden Seiten des dualen Systems – also auch auf Ebene der Bistümer wie der kantonalen Landeskirchen – und auch an den Kirchenmitgliedern sowie der Öffentlichkeit und nicht zuletzt auch an der Politik, ob wir bei der blossen Empörung und der Bankrotterklärung stehen bleiben oder ob die katholische Kirche in der Schweiz befähigt, ermutigt und wo nötig gedrängt wird, den dringend erforderlichen radikalen Umbau anzugehen.
Stefan Loppacher